Wie kann man mehr Menschen motivieren, beruflich ins Ausland zu gehen?

Förderprogramme wie z.B. Erasmus+ bieten die Möglichkeit, Berufserfahrungen auch im Ausland zu sammeln. Trotzdem zögern nach wie vor viele Menschen, diese Chance zu ergreifen. Hier ist eine gute Mobilitätberatung gefragt, die Wege aufzeigt und Ängste nimmt, um den entscheidenen Schritt zu wagen.

04.02.2016, von Julia Göhring

"Durch die Arbeit mit den europäischen Kollegen haben wir Selbstvertrauen gewonnen." "Mein Englisch hat sich verbessert, sowohl mündlich als auch schriftlich." "Wir haben viel über andere Kulturen gelernt, sind offener geworden." "Ich habe meine Projektmanagement-Fähigkeiten weiterentwickelt."

Menschen arbeiten gemeinsam am Tisch
Die Teilnehmenden entwickeln ein Profil für künftige Mobilitätsberatende. (Foto: © ZIB/Alfons Müller)

So positiv berichten Menschen aus sieben europäischen Ländern über ein Projekt, an dem sie gemeinsam gearbeitet haben. Als Mitarbeitende von Organisationen der Erwachsenenbildung in Bulgarien, Großbritannien, Litauen, Polen, Rumänien, Zypern und Deutschland haben sie an einer Grundtvig Lernpartnerschaft zum Thema "Mobilitätsberatung" teilgenommen.

Sie alle wollen mehr Menschen dafür gewinnen, selbst die positiven Effekte eines Auslandsaustausches zu erleben. Immerhin gibt es seit vielen Jahren zahlreiche Förderprogramme, die genau dies ermöglichen sollen. Dennoch zeigt ihre Erfahrung: Viele Menschen zögern, diese Möglichkeiten auch zu ergreifen.

Was also könnte helfen, mehr Menschen zu motivieren, berufliche Auslandserfahrungen zu machen? Eine Antwort ist: Gut ausgebildete Mobilitätsberaterinnen und –berater! Aber was genau sollten diese können, um Menschen zu motiveren?

Eine gute Mobilitätsberatung gibt Informationen – und Sicherheit

Diese Frage hat sich auch Alfons Müller, den Initiator der Lernpartnerschaft, gestellt. In seiner täglichen Arbeit braucht er eben diese Fähigkeit, Menschen dazu zu bewegen, sich neuen Erfahrungen zu öffnen. Alfons Müller arbeitet am Zentrum für Integration und Bildung (ZIB) im Bergischen Land als Projektleiter für internationale Projekte. Zielgruppe des ZIB sind Menschen, die Beratung, Training oder Vermittlung bei der Suche oder dem Erhalt von Arbeits- oder Ausbildungsplatz brauchen.

In der Mobilitätsberatung ist Alfons Müller gewissermaßen ein alter Hase: Seit vielen Jahren organisiert er zum Beispiel mit Hilfe von EU-Programmen Austausch für benachteiligte Jugendliche: solche ohne Schulausbildung oder aus schwierigen Familienverhältnissen, Jugendliche, die vielleicht noch nie im Ausland gewesen sind. "Was die in den zwei Wochen lernen, das bekommen sie nirgendwo anders beigebracht", ist Alfons Müller überzeugt, "es geht eben auch immer um persönliche Reife." Ein Beispiel: Jugendliche, die sonst Schwierigkeiten haben, sich an Vereinbarungen zu halten, erscheinen beim Straßen- oder Mauerbau in einem Jugenddorf in Spanien auf einmal pünktlich zur gemeinsamen Arbeit.

Aber trotz dieser positiven Erfahrungen erlebt Alfons Müller auch immer wieder, dass Klientinnen und Klienten des ZIB denken, ein beruflicher Aufenthalt im Ausland passe nicht für sie. "Oder sie sagen eine Woche vor der Reise plötzlich ab", erzählt er. Diese Unsicherheit äußert sich auch in dem häufig geäußerten Wunsch, jemand beim ZIB möge nicht nur über individuelle Möglichkeiten informieren, sondern den gesamten Austausch als Berater bzw. Beraterin begleiten.

Dafür bräuchten die Mitarbeitenden aber eine passende Zusatzqualifikation, überlegt Alfons Müller. Denn beim ZIB und - so vermutet Alfons Müller - auch in anderen Organisationen können die Ausbildenden und Lehrenden diese Begleitung nicht neben ihrer normalen Arbeit leisten. Wie könnte eine solche Zusatzqualifikation aussehen? - Die Idee für die Lernpartnerschaft ist geboren.

Für das Projekt sucht Alfons Müller systematisch nach passenden Partnern. Er geht die langjährigen europäischen Kontakte der Einrichtung durch und recherchiert in der Datenbank ADAM. Mit einem Fragebogen fragt er Vorerfahrungen und Know How ab. Die Partner wählt er schließlich so aus, dass sie unterschiedliche Zielgruppen haben, möglichst viele europäische Länder beteiligt snd und dennoch der Bedarf vergleichbar ist. Aus Bulgarien, Großbritannien, Litauen, Polen, Rumänien und Zypern sind dabei: eine offene Universität, weiterführende Schulen, aber auch Organisationen wie das ZIB, die sozial benachteiligte Arbeitende und Arbeitssuchende qualifizieren.

Gute Mobilitätsberaterinnen und -berater wissen Antworten auf alle Fragen

Was eine Mobilitätsberatung leisten muss, formulieren die Partnerinnen und Partner so: Mobilitätsberaterinnen und-berater stellen sich folgende Fragen:

  • Was steht dem Mobilitätswunsch der Ratsuchenden entgegen?
  • Wie lassen sich diese Hürden überwinden? Dafür müssen die Beraterinnen und Berater umfassendes Wissen über Förderprogramme mitbringen, flexibel auf Veränderungen am europäischen Arbeitsmarkt reagieren und im Projektmanagement sowie dem Ausfüllen von Anträgen versiert sein.
  • Ebenso wichtig: Sie sollten ängstlichem Klientel ein Gefühl von Sicherheit und Unterstützung vermitteln können.

Für dieses Komptenzprofil sammeln die Lernpartnerinnen und -partner Wissen und Werkzeuge. Dabei gehen sie sehr strukturiert vor. Schritt für Schritt tragen die Teilnehmenden Know-How für künftige Mobilitätsberatende zusammen, werten es aus und systematisieren es. "Dafür sind wir in jedem Land, bei jedem Partner einmal gewesen", erzählt Alfons Müller. Die jeweiligen Projektpartnerinnen und -partner im Land organisieren "ihre" Treffen und bereiten sie inhaltlich vor. Allen wird eine Aufgabe zugeteilt.

Gute Mobilitätsberaterinnen und -berater haben eigene Mobilitätserfahrungen

Dank der guten Vorbereitung arbeiten die Partner sehr intensiv und effektiv zusammen. Schließlich gibt die Arbeit im Projekt den beteiligten Ausbildenden und Lehrenden die Möglichkeit, auch selbst Mobilitätserfahrungen zu machen und ihre Sprachkenntnisse zu erproben. Auf Seiten des ZIB beteiligen sich sogar zwei Lernende. Die Berufsrückkehrerinnen helfen bei der Entwicklung des Fragenbogens und können jeweils eine der Reisen begleiten.

Wie alle Teilnehmenden ist Alfons Müller dabei Mobilitätsberater und Mobilitätserfahrender in einer Person. Auch er lernt Neues: "Ich war zum Beispiel sehr erstaunt, dass bei der Fragebogenaktion 50 Prozent der Befragten angegeben haben, keine oder nicht genug Informationen über Mobilitätsprogramme zu haben. Das hätte ich anders eingeschätzt". Positiv überrascht ist er davon, dass sich alle Projektteilnehmenden unproblematisch auf Englisch verständigen können.

Natürlich fehlt auch ein anderer wichtiger Aspekt der Mobilitätserfahrung nicht: die Chance, andere Kulturen kennenzulernen. "Das Kulturprogramm ist immer ein spannender Teil neben der Arbeit. Vieles weiß man ja gar nicht über die Geschichte eines Landes. So habe ich schon viele neue Reieseziele kennengerlernt", erzählt Alfons Müller. Für seine Austauschteilnehmenden organisiert er unter anderem einen Besuch des Industriemuseums in Solingen.

Dass die Strategische Partnerschaft, die als Folgeprojekt angedacht und beantragt war, nicht gefördert werden konnte, bedauert Alfons Müller. So liegt das Rahmencurriculum derzeit auf Eis. Interessierte aber finden in den Ergebnissen der Lernparterschaft schon jetzt viele wertvolle Tipps und Hinweise.

Als ersten Schritt erstellen die Teilnehmenden einen Überblick über bestehende Mobilitätsprogramme. Als Nächstes entwickeln sie einen Fragebogen, um Hindernisse für Mobilität zu identifizieren. Dafür befragt jede der Einrichtungen ihr Klientel; einer der Partner wertet die Ergebnisse dann aus. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse und mit den geballten Kenntnissen der unterschiedlichen Einrichtungen entwickeln sie ein Handbuch für Mobilitätsberatende, das MOBAD MANUAL. Darin finden sich Antworten auf viele wichtige Fragen, von "Wo finde ich Informationen über Mobilitätsprogramme?" über "Wie profitiert ein Unternehmen von Mobilitätsprogrammen?" bis zu "Wie motiviere ich erfolgreich Menschen, an Mobilitätsprogrammen teilzunehmen?".

Davon ausgehend entwerfen die Partner sogar noch ein Rahmencurriculum für einen zukünftigen E-Learning-Kurs zum Thema Mobilitätsberatung. Alle Ergebnisse veröffentlichen sie auf der Projekt-Website.