Produktionsfirmen in ein nachhaltiges Ausbildungssystem integrieren - Good Practice

Das Projekt ICSAS („Integrating Companies in a Sustainable Apprenticeship System“) bietet Ländern, die wenig Erfahrung mit Lernen am Arbeitsplatz haben, die Möglichkeit, einen praktischen Eindruck zu erhalten von der Funktionsweise des dualen Ausbildungssystems. Dabei wurde für das Projekt der Sektor Schuhindustrie ausgewählt.

In der Erasmus+ Strategischen Partnerschaft ICSAS unter Koordination der Universität Bremen arbeiten neun Partner aus vier Ländern (ES, PT, RO und DE) zusammen: drei Unternehmen aus der industriellen Schuhfertigung, vier Bildungsträger und zwei Universitäten. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, in Ländern mit traditionell schulbasierter Berufsbildung arbeitsplatzbezogenes Lernen (WBL – Work-based Learning) bzw. ein duales Schulungssystem in der Praxis umzusetzen. Dazu haben sie eine an das deutsche duale System angelehnte einjährige Pilotphase in Rumänien und Portugal entwickelt, durchgeführt und analysiert.

Das deutsche duale System als „apparent good practice“

Die deutschen Projektpartner gaben dabei Einblicke in die Funktionsweise des arbeitsplatzbezogenen Lernens und des dualen Ausbildungssystems in deutschen Schuhunternehmen. Ziel war es jedoch nicht, dieses System zu transferieren, da in jedem Land das duale Ausbildungssystem an die eigenen bestehenden Strukturen und Anforderungen angepasst werden sollte. Obwohl es keine „objektiven“ oder „harten“ Faktoren gibt, die duale Ansätze in diesen Ländern mit traditionell schulbasierter Berufsbildung verhindern würden, hatte das Projekt doch mit einer Reihe „subjektiver“ oder „schwacher“ Faktoren umzugehen: So herrschte eine gewisse Skepsis, ob Lernergebnisse aus dem Prozess der Arbeit gleichwertig mit denen aus dem Schulunterricht seien. Zusätzlich bestand die Sorge, dass Auszubildende als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, und es herrschte eine Unsicherheit über die Verantwortlichkeiten beim Lernen im Arbeitsprozess.

Ausgestaltung der Pilotphase

Zu Beginn wurde für beide Länder jeweils ein Curriculum für die Pilotphase entwickelt und auf abwechselnde Berufsschulphasen angepasst. Dabei war es wichtig, alle potenziellen Partner einzubeziehen: nicht nur Auszubildende, Unternehmen und Berufsschulen, sondern auch Gewerkschaften, Handelskammer und politische Entscheidungsträger.

Zudem wurden die Mentoren und Mentorinnen auf ihre neue Rolle als „Coaches“ für die Lernenden vorbereitet, indem für sie eigenes Schulungsmaterial erstellt wurde. Dieses basiert auf konkreten Arbeitsplatzanalysen, die den Rahmen dafür festlegen, was beim Lernen am Arbeitsplatz kommuniziert und was an jedem Arbeitsplatz manuell geübt werden muss.

Das sogenannte Zwicken ist das Herzstück der Schuhkonstruktion wie auch der Schuhproduktion

Der Schuhleisten ist das Herzstück der Schuhproduktion

Ergänzt wurde das Material durch didaktische und pädagogische Teile. Selbst in Deutschland, wo bereits vor Jahrzehnten das duale Schulungssystem in der Schuhindustrie eingeführt wurde, existierte bisher kein öffentlich zugängliches branchenspezifisches Schulungsmaterial für Ausbilderinnen und Ausbilder. Diese Lücke konnte das Projekt schließen.

Damit soll das Ziel einer guten Ausbildung, nämlich auf die Qualifikationsanforderungen moderner Facharbeit vorzubereiten, erreicht werden – durch eine Ausbildung an genau diesen Arbeitsplätzen.

Projektergebnisse

Entwicklung eines Sektor-Qualifikationsrahmens

Zusätzlich wurde ein Sektor-Qualifikationsrahmen (Niveau 2-4) für die industrielle Schuhfertigung entwickelt und die Qualifikationen dieser Niveaus aus Deutschland, Portugal, Rumänien und Spanien eingeordnet. Damit soll auch Personen mit einer dieser Qualifikationen die Arbeitsplatzsuche in einem anderen europäischen Land erleichtert werden.

Projektergebnisse

Positive Resonanz

Am Ende der Pilotphase haben die beteiligten Unternehmen, Ausbildungsträger und Auszubildenden in Rumänien und Portugal die gesammelten Erfahrungen bewertet. Die Bewertung fiel sehr positiv aus. Daher gingen in beiden Ländern die Projektpartner den nächsten Schritt: Sie beantragten bei den jeweiligen nationalen Kultusbehörden die Integration der dualen Ausbildung für den Bereich der Schuhindustrie in die schulbasierten Ordnungsmittel.

Zudem arbeitet das Projekt derzeit an einem Transfer-Handbuch, das die Anwendung des Projektansatzes auch in anderen Ländern oder in anderen Sektoren ermöglichenleichtern soll.

Polieren für den feinen Glanz

Weitere Informationen

Bilder im Text: © ISC Pirmasens