Berufsbildung - international und attraktiv - Veranstaltungsdokumentation

Benchmarks, Rahmenbedingungen und Strategien zur Umsetzung des Programms Erasmus+

02.-03.11.2015 in Berlin

Die deutsche Wirtschaft ist international. Doch wie international ist die Berufsbildung in Deutschland? Dieser Frage gingen auf Einladung der NA beim BIBB am 2. und 3. November in Berlin 150 Expertinnen und Experten der Berufsbildung nach. Es wurden konkrete Optionen der Internationalisierung für die Felder der Berufsabschlüsse, des Bildungspersonals und der Institutionen entwickelt. Eine übergreifende Frage war, wie die Internationalität der Berufsbildung noch sichtbarer gemacht werden kann, um die Attraktivität der Berufsbildung weiter zu steigern.

Die im Rahmen der Fachtagung vorgetragenen Analysen, Praxisberichte und Statements machten drei Dinge eindrucksvoll nachvollziehbar:

  • Globalisierung ist kein abstrakter Begriff, sondern wirkt sich konkret an den Arbeitsplätzen. Auch Arbeitsplätze, die eine berufliche Bildung voraussetzen, erfordern in zunehmendem Maße internationale Berufskompetenz, also erweiterte Fremdsprachkompetenzen, interkulturelle Kompetenzen und internationale Fachkompetenzen.
  • Darüber hinaus wurde aufgezeigt, wie vielfältig die Berufsbildungspraxis auf diese erweiterte Anforderung an den Arbeitsplätzen reagiert. Dies lässt sich beobachten in entsprechenden regionalen Zusatzqualifikationen, Qualifikationsangeboten für das Bildungspersonal und internationalisierte Leitbilder von Berufsbildungsinstitutionen.
  • Aus diesen beiden Beobachtungen speiste sich ein breiter Konsens der Tagung, wonach ein gemeinsames Verständnis und ein bundeseinheitlicher Standard für internationale Berufskompetenz entwickelt werden sollte, auch um die Attraktivität der Berufsbildung weiter zu steigern.

Individuelle Mobilität fördern

Volker Rieke, BMBF (© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl)

Die Fachtagung wurde von Volker Rieke, dem Leiter der Abteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit in Bildung und Forschung des BMBF eröffnet. Er verwies auf die Exportorientierung der deutschen Wirtschaft und die sich dadurch verändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes. Strukturierte Lernphasen im Ausland gehörten daher zu einer exzellenten Berufsausbildung, auch um die Attraktivität der Berufsbildung weiter zu steigern. Es sei daher gut, dass derzeit 4,5 Prozent aller Auszubildenden einen Lernaufenthalt im Ausland realisierten. Der Anteil international mobiler Auszubildender sei ein relevanter Indikator für die Internationalität des Bildungssystems und der Bundestag habe daher zu Recht eine Steigerung dieses Anteils auf 10 Prozent im Jahr 2020 empfohlen.

Rieke gab darüber hinaus bekannt, dass sein Ministerium ab dem Jahr 2016 die individuelle Mobilität aus nationalen Mitteln fördern werde. Erasmus+ Projekte, die Auszubildenden - insbesondere aus KMU - in sogenannten Pool-Projekten Auslandsaufenthalte ermöglichen, könnten so unter bestimmten Voraussetzungen eine zusätzliche Förderung aus nationalen Mitteln erhalten.

Standards für internationale Berufskompetenz

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, BIBB (© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl)

In seinem Fachbeitrag arbeitete Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des BIBB, die Bedeutung und Anforderung der Internationalisierung heraus. Die veränderten Anforderungen an den Arbeitsplätzen seien beispielsweise von einer Studie erfasst worden, die zeige, dass seit dem Jahr 2012 erstmals mehr als 50 Prozent der Erwerbstätigen an Arbeitsplätzen, die eine Berufsbildung voraussetzen, Grund- oder Fachkenntnisse in einer Fremdsprache benötigen. Es sei daher wichtig, dass die Politik klare Benchmarks für die weitere Steigerung der Internationalität der Berufsbildung formuliert hätten.

Hinsichtlich der Zertifizierung der im Ausland erworbenen Kompetenzen bilde sich am Rand und außerhalb des formalen Systems eine vielfältige Praxis heraus. 2014 waren in der Datenbank "Ausbildung Plus" 705 "internationale Zusatzqualifikationen" mit insgesamt 34.372 Teilnehmenden verzeichnet. Darunter sind viele Fortbildungsprüfungs-Regelungen auf Kammerebene.

Diese Zahlen zeigten wie stark Unternehmen und Auszubildende nach einer Zertifizierung der im Rahmen eines Auslandsaufenthaltes zusätzlich erworbener Kompetenzen suchten. So hilfreich die einzelne Zusatzqualifikation sein möge, so handle es sich doch um einen intransparenten Qualifikationsdschungel. "Daher gilt es, einen bundeseinheitlichen Standard zu finden, der dann in bundeseinheitlichen Abschlüssen als Zusatz oder Option hochwertiger Art nutzbar ist, um internationale Berufskompetenz sichtbar zu machen und anzurechnen", sagte Esser. "Das ist sowohl im Sinne der Auszubildenden als auch der Ausbildungsbetriebe."

Ein solcher Standard in den Ordnungsmitteln werde die internationale Dimension in der Ausbildung weiter fördern, da die Unternehmen nicht mehr wie bisher ihre international ausgerichteten Ausbildungsaktivitäten selbst definieren müssten. Vielmehr könnten sie auf qualitätsgesicherte Ordnungsmittel zurückgreifen.

Bedeutung der europäischen Bildungsprogramme

Klaus Fahle, NA beim BIBB (© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl)

In einer Zusammenschau von europäischer und nationaler Perspektive verwies Klaus Fahle, Leiter der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim BIBB, zunächst auf die übergreifenden Ziele, die Europa mit der Förderung von Lernmobiliät verbindet. Die Verdopplung von Auslandsaufenthalten von Auszubildenden im Rahmen der europäischen Bildungsprogramme in den Jahren 2007 bis 2013 sei sowohl aus europäischem wie auch nationalem Blickwinkel eine erfreuliche und wesentliche Entwicklung. Addiere man alle europäisch, national und privat finanzierten Auslandsaufenthalte, so seien derzeit über 30.000 Auszubildende und Berufsfachschülerinnen und -schüler jedes Jahr international mobil. Der Anteil der über die EU-Programme geförderten Lernenden in der Berufsbildung sei dabei in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Erfreulich sei, dass auch immer mehr Berufsbildungspersonal Auslandsaufenthalte im Ausland realisierten. Neben der Förderung von individuellen Lernprozessen hätten in den vergangenen Jahren Studien belegt, welchen Einfluss die Mobilitätsförderung auch auf Themen wie zum Beispiel Inklusion, Anerkennung und die Ausbildung für den Bereich der Frühen Förderung gehabt hätten.

In der anschließenden Diskussion der drei Vertreter aus der Praxis wurde deutlich, was die Vorteile und positiven Wirkungen von Auslandsmobilität in der Erstausbildung für Auszubildende, Unternehmen und Schulen sind.

Arbeitsgruppen

In Arbeitgruppe 1 (© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl)

Die vier Arbeitsgruppen am zweiten Tag der Fachtagung befassten sich mit vier unterschiedlichen Aspekten der Internationalisierung der Berufsbildung. Am Ende der Arbeitsgruppe wurden jeweils drei Botschaften formuliert.


Arbeitsgruppe 1: Sichtbarkeit der Internationalität in Berufsbildungsabschlüssen

Angesichts der Vielzahl nur regional verbreiteter internationalen Zusatzqualifikationen wurde zunächst aufgezeigt, welche potentiellen Ordnungsmittel das BBIG und die HWO bereit stellen, um den vorgeschlagenen bundeseinheitlichen Standard internationaler Berufskompetenz bei Bedarf in Wahl- oder Zusatzqualifikation zu regeln. Im Anschluss daran wurde ein hochwertiges Beispiel einer regional gültigen Zusatzqualifikation präsentiert und der Frage nachgegangen, ob und unter welchen Bedingungen ein solches Beispiel auf die Bundesebene übertragen werden könnte.

Die drei Botschaften der Arbeitsgruppe 1:

  1. Der Bedarf an Zertifizierung internationaler Berufskompetenz ist hoch.
  2. Die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses internationaler Berufskompetenz einschließlich eines bundeseinheitlichen fakultativen Standards ist eine Voraussetzung für mehr Sichtbarkeit.
  3. Eine entsprechende Wahl- oder Zusatzqualifikation sollte im Konsens mit allen Beteiligten in einem international ausgerichteten Beruf erprobt werden.
In Arbeitsgruppe 2 (© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl)

Arbeitsgruppe 2: Internationalisierung in der Personal- und Organisationsentwicklung

In der Arbeitsgruppe wurden mögliche Ansatzpunkte für die Internationalisierung einer Berufsbildungseinrichtung vorgestellt. Anhand der Berufsbildenden Schulen Osterholz-Scharmbeck wurde beispielhaft aufgezeigt, wie Internationalisierung als Teil der Organisationsstrategie implementiert werden kann. Die anschließende Diskussion verdeutlichte die unterschiedlichen Rahmenbedingungen an Berufsschulen bzw. bei freien Bildungsträgern.

Die drei Botschaften der Arbeitsgruppe 2:

  1. Das Bildungspersonal nimmt bei der Internationalisierung eine Schlüsselrolle ein. Betriebliche Ausbildungskräfte sowie Berufsschullehrerinnen und -lehrer, die selbst über internationale Berufskompetenzen und möglichst auch über eigene Erfahrung mit Auslandsaufenthalten verfügen, sind maßgebliche Akteure und Akteurinnen in Internationalisierungsprozessen.
  2. Internationalisierungsprozesse an beruflichen Schulen brauchen die Unterstützung auf Landesebene. Neben der Wertschätzung durch die Politik sind Strategien, Verordnungen und Strukturen sinnvoll, die die Internationalisierung einzelner Schulen unterstützen.
  3. Einrichtungen der Berufsbildung benötigen gute Beratungs- und Unterstützungsstrukturen. Dies gilt vor allem für KMU, die zunehmend den Wert einer international ausgerichteten Ausbildung sehen, häufig jedoch nicht wissen, wie sie diese in ihrem Betrieb umsetzen können bzw. welche Fördermöglichkeiten es gibt.
In Arbeitsgruppe 3 (© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl)

Arbeitsgruppe 3: Strategien zur Internationalisierung in den Bundesländern

Die Teilnehmenden aus Berlin, Bayern, Brandenburg, Niedersachsen, NRW, Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt diskutierten Wege hin zu einer besseren überregionalen, internationalen sowie themenbezogenen Vernetzung. Gemeinsamer Handlungsbedarf wird auch bei der öffentlichen Bewusstseinsbildung für das Thema gesehen. Die Teilnehmenden vereinbarten, die Arbeitsgruppe als länderübergreifendes Netzwerk fortzuführen.

Die drei Botschaften der Arbeitsgruppe 3:

  1. Klares Bekenntnis: Sozialpartner und alle Ressorts sollten bundesweite Leitprinzipien und Mindeststandards formulieren, die Internationalisierung der Berufsbildung koordinierter umsetzen und personelle Ressourcen zur Verfügung stellen.
  2. Verbindliche Richtung: Der politische Wille sollte auch in der Verbindlichkeit der Umsetzung zum Ausdruck kommen, u. a. sollte der 10%-Benchmark durch einen nationalen Aktionsplan ergänzt werden.
  3. Qualität vor Quantität: Durch eine Verbesserung der Sichtbarkeit von Netzwerken und Unterstützungsstrukturen sollten der Austausch guter Praxis und die (auch internationalen) Kooperationsmöglichkeiten verbessert werden. Gleichzeitig sollten Instrumente zur Qualitätssicherung (EQAVET, ECVET) gefördert und propagiert werden.
In Arbeitsgruppe 4 (© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl)

Arbeitsgruppe 4: Internationalisierung und Attraktivität von Ausbildungsangeboten

Ziel des Workshops war, den Mehrwert von Internationalisierungsstrategien für das Ausbildungsmarketing aufzuzeigen. Als Einführung verdeutlichten ein Unternehmen und eine Berufsschule, wie Internationalisierung in Form von Auslandaufenthalten jeweils genutzt wird. Die Praxis zeigt: Internationalisierung der Ausbildung ist eine strategische Investition, die sich lohnt. Gemeinsam wurden schließlich Herausforderungen und Gelingensfaktoren erarbeitet, um das eigene Ausbildungsangebot attraktiv und international zu gestalten.

Die drei Botschaften der Arbeitsgruppe 4:

  1. Attraktivität braucht Sichtbarkeit, damit der Mehrwert klar und deutlich wird.
  2. Internationalisierung braucht kompetente Partner – nicht nur im Ausland.
  3. Der "Europagedanke" bei den KMU muss intensiviert werden, um sie für Internationalisierungsangebote zu gewinnen.

Abschlussdiskussion

In der abschließenden Podiumsdiskussion zur Perspektive der Internationalisierung wurde deutlich, dass einerseits alle Beteiligten die bisher realisierten Schritte der internationalen Öffnung der Berufsbildung begrüßen. Gleichzeitig wurden diese Schritte angesichts der aufgezeigten Entwicklungen als nicht ausreichend beurteilt.

Der von Prof. Esser am ersten Tag unterbreitete Vorschlag, ein gemeinsames Verständnis und einen bundeseinheitlichen Standard internationaler Berufskompetenz zu entwickeln, fand die Zustimmung der Beteiligten. Die Möglichkeit, auf dieser Grundlage Wahl- oder Zusatzqualifikationen internationaler Berufskompetenz zu entwickeln, wurde als zu diskutierende Option bewertet. Es wurde deutlich, dass den Sozialpartnern hier eine Beteiligung im Einzelfall wichtig ist und bedarfsorientiert vorgegangen werden muss. Mehrfach betont wurde die Rolle des Berufsbildungspersonals, ohne das eine internationale Öffnung des Systems nicht gelingen könne.

Politische Signale für mehr Auslandsaufenthalte

Thomas Sondermann, BMBF (© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl)

Die Schlussfolgerungen aus der Fachtagung zog Thomas Sondermann, Leiter der Unterabteilung Berufliche Bildung des BMBF. Erst im Jahr 2005 seien Auslandsaufenthalte explizit in das Gesetz mit aufgenommen worden. Dies habe einerseits Rechtssicherheit geschaffen, politisch sei es aber vor allem ein Signal für mehr Auslandsaufenthalte gewesen. Dieses Signal habe ein erfreulich breites Echo gefunden. Angesichts der hohen und wachsenden Zahl an Auslandsaufenthalten in der Berufsbildung und der neuen Herausforderungen würden sich heute neue Aufgaben stellen.

Ein übergreifendes Verständnis internationaler Berufskompetenz einschließlich eines Standards auf Bundesebene sei hilfreich, um zwei sich abzeichnende Aufgaben anzugehen:

  • Einerseits solle geklärt werden, wie in den einzelnen Ausbildungsordnungen die internationalen Anforderungen bei Bedarf stärker berücksichtigt werden könnten.
  • Da sich diese Entwicklung immer an Mindeststandards orientieren würde, wäre darüber hinaus zu prüfen, ob es in ausgewählten Berufen den Bedarf gäbe, Wahl- oder Zusatzqualifikationen zu schaffen. An der dazu notwendigen Diskussion und Meinungsbildung würden selbstverständlich alle beteiligt.

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© NA beim BIBB / Sylvie Weisshäupl