Mit Interkultureller Kompetenz wertvolle Zeit im Notfall gewinnen - Good Practice

Juni 2020

Durch die fortschreitende europäische Integration und die wachsende Zahl von Einwanderern in der EU ist der Bedarf an interkulturellen Kompetenzen in Berufen, die direkt mit Menschen zu tun haben, unausweichlich. In der beruflichen Aus- und Weiterbildung ist das Thema jedoch noch nicht ausreichend enthalten. Gerade im Bereich der präklinischen Notfall- und Gesundheitsversorgung ist dies ein aktuelles Problem.

Sanitäter/-innen sind regelmäßig mit Situationen konfrontiert, in denen interkulturelles Wissen und Kompetenzen lebenswichtig sind. Daraus entstehen schnell Situationen der Überforderung. Diese können zu einer unzureichenden Kommunikation mit den Patienten/-innen sowie zu massiven Komplikationen aufgrund religiöser bzw. kultureller Unterschiede, psychosozialer Herausforderungen und hoher Belastung führen - und damit zu vermeidbaren Komplikationen in Notsituationen.

 

Für den Notfall gerüstet

In der Erasmus+ Strategischen Partnerschaft „BICAS – Building intercultural competencies for ambulance services“ unter Koordination der Johanniter Akademie Bildungsinstitut Mitteldeutschland arbeiteten sechs Partner aus Österreich, Deutschland, Italien, Polen und Spanien zusammen und hatten sich zum Ziel gesetzt, interkulturelle Sensibilität und Kompetenz von Einsatzkräften im Rettungsdienst zu schulen. Hierfür wurden unterschiedliche kulturspezifische Aspekte adressiert und die folgenden Ergebnisse erarbeitet:

Entwickelt wurde ein Schulungskurs zur Förderung der interkulturellen Kompetenz von Rettungssanitäter/-innen durch das Angebot eines Blended Learning Ansatzes in der Aus- und Weiterbildung. Der Kurs liegt in 5 Sprachversionen vor und besteht aus Onlinekurs und Präsenzunterricht nach ECVET Kriterien.

Die Online-Module

  • Interkulturelle Kompetenz
  • Migranten und Gesundheit
  • Professionelle Fähigkeiten entwickeln – Methoden, Werkzeuge und Strategien

werden ergänzt durch den Präsenzteil „Grenzen erkennen und setzen“.

Ziel des Qualifizierungskurses ist es, Bereitschaft und Fähigkeit des Perspektivwechsels zu fördern und sich selbst in die Situation von Menschen mit Migrationsgeschichte versetzen zu können. Hierdurch sollen eigene Sichtweisen relativiert und soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten erweitert werden, um effizienter arbeiten zu können.

Darüber hinaus hat das Projekt eine APP (mobile Applikation) entwickelt, die Unterstützung im Einsatz etwa durch fremdsprachige Anamnese sowie wichtige Informationen hinsichtlich kultureller und religiöser Besonderheiten bietet.

Die APP enthält jeweils zwei Module für ein interkulturelles Training sowie für die praktische Hilfe im Rahmen des Einsatzes. Sie ist in vier Hauptabschnitte unterteilt:

  • „Unterstützung im Notfall“ – ein Wörterbuch, das nützliche Schlüsselwörter und Redewendungen zur Verfügung stellt
  • „Do’s and Dont’s“ – eine Hilfestellung, was in bestimmten Regionen und Religionen getan/nicht getan werden sollte
  • „Mehr erfahren“– eine Liste von weiterführenden externen Ressourcen
  • „Anleitung zur Analyse kritischer Ereignisse“

Zusätzlich zum Schulungskurs und der mobilen Applikation hat BICAS einen Kursleitfaden und Umsetzungsempfehlungen ausgearbeitet.

Durch das Projekt wurden die Rahmenbedingungen und nationalen Spezifika von fünf Nationen berücksichtigt und Instrumente erstellt, die in den fünf Staaten trotz zum Teil scharf divergierender Rahmenbedingungen eingesetzt werden können.

 

400 Rettungskräfte in Leipzig und im Landkreis werden bereits geschult

"Die Entwicklung eines Kurses zur Interkulturellen Schulung des Rettungsdienstpersonals als Kernelement des BICAS-Projekts hat sich als richtig und wichtig erwiesen. Zum einen ist das Thema nach wie vor präsent und wird uns als Einwanderungsgesellschaft auch in Zukunft beschäftigen, zum anderen ist es notwendig Aufklärungsarbeit zu leisten, um erstarkenden rassistischen Tendenzen in der Bevölkerung entgegenzuwirken"

so Jana Goldberg, die Projektkoordinatorin der Johanniter-Unfallhilfe.

Die zunehmende Relevanz dieser Thematik wurde auch vom Ärztlichen Leiter der Stadt Leipzig erkannt, sodass das Thema „Interkulturelle Bildung“ in die Pflichtfortbildung im Rettungsdienst für 2020 aufgenommen wurde. So ist es möglich, auf Basis der in BICAS entwickelten Schulungsmaterialien diese Rettungsdienstfortbildungen für ca. 400 Rettungsdienstmitarbeitende in Sachsen 2020 durchzuführen.

Die im Rahmen von BICAS entwickelten Unterlagen werden ab dem kommenden Schuljahr auch genutzt, um das Thema Interkulturelle Bildung im Rettungsdienst ebenso in der „grundständigen“ Ausbildung der Notfallsanitäter stärker in den Fokus zu nehmen. Zudem konnte die Johanniter-Unfallhilfe in einem nationalen Projekt zum Bevölkerungsschutz der Zukunft auf die in BICAS entwickelten Materialen zurückgreifen, um sie für Schulungszwecke im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz nutzbar zu machen.


Weitere Informationen

 Projektwebseite

 E+PRP-Datenbank