Inklusion ist machbar

Ab August 2016 wird die Inklusion Teil des Regelsystems für Berufsschulen in Nordrhein-Westfalen (NRW). Dann können förderungsbedürftige Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden, ob sie ein Förder- oder Regelberufskolleg besuchen wollen. Die Schulen stehen derweil vor der Herausforderung, Konzepte für den inklusiven Unterricht im dualen System zu erarbeiten. Doch wie sehen solche Konzepte aus? Und was können Bildungseinrichtungen dabei von anderen lernen? Das Erasmus+-Projekt i4us zeigt, wie zwei Berufskollegs aus Essen im Rahmen der Mobilität für Bildungspersonal ihren Erfahrungshorizont erweitert und gemeinsam entsprechende Konzepte auf den Weg gebracht haben.

Andere Länder - andere Konzepte

eine Gruppe von vier Frauen und einem Mann steht vor einer Wiese
Mobilität von Bildungspersonal schafft neue Impulse für die Praxis. (Foto: © Birghan)

Barbara Birghan war bis Sommer 2015 Inklusionsbeauftragte des Robert Schmidt-Berufskollegs in Essen, einer kaufmännischen Schule, an der sie heute immer noch stundenweise unterrichtet.

Ihr Hauptarbeitgeber ist mittlerweile das Rheinisch-Westfälische Berufskolleg für Hörgeschädigte, eine benachbarte Förderschule. Gemeinsam haben beide Schulen von Februar bis Oktober 2015 das Projekt „i4us – Lehrer/innen entwickeln Konzepte für den inklusiven Unterricht im dualen System“ initiiert und durchgeführt. Ziel war es, internationale Best Practices kennenzulernen und Ideen für den professionellen Alltag in Deutschland zu gewinnen. Dazu wurden eine Schule im finnischen Kotka und ein Sonderpädagogisches Zentrum in Klagenfurt (Österreich) besucht. Beide haben bereits langjährige Erfahrungen im Unterricht und in der Begleitung von Inklusionsschülerinnen und -schülern im Regelsystem. Mehrere Tage lang konnten jeweils fünf Lehrerinnen und Lehrer aus Essen hinter die Kulissen blicken und sich mit ihren Gastgebern austauschen.

„Das Spannende war, unterschiedliche Ansätze in der Praxis zu erforschen“, schildert Barbara Birghan ihre Erfahrungen. Während es sich beim finnischen Partner um ein Berufskolleg mit 2.300 Schülerinnen und Schülern handelt, hospitierte man in Österreich in einer Institution, deren Förderpädagogen Inklusionschüler, vor allem Hörbeeinträchtigte, im Regelsystem unterstützen. Die insgesamt 29 Förderlehrerinnen und -lehrer fungieren als mobile Lehrkräfte und werden an Berufskollegs in ganz Kärnten entsendet. Ein Modell, das für NRW zwar nicht eins-zu-eins übertragbar wäre, da Kärnten in etwa so viele Einwohner hat wie die Stadt Essen. Prinzipiell aber, so Birghan, sei es auch in größeren Strukturen vorstellbar, eine übergeordnete Stelle zu schaffen, die die Integration im Sinne der Inklusion koordiniere und Förderlehrkräfte entsprechend einbinde.

Sowohl in Österreich als auch in Finnland analysierten die Essener Lehrerinnen und Lehrer mit Beobachtungs- und Fragebögen den Unterricht, zudem diskutierten sie mit Lehrkräften und Schülern. Birghan hält den Blick über den Tellerrand für wichtig, gerade wenn es darum geht, eigene Konzepte zu entwickeln. Birghan wörtlich: „In Österreich ist für mich deutlich geworden, wie wichtig es ist, dass die Abläufe zwischen Berufskolleg und Förderschule gut organisiert sind. Zudem haben wir Beispiele zur Eingliederung hörgeschädigter Schüler in eine Regelklasse erlebt. Dabei spielt die Kommunikation eine zentrale Rolle, gerade bei Hörgeschädigten“.

Schüler und ein Lehrer im Klassenraum
Inklusiver Unterricht für Klassen mit Hörgeschädigten (Foto: © Birghan)

Auch in Finnland lobt Birghan vor allem die Organisationsstruktur. Hinzu komme eine erstklassige Schulverwaltungssoftware, die speziell für die Betreuung der Förderschüler eingesetzt werden kann. Mit ihrer Hilfe wird allen Lehrerinnen und Lehrern, die einen Förderschüler unterrichten, die notwendige Information über den Betreffenden zur Verfügung gestellt. Hervorragend für den Unterricht geeignet sei das Format „better English“, bei dem neben der Englischlehrerin auch eine Integrationshelferin anwesend war, um die Lerngruppe sehr unauffällig zu unterstützen.

Inklusion vermitteln

„Das, was wir dort gelernt haben, können wir nun aktiv in den Prozess bei uns einbringen“, unterstreicht Barbara Birghan, die eng mit ihrer Kollegin Olivia Schattmeier vom Robert Schmidt-Berufskolleg zusammenarbeitet. Und sie ergänzt: „Das konzeptionelle Spektrum reicht von konkreten Vorschlägen zur Didaktik bis zu organisatorischen Aspekten wie Raumausstattung oder Anpassung der Sitzform. Hierzu leisten wir Sensibilisierungsarbeit“.

Kooperieren wollen beide Schulen künftig, indem beispielsweise Förderlehrkräfte des Rheinisch-Westfälischen Berufskollegs im Regelsystem oder bei Fortbildungsmaßnahmen für das Bildungspersonal am Robert Schmidt-Berufskolleg unterstützend wirken. "Mit den Ergebnissen des Projektes treffen wir den Bedarf vieler Lehrerinnen und Lehrern nach Hilfe bei der Umsetzung professionellen inklusiven Unterrichts für Klassen des dualen Systems", betonen Birghan und Schattmeier unisono. Machbar sei Inklusion für sie "auf jeden Fall", der Weg dorthin aber brauche entsprechende Strukturen und viel Engagement aller Beteiligten. Gelinge dies, dann würden letztlich sowohl die Schulen als auch die Berufsschülerinnen und -schüler in inklusiven Klassen davon profitieren.

April 2016, von Manfred Kasper