„Männliche“ Qualitäten der Gesundheitsbildung entwickeln und an den Mann bringen - Good Practice

Die mittlere Lebenserwartung der Männer ist in den Ländern der EU-Zone um die fünf Jahre geringer als die der Frauen, auch vom Coronavirus sind sie aktuell wohl stärker betroffen. Im Feld der Gesundheitsbildung und -förderung sind Männer dagegen unterrepräsentiert. Das gilt insbesondere für Männer mit Grundbildungsbedarf, für bildungsbenachteiligte oder migrierte Männer, die von gängigen Angeboten kaum erreicht werden. Im Mittelpunkt des Projekts HelpMen stand die Frage, wie hier Zugänge in eine gesundheitliche Grundbildung (Health Literacy) erleichtert werden können, und wie die gesundheitliche Lage von Männern im Schnittpunkt von Geschlecht, Gesundheit und Bildung insgesamt zu verbessern ist.

Projektlogo
© SOWIT

Gesundheitskompetenz und Männlichkeiten

Ziel des Projekts war ein Curriculum zur Männergesundheitsbildung, das Fachkräfte darin unterstützt, sich Männern und ihrer Gesundheit zuzuwenden. Gesundheit ist ein wichtiger Aspekt sozialer Teilhabe. Gerade Menschen mit erhöhtem Grundbildungsbedarf zeigen häufig auch gesundheitliche Probleme und sind gesundheitlich weniger informiert. Sie nicht zu erreichen birgt das Risiko, dass sich Risikoverhalten manifestiert, und dass sich gesundheitliche und soziale Nachteile verfestigen.

Um die Gesundheitskompetenz von Männern in diesen Zusammenhängen zu verbessern und ihnen aktives Gesundheitshandeln zu ermöglichen, ist ein männer-spezifisches, an Männlichkeiten und männlichen Lebenslagen ausgerichtetes Knowhow erforderlich. Männer sollen dabei nicht in erster Linie in ihrem Gesundheitsverhalten kritisiert, sondern verstanden und in der Erweiterung ihrer Möglichkeiten zur Selbstsorge unterstützt werden.

Entwicklung eines Curriculums als Handlungsleitfaden

Im Projekt waren fünf Organisationen aus vier Ländern beteiligt – das Sozialwissenschaftliche Institut Tübingen und der vhs-Verband Baden-Württemberg, das Männergesundheitszentrum MEN in Wien, die Cusanus Akademie in Brixen und die Beratungsstelle infoMann in Luxemburg.

Die Arbeit im Projekt begann mit einer Sondierung der männerbezogenen Gesundheitsgrundbildung in den Ländern und einer systematisierenden länderübergreifenden Recherche. Daraus wurde ein Leitfaden zur Analyse und Bedarfserhebung vor Ort abgeleitet. Aus diesen Ergebnissen ließ sich ein Handlungscurriculum entwickeln, das in 20 Pilotprojekten erprobt und ausgewertet wurde. Der Projektansatz lag im deutschsprachigen Raum, dort aber unter Berücksichtigung anderer Erstsprachen. Sechs Pilotprojekte waren dabei speziell auf den Kontext Flucht und Migration ausgerichtet.

Das HelpMen-Curriculum zur Männergesundheitsbildung  © SOWIT

Der ausführliche Handlungsleitfaden beschreibt die Entstehung des Curriculums und dokumentiert die 20 HelpMen-Pilotprojekte samt Erfolgskriterien und Grenzen des Erfolgs. Neben zentralen Projektergebnissen werden auch Handlungsempfehlungen für Akteure und Akteurinnen im Gesundheits- und Grundbildungsbereich formuliert. Daneben finden sich Praxismaterialien und Arbeitsinstrumente sowie einige bewährte Methoden aus der Projektpraxis.

Von Fitness und Relax bis "Rap deine Gesundheit"                   

Den lokalen Bedarfen folgend wurden überwiegend Angebote der aufsuchenden Bildungsarbeit konzipiert – vom Gesundheitstag für Langzeitarbeitslose und Workshopreihen im Arbeitslosentreff oder Männerwohnheim über Gesundheitskurse für geflüchtete junge Männer und unbegleitete Minderjährige bis zu „Rap deine Gesundheit“ für männliche Jugendliche. Entsprechend vielfältig waren auch die Einsatzorte wie z.B. Schule, Produktionsbetrieb, Wohnprojekte, Asylzentrum, Fitness-Studio, Deutsch-als-Fremdsprache-Kurse usw..

Mit dieser zielgruppenspezifischen und -differenzierten Ausrichtung ist es sehr gut gelungen, Männer in ihren Lebenszusammenhängen anzusprechen. Das Projekt HelpMen hat damit eine Grundlage für die Männergesundheitsbildung erarbeitet. Diese wendet sich besonders Jungen und Männern zu, die benachteiligt sind, die einen Grundbildungsbedarf haben und deren Lebenspraxis nicht (schon) gesundheitsförderlich geprägt ist oder dem Gesundheits-Mainstream entspricht.