Angekommen in Deutschland – was nun? - Veranstaltungsdokumentation

Am 30. Oktober 2018 fand die Konferenz „Angekommen in Deutschland – was nun?“ statt. Rund 90 Vertreterinnen und Vertreter aus nationalen und europäischen Projekten, Praktikerinnen und Praktiker sowie Stakeholder kamen in Köln zusammen, um sich über Möglichkeiten für eine bessere gesellschaftliche Teilhabe von Geflüchteten und Migrant*innen auszutauschen, Projektergebnisse kennenzulernen und sich zu vernetzen.

Impulsvortrag von Heike Kölln-Prisner

Die Konferenz startete mit einem Impulsvortrag von Heike Kölln-Prisner von der Hamburger Volkshochschule, die mit Eindrücken und Erfahrungen aus der Strategischen Partnerschaft „RefugeesIN – Cinema for Refugees Social Inclusion“ die Situation von Geflüchteten in Europa beleuchtete. Anschließend fand eine an die Fishbowl-Methode angelehnte Diskussionsrunde mit Expertinnen und Experten statt, an der sich auch Personen aus dem Publikum beteiligen konnten: Aus ihrem jeweiligen (beruflichen) Blickwinkel diskutierte die Runde über verschiedene Facetten einer gesellschaftlichen Teilhabe von Geflüchteten und Migrant*innen sowie über Herausforderungen, Erwartungshaltungen und mögliche Lösungsansätze.

Diskussionsrunde: Michael Marquart, Kai Sterzenbach, Heike Kölln-Prisner, Jochen Butt-Pośnik, Andrés Otálvaro, Frank Neises, Torsten Schneider

In einem Projektemarkt stellten dann in zwei aufeinanderfolgenden Runden jeweils fünf europäische Projekte ihre Ergebnisse mit einem Poster vor und diskutierten diese mit den Teilnehmenden. Nach der Mittagspause ging es in die Workshops: Hier wurden in zwei Runden jeweils vier parallele Workshops angeboten, die viel Raum für Präsentation, Austausch, Diskussion und Vernetzung ließen. Mit einer kurzen gemeinsamen Abschlussrunde im Plenum endete die Konferenz.

Alle Präsentationen und Projektposter senden wir Ihnen auf Nachfrage gerne zu. Bitte wenden Sie sich dazu an Michael Marquart: marquart[at]bibb(dot)de.

 

Video

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Veranstaltungsrückblick

Im Interview: Heike Kölln-Prisner (Hamburger Volkshochschule), Kai Sterzenbach (Lernende Region – Netzwerk Köln e.V.) und Dr. Martin Kilgus (ifa Akademie)

4:46 Minuten

 

Workshop 1: Erfolgreiche Integration am Arbeitsplatz und die Rolle von Weiterbildung

Lisa Marie Lorenz, DEKRA Akademie GmbH & Carola Kahlen, Leibniz Universität Hannover

„Integration durch Arbeit" ist ein Eckpfeiler für eine reibungslose und erfolgreiche Integration von Geflüchteten in ein neues Lebensumfeld. Wie dies gelingen kann und welche interkulturellen und sozialen Prozesse neben praktischen und rechtlichen Aspekten betrachtet werden müssen, wird im Projekt „MaWIC – Facilitating Migration and Workplace Integration with Qualified Personnel and Concepts“ erarbeitet. Ziel des Projektes ist es unter anderem, die Rolle eines „Migrations- und Arbeitsplatzintegrations-Coaches" (MaWICoach) sowie ein maßgeschneidertes Training für Menschen zu entwickeln, die in der Integration und Bildung tätig sind.

In einem ersten Schritt wurde ein Modell zur Arbeitsplatzintegration entwickelt. Den Kern des Modells stellt die Mikroebene der Arbeitsplatzintegration dar. Dabei liegt der Fokus auf den Prozessen am Arbeitsplatz. Die Hauptakteure sind Arbeitgeber*innen, Kolleg*innen und Migrant*innen. Eine offene und integrative Haltung aller Beteiligten vorausgesetzt, geht es zwischen den Akteuren um alltägliche Begegnungen und Themen wie Sprache oder Arbeitspraktiken. Auf der Makroebne des Modells werden äußere Faktoren wie Politik, Arbeitsmarkt oder Medien beschrieben.

Im Workshop wurden zentrale Handlungsfelder am Arbeitsplatz wie beispielsweise Sprache identifiziert und diskutiert.


Workshop 2: Gesellschaftliche Teilhabe durch ehrenamtliches Engagement: "Professional Volunteering"-Schulungen in einfacher Sprache

Perdita Wingerter & Mohammed Bayzeed, Gemeinsam leben und lernen in Europa e.V.

Perdita Wingerter stellte zunächst die Ziele des Projekts „Professional Volunteering“ vor. Das niedrigschwellige und praxisorientierte Trainingsprogramm zielt sowohl auf ehrenamtliche Kräfte als auch auf Koordinator*innen ehrenamtlicher Arbeit. Die Qualität und Effektivität der Tätigkeiten sollen hierdurch verbessert werden. Das auch in einfacher Sprache zur Verfügung stehende Curriculum thematisiert wichtige Herausforderungen, mit denen die ehrenamtliche Arbeit konfrontiert ist. Hierzu gehören nicht nur die direkten Anforderungen an die eigentliche Tätigkeit, sondern beispielsweise auch Kompetenzen im Netzwerken oder im Umgang mit Konflikten. Um die Motivation zu fördern, wird bereits während der Schulung den neu gewonnenen Ehrenamtlichen die Möglichkeit gegeben, ihre Aktivitäten zu planen und entwickeln. Soziale Inklusion ist ebenfalls ein wesentlicher Grundgedanke des Trainingskonzepts und der Arbeit des Vereins. Denn oft ist gerade Menschen, die auf Hilfe durch andere angewiesen sind, gar nicht bewusst, dass sie gleichzeitig selbst in der Lage sind, anderen zu helfen. So gilt es, diese Menschen zu überzeugen und für eine ehrenamtliche Tätigkeit zu gewinnen.

Im Anschluss stellte Mohammed Bayzeed, selbst Geflüchteter aus Syrien und für verschiedene Ehrenämter gewonnen, die Schwerpunkte seiner Tätigkeiten vor: Hierzu gehört u.a. die Durchführung eines Projektes zur Förderung der Haushaltskompetenzen von Jungen, ein interkulturelles Training für Jungen und ein Arabischkurs.

Eine praktische Übung zum Abschluss gab den Teilnehmenden die Gelegenheit, sich mit Methoden zur Identifizierung und Anwerbung von Ehrenamtlichen auseinanderzusetzen.

Workshop 3: Potenziale erkennen und fördern – Können Geflüchtete dabei helfen, die Unternehmerlücke in Deutschland zu schließen?

Mira Alexander, Hanse-Parlament e.V.

In dem Workshop stellte Mira Alexander zunächst das Projekt „New Skills for new Entrepreneurs“ vor, das sich mit dem Fachkräftemangel aus Sicht der Unternehmen befasst. Nach einer kurzen Einführung zu den beiden Herausforderungen, die sich in diesem Bereich ergeben, nämlich Mangel an Nachfolgeunternehmen und Arbeitsmarktintegration, beschäftigten sich die Teilnehmenden des Workshops in zwei Gruppen mit folgenden Fragestellungen:

  • Ist es möglich durch gezielte Kompetenzfeststellung und Nachschulungen diesen Mangel an Unternehmern durch Flüchtlinge und Migrant*innen auszugleichen?
  • Welche Vorteile bietet eine gezielte Förderung des „Migrant Entrepreneurship“?

In den Gruppen wurden folgende Inhalte erarbeitet und anschließend im Plenum vorgestellt und diskutiert:

  • Vorteile: mitgebrachte Erfahrungen, Kreativität, Resilienz, neue Handelsbeziehungen, neue Kundengruppen, soziale Funktion der Unternehmen.
  • Hindernisse: Sprache, Finanzierung der Übernahme, Zeit, Bürokratie, Dauer, Übernahmekapital, unklarer Status, Anerkennung von Berufsabschlüssen, Überblick über Vorschriften.
  • Wichtige Kompetenzen: Kompetenzanalyse (Ist Selbstständigkeit der richtige Weg?), Business-Idee, Businessplan.
  • Worauf sollte geachtet werden: gesetzliche Rahmenbedingungen, Gefahr der Selbstausbeutung (Einbindung der Familie und Kindern), offene Beratungsstruktur, Gründungskultur etablieren (Scheitern als wichtigen Schritt im Prozess zulassen und akzeptieren), Sensibilität für Vielfalt.
  • Unternehmensnachfolge: Dauer, Übernahmekapital, Übernahmestruktur, Sprache, Gesetze, Vorschriften.

Workshop 4: Validierung von kompetenzorientiertem Lernen mit Geflüchteten und Migrant*innen

Dr. Beate Schmidt-Behlau, Deutscher Volkshochschulverband International e.V. & Sabine Wiemann, BUPNET – Bildung und Projekt Netzwerk GmbH

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde präsentierten die beiden Workshopleiterinnen Dr. Beate Schmidt-Behlau und Sabine Wiemann zunächst kurz die Strategische Partnerschaft „Validating Integration Competences“ (VIC). Das Projekt beschäftigt sich mit der Frage, welche Kompetenzen für Geflüchtete und Migrant*innen hilfreich sind und wie Lehrende und Lernende diese gemeinsam herausfinden und dokumentieren können.

Im Mittelpunkt steht dabei der Begriff der „Integration“ und es wird eruiert, welche verschiedenen Kompetenzen damit verbunden sind. Ziel ist es, diese Kompetenzen dann zu bewerten und zu visualisieren, wozu das Validierungssystem LEVEL5 verwendet wird. Dieses wurde bereits in diversen Vorläuferprojekten entwickelt.

Die Teilnehmenden erhielten einen Überblick über das Referenzsystem von LEVEL5 und dessen Anwendung im Projekt VIC. Dann bekamen alle die Aufgabe, sich anhand des Referenzsystems für die Kompetenz „Interkulturelle Kommunikation“ in Bezug auf ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und ihre Einstellungen zunächst selbst einzuschätzen. Anschließend wurde diese Selbsteinschätzung gemeinsam ausgewertet und diskutiert – wobei sich die Teilnehmenden am Ende einig waren, dass eine begründete Selbsteinschätzung tatsächlich schwierig, aber gleichzeitig hilfreich und wertvoll ist.

Workshop 5: Politisierung von Migrant*innen und Geflüchteten

Dr. Martin Kilgus, ifa Akademie gGmbH

Migrant*innen und Geflüchtete werden zunehmend von Parteien, Interessensgruppen und Teilen der Medien politisiert und instrumentalisiert. Dr. Martin Kilgus thematisierte in seinem einführenden Vortrag den zunehmenden Gegenwind, der Projektträgern entgegenschlägt, die mit der Zielgruppe arbeiten. Dementsprechend führen insbesondere auf lokaler und regionaler Ebene durch eine Partei oder durch nationalistische Bewegungen angestoßene Debatten zu Anfragen, warum welche Zielgruppen bei Projekten berücksichtigt werden. So stellte beispielsweise die AfD-Fraktion Baden-Württemberg im Landtag eine Anfrage nach dem Nutzen von Deutschkursen für Migrant*innen, „…deren längerfristiger Aufenthalt in Deutschland in Frage zu stellen ist…“ (Zitat Anfrage AfD).

Eine weitere Wahrnehmung ist, dass gegen Projekte, die auf Geflüchtete fokussieren, generell vermehrt Hetze betrieben wird. In der folgenden Diskussion kristallisierte sich heraus, dass diese veränderte gesellschaftliche Stimmung die Träger mehr und mehr in eine Art Rechtfertigungszwang versetzt, wenn sie Projekte rund um die Zuwanderungsthematik durchführen. Auch der Erhalt von Fördermitteln auf lokaler Ebene wurde als zunehmend schwieriger eingeschätzt. Diskutiert wurde darüber hinaus, welche Maßnahmen man als Akteur im Bildungsbereich ergreifen kann, um mit diesen Entwicklungen umzugehen.

Workshop 6: Maßnahmen des Empowerments in den Bereichen Integration und Soziales

Olesea Balan, Volkshochschule im Landkreis Cham e.V.

Zunächst stellte Frau Balan das Projekt „Supporting Integration of Migrant Learners, Asylum Seekers and Refugees“ (SIMILAR) vor, das sich mit Empowerment-Maßnahmen für Migrant*innen und Geflüchtete befasst hat. Das Projekt entstand auf Grundlage eines festgestellten Bedarfs insbesondere im Bereich der kommunalen Integrationsarbeit. Der Fokus des Projektes lag auf der interkulturellen Sensibilisierung und der Vermittlung von Empowerment-Konzepten an Personen, die mit Migrant*innen arbeiten.

„Empowerment“ wird dabei als eine (ursprünglich aus den USA stammende) Methode verstanden, bei der es darum geht, eigene Stärken zu entdecken bzw. Menschen in ihren vorhandenen Potenzialen zu bestärken und Mut zu machen. Durch entsprechende Maßnahmen, Aktivitäten, Strategien und Programme können sogenannte „Vermittler“ den Empowerment-Prozess auslösen und unterstützen. Voraussetzung dafür sind entsprechende Gelegenheiten und die Schaffung einer Umgebung, in der dies möglich ist. Dazu zählt beispielsweise die Teilnahme an Selbsthilfegruppen oder ähnlichen Zusammenschlüssen.

Im Anschluss an die Präsentation wurden in Gruppenarbeit verschiedene Möglichkeiten und Maßnahmen diskutiert und erarbeitet, wie ein Empowerment von Migrant*innen in den Bereichen Bildung und Sprache, Soziales und Bürgertum und im ökonomischen Bereich unterstützt und gefördert werden kann und welche Herausforderungen dabei bestehen.

Workshop 7: Kompetenz-Gerangel: Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten unter besonderer Berücksichtigung ihrer Kompetenzen

Ronald Schönknecht, JugendStil e.V. & Isabelle Jahn, Kontakte für Europa e.V.

Der Workshop begann mit einer kurzen Einführung der beiden Workshopleitenden Isabelle Jahn und Ronald Schönknecht in die Thematik „Validierung von Kompetenzen“ mit Bezug auf die 2018 neu gestartete Strategische Partnerschaft „Refugees WelComB!“. Das Projekt bezieht sich auf das französische Modell der Kompetenzbilanz und arbeitet an einer Übersicht, welche verschiedenen Kompetenzmodelle in der Praxis und für die Zielgruppe Geflüchtete angewendet werden.
So folgte eine Vorstellungsrunde, in der die Teilnehmenden nicht nur ihre Person und Einrichtung vorstellten, sondern auch erläuterten, in welchem Kontext sie mit dem Thema „Validierung“ in Verbindung stehen. Anschließend sammelten die Teilnehmenden gemeinsam Aspekte zu folgenden drei Fragestellungen:

  • Welche Angebote im Bereich Validierung gibt es?
  • Welche Akteure sind bei der Integration von Geflüchteten und bei der Validierung von Kompetenzen beteiligt?
  • Welche Anpassung für die Zielgruppe ist erforderlich?

Die Aspekte wurden auf Kärtchen an einer Moderationswand sowie auf Flipchart festgehalten und gemeinsam im Plenum diskutiert.

Workshop 8: Lokale Flüchtlingsarbeit – europäisch vernetzt: das EU-Programm Europa für Bürgerinnen und Bürger

Jochen Butt-Pośnik, Kontaktstelle Europa für Bürgerinnen und Bürger

Wie das EU-Programm „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ für den europäischen Austausch und das voneinander Lernen zu den Themen Flucht, Migration und Integration genutzt werden kann, war Gegenstand des Workshops. Der Leiter der Kontaktstelle, Jochen Butt-Pośnik, stellte verschiedene Projektbeispiele für Geschichtsprojekte, Bürgerbegegnungen und Netzwerkaktivitäten (Städtepartnerschaften) sowie Projekte zivilgesellschaftlicher Organisationen vor.

Das EU-Programm ist für die sieben Jahre zwischen 2014 und 2020 mit einem Gesamtbudget von 185,4 Millionen Euro für 33 beteiligte Länder ausgestattet. Im Jahr 2017 lag die Förderquote für Projektanträge aus Deutschland bei 42%. Die nächsten Einreichungsfristen liegen – unterschiedlich je nach Projekttyp – zwischen dem 1. Februar und dem 1. September 2019. Die Kontaktstelle „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ berät Interessentinnen und Interessenten zu den Fördermöglichkeiten und führt Antragswerkstätten durch.

Weitere Informationen:

 Programm

 Booklet (Zusammenstellung von Strategischen Partnerschaften in Erasmus+, die im Themenfeld Flucht, Migration und Integration arbeiten)

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