Redet mit uns, nicht über uns!

25.10. 2017

Selbstbestimmt trotz Behinderung sein Leben zu gestalten ist trotz Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention kein Alltag in Deutschland. Im Rahmen des Erasmus+ Projektes „Redet mit uns, nicht über uns!“ sollten Ideen entstehen, wie Menschen mit Behinderungen, die in den Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschland leben und arbeiten, ihre Interessen vertreten und sich für mehr Selbstbestimmung einsetzen können.

Menschen im Stuhlkreis
Die Teilnehmenden diskutieren über das Wiener Modell der Persönlichen Assistenz. (© Kristin Adam)

Im Mittelpunkt des Erasmus+ Projektes stand Ende April 2017 eine mehrtägige Auslandsfortbildung in Wien. Dort wollten die Teilnehmenden von der langjährigen Erfahrung der Partnereinrichtung zu lernen. Mitreisen sollten vor allem diejenigen, die als Werkstatt- und Bewohnerbeiräte aktiv sind. Sie können in ihrem direkten Wirkungsfeld Wissen vermitteln und Anstöße zur Veränderung geben. Zudem sollten sie in die Lage versetzt werden, in der Gesellschaft ein Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderungen zu schaffen.

Am Projekt teilgenommen haben fünfzehn Menschen mit Behinderungen aus Thüringen und Sachsen-Anhalt, zum Teil unterstützt durch Assistenzen, sowie elf Mitarbeitende aus den diakonischen Einrichtungen der Diakonie Mitteldeutschland.

Vorbereitung – eine Investition in das Gelingen des Projektes

Eine Frau zeigt auf eine Pinnwand, auf der ein U zu sehen ist.
Die „Theorie U“ von Otto Scharmer wird vorgestellt und am Beispiel einer Lebensgeschichte für alle praktisch nachvollziehbar. (© Kristin Adam)

Zwei Vorbereitungsseminare wurden mit allen Beteiligten durchgeführt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten die Beschreibung des Projekts und eine Erläuterung zur verpflichtenden Teilnehmer-Vereinbarung in leichter Sprache. Mit Hilfe dieser Unterlagen, die im Rahmen des Projektes vom Büro für Leichte Sprache in Erfurt erstellt worden sind, wurden die Inhalte besprochen. Dies nahm Zeit in Anspruch, denn alle Beteiligten sollten in die Lage versetzt werden, die formalen Vorgaben nach individuellen Möglichkeiten zu verstehen. Wichtig war es, in der Vorbereitungsphase über die persönlichen Erwartungen und die persönlichen Lernziele zu sprechen. Die Ergebnisse dieser Treffen flossen in die weitere Programmplanung ein.

Der Kooperationspartner vor Ort war das „Zentrum für Kompetenzen“ (zfk) in Wien, welches über langjährige Erfahrungen in der Beratung und Begleitung von Menschen mit Behinderung verfügt. Die Mitarbeitenden sind selbst Menschen mit Behinderungen und führen zielgruppengerechte Fortbildungen zu den Themen Selbstvertretung und Veränderungsprozesse durch. In Workshops lernten die Teilnehmenden aus Mitteldeutschland, wie Menschen trotz Behinderung ihr Leben nach ihren Vorstellungen selbstbestimmt gestalten können und wie man diese Informationen nach außen vertreten kann.

Ergänzend tauschten sie sich mit Fachkräften der Diakonie Österreich und Menschen mit Behinderungen aus Wien über ihre jeweiligen Erfahrungen aus. Theoretische Grundlagen wurden mit guten Beispielen aus der Praxis verknüpft und boten vielfältige Lernmöglichkeiten. Nicht nur das Wissen über die Behindertenhilfe in Österreich oder praktische Übungen, sondern auch viele persönliche Begegnungen und Erkenntnisse bereicherten die Fortbildungstage in Wien, was unter anderem auch zu einer Reflektion des Rollenverständnisses von Assistenzen geführt hat.

Veränderungsprozesse brauchen Zeit

Zwei Frauen halten ein Bild hoch, auf dem eine Schildkröte gemalt ist.
Nur wenn wir uns Zeit für Veränderungsprozesse nehmen, entsteht eine Bewegung. (© Kristin Adam)

„Dass eine Veränderung auf die Person zugeschnitten sein muss und auch Zeit braucht, muss in unseren Köpfen ankommen,“ erklärt die Projektkoordinatorin Karin Adam. Allen Teilnehmenden ist bewusst geworden, dass jeder Mensch das Potenzial hat, sein Leben selbst zu gestalten. Dabei darf Selbstständigkeit keine Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben sein. Auch diejenigen, die ein Leben in einem geschützten Raum führen, haben ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. „Oft kommt es bei Menschen mit Behinderungen zur Überforderung, weil ihnen vieles abgenommen wird. Dadurch lernen sie nicht, wie sie es selbst machen können“, führt Adam weiter aus.

Das Projekt selbst wurde als sehr positive Erfahrung wahrgenommen. Der Umgang mit den Instrumenten, die das Erasmus+ Programm vorgibt, war für die Teilnehmenden alleine nicht zu bewältigen. Die Dokumente sind nicht zu verstehen, das Mobility Tool+ ist für Menschen mit Behinderung zu kompliziert und zum Teil können die Anforderungen der Teilnehmendenberichte nicht individuell erfüllt werden, weil nur wenige Menschen mit Behinderung in Wohneinrichtungen über einen eigenen Internet-Anschluss verfügen. Trotz aller Hürden meisterten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (mit Unterstützung) den Umgang mit diesen Instrumenten.

Was bleibt ist ein erweitertes Bewusstsein und eine Sensibilität bei allen Beteiligten für das Thema der Selbstbestimmung und für die Möglichkeit Veränderungsprozesse anzugehen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Behinderung, aber auch die Begleitpersonen wirken als Multiplikatoren in ihren Einrichtungen. Und für die Zukunft: „Alle möchten weiterhin einen regelmäßigen Austausch und Schulungen, in denen man lernt, für die eigenen und die Rechte von anderen Menschen mit Behinderung einzutreten und wie man selbstbestimmter leben kann“, fasst Adam zusammen.


Das sagen die Teilnehmenden

„Das Entscheidende ist, dass wir jeden Einzelnen im Blick haben und was wir jedem zutrauen. Das ist eine Frage der Haltung.“ Christiane Hofmann

„Selbstbestimmtes Leben fängt bei Mitsprache an. Ich habe gelernt, dass die Art des Zuhörens sehr wichtig ist und nehme mit, dass man generell die Leute mehr beobachten sollte.“ Christiane Titsch

„Die Arbeit des Zentrums für Kompetenzen hat mich sehr beeindruckt. Es ist nicht selbstverständlich, dass es mehrere Chancen gibt. Die Menschen aus dem Zentrum für Kompetenzen und ihre Geschichten sind ein gutes Vorbild, um für sich zu kämpfen.“ Thomas Karbaum