Eine Doppelspitze für die Berufsbildung - Wenn Lehr- und Ausbildungskräfte gemeinsam Auslandserfahrung sammeln

Bei Mobilitätsprojekten im Rahmen von Erasmus+ denkt man in der Regel zunächst an Auszubildende. Doch das ist nur ein Aspekt, denn auch das Lehr- und Ausbildungspersonal hat die Möglichkeit, im Rahmen des Programms Auslandsaufenthalte zu absolvieren. Wie dies in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel der beiden niedersächsischen Berufsschulen (BBS) in Soltau und Stade. In beiden Fällen gingen Berufsschullehrer und betriebliche Ausbilder gemeinsam nach Finnland, um sich dort fortzubilden und Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Beide Schulen führen bereits seit mehreren Jahren Mobilitätsprogramme durch. Von Beginn an standen dabei nicht nur die Auszubildenden, sondern auch das Bildungspersonal im Fokus. So betont Joachim Horstmeyer, Initiator der Aktivitäten an der BBS 2 in Stade, dass es stets auch darum gehe, Lehrerinnen und Lehrern die Chance zu bieten, ins Ausland zu gehen, um dort ihren Horizont zu erweitern und als Multiplikatoren zu wirken. Horstmeyer wörtlich: "Das war unser Ansatz, bis wir festgestellt haben, dass auch viele Ausbilder in den Betrieben an dem Angebot interessiert sind". Seither gehen Lehr- und Ausbildungspersonal zu zweit für eine Woche in die jeweiligen Gastländer, zum Beispiel nach Finnland.

"Ich weiß jetzt viel mehr, was ich erwarten kann, wenn ich unsere Azubis dorthin schicke."

Horstmeyer selbst war im Februar 2015 gemeinsam mit Sascha Lustig, Ausbilder bei der Adalbert Zajadacz GmbH, einem mittelständischen Elektrogroßhandel aus Neu-Wulmsdorf, in Kerava, einer Region nordöstlich von Helsinki, in der sich auch die Partnerschule des Stader Berufskollegs befindet. Vor Ort gewannen beide Einblick in das finnische Bildungssystem sowie in ausgewählte Betriebe. Sascha Lustig sieht darin einen besonderen Reiz des Aufenthaltes: "Wir schicken unsere Auszubildenden selbst regelmäßig ins Ausland. Vor diesem Hintergrund war es für mich wichtig, das finnische Bildungssystem und die Betriebe nicht nur vom Hören-Sagen zu kennen, sondern mir ein eigenes Bild zu machen. Ich weiß jetzt viel mehr, was ich erwarten kann, wenn ich unsere Azubis dorthin schicke".

Helsinki (Foto: © Manfred Kasper)

Doch das ist nur ein Vorteil: Joachim Horstmeyer glaubt zudem, dass das gegenseitige Verständnis von Schule und Betrieb auf diese Art und Weise erheblich wachse. Mittlerweile gebe es sogar Anfragen von Ausbildern, die gerne einmal an einem der Auslandsprojekte teilnehmen würden. Für das Image der Schule und das Verhältnis zu den Betrieben sei dies ein wichtiger Pluspunkt. Hinzu kommen die internationalen Erfahrungen und Impulse, die sowohl Horstmeyer als auch Lustig gerne in die Arbeit zu Hause einbringen.

Dem kann Heiner Born nur zustimmen. Selbst gelernter Werkzeugmechaniker ist er seit einigen Jahren als Lehrer an der BBS Soltau, wo er die Abteilung Metall leitet. Im April 2015 ging er gemeinsam mit Bernd Schröder, seit 40 Jahren Ausbilder für Werkzeugmechaniker beim weltweit agierenden Unternehmen WE-EF Leuchten in Bispingen, für eine Woche nach Turku, an der finnischen Südwestküste gelegen.

Auslandsmobilität - ein Plus für die Qualität der Ausbildung

Born fand beeindruckend, wie die Finnen mit dem Thema Ausbildung umgehen, zum Beispiel in der Betreuung der Auszubildenden. Diese sei in Finnland sehr intensiv, was zum Teil auch an der Ausstattung der Berufsschulen liege. Die Idee, dass Lehrer und Ausbilder dies alles gemeinsam in Augenschein nehmen, hält er für hervorragend. „Letztlich kommen derartige Programme immer auch der Qualität der Ausbildung zu Gute“, unterstreicht Born. Sein Ziel ist es, den Auszubildenden die bestmögliche Ausbildung zu bieten. Und dazu müssen Schulen und Betriebe eng zusammenarbeiten.

Ein Thema, das in Soltau eine lange Historie hat. Denn das Besondere an der Finnland-Geschichte hat für Bernd Schröder schon einige Jahre zuvor begonnen. So ist die Zusammenarbeit bei den Werkzeugmechanikern kontinuierlich gewachsen – das ermöglicht es, Fachpraxis und Theorie in optimaler Weise zusammenzuführen. Die enge Verzahnung von Schule und Betrieben sowie die Möglichkeit ins Ausland zu gehen, stellen zugleich eine Motivation für junge Leute dar. „Diejenigen, die den Schritt gehen, kommen in der Regel begeistert zurück“, wissen Born und Schröder. Seit der gemeinsamen Finnland-Reise verstehen sie umso besser, wieso das so ist. Beide haben so viele Ideen mitgebracht, dass sie in Kürze ein vergleichbares Projekt in Spanien durchführen möchten. Das ist vor allem deshalb spannend, weil gerade im Handwerk die Zahl der spanischen Auszubildenden in Niedersachsen sehr groß ist.

Die Beispiele zeigen: An beiden Schulen hat man die Internationalität als einen wichtigen Baustein der beruflichen Bildung erkannt und realisiert. So werden Vertreter der Schule immer häufiger zu Branchentreffen eingeladen, um dort ihr Know-how einzubringen. Auch in punkto Nachwuchskräfte sei die Internationalisierung längst ein zusätzlicher Bonuspunkt geworden. Last but not least sei durch die gemeinsamen Arbeitsaufenthalte von Ausbildern und Lehrkräften auch das gegenseitige Vertrauen und Verständnis enorm gestiegen – Schule und Betrieb seien noch enger zusammengewachsen.

Februar 2017, von Manfred Kasper