Kann Europa mein Zuhause sein?

Europa ist ein wichtiges Thema für die Gesellschaft für Arbeit und Soziales e.V. (Gefas). Bereits seit mehreren Jahren organisiert die Gefas europäische Projekte mit Partnerorganisationen in Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik. Ihr Ziel: Auch sozial benachteiligte Menschen für Europa begeistern und von europäischen Partnerländern lernen.

23.11.2015, von Julia Göhring

Fachbereichsleiterin Planung – Entwicklung – Kontrolle: so lautet die offizielle Stellenbezeichnung von Gabriele Henschke bei der Gesellschaft für Arbeit und Soziales e. V. (GefAS) in Fürstenwalde. Hinter dem nüchternen Titel steckt eine vielschichtige, ambitionierte Aufgabe - und vier Länder, vier Vereine, vier Sprachen und Menschen, die über diese Grenzen hinweg voneinander lernen wollen.

Gabriele Henschke leitet seit 2009 die europäische Projektarbeit der GefAS im Bereich Erwachsenenbildung; zur Zeit führt der Verein bereits das vierte Projekt mit europäischen Partnern durch. Dass Europa ein so wichtiges Thema für die GefAS ist, scheint auf den ersten Blick nicht selbstverständlich. Denn die GefAS setzt sich in den grenznahen Regionen nahe Oder und Spree im Osten Deutschlands vor allem für Menschen ein, die "unter komplizierten sozialen Bedingungen leben und ihre Probleme nicht oder nur teilweise selbständig lösen können" wie es auf der Webseite des Vereins heißt. In den Städten Erkner und Fürstenwalde etwa unterhält der Verein Tafeln und Kleiderkammern, beraten Mitarbeitende verschuldete Menschen, betreuen Seniorinnen und Senioren und unterstützen Obdachlose.

Teilhabe an Europa auch sozial benachteiligten Menschen ermöglichen

Ist das Thema Europa für die sozial benachteiligten Klienten der GefAS angesichts ihrer vielfältigen Probleme überhaupt relevant? Für Gabriele Henschke ist klar: "Auch beim Thema Europa geht es um Teilhabe". In ihrem aktuellen Projekt "Zuhause in Europa – interessieren, motivieren, aktivieren" arbeitet die GefAS gemeinsam mit Partnerorganisationen in Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik daran, dieses Ziel zu erreichen. Das Projekt wird mit Mitteln aus Erasmus+ gefördert. In dem anspruchsvollen Vorhaben sollen bis 2016 zwölf Lern-Bausteine zu Themen wie "Kann Europa mein Zuhause sein?" oder "Arbeiten in Europa" entwickelt werden. Gabriele Henschke bekräftigt: "Wir wollen Europa bildungsungewohnten Menschen näher bringen, ihnen einen anderen Blickwinkel ermöglichen - zeigen, dass Europa mehr ist, als zum Zigarettenkaufen nach Polen zu fahren."

Lernen von europäischen Partnervereinen verbessert die Sozialarbeit

Wie viel mehr als günstige Einkäufe das gemeinsame Europa bereit hält, das weiß Gabriele Henschke auch aus eigener Erfahrung. Schließlich ist dies bereits ihr viertes europäisches Projekt; gestartet war die GefAS 2009 bis 2013 zunächst mit zwei Grundtvig Lernpartnerschaften zu den Themen "Europäische Sozialstandards" und "Familie in der heutigen Gesellschaft". In den Projekten tauschten sich Mitarbeitende der GefAS mit polnischen, tschechischen und slowakischen Kollegen und Kolleginnen über die Sozialarbeit ihrer jeweiligen Vereine aus. Den Anstoß zum fachlichen Erfahrungsaustausch gab die Städtepartnerschaft der Stadt Erkner mit dem Ort Gołuchow in Polen. "Wir wollten uns eben nicht nur über die schönen Dinge austauschen" erklärt Gabriele Henschke. "Der Blick über den Tellerrand ist enorm wichtig. So ist zum Beispiel in Polen der Stellenwert der Familie ein anderer. Wir haben viel mitgenommen, etwa was die Arbeit mit Elternkompetenzen anbelangt", erinnert sie sich.

Freiwillige festigen die europäische Partnerschaft der Vereine

Motiviert durch die positiven Erfahrungen des gegenseitigen fachlichen Lernens organisierte Sozialmanagerin Henschke nach Abschluss der Lernpartnerschaften als nächsten Schritt einen Austausch von freiwilligen Helferinnen und Helfern mit dem polnischen Partner. Unter dem Motto "Senioren – bei uns noch gefragt!", besuchten zwischen 2011 und 2014 insgesamt zwölf polnische und deutsche Seniorinnen und Senioren für jeweils drei Wochen die Organisation im anderen Land, um sich dort in die Sozialarbeit einzubringen. Gefördert wurde dies durch das GRUNDVIG Freiwilligen 50+ Programm.

Der Austausch war ein großer Erfolg. Die polnischen Freiwilligen unterstützten während ihres dreiwöchigen Aufenthaltes vor allem die Tafeln in der täglichen Arbeit – und waren begeistert von der Idee, dem Engagement und der konkreten Hilfe für die Bedürftigen. In ihrer Heimat setzen sie sich nun dafür ein, dass ähnliche Angebote eingeführt werden.

Austausch über Grenzen hinweg belebt auch die Arbeit im Heimatort

Die Freiwilligen aus Deutschland halfen in einem Therapiezentrum für Menschen mit Behinderungen, das der polnische Verein betreibt. Sie unterstützten das dortige Team bei der Betreuung der Menschen, leiteten zum Beispiel Garten- oder Haushaltsarbeiten an. "Ich kann noch etwas, ich werde gebraucht" sei für die Freiwilligen eine wichtige Erfahrung gewesen, so Gabriele Henschke. Für die engagierten älteren Menschen bot sich so nicht nur die Chance, ihre sozialen und beruflichen Fähigkeiten in die Arbeit der Vereine einzubringen, sondern auch ihre eigenen interkulturellen Kompetenzen zu entwickeln. "Eine der Teilnehmerinnen war noch nie wirklich aus ihrem Heimatdorf herausgekommen", erzählt Gabriele Henschke, "und nun saß sie in einem Zug nach Deutschland und überquerte zum ersten Mal in ihrem Leben eine Ländergrenze. An diesem Tag war sie schon geschafft. – Aber bereut hat sie es nie!"

Das Engagement der Senioren hatte eine Reihe nachhaltig positiver Folgen – zunächst einmal für die Freiwilligen selbst: Sie schlossen neue Freundschaften, lernten, sich auf Polnisch zu verständigen, gewannen an Selbstbewusstsein. Die positive Energie kam auch dem Verein zugute: in späteren Runden des Austauschprogrammes organisierten ehemalige Teilnehmende die Freizeitgestaltung und die Freiwilligen entwickelten eigene Angebote, etwa einen Kochnachmittag für Kinder bei der Tafelarbeit.

Effekte der europäischen Projektarbeit wirken nachhaltig im Verein

Noch heute engagieren sich viele der ehemaligen Freiwilligen im Verein und nehmen an GefAS Veranstaltungen teil. Der Polnisch-Sprachkurs gehört mittlerweile zum festen Programm der GefAS. Eine Freiwillige wurde als Vertreterin der GefAS sogar als Mitglied in den Seniorenbeirat von Erkner berufen. Für Kinder aus sozialschwachen Familien gibt es jedes Jahr ein Feriencamp in Polen. Und der Vorstand der GefAS, Siegfried Unger, erhielt für sein Engagement die polnische Auszeichnung "Spoko Senior" (zu Deutsch etwa „Agiler/Cooler Senior“). Die Auszeichnung überreichte der Bürgermeister der Gemeinde Gołuchow, Herrn Zdunek. Siegfried Unger ist der erste Ausländer, dem diese Ehrung zuteil wurde.

Für Gabriele Henschke ergab sich aus der Arbeit mit den Freiwilligen eine neue Projekt-Idee, die in das aktuelle Projekt "Zuhause in Europa – interessieren, motivieren, aktivieren" mündete. In den begleitenden Gesprächsrunden zum Freiwilligenprojekt hatte sich eine Erfahrung aus der Alltagspraxis des Vereins gespiegelt: Sozial benachteiligte Menschen, etwa Bürgerinnen und Bürger ohne Schul- oder Berufsausbildung, ohne Arbeit oder Perspektive interessieren sich nicht für Europa und haben kaum Kenntnisse über die EU und ihre Einrichtungen. Eine Umfrage der am Projekt beteiligten Vereine im Vorfeld der Europawahl bestätigte dies erneut.