Nachwuchsarbeit auf europäisch - Wie ein rheinisches Handwerksunternehmen von den Incoming-Aktivitäten mit ausländischen Azubis profitiert

Die Suche nach guten Azubis im Handwerk ist derzeit keine leichte Aufgabe, das weiß auch Jörg de Jong, Gründer und Inhaber der Sedejo GmbH in Frechen bei Köln. Sein Betrieb entwickelt innovative Ansätze der Energieversorgung im Bereich Heizung, Klima, Sanitär und hat sich vor allem auf die Modernisierung bestehender Anlagen und Bausubstanz spezialisiert. Bereits mehrfach hospitierten ausländische Azubis im Unternehmen. Die Effekte derartiger Incoming-Maßnahmen seien äußerst positiv, nicht nur für das Betriebsklima, betont de Jong.

 

Jörg de Jong (links) und sein finnischer Gastazubi bei der Neuverlegung eines Abwasserkanals. (Foto: © Jörg de Jong)

Begonnen hat die Geschichte mit den europäischen Mobilitätsprogrammen für Jörg de Jong im Jahr 2010. Damals wirkte er noch im Unternehmen seines Vaters mit, 2011 ging dieses dann in die gemeinsam mit dem Schwager gegründete Sedejo GmbH über – ein Familienunternehmen par excellence. Dieses hat sich seither konstant entwickelt und verfügt aktuell über 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Fast alle von ihnen wurden auch in der Firma ausgebildet.

Ein Ansatz, der Jörg de Jong zunehmend vor Probleme stellt, da sich die Nachwuchsfrage im Handwerk immer schwieriger gestaltet. Hier kommen die Mobilitätsprogramme ins Spiel, betont der gelernte Heizungsbauer, der vor neun Jahren erstmals für drei Wochen einen finnischen Auszubildenden in seinem Betrieb aufnahm. Seinerzeit suchte das Adolph-Kolping-Berufskolleg des Rhein-Erft-Kreises nach Praktikumsplätzen für eine Gruppe finnischer Azubis, die über Erasmus+ ins Rheinland gekommen waren.

„Ich hatte zuvor noch nie von den Programmen (Anm.: damals noch Leonardo da Vinci) gehört“, erzählt de Jong, der die Idee jedoch spannend fand und neugierig war, wie das Ganze in der Praxis ablaufen würde. Hinzu kam ein enger Draht zu den Entscheidern in der Berufsschule, was die inhaltlichen und organisatorischen Absprachen erleichterte und einen guten Rahmen zur Realisierung der Maßnahme schuf. Deren Erfolg hat selbst de Jong überrascht:

„Der finnische Praktikant hat ‚frischen Wind’ bei uns hereingebracht. So waren meine Mitarbeiter gezwungen, auf Englisch zu kommunizieren, wobei sie manches Mal über den eigenen Schatten springen mussten. Auch die Wirkung auf die Atmosphäre im Betrieb war sehr positiv. Das zeigte sich unter anderem in gemeinsamen Freizeitaktivitäten und Ausflügen.“

Hinzu kamen andere Denk- und Vorgehensweisen, die für de Jong und sein Team in dieser Form neu waren. So hat in Finnland das Thema Arbeitsschutz eine große Bedeutung, was dazu führte, dass die ausländischen Azubis ihre eigene Arbeitskleidung mitbrachten. „Das war anfangs ein wenig ungewohnt, hat uns aber nach und nach selbst zu einem Umdenken gebracht“, beschreibt Jörg de Jong die Situation.

Duale Ausbildung attraktiv auch für Azubis aus anderen Ländern

Er glaubt, dass das Voneinander-Lernen allen Beteiligten neue Erkenntnisse ermöglicht hat, zumal das Ausbildungssystem in Finnland sehr stark schulisch orientiert sei. Das duale System der deutschen Ausbildung übe daher eine gewisse Faszination auf die Azubis aus anderen Ländern aus – drei von sechs Auszubildenden seien nach ihrem Abschluss zu Hause in Finnland noch einmal nach Deutschland gekommen. 

Vor diesem Hintergrund ist es für de Jong ein guter Ansatz, Azubis aus anderen europäischen Ländern eine Praktikumsmöglichkeit zu bieten und sie für den eigenen Betrieb zu begeistern. Da es hierzulande aktuell „ein Hauen und Stechen um die wenigen ausbildungsfähigen Schulabgänger“ gebe, müssten sich die Betriebe neue Wege einfallen lassen, um ihr Profil zu schärfen und gute Leute zu finden. Er selbst gibt seinen Lehrlingen auf jeden Fall die Chance, ins Ausland zu gehen, um dort ihren Horizont zu erweitern. Dies steigere die Attraktivität der Ausbildung ganz erheblich, noch dazu wenn es um Zukunftsthemen wie die Elektrifizierung der Energiewelt gehe.

Berufskolleg ist Impulsgeber und Unterstützung in Sachen Erasmus+

Auch Ausflüge in die Region standen auf dem Programm, zum Beispiel zur Aussichtsplattform am Tagebau Hambach. (Foto : © Jörg de Jong)

Große Bedeutung misst de Jong der Zusammenarbeit mit dem Adolph-Kolping-Berufskolleg bei. Er ist überzeugt, dass die Realisierung der Projekte nur funktioniert, wenn Schule und Betriebe am gleichen Strang ziehen. Das sieht Johannes Klaas, EU-Koordinator für Erasmus+-Projekte am Berufskolleg des Rhein-Erft-Kreises, ähnlich. Klaas wörtlich: „Für uns ist Europa ein wichtiges Thema. Da interkulturelle Schlüsselkompetenzen und internationale Kommunikation beruflich und privat einen immer höheren Stellenwert gewinnen, wollen wir unsere Schülerinnen und Schüler optimal auf diese Anforderungen vorbereiten. Dazu verfolgen wir bereits seit 2003 eine nachhaltige Internationalisierungsstrategie“. Ohne die Unterstützung der lokalen Wirtschaft wären die zahlreichen Europa-Projekte des Kollegs allerdings nicht umsetzbar. Jedes Jahr werden dort knapp 70 Auszubildende in Ausland geschickt, wobei die Zahl in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Im Gegenzug kommen rund 20 ausländische Azubis in den Rhein-Erft-Kreis.

Klaas sieht das Berufskolleg als Impulsgeber in Sachen Erasmus+, auch weil es die Betriebe bei der Beantragung der Mobilitäten unterstützen und entlasten könne. Wichtig seien dabei  Offenheit und die Bereitschaft zur Partizipation, um entsprechende Maßnahmen gemeinsam auf den Weg zu bringen. Deren Mehrwert kommt letztlich allen Beteiligten zugute, das verdeutlicht auch das Beispiel der Sedejo GmbH, deren Inhaber Jörg de Jong zukünftig aktiv darauf achten wird, welche Möglichkeiten ihm Erasmus + in Sachen Nachwuchsarbeit noch bieten könnte.

Juni 2019, Manfred Kasper