Gruppenfoto von jungen Azubis
© Franziska Briem

Schwäbisch-spanische Freundschaft

Dass junge Leute während der Ausbildung für ein Praktikum ins europäische Ausland gehen, ist mittlerweile fast schon zur Normalität geworden. Selten hingegen verbringen sie einen ganzen Abschnitt ihrer Ausbildung dort. Genau hier setzt das Projekt "Deutsch-spanische Logistikausbildung" an, in dessen Rahmen die Kaufmännische Schule 1 (KS 1) in Stuttgart zwischen Juni 2013 und Mai 2015 angehende Speditionskaufleute für mehrere Monate nach Barcelona und Madrid schickte. Basis ist ein Kooperationsvertrag zwischen der Schule und den spanischen Partnern.

Oktober 2015, von Manfred Kasper

"Unser Ziel ist es, die Ausbildungsgänge zu europäisieren und das duale System der Berufsausbildung zu stärken", betont Uwe Peleikis, stellvertretender Schulleiter der KS 1. Dabei besteht die Möglichkeit, duale Ausbildungsgänge im Ausland zu absolvieren, europaweit nur an den FEDA-Schulen in Barcelona und Madrid. Beide sind staatlich anerkannte deutsche Berufsbildungszentren, an denen nach deutschem Lehrplan gelehrt wird. Ausgebildet werden hier schwerpunktmäßig Logistik- und Speditionskaufleute; die Unterrichtssprache ist Deutsch, wobei wahlweise auch spanische Blöcke möglich sind. Im Projektzeitraum nutzten insgesamt zwölf Azubis aus Stuttgart die Chance, einen Teil ihrer Ausbildung dort zu verbringen. Der Aufenthalt teilte sich in einen Berufsschulblock und einen Praxisteil bei Unternehmen vor Ort, die Lehrpläne wurden zuvor entsprechend abgeglichen.

Da die Zeit im Ausland erheblich länger ist als bei anderen Austauschprojekten, legt Peleikis großen Wert darauf, die Auszubildenden gut vorzubereiten. Gemeinsam mit den beteiligten Betrieben versucht er, sie möglichst frühzeitig an das "Abenteuer Spanien" heranzuführen. Zum Beispiel die heute 21-jährige Franziska Briem, die ihre Ausbildung im elterlichen Betrieb gemacht hat und immer schon davon geträumt hatte, einmal für eine Zeit nach Spanien zu gehen, um dort – wie sie selbst sagt – "ihren beruflichen Werdegang zu bereichern". Im September 2014 war es soweit.

"Ich habe mich sowohl im Betrieb als auch in der Schule absolut wohl gefühlt", erzählt sie rückblickend. Und sie ergänzt: "Die drei Monate haben nicht nur meinen Horizont erweitert, sie haben mir auch fachlich viel gebracht". Zum Beispiel die Erfahrungen bei Logwin Solutions, einem Logistikunternehmen, das seit 25 Jahren in Spanien präsent ist. Franziska Briem beeindruckte hier vor allem die Offenheit, mit der man ihr begegnete, zudem hat sie Anregungen mitgebracht, die sie gerne im heimischen Betrieb gerne einbringen will. Nach dem Ende ihrer Ausbildung hat sie Anfang Oktober ein Studium begonnen, in dessen Rahmen sie noch einmal nach Spanien gehen möchte, um später mit ihrem Bruder die elterliche Spedition zu übernehmen.

Das Abenteuer Ausland macht die berufliche Bildung attraktiver

Bei Marius Mühlbauer, der Ende 2014 für vier Monate in Barcelona war, ging die Initiative für den Auslandsaufenthalt vom Unternehmen aus. Der damals 20-Jährige hat seine Ausbildung zum Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung bei Kühne + Nagel – eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen der Logistikbranche – durchlaufen, wo er seit Juli 2015 auch fest arbeitet. Die Möglichkeit, nach Spanien zu gehen, hatte ihn zunächst kaum interessiert, zumal er zu Beginn der Ausbildung noch nicht volljährig war. Als er dann erfuhr, dass der Betrieb ihn vorgeschlagen hatte und er sogar ausgewählt worden war, war er eher skeptisch, ob er das wirklich schaffen würde. Schließlich war es für ihn das erste Mal, dass er alleine für eine lange Zeit weg von zuhause sein sollte.

Marius Mühlbauer hat die Herausforderung gemeistert, vom Abenteuer Wohnungssuche, das er als "die nervenaufreibendste Zeit in seinem bisherigen Leben" in Erinnerung behalten hat, über die Zeit in Schule und Betrieb bis zur Rückkehr in seinen Heimatort, bei der die Mutter ihn mit dem Satz empfing: "Marius, jetzt bist Du wirklich erwachsen geworden!" In Spanien habe er gelernt, Entscheidungen zu treffen, erzählt Mühlbauer, der vor allem die Zeit in der FEDA als sehr anspruchsvoll empfand, ähnlich übrigens wie Franziska Briem. Beide betonen die Effizienz des Lernens in relativ kleinen Klassen und das Pensum, das sie dort bewältigt haben. Franziska Briem war davon so überzeugt, dass sie die in Spanien behandelten Themen sogar für ihre Abschlussprüfung in Stuttgart gewählt hat.

"Das Besondere ist für mich immer wieder der Schritt, den die Schülerinnen und Schüler persönlich wie beruflich machen, wenn sie an dem Programm teilnehmen", unterstreicht Uwe Peleikis. Er ist davon überzeugt, dass es genau solche Ansätze brauche, um die Attraktivität der beruflichen Bildung zu erhöhen. Das gelte insbesondere für Berufe wie den der Kaufleute für Spedition und Logistikdienstleistung, denn die Logistikbranche sei ein internationales Geschäft, das nach internationalen Kompetenzen verlange.