Norwegische Inspiration für ostwestfälische Kindergärten - Erzieherinnen aus der Region Hameln-Pyrmont besuchen in Norwegen Kindertagesstätten mit „besonderen Konzepten"

Oktober 2018, Christina Budde

Aufwärmen in der Jurte

Sieben Grad minus, es ist März, aber immer noch liegt der Schnee schwer auf den Zweigen der Bäume. Elf dick vermummte Frauen stapfen zu Fuß hinter fröhlich-plappernden Kindern und ihren Erziehern auf Langlaufskiern her. Ihr Ziel: eine Jurte im Wald. Dort können sich die Kinder am Holzofen aufwärmen. Der Winter in Norwegen dauert lange und ist eisig und doch sind die Kinder bei Wind und Wetter draußen. Sie sitzen auf großen Schneebällen, trinken warmen Tee aus mitgebrachten Thermoskannen und lernen die Natur, das Wetter und ihre Körperreaktion darauf kennen. Gespielt wird mit dem, was da ist, zusätzliches Spielzeug gibt es keines. „Guck mal, da sind drei Rindenhölzchen. Und jetzt mach mal die Augen zu.“ sagt die Erzieherin zu einem Kind. Sie legt ein Hölzchen hinzu und bittet das Kind, die Augen zu öffnen und zu sagen, was sie gemacht hat.

Auf hohe Bäume klettern ist erlaubt

Erzieherinnen aus der Region Hameln-Pyrmont

„Ganz einfach und doch eine schöne Übung für die Wahrnehmung“, sagt Annette Kessler. Es wird später auch auf dem Tablett „gegoogelt“, um was für ein Rindenhölzchen es sich handelt. Digitale Medien würden selbstverständlicher als in Deutschland eingesetzt. Doch erst mal steht die sinnliche Erfahrung in der Natur im Vordergrund.

Kessler und ihre mitgereisten Kolleginnen aus der Region Hameln-Pyrmont sind beeindruckt von dem, was in Norwegen anders und aus ihrer Sicht besser in der Kindergartenpädagogik läuft. Man traue den Kindern mehr zu. Auch risikovolleres Spielen sei erlaubt, zum Beispiel wenn die Kinder hoch in die Bäume kletterten. So lernten sie schon früh selbstbewusst und eigenständig durchs Leben zu gehen. „Einer der Effekte des Waldkindergartens ist, dass sie in der Schule viel konzentrierter als die Kinder bei uns sind“ sagt Kessler.

„Oma, nimm den Arm höher.“

Kinder und Erzieherinnen auf dem Weg in den Wald

Kessler ist Lehrerin an der Elisabeth-Selbert-Schule in Hameln, einer berufsbildenden Schule  u.a. für Sozialpädagogik. Sie hat die Reise für sieben Erzieherinnen, zwei Kindergartenleiterinnen, eine Jugendamtsmitarbeiterin und sich initiiert. Alle sind als so genannte Praxisanleiterinnen aus vielen Bewerbungen ausgewählt worden, damit sie ihre neuen Erfahrungen und ihr Wissen in die Ausbildung zukünftiger Erzieherinnen und Erzieher weitergeben können.

Das Motto der einwöchigen Reise: vier Kindertagesstätten mit „besonderen“ Konzepten in Trondheim/ Norwegen kennenzulernen und neue Impulse für die Ausbildung angehender Erzieher und Erzieherinnen zu bekommen. Dazu gehörte u.a. eine Einrichtung, die eng mit einer „Helsestasjon“, einer Gesundheitsstation, im eigenen Haus kooperiert. Das bedeutet: ohne Termine direkte Hilfe bei allen Gesundheitsfragen zu bekommen, ganz gleich, ob ein Kind Einlagen braucht oder eine Beratung, weil es entwicklungsverzögert erscheint. Oder ein Kindergarten im Altersheim. Nicht nur „Montags singen wir zusammen“, beschreibt Kessler, sondern Alt und Jung seien ständig zusammen. Sie machen zum Beispiel zusammen Gymnastik, bei der auch schon mal ein Kind bemerkt: „Oma, nimm den Arm höher“ oder eine alte Dame ein weinendes Kind im Wäschekorb schaukelt und liebevoll tröstet.

Nicht nur „Basteltanten“

Was Martina Ikes, mitgereiste Erzieherin und Praxisanleiterin eines Evangelischen Kindergartens in Hameln auch aufgefallen ist: „In Norwegen haben Erzieherinnen und Erzieher ein höheres Ansehen bei den Eltern. Hier sind wir oft nur die Basteltanten“. Dort werde das Fachwissen der Erzieher stärker akzeptiert. Ikes und ihre Kolleginnen sind begeistert von ihrem Aufenthalt im hohen Norden. „Eine tolle Mischung aus Angucken und Reflektieren“, sagt sie. Die Anregungen und Ideen hat Ikes gleich zu Hause bei den Dienstbesprechungen vorgestellt. Jetzt werden für das kommende Jahr Waldwochen geplant. Auf diese Weise können die Schülerinnen und Schüler der Elisabeth-Selbert-Schule  gut an Naturerfahrungen mit den Kindern herangeführt werden.

Austausch heißt Nehmen und Geben

Austausch mit den norwegischen Kolleginnen

Sie hätten noch viel mehr Anregungen mitgenommen, sagen die Erzieherinnen und sich unentwegt mit den Kolleginnen ausgetauscht. Sie zählen auf: auf Kinder noch individueller einzugehen, ein stärkerer und selbstbewussterer Austausch mit den Eltern. Dies ist auch wertvolles Wissen für die Ausbildung zukünftiger Erzieher/-innen. Und überhaupt: Die eigene Einrichtung auf Englisch bei den Norwegern präsentieren: Das stärkt das Selbstbewusstsein und Fremdsprachenkompetenzen.

Auch die Fachschule selbst habe profitiert, beschreibt Annette Kessler. So würden nun Kinder aus kooperierenden Einrichtungen mehr in den Unterricht einbezogen und können zum Beispiel bei einem Krippenkinder-Fest in der Schule Rückmeldung zu  von den Schülern entwickelten Angeboten geben. Auch in Zukunft wollen die Elisabeth-Selbert-Schule und Kindergärten in der Region stärker kooperieren und gemeinsam neue Impulse für die Ausbildung angehender Erzieher/-innen entwickeln.

„Wir haben aber auch Ideen in Trondheim gelassen, etwa Ideen zur Umsetzung von Kreisspielen und Konzeptideen für die offene Arbeit“, betont Annette Kessler.

Kessler, die schon als Kind vom „Norwegen-Virus“ befallen war, ist sicher: „Wir fahren wieder hin.“ Kein Wunder, dass ihre Begeisterung auf alle Mitreisenden abgefärbt hat.