Einmal Northeim und zurück - Wie ein Erasmus+-Austausch zu einem Wiedersehen der besonderen Art führte

Manchmal führen Mobilitätsprojekte auch zu dauerhaften Verbindungen über den Auslandsaufenthalt hinaus. Wie im Fall der BBS1 Northeim, die seit 20 Jahren kaufmännischen Auszubildenden Auslandspraktika ermöglicht. Im Gegenzug kommen immer wieder Azubis aus anderen europäischen Ländern nach Niedersachsen. So auch im Februar 2018, als Praktikantinnen und Praktikanten von der tschechischen Partnerschule in Orlová diese Chance nutzten. Das Erlebnis und die neuen Freundschaften waren dabei so prägend, dass es schon im Sommer 2018 zu einem Wiedersehen kam. Doch der Reihe nach ...

Begonnen hat die europäische Zusammenarbeit der BBS1 Northeim im Jahr 1999 mit einer Partnerschule im schottischen Kirkcaldy. So wurde es den Berufsschülerinnen und -schülern möglich, europaweite Berufserfahrung zu sammeln und ihren fachlichen und persönlichen Horizont zu erweitern. „Das war Neuland für uns und schon damals ein Standortfaktor, insbesondere in einer ländlichen Region, die nicht per se international ausgerichtet ist“, erinnert sich der stellvertretende Schulleiter Peter Beushausen. Oftmals habe man Überzeugungsarbeit leisten müssen, um die heimischen Betriebe von den Vorteilen der Auslandspraktika zu überzeugen. Heute sei diesbezüglich Vieles einfacher geworden.

„Europa“ ist unverzichtbarer Bestandteil der Schulphilosophie

Europawoche 2017: Die BBS1 feiern ihr 10-jähriges Bestehen als Europa-Schule in Niedersachsen mit Vertreterinnen und Vertretern aller europäischer Partnerschulen. (Foto: BBS1 Northeim Europaschule)

In der Schule selbst ist Internationalisierung seit Jahren fest im Leitbild und im Schulprogramm verankert. Das Thema Europa hat sich zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Schulphilosophie entwickelt, mit der Ausrichtung als Europa-Schule (2007) sowie nachhaltigen Mobilitätsprojekten hat sich die BBS1 Northeim ein klares Profil geschaffen. Auf diese Art und Weise werden die Auszubildenden auf ihre Zukunft in einer globalisierten Welt vorbereitet, beispielsweise über eine Zusatzqualifikation zur Europakauffrau und zum Europakaufmann.

Diese wird laut Frank Brennecke, Abteilungsleiter für die Berufsschule und Internationalisierung, seit 2004 in allen kaufmännischen Ausbildungsberufen angeboten und läuft über zwei Jahre parallel zur normalen Ausbildung. Inhaltlich umfasst sie neben einer zweiten Fremdsprache auch Lernfelder wie Exportthemen, Marketing und das Abschließen internationaler Kaufverträge sowie ein verpflichtendes Auslandspraktikum. Mit der Zusatzqualifikation können die Auszubildenden dokumentieren, dass sie Kenntnisse erworben haben, die über das normale Maß hinausgehen – eine wichtige Qualifikation für internationale Märkte.

Großes Engagement führt zu langjährigen Partnerschaften

„Aktuell nutzen zehn Prozent unserer rund 700 Berufsschülerinnen und Berufsschüler die Chance, ein Praktikum im Ausland zu verbringen“, betont Peter Beushausen. Zielländer sind Frankreich, die Niederlande, Polen, die Tschechische Republik und Spanien. In all diesen Ländern verfügt die Schule über langjährige Partnerschaften mit anderen Berufsschulen, ein Netzwerk, von dem Beushausen sagt:

Wir können uns voll und ganz auf unsere Partner verlassen. Das gilt sowohl für die Organisation der Aufenthalte als auch hinsichtlich der ausgewählten Betriebe und der inhaltlichen Abstimmung der Praktika. In vielen Fällen ist mit den Jahren ein gegenseitiger Austausch entstanden, in dessen Rahmen auch Praktikanten aus unseren Partnerländern zu uns kommen.“

Zum Beispiel aus Tschechien. Hier arbeitet die Schule bereits seit 13 Jahren mit der Handelsakademie in Orlová zusammen, einer Kleinstadt im Südosten des Landes. Marcus Krohn, der als Länderbetreuer im Erasmus+-Team der Schule für den Austausch mit Polen und der Tschechischen Republik verantwortlich ist, räumt zwar ein, dass die Vorbereitung der jeweiligen Programme rein sprachlich eine Herausforderung sei, dank der guten Zusammenarbeit und des großen Engagements auf beiden Seiten gelinge dies jedoch ganz hervorragend. 

Überraschender Besuch

Daniela Bsonková während ihrer Arbeit im Jugend- und Kulturzentrum der Stadt Northeim
Daniela Bsonková während ihrer Arbeit im Jugend- und Kulturzentrum der Stadt Northeim (Foto: BBS1 Northeim Europaschule)

So auch im Februar 2018, als eine sechsköpfige tschechische Gruppe in Northeim weilte, unter ihnen Daniela Bsonková und David Červeňák, beide aus Orlová. Sie hatten damals in verschiedenen Betrieben hospitiert und waren anschließend in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Was dann jedoch ein paar Monate später passierte, lässt Marcus Krohn auch heute noch schmunzeln.

Krohn wörtlich: „Es war in den Sommerferien, als ich plötzlich eine Whatsapp von den beiden tschechischen Auszubildenden erhielt. Sie fragten, ob ich zuhause sei, weil sie gerade auf dem Marktplatz von Northeim stünden. Ich dachte erst, das sei ein Witz, doch kurze Zeit später standen sie wirklich vor mir.“ Die beiden hatten sich während der Zeit in Northeim näher kennen- und lieben gelernt und gemeinsam beschlossen, in den Ferien noch einmal in die Kleinstadt bei Göttingen zu trampen, weil es ihnen dort so gut gefallen hatte. Vor Ort quartierten sie sich eine Woche lang auf dem örtlichen Campingplatz ein.

David Červeňák bei der Firma Thimm, bei der er die Hälfte seines Praktikums absolviert hat.
David Červeňák bei der Firma Thimm, bei der er die Hälfte seines Praktikums absolviert hat. (Foto: BBS1 Northeim Europaschule)

Komplett überrascht von dem Besuch wurde auch Birgit Kappei, Teamleiterin des Papierus Büromarktes in Northeim, in dem David Červeňák im Februar einen Teil seines Praktikums verbracht hatte. „Wir nehmen schon seit Jahren immer wieder gerne ausländische Azubis bei uns auf, doch so etwas wie mit David habe ich noch nicht erlebt“, lacht Kappei. „Die kamen an einem Sommertag einfach in unseren Laden, ich wusste wirklich von nichts!“

Kappei begrüßt die Idee der europäischen Austauschprogramme und die Art und Weise, wie die BBS1 Northeim sie realisiere. So könnten die Azubis erfahren, wie die Ausbildung in einem anderen Land ablaufe und wie die Menschen dort seien – ein fachlicher und ein kultureller Austausch, von dem alle Beteiligten profitierten. Und wer weiß, welche Geschichten dazu in Zukunft noch geschrieben werden.  

Februar 2019, Manfred Kasper