Berufsbildung ohne Grenzen - Die Handwerkskammer Potsdam (HWK Potsdam) bietet Auszubildenden Praktika im europäischen Ausland – Bundespräsident Steinmeier zeichnet Teilnehmende aus und unterstreicht die Bedeutung der beruflichen Bildung

Eine besondere Ehre wurde Auszubildenden des Handwerkskammerbezirks Potsdam am 18. April im Zentrum für Gewerbeförderung im brandenburgischen Götz zuteil: Sie erhielten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, seiner Frau Elke Büdenbender und dem Präsidenten der Handwerkskammer Potsdam, Robert Wüst, den Europass, der die während ihres Auslandsaufenthaltes erworbenen Kompetenzen dokumentiert. Die Veranstaltung war Teil der Themenwoche „Du bildest Zukunft“, in deren Rahmen Steinmeier und Büdenbender Schulen, Betriebe, Kammern und andere Institutionen der beruflichen Bildung besuchten.

Präsident der HWK Potsdam Robert Wüst © Sylvie Weisshäupl

„Die berufliche Bildung macht unsere Wirtschaft stark“, unterstrich Steinmeier anlässlich der Themenwoche, deren Ziel es unter anderem war, mit Jugendlichen zum Thema „Berufsbildung ohne Grenzen“ ins Gespräch zu kommen. Steinmeier betonte in diesem Kontext, dass er, wenn er sich in Europa umschaue und die großen Probleme von jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt sehe, jeden Tag dankbar für die berufliche Bildung in Deutschland sei.

Robert Wüst, Präsident der Handwerkskammer Potsdam, kann dies nur bekräftigen. Zugleich aber gelte es gerade im Handwerk noch mehr Jugendliche für eine berufliche Ausbildung zu begeistern, um so die Fachkräfte für morgen zu sichern. Ein Weg, um die Ausbildung attraktiver zu machen, seien Mobilitätsangebote, die es den Azubis ermöglichten, einen Teil ihrer Ausbildung im europäischen Ausland zu absolvieren. Sie stärkten das berufliche und persönliche Profil der Auszubildenden und dienten den Betrieben als wertvoller Baustein zur Sicherung qualifizierter Mitarbeiter.

Die HWK Potsdam beteiligt sich schon seit 1996 an derartigen Programmen, aktuell über das bis Juni 2019 laufende Projekt „Lehrjahre sind Wanderjahre“, das den Auszubildenden die Möglichkeit zu vierwöchigen Praktika in Spanien und Italien eröffnet. Der Name des Projekts baut bewusst eine Brücke zur Tradition der reisenden Handwerkergesellen, die bis ins Mittelalter zurückreicht und vor allem im Bauhandwerk bis heute überlebt hat. Dabei war die Reise der jungen Leute auch stets eine Fahrt ins Ungewisse – eine praxisnahe Lebensschule, die das Selbstvertrauen für die spätere berufliche Tätigkeit stärkte.

Auch dem aktuellen Projekt geht es neben der Weiterentwicklung der beruflichen Qualifikation vor allem darum, die persönlichen, sprachlichen, sozialen und kulturellen Kompetenzen der Auszubildenden zu fördern. Die Erfahrungen aus bisherigen Projekten zeigen laut Kuplin, dass Auszubildende mit Auslandserfahrung motivierter und lernbereiter in ihr Unternehmen zurückkehrten. Ein Fakt, von dem letztlich auch die Betriebe profitieren.

„Wichtig zum Gelingen des Projekts sind eine gute Zusammenarbeit mit den heimischen Unternehmen und starke Partnerinstitutionen vor Ort“, analysiert die Mobilitätsberaterin der HWK Potsdam, Jeanette Kuplin. Sie ist Teil eines Netzwerks von über 50 Beraterinnen und Beratern im Bundesprogramm „Berufsbildung ohne Grenzen“, das Auszubildende und junge Fachkräfte in der Umsetzung eines Lernaufenthaltes in der Europäischen Union unterstützt. Bei der Wahl der Partner im Projekt „Lehrjahre sind Wanderjahre“ setzt die Kammer auf bewährte Strukturen. Sowohl mit Eurocultura in Vicenza, dem Istituto Santa Paola in Mantova als auch mit dem spanischen Partner EURO21 in Málaga arbeitet man seit Jahren erfolgreich zusammen. Das erleichtert Abstimmungsprozesse und sorgt für kurze Wege bei der Klärung organisatorischer und inhaltlicher Fragen. Alle Partner verfügen zudem über gute Kenntnisse des deutschen Ausbildungssystems und ein breites Netzwerk an Betrieben und anderen Kontakten.

Gute Erfahrungen in Spanien und Italien

Wie das in der Praxis aussieht, wissen Sophie Anna Langlotz und Moritz Velden aus eigener Erfahrung. Die 22-jährige Herrenmaßschneiderin und der ein Jahr ältere KfZ-Mechatroniker sind im zweiten Jahr ihrer Ausbildung. Beide nutzten die Gelegenheit, über das Erasmus+-Projekt ins Ausland zu gehen: Sophie Anna Langlotz ins spanische Málaga, Moritz Velden ins italienische Vicenza.

Sophie Langlotz in Aktion

Dabei hospitierte Langlotz in der Kostümwerkstatt der „Escuela de Arte Dramático“, einer Theaterschule im südspanischen Málaga. „Es heißt immer, im Handwerk verstehe man sich auch ohne Worte. Jetzt weiß ich, was das bedeutet!“, schwärmt sie. Obwohl sie eigentlich relativ schüchtern sei, fiel es ihr nicht schwer, mit Land und Leuten warm zu werden. Auch fachlich konnte sie tolle Erfahrungen sammeln, war sie doch an der Vorbereitung einer Ausstellung mit alten Kostümen ebenso beteiligt wie an der Kostümanfertigung für einen Drag-Darsteller. Dazu Sophie Anna Langlotz: „Als angehende Herrenmaßschneiderin war es äußerst spannend, Damensachen in Proportion für Herren anzufertigen. Auch weil ich so etwas zuvor noch nie gemacht hatte und vermutlich nie wieder machen werde.“

Moritz Velden an einem Motor

Für Moritz Velden ging es im März 2018 nach Norditalien, wo er in einem Autohaus in Vicenza arbeitete. „Ich habe jeden Tag spannende Dinge gelernt“, berichtet er, „vor allem aber hat mich das Arbeitsleben als solches fasziniert. Dort läuft alles sehr viel entspannter ab als bei uns, und dennoch macht die Firma keine Abstriche in Sachen Umsatz.“ Ein Highlight für Velden, der schon als Kind eine große Leidenschaft für Motoren empfand, war, dass die Werkstatt, in der er hospitierte, auf AMG-Sportmotoren spezialisiert war.  In seiner letzten Auslandswoche ging für ihn ein Traum in Erfüllung, da er an einem derartigen Motor arbeiten und ihn sogar gemeinsam mit seinem Werkstattmeister Probe fahren durfte.

Im Rahmen der Veranstaltung in Götz erhielten beide Auszubildende den Europass aus den Händen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Frau Elke Büdenbender. Ein besonderer Augenblick, auch für Jeanette Kuplin, die darin vor allem eine Wertschätzung für die Arbeit der Auszubildenden und ihrer Meisterbetriebe sieht. Zugleich stelle das Engagement des Bundespräsidenten eine gute Gelegenheit dar, um deutlich zu machen, welche Chancen die duale Berufsausbildung gerade im Handwerk biete.

April 2018, Manfred Kasper