Bürgerkompetenz – Was Hänschen und auch Hans lernen sollten - Plädoyer für einen ganzheitlichen und sektorübergreifenden Ansatz

17.08.2020 – Ein Beitrag von Sibilla Drews

Die Beschreibung der Lage ist so deutlich wie dringlich. Bereits im Mai 2018 haben die Mitgliedstaaten der EU anlässlich eines Ministerratstreffens festgestellt: Die Union und ihre Mitgliedstaaten stehen vor zahlreichen Herausforderungen, darunter Populismus, Fremdenfeindlichkeit, auf Spaltung zielender Nationalismus, Diskriminierung, Verbreitung von Falschmeldungen und -informationen sowie Radikalisierung, die zu gewaltbereitem Extremismus führt. Diese Phänomene könnten die Fundamente von Demokratien ernsthaft gefährden, das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit und die demokratischen Institutionen untergraben und verhindern, dass ein Gefühl der Zugehörigkeit zu den europäischen Gesellschaften entsteht.

Bildung und Kultur sind ein wirksames Mittel, um dem entgegenzuwirken. Sie sind Schlüssel zum Aufbau inklusiver und von Zusammenhalt geprägter Gesellschaften. In Erasmus+ sind Auslandsaufenthalte und grenzüberschreitende Kontakte ein wirksamer Weg, um europäische Identität erfahrbar zu machen. 

Welche Bildung braucht es also, wenn wir uns mehr bürgerschaftliches Engagement oder aktive Bürgerschaft wünschen, wenn wir von kritischem Denken und Medienkompetenz sprechen? Häufig wird dann als Antwort auf einen ganzheitlichen Ansatz von Bildung verwiesen, das Paradigma des lebenslangen Lernens wird zitiert. Konkrete Vorschläge und Maßnahmen orientieren sich dann aber genauso häufig am formalen Kontext von Schule und an der Jugendarbeit. Nicht, dass hier keine Notwendigkeit bestünde, es sollten aber den Bekenntnissen endlich Taten folgen: Demokratiebildung, aktive Bürgerschaft und Teilhabe sind Themen für jedes Alter und in jedem Bildungskontext – formal, non-formal oder informell. Ein ganzheitlicher und integrierter, sektorübergreifender Ansatz für lebenslanges Lernen ist das Leitthema für die Bildung des 21. Jahrhunderts.

Es geht letztendlich also um die Frage, wie über Bildung Wissen, Fähigkeiten, Werte und Einstellungen gefördert werden können, die alle Bürgerinnen und Bürger brauchen, um eine Welt zu gestalten, die gerechter ist, friedlicher, toleranter, integrativer, sicherer und nachhaltiger. Es müssen also Kompetenzen erworben werden, die wir im Englischen „civic competences“ nennen und mit bürgerschaftlichen Kompetenzen oder Bürgerkompetenz ins Deutsche übersetzen. Es geht immer darum, Lernende in die Lage zu versetzen, sich zu engagieren, aktive Rollen zu übernehmen und proaktiv zu agieren, lokal wie auch global.  

Bürgerkompetenz im Fokus

In der europäischen Bildungszusammenarbeit wächst zunehmend das Bewusstsein für die zentrale Rolle der aktiven Bürgerschaft, insbesondere mit Blick auf die Zukunft der Europäischen Union. Die Europäische Agenda für Erwachsenenbildung nennt die aktive Bürgerschaft als einen der Hauptgründe, warum die Teilnahme erwachsener Lernender an formalen, nicht-formalen und informellen Aktivitäten gesteigert werden sollte.
Die EU-Bildungsministerinnen und -minister unterzeichneten 2015 die Pariser Erklärung über die Förderung einer EU-Staatsbürgerschaft und der gemeinsamen Werte wie Freiheit, Toleranz und Nichtdiskriminierung. Diese setzt auf informierte und aktive Bürgerinnen und Bürger auf der Grundlage von Bildung.

Die 2018 veröffentlichte Überarbeitung des Rahmens für Schlüsselkompetenzen beinhaltet eine bürgerschaftliche Kompetenz, die definiert wird als "die Fähigkeit, als verantwortungsbewusste Bürger zu handeln und voll am bürgerlichen und sozialen Leben teilzunehmen, basierend auf dem Verständnis der sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Konzepte und Strukturen, sowie globale Entwicklungen und Nachhaltigkeit" (Rat der Europäischen Union, 2018).

Und Erasmus+ schließlich betrachtet die Förderung der aktiven Bürgerschaft als transversales Ziel aller Programmaktionen mit dem Ziel, zum Verständnis der Bürgerinnen und Bürger für die EU, ihre Geschichte und ihre Vielfalt beizutragen und die Bedingungen für die bürgerliche und demokratische Beteiligung auf Ebene der Europäischen Union zu verbessern. Erasmus+ soll also die Entwicklung von Lernenden und Lehrenden, von Bildungseinrichtungen, von Praxis und von Innovation befördern.

Was also sind die Lernziele, auf die Erasmus+ hinarbeiten muss? Die UNESCO beschreibt sie mit ihrem Konzept von „Global Citizenship Education“:

  • Eine Haltung, die von einem Verständnis für die verschiedenen Dimensionen von Identität wie z.B. geschlechtliche Identität (innere Dimension) oder Ausbildung (äußere Dimension) geprägt ist und das Potenzial für eine kollektive Identität (Zugehörigkeit zu einer sozialen Gemeinschaft) ausschöpft; die also über individuelle kulturelle, religiöse, ethnische oder andere Unterschiede hinausgeht und Vielfalt achtet.
  • Ein profundes Wissen über globale Fragen und universelle Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Würde und Respekt (z.B. Verständnis des Globalisierungsprozesses mitsamt seiner Interdependenzen, Verständnis für die globalen Herausforderungen, die von den Nationalstaaten nicht angemessen oder allein bewältigt werden können, für Nachhaltigkeit als Hauptkonzept der Zukunft).
  • Kognitive Fähigkeiten, kritisch, systemisch und kreativ zu denken, einschließlich der Annahme eines multiperspektivischen Ansatzes, der verschiedene Dimensionen, Perspektiven und Blickwinkel von Problemen anerkennt (wie z.B. logisches Denken und Problemlösungsfähigkeiten, die durch einen multiperspektivischen Ansatz unterstützt werden).
  • Nicht-kognitive Fähigkeiten, einschließlich sozialer Fähigkeiten wie Empathie und Konfliktlösung, sowie Kommunikationsfähigkeiten und die Fähigkeit zur Vernetzung und Interaktion mit Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Perspektive (z.B. globales Einfühlungsvermögen, Solidaritätssinn).
  • Verhaltenskompetenzen, um gemeinsam und verantwortungsbewusst zu handeln, um globale Lösungen für globale Herausforderungen zu finden und das Gemeinwohl zu fördern.

Neben der UNESO hat der Europäische Rat einen Kompetenzrahmen für eine demokratische Kultur (Reference Framework of Competences for Democratic Culture) entwickelt. Der Referenzrahmen beinhaltet eine Beschreibung von Kontext, Konzept und Kompetenzmodell, ausführliche Kompetenzdeskriptoren sowie einen Leitfaden zur Umsetzung.
Das Kompetenzmodell beschreibt 20 Kompetenzen, die sich in die vier folgenden Kompetenzbereiche untergliedern: 

  • Werte wie Wertschätzung von Vielfalt, von Menschenwürde und Menschenrechten;
  • Haltungen wie Offenheit für kulturelles Anderssein, andere Überzeugungen, Weltanschauungen und Praktiken;
  • Fertigkeiten wie Selbstlernkompetenz oder sprachliche, kommunikative und multilinguale Fertigkeiten;
  • Wissen und kritisches Verstehen der Welt. Dazu gehören unter anderem Politik, Gesetzgebung, Menschenrechte, Kultur, Kulturen, Religionen, Geschichte, Medien, Wirtschaftssysteme, die Umwelt und die Prinzipien der Nachhaltigkeit. 

Welchen Beitrag kann Europa leisten?

Egal, welchem Modell wir folgen, wichtig ist es, Bildung und Kultur so einzusetzen und Lernmöglichkeiten zu schaffen, dass auch Erwachsene darin bestärkt werden, ihre Möglichkeiten der Einflussnahme und der Gestaltung zu erkennen und wahrzunehmen, mehr Zivilcourage zu zeigen und sich an gesellschaftlichen Vorgängen in ihrem Umfeld zu beteiligen. 

So können wir Bürgerinnen und Bürger einen Beitrag dazu leisten, dass wir uns als Europäerinnen und Europäer gut aufgehoben fühlen in einem solidarischen, sozialen und demokratischen Europa, das niemanden zurücklässt.

Erasmus+ ist ein hervorragendes Programm, das mit seinen vielfältigen Lehr- und Lernmöglichkeiten einen wichtigen Beitrag dazu leistet, dass ein solches Europa auf informierte, kritische und aktive Bürgerinnen und Bürger bauen kann.

Hinweis: Diesen Beitrag hat die NA beim BIBB zuerst in ihrem Journal "Bildung für Europa" (Nr. 32) veröffentlicht.

Bildung für Europa - Nr. 2020/32: Die Zukunft der Erwachsenenbildung

Medientyp: Journal, Format: A4, Seitenzahl: 36, Erscheinungsjahr: 2020

Was ist der Nutzen des lebenslangen Lernens? Wie ist der aktuelle Zustand des Erwachsenenbildungsbereichs in Europa und wie kann er zukünftig gestärkt werden? Warum ist Bürgerkompetenz so wichtig und welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Erwachsenenbildung? Dies sind nur einige der...

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