Europa vor der eigenen Haustür - Die Krankenpflegeschule des Evangelischen Krankenhauses Oldenburg bietet Auszubildenden die Chance zur Praxiserfahrung in den benachbarten Niederlanden

Sechs Wochen lang haben Jonas Malter und Lisa Weeber im Universitätsklinikum (UMCG) im niederländischen Groningen gearbeitet. Obwohl die Partnerstadt nur knapp 140 Kilometer entfernt von Oldenburg liegt, eröffnete sich den angehenden Krankenpfleger/-innen im Nachbarland eine völlig neue Perspektive auf ihren Beruf. Ermöglicht wird dies durch ein Erasmus+-Projekt, das Jahr für Jahr sechs Auszubildenden der Oldenburger Krankenpflegeschule die Gelegenheit zum Praktikum in Groningen bietet.

„Den Kontakt in die Niederlande gibt es schon seit 2004“, berichtet Gabi Greis, Leiterin der Krankenpflegeschule am Evangelischen Krankenhaus Oldenburg. Seitdem arbeitet sie grenzüberschreitend und interkulturell mit der dortigen Hanzehogeschool zusammen, einer Art Fachhochschule für Pflegeberufe. So begleiteten die Auszubildenden der Oldenburger Krankenpflegeschule jahrelang niederländische Studierende, wenn diese im Anschluss an die theoretische Ausbildung für ihre praktischen Einsätze nach Niedersachsen kamen. Das Angebot an die eigenen Azubis, über Erasmus+ selbst ins Nachbarland zu gehen, kam 2014 hinzu. Immer wieder hatten die Schülerinnen und Schüler der Krankenpflegeschule signalisiert, selbst gerne einmal über den Tellerrand schauen zu wollen. Mit Hilfe der Partnerschule waren schnell Kontakte zum dortigen Universitätsklinikum geknüpft, gemeinsam wurden mögliche Einsatzbereiche ausgelotet. Ziel des Projektes ist es, den internationalen Vergleich bereits in der Ausbildung erlebbar zu machen und so den Horizont der Azubis zu erweitern.

Jonas Malter und Lisa Weeber

Zum Beispiel bei Jonas Malter und Lisa Weeber. Die beiden 22-Jährigen gingen im Sommer 2017 für sechs Wochen nach Groningen, ihre Bilanz fällt durchweg positiv aus. „Sowohl die Arbeit im Krankenhaus als auch das Leben in der Stadt hat uns viele neue Einblicke eröffnet“, erzählen sie unisono. Dabei sind sie eingetaucht in eine Arbeitswelt, die sich in vielerlei Hinsicht von Deutschland unterscheidet. Sie haben die Kultur und die Mentalität der niederländischen Kolleginnen und Kollegen schätzen gelernt und deren Sprache gesprochen, selbst wenn dies anfangs noch mit ein paar Schwierigkeiten verbunden war.

Sprache als Schlüssel

Gabi Greis hält es für wichtig, dass die jungen Leute auch sprachlich gut vorbereitet nach Groningen gehen, um mit Patienten und Kollegen in deren Muttersprache kommunizieren zu können. Das schaffe gerade in einem großen Krankenhaus wie dem UMCG mit seinen über 1.300 Betten und unterschiedlichen Fachrichtungen Vertrautheit. Den Azubis bietet die Dimension des Klinikums zudem die Möglichkeit, ihr Fachwissen unter Beweis zu stellen und neue Fachbereiche, Behandlungsmethoden und Operationsverfahren kennenzulernen. Dazu Jonas Malter: „Ich glaube, dass die Niederlande uns in vielen Dingen einen Schritt voraus sind. Wir haben ein Prestige der Pflege und eine Professionalisierung erlebt, wie es sie bei uns noch nicht gibt. Ich empfinde es als Herausforderung, die Ideen, die wir in den Niederlanden kennengelernt haben, in unseren Alltag in Deutschland einzubringen und dazu beizutragen, die Pflege fit für die Zukunft zu machen.“

Das kann Lisa Weeber nur bestätigen, wobei sie ergänzt, dass es auch viele Gemeinsamkeiten gebe. Sie ist überzeugt, dass das Praktikum beiden Seiten einen Nutzen beschert. „Beeindruckt hat mich, dass wir auf Augenhöhe Pflegethemen besprochen und neue Ansätze und Methoden diskutiert haben. So konnten wir nicht nur neue Gedanken mitnehmen, sondern auch selbst Denkanstöße geben. Wir konnten uns sehr gut einbringen und nach und nach immer selbstständiger arbeiten.“

Auf diese Art und Weise schärfe der Vergleich zwischen beiden Ländern den Blick für die eigene Ausbildung, glaubt Gabi Greis. Während es in der deutschen Krankenpflege häufig noch darum gehe, Tätigkeiten standardisiert auszuführen, sähen Pflegestudenten aus den Niederlanden derartige Standards eher als Hilfsmittel, aus denen sie andere, oftmals innovative Ansätze entwickeln. Zugleich brächten die deutschen Azubis aufgrund des dualen Bildungssystems jedoch ein sehr viel höheres Praxis-Knowhow mit. Durch den Vergleich der Systeme lernten beide Seiten, die eigene Realität zu hinterfragen und um neue Ideen zur Versorgung der Patienten anzureichern.

Vorteile für alle Beteiligten

Die Krankenpflegeschule des Ev. Krankenhauses Oldenburg

„Von dem Austausch profitiert im Übrigen auch unser Klinikum“, unterstreicht Jörg Onken, Diplompflegepädagoge (FH) am Evangelischen Krankenhaus Oldenburg. Als Beispiel führt er die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegekräften und das Thema Digitalisierung an, das in den Niederlanden weiter fortgeschritten sei als in Deutschland. Immer häufiger werde er zudem bereits bei Bewerbungen nach den Angeboten aus Erasmus+ gefragt. Für das Image des Krankenhauses und die Attraktivität der Ausbildung sei dies mit den Jahren ein wichtiger Aspekt geworden.

Jonas Malter und Lisa Weeber jedenfalls sind in der Zeit in Groningen „ein ganzes Stück gewachsen“. Nicht zuletzt deshalb kann Gabi Greis das Projekt nicht mehr aus ihrem Repertoire streichen, zumal es den europäischen Gedanken absolut spiegele. In der Zukunft möchte sie den Dialog mit den Niederlanden weiter intensivieren und den Aufenthalt dort für die eigenen Schülerinnen und Schüler noch interessanter machen, als er heute schon ist.

August 2018, Manfred Kasper