Die Zukunft der Erwachsenenbildung in Europa - “The Road to Nowhere? Same as It Ever Was? Perfect World?“

13.08.2020 – Ein Beitrag von Gina Ebner

Wir haben ein Übersetzungsproblem. Im Deutschen tun wir uns ja recht leicht – Erwachsenenbildung ist ein umfassender Begriff und gut verständlich. Im Englischen wird es schon schwieriger: adult education? Adult learning? Lifelong learning? Und ein französischer Kollege vertritt die Ansicht, dass ‚education des adultes‘ nicht wirklich für das steht, was wir im Deutschen damit meinen. Warum ich damit beginne? Weil es zeigt, dass wir in Europa schon begrifflich Schwierigkeiten haben, gut zu erklären, was wir tun, warum wir es tun und welche Auswirkungen es hat. 

In Deutschland ist das Konzept der Erwachsenenbildung im Allgemeinen gut bekannt – sei es jetzt die berufliche Weiterbildung oder die allgemeine Erwachsenenbildung. Damit ist es natürlich einfacher, für die Unterstützung der Erwachsenenbildung zu argumentieren. Die Anerkennung, die auch von politischer Seite vorhanden ist, ist ebenfalls ein Zeichen, dass die Erwachsenenbildung in ihrer Wirksamkeit verstanden wird. 

Bevor meine deutschen Kolleginnen und Kollegen sich über mein zu optimistisches Bild beschweren: Natürlich sollte es der Erwachsenenbildung auch in Deutschland besser gehen. Auch in Deutschland ist die Erwachsenenbildung ein Winzling im Vergleich zu Universitäten und Schulen. Es gibt weiterhin die Vorurteile, dass die allgemeine Erwachsenenbildung für Makrameekurse steht (Wie viele Menschen erinnern sich noch an Makramee?).

Wie sieht die Erwachsenenbildung in Europa aus?

  1. Es gibt enorme Unterschiede in Europa: In Nordeuropa und den deutschsprachigen Ländern gibt es eine lange Tradition, die zu starken Strukturen geführt hat. In anderen Ländern gibt es oft keine oder nur sehr schwache Strukturen, die eine längerfristige Planung und Interessensvertretung des Sektors erschweren.
  2. In vielen Ländern wird Erwachsenenbildung fast ausschließlich als berufliche Weiterbildung verstanden. Somit ist die Unterstützung für die allgemeine Erwachsenenbildung kaum vorhanden. Dies betrifft auch die Grundbildung – der Bedarf für Alphabetisierung und Grundkompetenzen wird im allgemeinen anerkannt – auch als staatliche Aufgabe. Der Rest? Eher nicht.
  3. Es gibt natürlich viele Bildungsangebote für Erwachsene, die aber als solche nicht so verstanden werden. Ein Beispiel ist der Gesundheitsbereich: Ich bin Diabetikerin und wurde vor ein paar Jahren auf Insulin umgestellt. Es gab dann entsprechende Informationen und Schulungen, wie mit Insulin, Nahrungsmitteln, Sport etc. umzugehen ist. Für mich ist das auch Erwachsenenbildung, für andere wahrscheinlich nicht. In Slowenien werden beispielsweise auch Fahrschulen der Erwachsenenbildung zugerechnet, was ich aus anderen Ländern nicht kenne. Die EAEA geht davon aus, dass Menschen viel mehr lernen als sie denken (und ich habe noch nicht einmal über informelles Lernen gesprochen).

Auf europäischer Ebene hat dies dann entsprechende Folgen. Die Erwachsenenbildung wird unterschätzt oder nur teilweise verstanden, was zu unzureichender Unterstützung führt. Die Tatsache, dass die Verantwortung auch in verschiedenen Politikbereichen zu finden ist, macht es nicht leichter. Der Schwerpunkt der Generaldirektion Bildung und Kultur liegt auf Universitäten und Schulen, und in der Generaldirektion Beschäftigung, wo die Erwachsenenbildung politisch angesiedelt ist, liegt der Schwerpunkt auf Grundbildung (immerhin!).

Die europäische Ebene hat auch nur begrenzt Möglichkeiten, die Bildungspolitik der einzelnen Mitgliedsstaaten zu beeinflussen. Dazu eine Nebenbemerkung, da ich diesen Artikel im Lockdown schreibe: Es gab Diskussionen, warum die ‚EU‘ denn nicht mehr in der Koordination des Coronakrise unternehme. WEIL ES DIE LÄNDER NICHT WOLLTEN. Gesundheit wie auch Bildung liegt in der Verantwortung der Mitgliedsstaaten und folgt daher dem Prinzip der Subsidiarität.)

Trotz dieser Herausforderungen glauben wir als EAEA, dass die Erwachsenenbildung eine überaus wichtige Rolle in der europäischen Entwicklung spielt bzw. eine noch stärkere Rolle spielen könnte, wenn entsprechende Strategien und Unterstützung bereitgestellt würden.

Das eierlegende Wollmilchschaf

EAEA hat vor ein paar Jahren das Manifest für die Erwachsenenbildung des 21. Jahrhunderts verfasst. Die Intention war und ist, zu demonstrieren, wie wichtig die Erwachsenenbildung ist – auf verschiedenen Ebenen, in verschiedenen Bereichen. Die Themen, die wir aus vielen ausgewählt haben, sind:

  • Politische Bildung und Demokratie
  • Gesundheit und Wohlbefinden
  • Lebenskompetenzen
  • Sozialer Zusammenhang und Gleichstellung
  • Beschäftigung und Arbeit
  • Digitalisierung
  • Migration und demografischer Wandel
  • Nachhaltigkeit

Erwachsenenbildung kann alle diese Bereiche positiv beeinflussen bzw. wir können hier nur Fortschritte erzielen, wenn wir die entsprechenden Kenntnisse und Kompetenzen haben.

Wenn wir die gegenwärtige Coronakrise betrachten, gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, die Erwachsenenbildung positiv einzusetzen: Gesundheit, Resilienz, Digitalisierung, Gemeinschaft (Kolleg(inn)en haben uns erzählt, dass Kursteilnehmende WhatsApp-Gruppen gebildet haben, um einander zu unterstützen und weiterzulernen). Gerade jetzt zeigt sich, dass wir insbesondere in Krisen lernen müssen, uns neuen Situationen zu stellen und so schnell und positiv wie möglich darauf zu reagieren. Das geht nur mit Lernen – informell, voneinander oder von Expertinnen und Experten.

Was brauchen wir?

Um die positiven Auswirkungen der Erwachsenenbildung voranzutreiben, brauchen wir entsprechende Unterstützung. Viele Mitglieder des europäischen Verbands würden jetzt laut „Geld!“ rufen. Ich kann mich noch gut an eine Unterhaltung mit einer Kollegin aus dem Baltikum erinnern, die – etwas verbittert – meinte, dass wir ja über alles Mögliche reden könnten, aber was wir wirklich bräuchten sei finanzielle Unterstützung. Dies kann die europäische Ebene nur sehr beschränkt bieten, da die Finanzierung über die Mitgliedsstaaten, und vielen Fällen über Regionen und Kommunen erfolgt.

Was die europäische Ebene sehr wohl kann, ist durch politische Strategien und Initiativen, durch Peer-Learning und durch Zielsetzungen die Diskussion in den Mitgliedsstaaten anzuregen und die Entwicklung der Erwachsenenbildung anzutreiben. 

Was brauchen wir daher von den europäischen Institutionen?

  1. Eine neue, stärkere Europäische Agenda der Erwachsenenbildung
    Wie oben bemerkt ist die Erwachsenenbildung weit mehr als Grundbildung und berufliche Weiterbildung. Wir brauchen eine europäische Strategie, die die verschiedenen Ansätze und Richtungen der Erwachsenenbildung zusammenbringt und fördert. Es kann nicht nur um Alphabetisierung gehen (wie wichtig sie auch ist), sondern wir müssen auch Bereiche einschlieβen, die die Gesundheit fördern, die Demokratie stärken und uns helfen, gemeinsam und positiv die Zukunft zu gestalten.

    Eine Agenda kann nationale Ansätze stärken, die Diskussion auf verschiedenen Ebenen anregen und Ziele vorgeben, die eine Weiterentwicklung der Erwachsenenbildung in den Mitgliedsstaaten positiv beeinflusst und – insbesondere in Ländern, in denen sie nicht sehr stark entwickelt ist – eine strukturelle Stärkung erreichen. Wir wissen von vielen Mitgliedern, dass sie eine europäische Strategie für überaus notwendig halten, weil sie ihnen die Argumente gibt, Verbesserungen der Erwachsenenbildung in ihrem Land voranzutreiben.

  2. Eine starke Verbindung zwischen verschiedenen Strategien und Bereichen
    Die Erwachsenenbildung ist immer und überall, und entsprechend ist sie über verschiedene politische Verantwortlichkeiten (und verschiedene Generaldirektionen der Europäischen Kommission) fragmentiert: Bildung, Beschäftigung, Gesundheit, Digitalisierung, Migration, Justiz.

    Es wäre daher sehr hilfreich, im Rahmen einer neuen Agenda diese Bereiche zu verbinden, Themen zu bündeln und Austausch zu ermöglichen. Das ist nicht einfach und es gibt genug Beispiele, die auch auf nationaler Ebene demonstrieren, dass zum Beispiel eine Kooperation zwischen dem Bildungsministerium und dem Arbeitsministerium nicht selbstverständlich ist. Einen Versuch wäre es aber wert – Zusammenarbeit ist schwierig, kann aber wirklich spannende Ergebnisse haben. Man kann auch Überschneidungen und widersprüchliche Politiken oder Initiativen vermeiden. Die EAEA ruft daher zu einer verstärkten und verbesserten Synergie der betroffenen Bereiche auf.

  3. Ein starkes Programm für die Entwicklung der Erwachsenenbildung in Europa
    Erasmus+ und zuvor Grundtvig haben viel für die Erwachsenenbildung erreicht. Durch das Programm haben wir quer durch Europa voneinander gelernt, Ideen geschmiedet und diese weiterentwickelt, Innovation erreicht und ein europäisches Verständnis der Erwachsenenbildung erzielt. Organisationen der Erwachsenenbildung haben im Allgemeinen zu wenig Ressourcen, um Forschung und Entwicklung durchzuführen. Diese Rollen hat das Programm sehr oft übernommen, und wir hoffen, dass das zukünftige Programm dies auch weiterhin und sogar stärker tun wird. 

Im Moment – April 2020 – wissen wir nicht, wie sich die Erwachsenenbildung in Europa entwickeln wird. Werden wir auf ein paar Teilbereiche reduziert? Verschwindet die allgemeine Erwachsenenbildung ganz? Wir fordern alle, die die Möglichkeit haben, ihre Ministerien, Vertretungen, Bürgermeisterinnen oder Bürgermeister zu erreichen, dies zu tun, und gemeinsam mit uns für eine starke und wirkungsvolle Agenda in Europa, aber auch auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene einzutreten.

Hinweis: Diesen Beitrag hat die NA beim BIBB zuerst in ihrem Journal "Bildung für Europa" (Nr. 32) veröffentlicht.

Bildung für Europa - Nr. 2020/32: Die Zukunft der Erwachsenenbildung

Medientyp: Journal, Format: A4, Seitenzahl: 36, Erscheinungsjahr: 2020

Was ist der Nutzen des lebenslangen Lernens? Wie ist der aktuelle Zustand des Erwachsenenbildungsbereichs in Europa und wie kann er zukünftig gestärkt werden? Warum ist Bürgerkompetenz so wichtig und welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Erwachsenenbildung? Dies sind nur einige der…

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