Zum Zustand der Erwachsenenbildung in der Welt - Erkenntnisse aus dem GRALE IV-Bericht „Leave no one behind“

14.08.2020 – Ein Beitrag von John Field

Ende letzten Jahres erschien der „Vierte Weltbericht zur Erwachsenenbildung“ (Fourth Global Report on Adult Learning and Education - GRALE IV). Er wurde vom UNESCO-Institut für lebenslanges Lernen (UIL) veröffentlicht und enthält eine aktuelle Erhebung zur Erwachsenenbildung weltweit sowie eine begleitende Analyse der Verfahrensweisen und Forschungsarbeiten zur Teilnahme an der Erwachsenenbildung. Er schließt mit einer Erinnerung daran, wie wichtig die Erwachsenenbildung für die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und ihre Agenda 2030 ist, sowie mit einer Ermutigung an die Länder, mehr zur Förderung und Verstärkung der Teilnahme an der Erwachsenenbildung zu unternehmen, sowohl durch mehr Investitionen als auch durch Strategien, die sich auf die ärmsten und am stärksten ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen konzentrieren.

Lageentwicklung allgemein seit 2015

Hinsichtlich des allgemeinen Zustands der Erwachsenenbildung wird in dem Bericht ein differenziertes Bild gezeichnet. Insgesamt beteiligten sich 159 Länder an der Erhebung, was einer Beteiligungsquote von 80 Prozent entspricht. Von diesen gab ein knappes Drittel an, dass sich die Erwachsenenbildungspolitik zwischen 2015 und 2019 kaum verändert hat, während zwei Drittel von „wesentlichen Fortschritten“ bei der Erwachsenenbildung berichteten. Die Untersuchung nach einzelnen Lernbereichen ergab, dass die Fortschritte im Wesentlichen die Alphabetisierung von Erwachsenen und den Erwerb von Grundkompetenzen sowie die arbeitsbezogene Fort- und Weiterbildung betrafen. Hingegen wird dem Bereich der allgemeinen, freien und gemeinschaftlichen Bildung (popular, liberal and community education) in den meisten Ländern wenig bis gar keine politische Aufmerksamkeit geschenkt.

Auf politischer Ebene hat sich dort am meisten verändert, wo Stakeholder einbezogen wurden,–das gleiche Ergebnis zeigte sich bei den Antworten auf unsere Fragen zur Governance. Immer mehr Länder arbeiten bei der Entwicklung ihrer Strategien und Systeme des lebenslangen Lernens partnerschaftlich mit anderen Ländern zusammen, und einige Länder berichten konkret von einer Kooperation mit Arbeitgebern und zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Finanzierung nach wie vor mager

Soweit sieht die aktuelle Lage weltweit eher rosig aus. Ganz anders ist es bei der Finanzierung. Investitionen in Erwachsenenbildung bringen soziale, zivilgesellschaftliche, gesundheitliche und natürlich wirtschaftliche Vorteile mit sich, wie bereits der Dritte Weltbericht von 2016 zeigte, dem zufolge 57 Prozent der Länder eine Erhöhung ihrer Ausgaben für die Erwachsenenbildung geplant hatten. 2019 berichteten 28 Prozent der Länder von einem Anstieg der entsprechenden Ausgaben als Anteil der Gesamtausgaben für öffentliche Bildung, während 41 Prozent keinerlei Veränderungen und 17 Prozent einen Rückgang verzeichneten. Fast 20 Prozent der Länder investierten nach eigenen Angaben weniger als 0,5 Prozent ihres Bildungsbudgets in die Erwachsenenbildung, bei weiteren 14 Prozent war es weniger als 1 Prozent.

Um konkrete Beispiele gebeten, berichteten die meisten Länder mit aufgestocktem Budget von Verbesserungen bei der Bereitstellung der Finanzmittel, während nur sehr wenige Länder angaben, dass Maßnahmen zur Erhöhung der Nachfrage bei den am stärksten ausgegrenzten Gruppen durchgeführt wurden.

Qualitätsverbesserungen in einzelnen Bereichen

Im Vergleich zu den immer ehrgeizigeren politischen Erwartungen an unser Fachgebiet ist die Erwachsenenbildung – mit Ausnahme einiger weniger Länder – somit nach wie vor deutlich unterfinanziert. Bei der Erhebung ging es auch um die Entwicklungen bei der Qualität der Angebote in der Erwachsenenbildung. Drei Viertel der antwortenden Länder berichteten von Qualitätsverbesserungen, die im Wesentlichen in den Bereichen Lehrpläne und Bewertungs- und Lehrmethoden verzeichnet wurden. Mehr als die Hälfte der Länder gab an, dass sich die Ausbildungs- und/oder Arbeitsbedingungen im Bildungsbereich verbessert haben.

Erneut fanden fast sämtliche Verbesserungen in den Bereichen Alphabetisierung und Grundkompetenzen bzw. berufliche Weiterbildung statt. Kaum ein Mitgliedstaat ging auf die allgemeine, freie und gemeinschaftliche Bildung (popular, liberal and community education) ein.

Einordnung der Erkenntnisse

Bevor wir zu den wichtigsten gewonnenen Erkenntnissen kommen, soll auf die Grenzen der Erhebung hingewiesen werden. Obwohl 159 Länder teilnahmen, ging von 46 Ländern – darunter dem Vereinigten Königreich, einem Gründungsmitglied der UNESCO und der Heimat ihres ersten Generalsekretärs – aus verschiedenen Gründen keine Antwort ein. Ferner wurden die Antworten oft von Beamten, in den meisten Fällen aus den jeweiligen Bildungsministerien, verfasst, deren Wissen und Kenntnisstand hinsichtlich der Angebote in der Erwachsenenbildung in ihrem Land stark variierten. Wären andere Quellen befragt worden, wären die Antworten vermutlich anders ausgefallen.

Obwohl das UIL dafür sorgt, dass der Erhebungsfragebogen in mehreren weit verbreiteten Sprachen vorliegt, werden zwangsläufig nicht alle Sprachen abgedeckt. Daher geht bei der Übersetzung viel verloren. Zudem gab es Bereiche, in denen unsere Neugier bei der Konzeption des Fragebogens nicht weit genug ging. Dies betraf vor allem die Rolle des digitalen und Online-Lernens, deren zunehmende weltweite Bedeutung uns vor zwei Jahren bewusst war und die nun in einer Zeit, in der pandemiebedingt die meisten Weiterbildungseinrichtungen, -zentren und Schulen geschlossen sind, für die Bereitstellung von Lernangeboten unerlässlich sind. Aus der Erhebung lassen sich sehr wenige Rückschlüsse auf das digitale Lernen im Jahr 2019 ziehen, was bedauernswert ist.

Was lernen wir daraus?

In Anbetracht all dessen enthält der Bericht einige klare und äußerst bedeutsame Botschaften und stellt die vollständigste verfügbare Momentaufnahme der Erwachsenenbildung weltweit dar. Insgesamt wird gezeigt, dass die Erwachsenenbildung zwar allgemein als wichtiges Instrument zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele für 2030 gilt, sie aber nach wie vor dramatisch unterfinanziert ist und daran gehindert wird, so viel beizutragen, wie sie problemlos beitragen könnte und sollte.

Diese wichtige Botschaft sollten wir in unsere Heimatländer mitnehmen und auch den Vereinten Nationen vermitteln. Während die Erwachsenenbildung sich rasch weiterentwickelt, geschieht dies uneinheitlich, da ein Großteil der Investitionen und Aufmerksamkeit sich auf die Grundbildung und Alphabetisierung oder berufliche Aus- und Weiterbildung richtet. Im Gegensatz dazu sollte das allgemeine Unvermögen – mit löblichen Ausnahmen – eine aktive zivilgesellschaftliche Teilhabe zu fördern, eines unserer Hauptanliegen sein. Es ist klar, dass viele Länder trotz Verbesserungen noch immer mit Daten arbeiten, die nicht ausreichen, um fundierte Entscheidungen über die Zukunft zu treffen. Hier sei nur ein Beispiel genannt: Nach zehnjähriger politischer Debatte über Migration und die Fluchtbewegungen von Vertriebenen berichtete mehr als ein Drittel der Länder, keine Angaben zu den Teilnahmequoten von Minderheiten, Geflüchteten sowie Migrantinnen und Migranten machen zu können.

Die meisten Länder erwähnten in ihren Antworten digitales Lernen und Online-Lernen kaum oder gar nicht. Obwohl mir mittlerweile klar ist, dass diese wichtige Wachstumsbranche in unserem Fragebogen fehlt, ist es immer noch erstaunlich, dass bei der Frage nach innovativen Lehrmethoden kaum ein Land auf diese Branche einging. Daraus schließe ich, dass die entsprechenden Entwicklungen erst noch ins Bewusstsein derjenigen, die die Antworten verfasst haben, dringen müssen.

Hinweis: Diesen Beitrag hat die NA beim BIBB zuerst in ihrem Journal "Bildung für Europa" (Nr. 32) veröffentlicht.

Bildung für Europa - Nr. 2020/32: Die Zukunft der Erwachsenenbildung

Medientyp: Journal, Format: A4, Seitenzahl: 36, Erscheinungsjahr: 2020

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