EU-Kommissar Navracsics (im Bild rechts) vor Ort in der August-Sander-Schule (Foto: Heike Niemeier)

Europa zu Gast an Berliner Berufsschule - EU-Kommissar Tibor Navracsics besucht das Projekt "Motivation durch Mobilität"

Am 24. Januar 2017 fand in Berlin der Festakt „30 Jahre Europäische Zusammenarbeit in der Bildung“ statt. Tibor Navracsics, EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, lieferte dazu einen Impulsvortrag, bevor er am Nachmittag zur August-Sander-Schule in Kreuzberg-Friedrichshain aufbrach. Hier besuchte Navracsics das über Erasmus+ geförderte Projekt „Motivation durch Mobilität“, das benachteiligte Jugendliche in ihrer beruflichen Ausbildung unterstützt und so Ausbildungsabbrüche vermeiden hilft. Initiator des Projekts ist der Katholische Jugendhaus Ludwig Wolker Haus e.V. (LWH), ein anerkannter freier Träger im Bereich internationale Jugendarbeit.

Februar 2017, von Manfred Kasper

„Mit unserem Projekt wollen wir uns für mehr Chancengleichheit einsetzen und allen Jugendlichen einen Zugang zu Bildung und Mobilität ermöglichen“, betont Renate Krekeler-Koch, Projektreferentin des LWH. Ziel des inklusiven Ansatzes sei es, durch berufliche Auslandserfahrung das Selbstvertrauen und die Kompetenzen der Auszubildenden zu stärken, die häufig aus sozial benachteiligten Familien stammen. Sie alle absolvieren an der August-Sander-Schule eine zweijährige, voll schulische Ausbildung zum Sozialassistenten bzw. zur Sozialassistentin.

Zur Dokumentation ihrer neuen Fähigkeiten wurde den Jugendlichen von EU-Kommissar Navracsics der Europass Mobilität ausgehändigt. (Foto: Heike Niemeier)

Gemeinsam mit der Berufsschule führt der LWH seit November 2015 jeweils 30-tägige Auslandspraktika in Finnland, Großbritannien, Island und den Niederlanden durch. Dabei ist der Name des Projekts Programm, denn über die Arbeit in den dortigen Partnerbetrieben lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine für sie völlig neue Welt kennen, und das nicht nur geographisch. „Die Motivation der jungen Leute liegt nicht nur darin, einmal ins Ausland zu gehen. Vielmehr geht es darum, sich zu öffnen, neue Dinge zuzulassen sowie sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten besser kennenzulernen“, unterstreicht Krekeler-Koch. Sie glaubt, dass auf diese Art und Weise zugleich der Blick für die eigene Zukunftsgestaltung geweitet werde.

So auch bei den Praktika im November 2016, in deren Rahmen insgesamt sieben Berliner Azubis ins westfinnische Ekenäs und ins isländische Akureyri fuhren. Vor Ort arbeiten die jungen Leute beispielsweise in Kindertagesstätten – eine doppelte Herausforderung, wie Krekeler-Koch findet, zumal die betreuten Kinder kein Englisch sprechen. Daher wurde eigens ein Sprachkurs organisiert, um die für die Arbeit notwendigen Fachbegriffe in der jeweiligen Landessprache zu vermitteln.

Katholisches Jugendhaus als Impulsgeber

„Das Interesse der Auszubildenden an den Projekten ist zumindest anfangs sehr groß“, berichtet die Pädagogin, räumt jedoch ein, dass es auch viele Ängste gebe, es dann wirklich zu machen. Hier gelte es, Mechanismen zu entwickeln, um die Jugendlichen noch besser zu begleiten. Das Zauberwort heißt Vertrauen. Denn Krekeler-Koch ist sich sicher, dass die Zielgruppe von „Motivation durch Mobilität“ mehr Unterstützung brauche als die anderer Maßnahmen. Daher bedürfe es einer besonderen Betreuung seitens der Projektträger. Sie selbst verbringe in der Vorbereitung ganze Wochenenden mit den Azubis, um diesen mehr Sicherheit mit auf den Weg zu geben.

Ein Teil der Vorbereitung ist das speziell entwickelte Tool „biografischer Link“, eine Art Selbstreflektion, die den Jugendlichen hilft, sich über persönliche Stärken, Schwächen und Wünsche klar zu werden. Derart niederschwellige Zugänge tragen dazu bei, dass die oftmals vorhandenen Hemmschwellen überwunden werden, schließlich geht es für viele zum ersten Mal überhaupt ins Ausland. Umso beeindruckender ist es für sie, wie sie in den Gastländern aufgenommen werden und welche Wertschätzung ihnen dort entgegengebracht wird. Hinzu kommt, dass sie inmitten des nordischen Winters Naturgewalten erleben, die ihnen bis dato kaum vorstellbar schienen.

EU-Kommissar Navracsics (Mitte) mit Jugendlichen, die an dem Projekt teilgenommen haben. (Foto: Heike Niemeier)

Auch wenn Krekeler-Koch sich manchmal ein wenig mehr Unternehmenslust seitens der jungen Leute wünscht, ist sie mehr als zufrieden mit dem, was das Projekt bisher erreicht hat. So erzählt sie von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die den Sprung aus der Sozialassistentenausbildung in die Erzieherlaufbahn geschafft haben. Dem Enthusiasmus aus dem Praktikum misst sie hierbei eine hohe Bedeutung zu. Er habe sowohl das Selbstvertrauen als auch die Fähigkeiten der Jugendlichen enorm gesteigert und so deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert.

Der Katholische Jugendhaus Ludwig Wolker Haus e.V. sieht sich in diesem Kontext als Impulsgeber, dessen Motivation es ist, Begegnungen zu ermöglichen und Menschen zusammenzubringen, damit diese sich weiterentwickeln können. Renate Krekeler-Koch möchte künftig weitere Berufsschulen für die europäische Mobilität gewinnen, stets mit dem Ziel, benachteiligte Jugendliche besser in internationale Projekte einzubinden. Ein Gedanke, von dem letztlich auch die Schulen profitieren, denn die Internationalisierung macht die berufliche Ausbildung insgesamt attraktiver.