Aus dem Schatten ins Licht

Junge Menschen, die Angehörige pflegen, tun dies oft versteckt. In der Schule und ihrem sonstigen sozialen Umfeld bekommt in der Regel niemand etwas von ihrer Situation mit. Durch die große Belastung laufen sie Gefahr, den Einstieg in einen qualifizierten Job und den Arbeitsmarkt zu verpassen. Das europäische Projekt ToYAC will ihnen helfen - mit konkreten Entlastungs- und Unterstützungsangeboten.

03.03.2016, von Christina Budde

zwei junge Frauen
Laura und Shannon haben sich auf dem Workshop in Schottland kennengelernt und gemerkt, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind. (Foto: Hanneli Döhner/ wir pflegen e.V., Berlin)

Heute kann sie darüber sprechen, heute weiß sie, dass sie nicht allein ist. Laura kann endlich davon erzählen, dass sie, seit sie 17 war, sieben lange Jahre im Stillen zu Hause ihre Mutter gepflegt hat. Ohne dass jemand außerhalb der engsten Familie Bescheid wusste.

"Es war eine glückliche Fügung, dass ich über drei Ecken Hanneli Döhner getroffen und das Projekt ToYAC kennengelernt habe“, sagt Laura. ToYAC ist ein europäisches Projekt mit Partnern aus fünf Ländern und ist vom gemeinnützigen Verein "wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e.V." unter Leitung von Dr. Hanneli Döhner koordiniert worden. Durch ToYAC hat Laura auf einem Workshop in Schottland andere junge Pflegende kennengelernt und erleichtert gemerkt: Sie haben ähnliche Geschichten wie sie selbst erlebt. "Die sechzehnjährige Shannon zum Beispiel musste bitterlich weinen, als sie erzählt hat, dass sie schon als kleines Kind mit fünf Jahren ihre erblindeten Eltern betreut hat. Das sitzt tief."

"Man kann doch seine Mutter nicht im Stich lassen" – Die Situation junger pflegender Angehöriger

"Als ich damals vor 11 Jahren nach Hause kam und meine Mutter fand, war plötzlich nichts mehr wie vorher. Sie hatte einen schweren Schlaganfall gehabt, eine linksseitige Lähmung, Wahrnehmungsstörungen und noch viel mehr. Da war sie erst 47 und schämte sich sehr für ihre Krankheit. Auch, wenn sie rein gar nichts dafür konnte. Sie wollte partout keine Pflege von außen. Wir lebten allein, mein Bruder, meine Mutter und ich. Da bringt man es doch nicht über’s Herz, seine eigene Mutter im Stich zu lassen. Ich war 17 und gerade mit der 10. Klasse fertig. Nie hat jemand gefragt, ob es richtig ist, dass ein minderjähriges Mädchen die Pflege übernimmt – auch nicht der Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Wir haben 200 Euro Pflegegeld bekommen – das war’s."

Was Laura beschreibt, sei typisch für die Situation junger pflegender Menschen, sagt Dr. Hanneli Döhner vom Projekt ToYAC. Wie selbstverständlich betreuen sie Eltern oder Geschwister, helfen ihnen beim Anziehen und Waschen, kaufen ein, machen den Haushalt und sind Gesprächspartner für die Erkrankten. Die familiären Rollen werden neu verteilt. Der oder die erkrankte Angehörige hat ein schlechtes Gewissen, dennoch bleibt ihnen – mangels Alternativen - oft nichts anderes übrig, als die Hilfen anzunehmen. Nach außen dringt nichts, denn die Angst, dass das Jugendamt und andere Behörden die Familie auseinander reißen, ist groß – ob begründet oder nicht.

Mit ihren Aufgaben sind die jungen Pflegenden deshalb allein. Statt mit Freundinnen und Freunden zu spielen oder auszugehen, Spaß zu haben und unbeschwert zu sein, übernehmen sie Verantwortung. Oft zu viel davon. Mit der Folge, dass Schule und Ausbildung leiden, dass die Last auf den Schultern manchmal so schwer wird, dass Depressionen drohen. Weil es einfach nicht "cool" ist, mit Gleichaltrigen über die Belastungen zu sprechen, kapseln sich die Jugendlichen ab. "Mein soziales Umfeld hat sich sehr verkleinert", bestätigt auch Laura.

Aus dem Schatten ins Licht - Das Projekt ToYAC

Das alles soll anders werden. "Wir wollen mehr Aufmerksamkeit für die jungen Pflegenden. Sie leben und pflegen versteckt und ohne, dass ihre Schule und andere etwas von ihrer Situation mitbekommen. Sie sind belastet und verletzlich und laufen Gefahr, den Einstieg in einen qualifizierten Job und den Arbeitsmarkt zu verpassen. Deshalb wollen wir konkrete Entlastungs- und Unterstützungsangebote für sie schaffen." So beschreibt Hanneli Döhner die Ziele des Projektes ToYAC. Deutschland könne von anderen europäischen Ländern lernen, sagt die Projektkoordinatorin. Deshalb sei die Lernpartnerschaft mit den Projektpartnern aus fünf europäischen Ländern sehr hilfreich. Während in Deutschland noch nicht einmal genaue Zahlen existieren, wie viele junge Menschen ihre Angehörigen pflegen und kaum Forschung über ihre Situation, sind z.B Schottland, Irland und die Niederlande weiter. Dort gibt es bereits Angebote, wie etwa Jugendclubs extra für diese Zielgruppe mit Gruppenangeboten, Beratung, Projekten zur politischen Mitbestimmung und ein jährliches Young Carers Festival. Darüber hinaus gibt es auch staatliche Anreize für Arbeitgeberinnen und -arbeitgeber, pflegende Auszubildende einzustellen.

Auch Laura findet: "Man braucht Anlaufstellen, wo man reden und sich aussprechen kann, damit man einen Raum zum Ausruhen hat. Und ein Minimum an finanzieller Unterstützung, um seine Ausbildung in Ruhe machen zu können."

Schulen und das Umfeld zu sensibilisieren und die Forschung zum Thema anzuregen, das kann man am besten mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit. ToYAC hat deshalb Postkarten gedruckt, eine Website gestaltet, ein Handbuch geschrieben und mehrere Workshops mit den internationalen Projektpartnern veranstaltet, um von den Beispielen guter Praxis zu lernen. Aus dem Projekt ist jetzt eine ständige AG des Vereins "wir pflegen" hervorgegangen: JUMP – Junge Menschen mit Pflegeverantwortung, die offen für weitere Interessetierte ist, – die Zusammenarbeit mit anderen Initiativen wird angestrebt. Zurzeit wird ein länderübergreifendes Fortsetzungsprojekt geplant. Ein europäischer Workshop zum Austausch über gute Praxis in verschiedenen Ländern findet im Februar 2016 in Hamburg statt.

"Ich will Anderen Mut machen"

Laura ist heute 28 Jahre alt und noch immer eine wichtige Stütze für ihre Mutter, der es mittlerweile besser geht. Sie hat mit 22 ihr Abitur nachgeholt und eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht, auch "wenn es kein Zuckerschlecken war", wie sie sagt. In der AG JUMP engagiert sie sich als betroffene "Expertin" und redet offen über ihre Erfahrungen.

Viele pflegende junge Menschen können das noch nicht. "Aber es lohnt sich", sagt Laura. Man fühle sich weniger allein. "Außerdem wird einem bewusst: Man hat auch viel gelernt. Geduld zum Beispiel, sich in andere Menschen einzufühlen, Belastungen besser zu bewältigen und die Fähigkeit, selbständig Probleme zu lösen". Fähigkeiten, die im Beruf wie im gesamten Leben weiterhelfen. Sie müssen nur gesehen werden.