Eine gute gesunde Schule

Sicherheit und Gesundheit sind nicht nur isoliert betrachtet ein hohes Gut, sie tragen auch dazu bei, die Qualität von Lernen und Arbeiten – beispielsweise im schulischen Umfeld – zu erhöhen. Das von 2005 bis 2007 über Leonardo da Vinci geförderte Europäische Netzwerk Aus- und Weiterbildung in Sicherheit und Gesundheitsschutz (ENETOSH) bietet die erste und bislang einzige Plattform für einen systematischen Erfahrungsaustausch zu Fragen der Aus- und Weiterbildung in Sicherheit und Gesundheit. Wie die Umsetzung in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel des Erich Gutenberg-Berufskollegs im ostwestfälischen Bünde.

Wenn Afra Gongoll, Schulleiterin des Erich Gutenberg-Berufskollegs in Bünde, von der Idee einer „guten gesunden Schule“ erzählt, klingt ein wenig Stolz mit an. Bereits dreimal – in den Jahren 2008, 2010 und 2013 – konnte ihre Schule den gleichnamigen Schulentwicklungspreis der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen (Unfallkasse NRW) gewinnen. Dieser wird Einrichtungen verliehen, die eine ganzheitliche Sichtweise auf Gesundheit und Sicherheit verfolgen und Themen wie Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz, Unfallverhütung und Gesundheitsförderung miteinander verbinden.

„An unserer Schule versuchen wir, all diese Aspekte als grundlegenden Kern der Arbeit zu betrachten“, erläutert Gongoll, die seit zweieinhalb Jahren Schulleiterin in Bünde ist, zuvor jedoch bereits für die Schulentwicklung mitverantwortlich war. Gesundheit und Sicherheit werden dabei als Querschnittsthemen verstanden, die in unterschiedliche Bereiche hineinwirken: Das bezieht sich sowohl auf das Ernährungsangebot am Schulkiosk als auch auf das gut funktionierende und etablierte Krisen- und Notfallteam im Hause. Zudem gibt es eigens geschulte Sicherheitsbeauftragte sowie ein Beratungslehrer/innen- und Gesundheitsteam, das sich beispielsweise mit Fragen wie Mängellisten oder Unfallverzeichnissen befasst. Auch in punkto Arbeitsschutz wurde einiges auf den Weg gebracht: vom Strahlenschutz- bis hin zum Gefahrstoffbeauftragten.

Eine wichtige Rolle kommt auch dem Aspekt Bewegung zu. So wurden die Inhalte des Sportunterrichts in punkto Sensibilisierung angepasst, zum Beispiel wenn es um Themen wie die „Rückenschule“ geht. Auch eine Schulübungsküche gibt es in Bünde, hier werden Kurse zu Gesundheit, Bewegung und Ernährung durchgeführt.

Gesundes Lern- und Arbeitsklima für alle

„Prinzipiell wollen wir die Lernumgebung so gestalten, dass sie gesundheitsfördernd ist“, unterstreicht die Schulleiterin. Neben den Schülerinnen und Schülern hat sie vor allem die Lehrenden im Fokus. Dazu Gongoll: „Die Lehrerinnen und Lehrer müssen erkennen, dass ein solcher Ansatz auch für sie selbst große Vorteile hat. Indem wir ein neues Lern- und Arbeitsklima schaffen, verbessern wir die Gesamtqualität des schulischen Angebotes und des Lernens für alle Beteiligten.“

Ein Ziel, zu dem sowohl die Qualifizierung der Lehrerkräfte als auch die Gestaltung des Unterrichts und der (räumlichen) Lernumgebung beitragen. Ergebnis ist ein Raum-in-Raum-Konzept, das sowohl offene Bereiche als auch solche für Gruppen- oder Einzelarbeit vorsieht und insgesamt eine entspannte Lern- und Arbeitsatmosphäre schafft. Dabei werden die Lehrkräfte eher zu Beraterinnen und Beratern, der Teamgedanke steht im Vordergrund.

Begonnen hat die Entwicklung in Bünde vor rund zehn Jahren als Teil eines Gesamtprozesses. „Uns war klar, dass wir als Schule nicht da stehenbleiben können, wo wir immer schon standen“, betont Gongoll. Um die gewünschten Prozesse zu ermöglichen, wurden alle relevanten Aspekte der Schule – ob Gesundheit, Europa oder selbstorganisiertes Lernen – mit Arbeitsgruppen und Strategien hinterlegt. Ein Ansatz, der von allen Beteiligten zwar viel Energie verlangt, letztlich aber auch deren Ressourcen schont.

Voneinander lernen - national und international

Die „gute gesunde Schule“ hat sich nicht nur in Bünde als Erfolgsmodell erwiesen. Dr. Heinz Hundeloh, Fachbereichsleiter Bildungseinrichtungen bei der Unfallkasse NRW, berichtet, dass der Ansatz in Nordrhein-Westfalen prinzipiell gut angenommen werde: „In den zehn Jahren, die wir den Wettbewerb durchführen, haben sich etwa 1.300 Schulen daran beteiligt. Dabei spielen Berufskollegs eine wichtige Rolle“. Die Unfallkasse geht aktiv auf die Schulen zu, um Überzeugungsarbeit zu leisten, da der Ansatz zugleich auch eine veränderte Sichtweise auf Prävention und Gesundheitsförderung insgesamt mit sich bringt. Dass die Schulen in diesem Kontext auch voneinander lernen können, bestätigt Professor Dr. Peter Paulus, einer der Mitinitiatoren der „guten gesunden Schule“. Er hält es für wichtig, die Idee sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext bekannt zu machen und zu verbreiten. Paulus: „Jeder Blick über den Tellerrand bringt neue Ideen für die eigene Arbeit mit sich. Insofern leistet das Engagement von ENETOSH einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung in diesem Bereich.“ 

Dezember 2015, von Manfred Kasper