Berufsschule in Bewegung - Strategische Partnerschaft im Rahmen von Erasmus+ entwickelt Unterrichtsmaterialien zum Thema E-Commerce

Der Online-Handel verzeichnet seit Jahren außergewöhnliche Wachstumsraten, in der kaufmännischen Berufsausbildung jedoch spielte er bislang kaum eine Rolle. Vor diesem Hintergrund haben sich die Staatliche Berufsschule II Bayreuth, die Technische Berufsschule SPS elit Dobruska (Tschechien) und die Landesberufsschule Tschuggmall Brixen (Italien) zu der Strategischen Partnerschaft „Fit for E-Commerce“ zusammengeschlossen, um Ausbildungskonzepte für den boomenden Sektor zu erarbeiten und den Schülerinnen und Schülern neue Karrierechancen auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

„Fit for E-Commerce kam genau zum richtigen Zeitpunkt"

„In der Arbeitswelt der Zukunft wird die Verknüpfung von kaufmännischem und technischem Know-how einen immer höheren Stellenwert einnehmen. Daher kam ,Fit for E-Commerce’ genau zum richtigen Zeitpunkt. Wir haben ein Angebot geschaffen, das in der kaufmännischen Berufsbildung längst überfällig war“, betont Martin Kolb, Studiendirektor an der Staatlichen Berufsschule II Bayreuth, wo die Idee ins Leben gerufen wurde. Parallel zur Entwicklung des Projekts hatte auch der Handelsverband Deutschland (HDE) angeregt, das Thema im Berufsbildungskontext zu stärken und ein Berufsbild des Kaufmanns bzw. der Kauffrau für E-Commerce zu etablieren.

Der Bayreuther Ansatz baut auf der Erfahrung aus Vorläuferprojekten auf und brachte drei Partner zusammen, die sich nicht nur seit Jahren kennen, sondern auch optimal ergänzen. Dazu Christoph Dietl, Lehrkraft für Groß- und Außenhandelskaufleute, Industriekaufleute und Englisch an der Schule: „Schon beim ersten Treffen haben wir gemerkt, dass wir ähnliche Vorstellungen zum Thema haben. Wir sind das Ganze arbeitsteilig angegangen: So haben wir uns der Entwicklung eines Online-Shops angenommen, die Südtiroler haben ihr Know-how in Produktfotografie und Suchmaschinenoptimierung eingebracht, die tschechischen Partner die Programmierung.

Während des gesamten Projekts gab es einen intensiven Dialog und Wissensaustausch innerhalb des Netzwerkes. Aufgrund seiner Praxisorientierung fand der Ansatz zudem schnell Kooperationspartner aus der Wirtschaft.“

Eine Haupthürde beim Thema E-Commerce und der Arbeit mit Online-Shops ist laut Dietl die Installation. Hier brauche es Lösungen, um den Shop schnell und unkompliziert aufzusetzen. „Uns war dabei die frei verfügbare Open-Source Software PrestaShop hilfreich. Im Rahmen des Projekts haben wir diese Software um PrestaCollege, ein Modul, mit dem Musterdatensätze exportiert und Shop-Situationen simuliert werden können, als auch um den PrestaClassroom, der den Unterricht mit dem Shop in der Gruppe ermöglicht, ergänzt“, beschreibt der Berufsschullehrer.

Gemeinsam zu neuen Ergebnissen

Die Software-Werkzeuge wurden bei den drei einwöchigen Lernaktivitäten genutzt, in die auch die Schülerinnen und Schüler der Berufsschule in Form länderübergreifender Teams aktiv eingebunden waren. All dies erfolgte unter praxisnahen Bedingungen und ermöglichte die Darstellung reeller Situationen. Hauptergebnis und intellektueller Output des Projekts ist ein E-Book, das Lerneinheiten zu den Themen “Online-Shop einrichten”, “Online-Marketing umsetzen” und “Grundlagen der Internetprogrammierung” beinhaltet. Es gibt zugleich Anweisungen, um die Lernarrangements im Unterricht einsetzen zu können. Die beteiligten Schülerinnen und Schüler testeten eine Woche lang die Inhalte des E-Books, bevor diese feinjustiert und publiziert wurden.

Gruppenarbeit
Matthias Sowa (hinten links) bei der kreativen Gruppenarbeit

Einer von ihnen war der 22-jährige Matthias Sowa, der mittlerweile eine Ausbildung zum Kaufmann für Versicherung und Finanzen absolviert und die Erkenntnisse aus dem Einzelhandelsprojekt dort bestens einbringen kann. „Ich hatte schon immer ein Interesse an Technik, die Mitarbeit am Projekt jedoch hat mich gelehrt, wie ich bei der Programmierung oder im Design einer Website selbst etwas entwickeln und gestalten kann. Spannend daran war, dass der Unterricht interaktiv und praxisorientiert ablief. Das war sehr motivierend, weil wir gleich gesehen haben, ob und wie das, was wir gemacht haben, funktioniert“, so Sowa. „Fit for E-Commerce“ habe ihm „neue Welten“ eröffnet, die er in seinem Ausbildungsbetrieb schon nach wenigen Wochen einbringen konnte – mit Vorteilen für alle Beteiligten.

Schülerinnen und Schüler bei der Suchmaschinenoptimierung am Computer
Suchmaschinenoptimierung anhand typischer Produkte aus Südtirol (Workshop in Brixen)

Auch Dietl sieht den Nutzen des Projekts auf mehreren Ebenen. Zum einen habe sich bei der Evaluation der Lernaktivitäten gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler wie Lehrende ihre Kompetenzen bei der Anwendung digitaler Medien im Online-Handel deutlich verbessern konnten. Zum anderen hält er es für wichtig, didaktisch neue Wege zu gehen und das schulische Angebot zu modernisieren. Durch die damit einhergehenden Freiheiten und die zusätzliche Motivation würden die Schülerinnen und Schüler zu Höchstleistungen animiert und in ihrer Selbstkompetenz gestärkt. Dies spiele nicht nur im beruflichen Alltag der Jugendlichen eine Rolle, sondern betreffe auch private Bereiche der sozialen Interaktion.

Überregionale Impulse

Zum Einsatz kommen die neuen Instrumente in Bayreuth aktuell vor allem in der Ausbildung der Groß- und Außenhandelskaufleute sowie der Einzelhandelskaufleute. Perspektivisch sollen auch andere Ausbildungsberufe – zum Beispiel die Industriekaufleute – einbezogen werden. Dass die Wirkung des Projekts weit über Oberfranken hinausreicht, bestätigt Maria Anna Hartinger vom Bayerischen Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB). So seien die Materialien und Erfahrungen bereits landesweit in Handreichungen des ISB eingeflossen, zum Beispiel bei der Ausbildung der Kaufleute im Einzelhandel, in deren Lernfeld „Mit Marketingkonzepten Kunden gewinnen und binden“ der Online-Handel für das aktuelle Schuljahr aufgenommen wurde. Für die Ausbildung der Kaufleute im E-Commerce an bayerischen Berufsschulen stehe zudem eine eigene Unterrichtsplattform zur Verfügung, die das PrestaShop-System nutze. Um den Lehrkräften die Einarbeitung in die neuen Materialien zu erleichtern, biete das ISB darüber hinaus berufsbezogene Fortbildungen in Zusammenarbeit mit der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung an.

Juli 2019

Text: Manfred Kasper
Fotos: Martin Kolb, Staatliche Berufsschule II Bayreuth