„Die große Gastfreundschaft hat uns überrascht“ - Schulen der „Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel“ bauen das Angebot von ERASMUS-Praktika aus

„Als mich der Bus in Finnland mitten im Nichts absetzte, war ich schon skeptisch. Und als ich dann mein winziges Zimmer in dieser abgelegenen Siedlung sah, wollte ich anfangs nur nach Hause“, sagt Sophia Ruhe. Die 20-Jährige Schülerin des nordrhein-westfälischen Berufskollegs Bergkloster Bestwig absolvierte über das europäische Programm ERASMUS+ ein vierwöchiges Auslandspraktikum in einer anthroposophischen Einrichtung mit behinderten Kindern und Jugendlichen mitten in der skandinavischen Taiga. Am ersten Tag ging es ihr wie vielen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler, die in sechs europäische Länder aufgebrochen waren. Aber am letzten wahrscheinlich auch. „Denn da“, sagt Sophia, „wollte ich gar nicht zurück. Ich habe Erfahrungen gesammelt, die mir ein Leben lang nutzen werden.“

November 2018, Ulrich Bock

Seit 2012 bietet das Berufskolleg Bergkloster Bestwig diese Auslandspraktika an. Über das damalige Leonardo-da-Vinci-Programm wurden zunächst zehn Schülerinnen und Schüler entsendet. 2013 folgten 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, und 2014 wurde ein Antrag für das Programm Erasmus Plus über eine Laufzeit von zwölf Monaten und mit 40 sogenannten „Mobilitäten“ für Lernende und weiteren vier für Bildungspersonal beantragt. Seit 2015 vermittelt die Schule etwa 60 Praktika mit einer Aufenthaltsdauer von vier Wochen bis zu sechs Monaten.

Inzwischen kann die Einrichtung allen Schülerinnen und Schülern ihrer Berufsfachschule und ihrer Ausbildungsgänge ein solches Praktikum zusagen. „Und das wird rege genutzt“, sagt die zuständige Fachlehrerin Irmhild Padberg. Die Aussicht auf diesen vierwöchigen Auslandseinsatz sei für viele Jugendliche und junge Erwachsene zu einem ausschlaggebenden Argument geworden, sich für eine Ausbildung am Berufskolleg Bergkloster Bestwig zu entscheiden.

Auslandspraktikum ist wichtiger Baustein des Konzepts

Diese Schule gehört zum Verbund der privaten, anerkannten Bildungseinrichtungen der Ordensgemeinschaft Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP). Dazu gehören auch das Placida-Viel-Berufskolleg in Menden und die berufsbildende Schule Bergschule St. Elisabeth in Heiligenstadt, die diese Praktika ebenfalls seit mehreren Jahren anbieten. Das Berufskolleg Canisiusstift in Ahaus startet damit im neuen Schuljahr 2018/2019. Im Frühjahr 2018 haben 75 Auszubildende aus Bestwig, 13 aus Menden und fünf aus Heiligenstadt ein Auslandspraktikum absolviert. In diesem Herbst wird der Verbund für sein Engagement von der Nationalen Agentur Bildung für Europa mit der Mobilitätscharta für die Berufsbildung ausgezeichnet.

„Mittlerweile ist dieses Auslandspraktikum ein wichtiger Baustein in unserem Konzept einer umfassenden Berufs- und Studienorientierung“, sagt Irmhild Padberg. Neben Berufserfahrungen in den Einrichtungen biete es den Teilnehmenden ein Verständnis der jeweiligen Kulturkreise. „Toleranz, Weltläufigkeit, Persönlichkeit und Verantwortungsübernahme können somit schon während der Ausbildung erfahren und eingeübt werden“, weiß die Pädagogin zu schätzen.

Bisher konnten die Schülerinnen und Schüler unter anderem Praktika in Dänemark, Finnland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Malta, Italien, den Niederlanden, Österreich, Polen und Spanien absolvieren. Die Akquise von Praktikumsstellen erfolgt über Kontakte zu europäischen Partnern, Webseiten sozialer Einrichtungen, die Industrie- und Handelskammer und auch den regelmäßigen Austausch mit dem Team der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel, das die „Missionare auf Zeit“ begleitet, die für ein Jahr – meist ins außereuropäische – Ausland gehen.
Die Betreuung der Auslandspraktikanten ist durch bilaterale Vereinbarungen sichergestellt. Zudem gibt es eine Internet-Plattform, bei der sich Schülerinnen und Schüler untereinander und mit den betreuenden Lehrkräften regelmäßig berichten, austauschen und beraten. Die Anzahl der Praktikumsbesuche orientiert sich an der Anzahl der beantragten Plätze für Bildungspersonal im Einvernehmen mit dem Schulträger.

Viele positive Erfahrungen

Die Erfahrungen  der Schülerinnen und Schüler ermutigen die SMMP-Schulen, das Angebot fortzusetzen und weiter auszubauen. „Ich kann mir jetzt auch vorstellen, nach meiner Berufsausbildung ins Ausland zu gehen“, sagt zum Beispiel Lukas Scheffer vom Berufskolleg Bergkloster Bestwig. Der 18-Jährige war mit zwei Mitschülern aus dem Bildungsgang für Gestaltungstechnische Assistenten in Irland: „Da besuchten wir eine Schule, in der viele Austauschschüler lebten. Die meisten für ein ganzes Jahr.“ Den Alltag in dieser Schule haben die drei Berufsschüler aus Bestwig in einer Videodokumentation festgehalten. Dafür haben sie die Story entwickelt und die Dreharbeiten organisiert.

Philipp Spies und Jonas Bathen verbrachten sechs Wochen in einem Kinderheim der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel in Rumänien. Dort halfen sie bei der Betreuung: von der Hausaufgabenhilfe über die gemeinsame Arbeit im Garten bis zum Fußballspielen. „Natürlich war die Sprache eine Herausforderung“, erklärt Philipp. „Aber da die Schwestern Deutsch sprechen und die Kinder sehr offen sind, hat das irgendwie funktioniert“, so der 19-Jährige, der in Bestwig die höhere Berufs-fachschule mit Schwerpunkt Gesundheit und Soziales besucht. Positiv überrascht hat die beiden vor allem die Gastfreundschaft der Menschen. Diese Erfahrung haben alle Schüler in den verschiedenen Ländern gemacht.

„Für mich war das eine Erfahrung fürs Leben. Und vor allem eine Zeit, die hilft, selbstständig zu werden“, erklärt Lisa Marie Bartsch. Die 17-Jährige Schülerin aus der Berufsfachschule mit Schwerpunkt Gesundheit und Soziales absolvierte ihr Praktikum in einem großen, deutschsprachigen Kindergarten in Barcelona. „Dort wurden wir mit offenen Armen empfangen. Wir haben sogar mit unserem Chef zusammen gegrillt“, berichtet sie begeistert von dem positiven Umgang miteinander. Und Sophia Ruhe wurde nach ihrem Auslandsaufenthalt in Finnland sogar ein längeres Praktikum nach ihrer Schulzeit angeboten. „Diese Einladung will ich gerne annehmen“, sagt die Absolventin der höheren Berufsfachschule. Am ersten Tag, als sie dort „mitten im Nichts“ ankam, hätte sie das nicht für möglich gehalten.