Praxisnah ausbilden: Wie geht's am besten? - Europäischer Erfahrungsaustausch von Fachkräften der Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation

Beim Austausch von deutschen und französischen Ausbilderinnen und Ausbildern für Reha-Fachkräfte in Paris wird gerätselt, ausprobiert und verglichen. Das Ziel: lebendig und praxisnah auszubilden.

Mit verbundenen Augen ertasten Ausbilder Frank Stollenwerk und seine drei Kolleginnen und Kollegen erhabene Linien auf einer Pappe. Ihre Aufgabe: Zu beschreiben, was sie da fühlen. Was ist das: ein Oval von circa 8 cm Durchmesser, darin ein kleinerer Kreis? Doch sie kommen nicht drauf. Erst nachdem eine zweite und dritte Pappe mit den fehlenden Perspektiven das Tast-Bild vervollständigen, kann das Rätsel gelöst werden: Es handelt sich um ein Schälchen. „Nur wenn man Informationen über oben, vorn und die Seiten hat, also über alle Perspektiven, kann man ein Bild vom Ganzen entwickeln“, erklärt Stollenwerk.

Hände machen Augen

Stollenwerk bildet mit seinen Kolleginnen Sylvia Paproth und Kathrin Laux und seinem Kollegen Christian Gerhold in Marburg Fachkräfte für die Rehabilitation blinder und sehbehinderter Menschen aus. Sich in einer vom Sehsinn dominierten Welt zurechtzufinden, ist anspruchsvoll – taktile Medien wie zum Beispiel die beim Schälchen-Rätsel eingesetzten Materialien oder Ausdrucke aus dem 3-D-Drucker helfen dabei.

 

Das Marburger Team im Selbstversuch: Welche taktilen Medien setzen die französischen Kolleginnen und Kollegen ein? (Foto: © blista | FAF)

Sie vermitteln eine räumliche Vorstellung besonders von größeren Gegenständen, bei denen ein „Erfühlen“ nicht möglich ist. Auch die Orientierung im Raum wird erleichtert, zum Beispiel durch taktile Stadtpläne, die Straßen, Häusern und Grünflächen vorstellbar machen.

„Auch, wenn man schon länger im Beruf ist, ist es gut, selbst auszuprobieren, was man in der Ausbildung der Fachkräfte nutzt“, sagt Abteilungsleiter Stollenwerk. Denn die Aufgabe der späteren Fachkräfte ist es unter anderem, die taktilen Medien in ihrer Arbeit mit blinden und sehbehinderten Menschen einzusetzen, um ihnen den Alltag zu erleichtern. 

Schälchen-Rätsel (Foto: © blista | FAF)

Wie läuft’s in Frankreich?

Der Selbstversuch findet in Paris statt. Hier will das Marburger Team erkunden: Welche taktilen Medien setzen die französischen Kolleginnen und Kollegen im Unterricht mit welcher Zielsetzung ein? Wie bauen sie ihre Ausbildung insgesamt auf? Wie arbeiten sie wirtschaftlich? Welche Unterschiede, welche Gemeinsamkeiten gibt es? Die Fachschule „FAF - Fédération des Aveugles de France“ in Paris ist die einzige ihres Landes. „Die Rahmenbedingungen sind wegen des Bildungssystems in Deutschland und Frankreich etwas anders, aber Ausbildungsinhalte und auch die praktischen Probleme sind ähnlich“, erklärt Abteilungsleiter Stollenwerk. So sei es trotz guter Berufsaussichten in beiden Ländern schwierig, Bewerberinnen und Bewerber für die Ausbildung zu finden.

Ähnliche Ausbildungsinhalte – andere „Umweltmuster“

Selbstversuche und Simulationen sind in beiden Ländern ein wichtiges Prinzip des Unterrichts. „Unsere zukünftigen Fachkräfte probieren alles am eigenen Leib aus, bevor sie es ihren späteren Klienten vermitteln“, sagt Stollenwerk. Wie fühlt es sich zum Beispiel an, als Mensch mit Blindheit eine belebte Straße zu überqueren? Die Fachkräfte in Ausbildung testen es, in dem sie sich die Augen verbinden oder eine Simulationsbrille tragen und von einem Mitstudierenden über eine Kreuzung begleitet werden. „Man muss nicht jeden Grashalm am Wegesrand erklären, sondern wissen, welche Informationen für den blinden Menschen wichtig sind“, erläutert Stollenwerk. Schon kleine Fehler könnten fatale Folgen haben.

Unterrichtseinheit „Straßenüberquerung“ (Foto: © blista | FAF)

In Paris hospitiert das Marburger Team auch bei der Unterrichtseinheit „Straßenüberquerung“ – und erfährt: Paris hat andere „Umweltmuster“; egal ob zu Fuß oder mit dem Auto, die Menschen verhalten sich anders als in Marburg. Am Zebrastreifen anhalten? In Frankreich kein Thema, die Autos führen einfach weiter, sagt Stollenwerk. „Wir sind erinnert worden, wie es ist, einen blinden Menschen unter weniger günstigen Bedingungen im Alltag zu begleiten“, sagt er. Marburg sei aufgrund der vielen Schülerinnen und Schüler der Deutschen Blindenstudienanstalt e.V. (blista) gut auf blinde und sehbehinderte Menschen eingestellt.

Nah dran: Austausch mit Fachleuten, Hospitation in der Ausbildung

Lehrmittel wie taktile Medien sind nicht auf 3-D-Ausdrucke beschränkt. Die Pariser Fachschule hat beispielsweise aufwändige Baukästen entwickelt, aus deren Bauteilen man nach taktilen Plänen ganze Miniatur-Gebäude wie ein dreidimensionales Puzzle zusammensetzen kann. So entstehen kleine Fabrikgebäude oder sogar Kathedralen, die für blinde oder sehbehinderte Menschen vorstellbar werden.

Taktiles Puzzle (Foto: © blista | FAF)

„Wir konnten direkt mit den Fachleuten sprechen, die diese Medien in Frankreich aufwändig entwickeln: welche Konzepte dahinter stehen, warum sie welche Materialien auswählen, wie sie es umsetzen“, sagt Stollenwerk. Auch den Einsatz der Lehrmittel in der Ausbildung der Fachkräfte konnte die Marburger Delegation bei einer Hospitation im Unterricht beobachten.

Perspektiven erweitern

Fachlich wie persönlich  hätte sich die Reise nach Paris sehr gelohnt, sagt Stollenwerk. Er zählt auf:

„Durch den Vergleich mit der anderen Fachschule überprüfen, ob man richtig liegt, Neues dazulernen, in einer anderen Sprache und im Umgang mit Kollegen aus dem europäischen Nachbarland sicherer werden, das bringt viel.“

Auch die französischen Kolleginnen und Kollegen hätten nach ihrer eigenen Aussage von dem Besuch profitiert, etwa beim Thema „Organisation der Weiterbildung von Fachkräften“. Beeindruckend gastfreundlich seien sie gewesen und hätten sich viel Mühe gegeben. „Wir freuen uns auf den nächsten Besuch in Paris im April, “ so das Marburger Team.

 März 2019, Christina Budde