Bierbrauen ist nicht nur Männersache - Auslandspraktikum in einer Brauerei in Schweden

Der Glaube, Bierbrauen sei reine Männersache, ist weit verbreitet. Betrachtet man hingegen die Historie, so wird deutlich, dass häufig die Frauen sich ums Brauen kümmerten. Zum Beispiel im Mittelalter, als der Braukessel zur Mitgift gehörte und es Sitte war, dass eine Frau, die gebraut hatte, ihre Nachbarinnen zum "Bierkränzchen" einlud. Eine Tradition, an die Maria Kulzer und Lucia Rehm anknüpfen. Im Rahmen ihrer Ausbildung an der Staatlichen Berufsschule Main-Spessart in Karlstadt nutzten die beiden angehenden Brauerinnen die Chance, für zwei Wochen in der Närke Kulturbryggeri im schwedischen Örebrö mitzuarbeiten.

Neue Einblicke - nicht nur in die Braukunst

In Örebrö zeigten sich beide vor allem von der Arbeitsatmosphäre und dem Miteinander bei Närke beeindruckt. Das kleine, stark handwerklich geprägte Unternehmen ist ein Familienbetrieb, mit dessen Aufbau sich das Inhaberehepaar einen Traum erfüllt hat. Dabei haben sie vieles selbst entwickelt und gebaut – von der Sudanlage bis zu den Vorrichtungen für Gärung und Lagerung. Zudem hatte Närke-Chefin Berith Karlsson früher Deutsch studiert, was die Kommunikation mit den Auszubildenden erheblich erleichterte.

"Das Besondere an Närke war, wie sehr wir in die Abläufe eingebunden waren und wie viel wir dabei mitbekommen haben", schwärmt Maria Kulzer. Während in Deutschland die meisten Prozesse längst automatisiert seien, liefe in Örebrö das Meiste noch per Hand. So konnten die Auszubildenden den Brauvorgang und die Wirkung einzelner Schritte unmittelbar miterleben. Zudem agieren die schwedischen Brauerinnen und Brauer beim Einsatz von Rohstoffen besonders innovativ, So wurden im Rahmen einer Projektwoche alte Brautraditionen aufgegriffen und auf pfiffige Art und Weise neu interpretiert, zum Beispiel wenn mit Wacholderwasser gebraut wird.

Für Kulzer und Rehm waren dies Einblicke, die ihnen sowohl fachlich als auch persönlich neue Horizonte eröffneten. Sie lernten ihr Gastland aus einer völlig neuen Perspektive kennen: nicht als Touristinnen, sondern als Mitarbeiterinnen, die auch über die Brauereiarbeit hinaus am alltäglichen Leben in Schweden teilnahmen. "Einmal sind wir mit einem Kollegen auf die Jagd gegangen", berichtet Lucia Rehm. "Wir haben zwei Stunden an einer Hütte im Wald verbracht und dann sogar ein Wildschwein erlegt". Bei anderer Gelegenheit ging es mit der Chefin gen Nordschweden, wo man Freunde und andere Brauereien besuchte sowie Natur und Kultur genoss.

Die Lockerheit im Arbeitsumfeld und der familiäre Umgang miteinander hätten ihnen viele Begegnungen ermöglicht und die schwedische Mentalität nähergebracht, betonen Kulzer und Rehm unisono. Gewohnt haben sie während der Zeit in Örebrö gemeinsam im Zentrum der Stadt, von wo sie per Fahrrad zur Brauerei fahren konnten. Das Organisatorische hatte die Schule übernommen, die bestrebt ist, ihre Auszubildenden bei derartigen Projekten optimal zu unterstützen.

Azubis nehmen die Chancen der Mobililtät gerne wahr

"Unser Ziel ist es, gerade jungen Leuten aus kleinen und mittleren Unternehmen internationale Einblicke zu gewähren", betont Matthias Dietz, der für die Mobilitätsprogramme des Fachbereiches Brauereiwesen an der Staatlichen Berufsschule Main-Spessart verantwortlich ist. Von den insgesamt 150 Auszubildenden der letzten beiden Jahre seien 38 ins Ausland gegangen – eine enorm hohe Quote, wie Dietz findet. Sie alle seien an den Aufgaben und Herausforderungen des Auslandsaufenthaltes gewachsen und hätten gleichermaßen auch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessert. Dazu noch einmal Dietz: "Die Brauer waren schon immer sehr reiselustig. Es ist in diesem Beruf wichtig, über den Tellerrand zu schauen und zu sehen, wie es die anderen machen".

Davon sind auch Maria Kulzer und Lucia Rehm überzeugt. "Wenn man sagen kann, dass man im Ausland war und dort berufliche Erfahrungen gesammelt hat, hilft das bei einer Bewerbung enorm weiter", glaubt Kulzer. Und Rehm ergänzt: "Für mich persönlich ist klar, dass ich nach meiner Ausbildung noch einmal ins Ausland gehen möchte. Ich will noch mehr über die spezielle Brauereikultur und die Lebens- und Arbeitsweisen in anderen Ländern lernen".

Ein Höhepunkt der Arbeit in Örebrö war schließlich der Auftritt der beiden jungen Auszubildenden in der Lokalpresse. Diese griff die Story, dass erstmals zwei Frauen im Rahmen von Erasmus+ bei Närke gastierten, dankbar auf und lud Kulzer und Rehm zum Interview und Fototermin. Eine Geschichte, die beiden sehr viel Spaß machte und es sogar bis auf die Titelseite der Zeitung brachte.

Juni 2016, von Manfred Kasper

Nicht nur die Auszubildenden, auch die Ausbilderinnen und Ausbilder des Fachbereiches Brauereiwesen an der Berufsschule Main-Spessart können mit Erasmus+ Auslandserfahrung sammeln. Lehrer Robert Pawelczak war 2014 und 2015 für jeweils eine Woche in Brauereien in Schottland und Schweden zu Gast.

Zum Erfahrungsbericht

Weitere Eindrücke von Maria Kulzers Aufenthalt in Schweden sehen Sie in der Fotostory der IBS.

Zur Fotostory auf www.go-ibs.de

Lesen Sie auch den Erfahrungsbericht von Jonas Klein (25), Auszubildender im Fachbereich Brauereiwesen an der Berufsschule Main-Spessart in Karlstadt. Jonas hat im Oktober 2015 ein berufliches Praktikum mit Erasmus+ in der Kulturbryggeri Närke absolviert.

Zum Erfahrungsbericht auf www.machmehrausdeinerausbildung.de