Voices in Pictures: Mit Bildern Fremdsprachen lernen

Bilder sprechen eine Sprache, die alle Menschen verstehen – auch dann, wenn sie die Bildinhalte aufgrund ihrer kulturellen Herkunft unterschiedlich bewerten. Auf diesen Grundgedanken setzt die VHS Olching im Fremdsprachen-Unterricht. Zusammen mit europäischen Partnern haben sie im Projekt "Voices in Pictures" Bilder gesammelt und für den Unterricht aufbereitet. Ihr Ziel: Lernenden aller Schulniveaus und Altersgruppen einen schnellen Zugang zu einer Fremdsprachen zu öffnen.

28.09.2016, von Julia Göhring

Wo ist das? Wer ist das? Warum habt ihr das Bild ausgewählt? Wie heißt dies oder jenes auf Spanisch, Deutsch, Englisch?  – Mit dem Thema "My world" starteten die Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrer aus Lettland, Polen, Wales, Frankreich, Spanien und Deutschland in ihre gemeinsame Projektarbeit. Dazu sammelten sie jeweils zehn Bilder, die für die Mitglieder ihrer Gruppe eine besondere Bedeutung haben. Die Bilder warfen Fragen auf – und schon war man mitten im Gespräch. 

Zeig mir deine Welt! Mit Bildern über Land und Leute sprechen

Bild des spanischen Teams: Tanz am Strand (© VHS Olching e.V.)

"Zum Beispiel waren in der Foto-Auswahl des spanischen Teams viele Menschen zu sehen. Unsere Bilder zeigten mehr Natur und Landschaften", berichtet Hélène Sajons, die Projektleiterin und Vorsitzende der Volkshochschule von Olching, einer Kleinstadt vor den Toren Münchens. Dass Bilder immer etwas über die Kultur erzählen, der sie entstammen und auch deshalb viel zum Fremdsprachen-Unterricht beitragen können, war einer der Leitgedanken des Projektes.

Die Projektpartner brachten nicht nur unterschiedliche Bilder, sondern auch unterschiedliche Zielgruppen mit. So war etwa eine lettische Grundschule und eine spanische Sprachenschule beteiligt, aber auch eine französische Einrichtung, deren Angebot sich an sozial benachteiligte Menschen richtet. Ihr gemeinsames Ziel: zu den Bildern detaillierte Ablaufpläne für Unterrichtsstunden zu entwickeln, die von allen Projektpartnern genutzt und für Interessierte veröffentlicht werden können – in mehreren Sprachen.

Mit der Fremdsprache eine andere Kultur entdecken

Das Erlernen von Sprachen, so heißt es im Projektbericht, sei auf selbstverständliche Weise mit dem Entdecken von kulturellen Aspekten verbunden. Wie wichtig diese Verbindung ist, betont auch Hélène Sajons: "Sprache prägt die Art und Weise, wie man denkt." Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass man das Leben in einem fremden Land nur dann versteht, wenn man die Landessprache gut spricht. Die Belgierin ist seit 1969 mit einem Deutschen verheiratet, ihre Muttersprache ist Französisch. Ihr Vater, der in Kriegsgefangenschaft in Deutschland gewesen sei, habe sie in ihrem Interesse für Fremdsprachen bestärkt: "Lerne Deutsch, Sprache ist wichtig für die Völkerverständigung."

Markt in Lettland (© VHS Olching e.V.)

Dieser interkulturelle Aspekt des Fremdsprachenlernens spielte im Projekt eine große Rolle. Schließlich diente das Projekt auch dazu, die Kenntnisse der Teilnehmenden über die europäische Kultur zu erweitern. Gezielt suchten sich die Partner Bildthemen aus, bei denen kulturelle Aspekte des Alltagslebens im Mittelpunkt standen, etwa "Markt" oder "Gesichtsausdrücke". Indem sie gemeinsam ihren Pool an Bildern füllten, Unterschiede oder Gemeinsamkeiten reflektierten, lernten die Teilnehmenden nicht nur etwas über die fremde Kultur, sondern auch über die eigene. Helene Sajons erzählt: "Die lettischen Partner haben so viele Bilder aus der Umgebung ihres Dorfes gesammelt, dass sie die Materialien schließlich für einen kleinen Reiseführer der Gegend verwendet haben."

Zu den Bildern entwickelten die Teilnehmenden jeweils mehrstufiges Begleitmaterial für Aktivitäten der Lernenden. Der erste Bild-Eindruck der Lernenden wird – oft spielerisch – beschrieben und verglichen, in Partner- oder Gruppenarbeiten Vokabeln zum Thema gesammelt, so dass anschließend selbständig oder gemeinsam Aufgaben von den Lernenden gelöst werden können. VIP-Didaktik (Voices in Pictures-Didaktik) nennen sie ihr Konzept.

Mit Bildern lernen alle besser: Eine Chance bei der Integration von Flüchtlingen

"Man lernt nur gut, wenn man alle Sinne einsetzen kann", meint Hélène Sajons, "und wenn wir die Bilder im Fremdsprachen-Unterricht einsetzen, sehen wir, dass die Lernenden Vokabeln und Grammatik viel besser behalten." Sie selbst hat immer schon Bilder für ihre Französisch- und Englisch-Kurse gesammelt – ein Französischkurs besteht seit 33 Jahren – etwa verschiedenste Hinweis-Schilder. "Da kann man immer drüber reden: Warum ist auf dem einen etwa eine Frau, auf anderen ein Mann? In Bulgarien zum Beispiel habe ich ein Verbotsschild für das Führen einer Waffe an der Tür eines Restaurants aufgenommen. So ein Schild ist doch für uns ziemlich ungewöhnlich!"

"Jetzt setzen wir das Konzept an der VHS Olching für Flüchtlinge ein." Die Rückmeldung der Dozentinnen und Dozenten sei sehr gut, erzählt Hélène Sajons. "Für die Integration brauchen wir einfache Mittel, um überhaupt an die Menschen heranzukommen. Zum einen sind unter den Flüchtlingen auch Analphabeten. Zum anderen helfen die Bilder den Menschen generell, ihre Erinnerungen auszudrücken, von ihrem Leben zu erzählen und Verbindendes zu finden. Und das ist sehr wichtig."

Die Bilder und Aktivitäten für den Unterricht hat die Projektgruppe auf ihrer Website www.voicesinpictures.eu und in einem E-Book veröffentlicht.