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"Auch du kannst es schaffen"

Auszubildende mit Hörbehinderung wagen den Schritt ins Auslandspraktikum

29.04.2015, von FRIEDERIKE WIETHÖLTER

Francesca Kornmeier und Mirko Dominik haben sich auf den Weg nach Österreich und Finnland gemacht, um dort zu arbeiten - sie in einer Bibliothek und er in einer Marketingfirma. Eine Mobilitätserfahrung besonderer Art, von der nicht nur sie profitiert haben.

Das Robert-Schmidt-Berufskolleg in Essen bietet als berufsbildende Schule der Sekundarstufe II für Wirtschaft und Verwaltung 2500 Schülerinnen und Schülern ein umfassendes Ausbildungs- und Projektangebot. Die Möglichkeit, ein Praktikum im Ausland zu absolvieren, hat das Berufskolleg 2013 um einen inklusiven Ansatz erweitert. Zwei schwerhörige Auszubildende, Francesca Kornmeier aus Köln und Mirko Dominik aus Recklinghausen, haben diese Gelegenheit beim Schopf ergriffen und den Schritt ins Ausland gewagt. Seite an Seite mit normal hörenden Auszubildenden machten sie sich zum Berufspraktikum auf nach Österreich und Finnland. Ein Erfolg für alle, denn dabei wurden nicht nur berufliche Kenntnisse erweitert, sondern auch soziale Kompetenzen entwickelt und Selbstvertrauen gestärkt.

Mut zum Auslandsaufenthalt zahlt sich aus

Für ein Praktikum ins Ausland zu gehen hat Francesca Kornmeier zunächst viel Mut gekostet, aber ihre Hörbehinderung hielt sie nicht davon ab, sich diesen lang ersehnten Traum zu erfüllen. Die 24-Jährige Auszubildende im zweiten Lehrjahr als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste absolvierte ihr Praktikum in einer Bibliothek in Klagenfurt (Österreich). Dort wurde sie vor allem am Informationsschalter eingesetzt, so dass sie viel Kontakt zu den Besucherinnen und Besuchern der Bibliothek hatte. Vor allem zu Beginn der Praktikumszeit war dies aufgrund des Kärntner Dialekts eine große Herausforderung für Francesca Kornmeier. Doch sie merkte rasch, dass ihre Hörbehinderung sie nicht daran hinderte, sich flexibel auf diese neue Situation einzulassen und ihre Ausdauer sowie Belastbarkeit unter Beweis zu stellen: "Die Kommunikation mit den Kollegen und Kunden war durch den Kärntner Dialekt am Anfang etwas schwierig, aber nach kurzer Zeit verstand ich sie immer besser und gewöhnte mich daran." Sowohl der Kundenkontakt als auch das Miteinander mit den Kolleginnen und Kollegen verlief ohne Probleme. Dass ihr Umfeld sich gegenüber ihrer Hörbehinderung aufgeschlossen zeigte, war für die junge Praktikantin eine ermutigende Erfahrung.

Mirko Dominik, der eine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel  macht, verbrachte seinen Auslandsaufenthalt in einer Marketingfirma in Kotka, Finnland. Eine seiner Hauptaufgaben  war es, die Corporate Identity und die Werbemaßnahmen des Unternehmens mit denen seines Ausbildungsbetriebes in Deutschland zu vergleichen. Die besondere Herausforderung lag für den 25-Jährigen darin, sich mit den Kolleginnen und Kollegen auf Englisch zu verständigen. Doch erste Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Mirko stellte sich der Herausforderung und schaffte es schnell, sich an die englische Sprache zu gewöhnen: "Wenn man einmal die Angst überwunden hat, dann redet man einfach und merkt plötzlich, der andere versteht mich und ich verstehe ihn. Es war ein tolles Gefühl und es gab mir sehr viel Selbstvertrauen."

Durch das Praktikum haben Francesca und Mirko erfahren, dass sie sich trotz ihrer Hörbehinderung auf neue Situationen einstellen und Herausforderungen meistern können. Das Projekt zeigt damit in der Praxis, was durch Studien längst belegt ist: Auslandsaufenthalte für Auszubildende mit besonderem Förderbedarf können sehr erfolgreich verlaufen und haben für die Teilnehmenden selbst einen hohen und nachhaltigen Mehrwert. Sie fördern nicht nur sprachliche Kenntnisse und kommunikative Fähigkeiten, sondern tragen auch zu einer besseren Integration in den Arbeitsmarkt bei. Besonders hervorzugeben ist, dass die Auszubildenden am Ende des Auslandsaufenthaltes viel selbstsicherer sind. Mirko hält rückblickend fest, dass er durch den Aufenthalt in Finnland nicht nur sein Englisch erheblich verbessert, sondern vor allem mehr Selbstvertrauen gewonnen habe. In dem Magazin "Life" für Hörgeschädigte und Gehörlose appelliert er an die Leserin und den Leser: "Hab den Mut, so etwas zu machen! Ich habe es mit meiner Schwerhörigkeit geschafft, das kannst du auch schaffen!"

Inklusionsbeauftragte des Robert-Schmidt-Kollegs zieht positive Bilanz

Für die Inklusionsbeauftragte des Robert-Schmidt-Kollegs, Barbara Birghan, ist das Miteinander von Auszubildenden mit und ohne Hörbehinderung während des Auslandaufenthaltes ein besonderer Erfolgswert des Projekts. Die beidseitige Empathie ermöglichte eine gute Eingliederung von Francesca und Mirko und wirkte sich auch positiv auf die sozialen Kompetenzen der normal hörenden Auszubildenden Julia und Jan aus, die den beiden während des Praktikums zur Seite standen. Francesca und Julia teilten sich eine Unterkunft, und in ihrer Freizeit unternahmen die beiden Entdeckungstouren in Österreich und auch nach Venedig und Ljubljana.

Mirko erzählt begeistert, wie Jan ihn im Betrieb unterstützt hat: "Er war derjenige, der darauf achtete, dass ich richtig saß und informierte die anderen, dass ich schwerhörig bin und dass ich auf dem linken Ohr besser höre als auf dem rechten. Er hat es einfach von sich aus gemacht – und das fand ich toll."

Eine gute Voraussetzung für den Erfolg des Projekts war, dass die Betriebe in Österreich und Finnland bereits als vertrauensvolle Partner bekannt waren und sich auch gegenüber einer Aufnahme von Hörbehinderten aufgeschlossen zeigten. Nach diesem Erfolg wird das Robert-Schmidt-Berufskolleg das Auslandsangebot für Lernende mit besonderem Förderbedarf weiter ausbauen. In Zukunft sollen nicht nur Auszubildende mit Hörbehinderung angesprochen werden, sondern ebenso Jugendliche mit Lernbehinderungen. Zudem plant das Kolleg, das Rheinisch-Westfälische Berufskolleg für Hörgeschädigte mit ins Boot zu holen. Gemeinsam wollen sie in Zukunft das Angebot an Auslandsplätzen für Jugendliche mit Hörbehinderung weiter ausbauen und noch mehr Inklusion möglich machen.

Das Projekt im Überblick

Programm: Leonardo da Vinci Mobilität

Projekttitel: Kommunikationspolitik im Unternehmen: mein Ausbildungsbetrieb - mein Praktikumsbetrieb

Partnerländer: Österreich, Spanien, Finnland, Irland

Mobilität

LEONARDO DA VINCI ist das Programm der Europäischen Kommission für die berufliche Bildung im Rahmen des Programms für lebenslanges Lernen (PLL), das Ende 2013 ausgelaufen ist. LEONARDO DA VINCI hat Mobilitätsprojekte für verschiedene Zielgruppen gefördert. Über Auslandsaufenthalte, beispielsweise in Form von Ausbildungsabschnitten oder Praktika, konnten Teilnehmende fachliche, soziale und interkulturelle Kompetenzen stärken sowie  Fremdsprachenkenntnisse weiterentwickeln. 2014 wurde das PLL von dem neuen EU-Programm Erasmus+ abgelöst.

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