Lernen in der EU, pflegen in Deutschland - Erfahrungen mit der Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen von Pflegefachkräften

Seit 2012 bieten das Anerkennungsgesetz des Bundes und das damit eingeführte Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) einen allgemeinen Rechtsanspruch auf die Prüfung der Gleichwertigkeit im Ausland erworbener Qualifikationen für die rund 600 Berufe des Bundes.

Die Möglichkeiten, die bereits durch die EU-Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/ EG und ihre Novelle 2013/55/EU für EU-Bürgerinnen und -Bürger mit Abschlüssen aus EU-Mitgliedstaaten bestanden, wurden damit grundsätzlich auch auf Drittstaatsangehörige ausgeweitet. Da für die EU-Angehörigen jedoch das noch weitergehende System der automatischen Anerkennung bei einer Reihe wichtiger Berufe gilt, erhalten sie deutlich einfacher eine Anerkennung und Berufszulassung in Deutschland als andernorts Ausgebildete. Die Abläufe und praktischen Herausforderungen der Verfahren sind bereits dokumentiert (s. bspw. die Berichte zum Anerkennungsgesetz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung oder das BIBB-Anerkennungsmonitoring, www.bibb.de/de/1350.php).

Großes Interesse, den eigenen Beruf in Deutschland auszuüben

In den sechs Jahren von 2012 bis 2017 gab es 111.501 Anträge auf Anerkennung. Mit 52.701 entfällt nahezu die Hälfte (47 Prozent) auf Ausbildungen, die in der EU absolviert wurden. Das Gros der zur Prüfung vorgelegten EU-Ausbildungen sind Gesundheitsberufe – hier ist die Anerkennung Pflicht: Ihr Anteil an allen Berufen beträgt 78 Prozent. Darunter fallen neben den hier näher betrachteten drei Pflegefachberufen (Gesundheits- und Krankenpfleger/-in (GKP), Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/-in sowie Altenpfleger/-in) noch weitere Gesundheitsfachberufe (wie Hebamme/Entbindungspfleger, Physiotherapeut/-in u.a.) und akademische Heilberufe (wie Arzt/Ärztin (Approbation), Zahnarzt/ Zahnärztin, Apotheker/-in u.a.). Die Anträge zu landesrechtlich geregelten Berufen wie die verschiedenen Facharztberufe oder Pflegehelferberufe (z.B. Altenpflegehelfer/-in) fallen unter eine separate Statistik und sind hier nicht berücksichtigt. Wer nicht schon in Deutschland lebt, kann den Antrag bereits vom ausländischen Wohnort aus an die zuständige Stelle in Deutschland schicken. In bestimmten Berufen soll der Europäische Berufsausweis das Verfahren noch beschleunigen und so die Mobilität in der EU erhöhen.

Nahezu jeder dritte EU-Antrag kommt aus der Pflege

Allein die drei Pflegefachberufe machen 31 Prozent aller EU-Anträge aus, nahezu sämtlich Gesundheits- und Krankenpflege (30,1 Prozent) und nur 0,6 Prozent Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie 0,5 Prozent Altenpflege (vgl. Abbildung). Angesichts des bereits bestehenden und sich noch verschärfenden Fachkräftemangels in der Altenpflege ein offensichtliches Missverhältnis. Während alle Staaten der EU über Krankenpflegeausbildungen verfügen, und diese in der Regel unter die automatische Anerkennung fallen, wird die Altenpflege nur in wenigen Staaten als eigenständiges Berufsprofil ausgebildet. Das erschwert – neben anderen Faktoren – die Anschlussfähigkeit ausländischer Ausbildungen an den deutschen Altenpflegeberuf. Allerdings unternimmt Deutschland gerade eine Reform dieses Zuschnitts durch Zusammenlegung der drei Pflegeausbildungen.

Bei den GKP sind die Erfolgsaussichten eines EU-Antrags aufgrund der automatischen Anerkennung sehr hoch: 2017 endeten von den 2.631 beschiedenen Verfahren 88 Prozent mit der vollen Gleichwertigkeit und bei weiteren 10 Prozent wurde diese an die Absolvierung von Ausgleichsmaßnahmen geknüpft, die bis Jahresende noch nicht abgeschlossen waren („Auflage“). Nur in zwei Prozent der beschiedenen Fälle blieben die Anträge erfolglos. Bei den beiden anderen Berufen gibt es keine automatische Anerkennung. Beim Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger sind die Auflagen etwas häufiger und beim Altenpfleger gibt es wesentlich häufiger Auflagen und Ablehnungen als beim GKP.

In welchen EU-Staaten haben die Pflegefachkräfte gelernt?

In den sechs Jahren von 2012 bis 2017 meldeten die für die Anerkennung bei den drei Pflegefachberufen in Deutschland zuständigen Stellen insgesamt 16.482 Anträge von in der EU Ausgebildeten. Bei GKP ist die Zahl seit 2016 rückläufig. Daneben gab es etwa ebenso viele Anträge zu Pflegefachberufen von in Drittstaaten Ausgebildeten (16.629, darunter GKP: 15.954). Seit 2012 ist nicht nur die Zahl der Anträge aus Drittstaaten gestiegen, sondern auch ihr Anteil an allen Anträgen zu Pflegefachberufen (von 30,6 Prozent 2012 auf 68,6 Prozent 2017). Die Abbildung zeigt, aus welchen EU-Mitgliedstaaten wie viele Ausbildungen stammen, für die Pflegefachkräfte von 2012 bis 2017 eine Anerkennung in Deutschland beantragt haben. Mit Rumänien, Polen und Ungarn liegen osteuropäische Staaten an der Spitze,
doch auch mit Abschlüssen aus südeuropäischen Staaten wie Spanien, Kroatien und Italien wird die Freizügigkeit genutzt.

Autorin: Dr. Jessica Erbe, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich 3.3 „Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen“ im BIBB, Teamleiterin Anerkennungsmonitoring

Datenbasis: Der Beitrag beruht auf der amtlichen Statistik nach § 17 BQFG bzw. Fachgesetzen mit Verweis auf § 17. Aus Datenschutzgründen sind alle Daten (Absolutwerte) jeweils auf ein Vielfaches von 3 gerundet; der Gesamtwert kann deshalb von der Summe der Einzelwerte abweichen. Prozentuale Anteile wurden auf Basis der Echtwerte berechnet. Für das Berichtsjahr 2012 wurden die für die Anerkennung zuständigen Stellen in einigen Fällen erst im Laufe des Berichtsjahres bestimmt und mussten ihre Berichtssysteme neu aufbauen. Daher sind die Meldungen möglicherweise nicht in allen Fällen vollumfänglich und termingerecht erfolgt. Für das Berichtsjahr 2013 erfolgte die Meldung einiger Berichtsstellen unvollständig und fehlerhaft. Für Bremen liegen keine Daten für das Jahr 2015 vor. Daher wurden für dieses Bundesland die Angaben von 2014 übernommen. Für die Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein liegt für das Berichtsjahr 2016 eine Untererfassung in niedriger dreistelliger Höhe im Bereich der medizinischen Gesundheitsberufe vor. Insofern ist das Bundesergebnis als Untergrenze zu betrachten.

Weitere Informationen

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in dem Journal „Bildung für Europa -Nr. 2019/30: Pflege – aktiv im Alter". 

Bildung für Europa - Nr. 2019/30: Pflege - aktiv im Alter

Medientyp: Journal, Format: A4, Seitenzahl: 39, Erscheinungsjahr: 2019

Das Journal beleuchtet den Pflegenotstand aus europäischer Sicht als Thema bei Erasmus+. Internationale Bezüge spielen schon jetzt eine große Rolle, wenn es um Gesundheits- und Pflegeberufe geht. Im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung steht hierbei oft die Rekrutierung von Fachkräften aus dem...

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