„Wenn wir uns kennen lernen, überwinden wir die Gräben“ - Europa leben mit Leidenschaft

Hélène Sajons ist Europäerin durch und durch. Sie hat seit 2003 mit der VHS Olching und Partnern in ganz Europa 19 Projekte in den Programmen Grundtvig und Erasmus+ durchgeführt.

Es gab eine Zeit, da war Krieg in Europa. Sie ist noch nicht einmal lange her: Fast jeder hat noch einen Opa, Vater oder Onkel, dem der Krieg in den Knochen steckt. Der von seinen belastenden Erfahrungen unter anderem in der Gefangenschaft erzählt oder sie lieber verschweigt.

Auch der Vater von Hélène Sajons war einer dieser Kriegsgefangenen. Ein Belgier aus Lüttich, der fünf lange Jahre in einem Stalag, einem Straflager in Norddeutschland, mit Zwangsarbeit verbringen musste. Trotz alle der schlimmen Erinnerungen riet er seiner Tochter Hélène, Deutsch als erste Fremdsprache zu lernen, weil er sicher war: „Wenn wir Frieden wollen, müssen wir uns verstehen“.

Ein Antrag nach dem anderen und das ehrenamtlich

Gruppenfoto mit Teilnehmenden, die das Dokument des Europass in den Händen halten
Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten den Europass – den Mobilitätsnachweis, der ihre Lernerfahrungen, die sie im Ausland gewonnen haben, dokumentiert (www.europass-info.de). Foto: © Sajons | VHS Olching

Unter anderem deshalb setzt sich Hélène Sajons seit vielen Jahren als Vorsitzende der VHS Olching dafür ein, dass immer wieder Kursleiterinnen und Kursleiter den Austausch mit Partnereinrichtungen in Spanien, Frankreich, Belgien, Luxemburg, England, Schweiz, Österreich, Bulgarien, Griechenland, Schweden, Finnland wahrnehmen können. „Meine Kolleginnen in der Verwaltung finden mich vielleicht ab und zu etwas unbequem“, schmunzelt sie, „weil ich hartnäckig darauf poche, dass wir die Projekte trotz aller Arbeit machen.“
 
Sajons arbeitet wie ihre Vorstandskolleginnen und alle Dozentinnen, die in EU-Partnerschaftsprojekten mitarbeiten, ehrenamtlich. Dennoch stellt sie einen Antrag nach dem anderen, wie sie selbst sagt. Sie sei so überzeugt, dass es der richtige Weg sei, dass sie gar nicht anders könne. „Es ist so ein Geschenk, dass wir die Kursleiterinnen und Kursleiter ins Ausland schicken können“, sagt sie. Schon rein praktisch sei der Nutzen hoch: Die Lehrkräfte verbesserten ihre sprachlichen Kenntnisse, lernten andere Lehrmethoden kennen und kämen mit „enorm viel Enthusiasmus“ zurück. Das habe unmittelbaren Einfluss auf die Qualität des Unterrichts.

„Wir sind alle gleich“

Doch Sajons hat nicht nur den praktischen Gewinn im Sinn, sondern vor allem den europäischen Gedanken. „Je mehr man gerade im Alltag übereinander weiß, desto deutlicher wird, dass wir alle Menschen sind, egal aus welchem Land wir kommen. Menschen, die alle die gleichen Sorgen und Bedürfnisse haben, die sich über die gleichen Sachen freuen. „Wenn unsere Kinder Kommunion feiern, wenn sie heiraten, wenn die ersten Enkel kommen, das empfinden wir alle gleich bewegend. Oder wenn wir uns um jemanden sorgen, ihm helfen möchten und uns um ihn kümmern wollen.“ Man erkenne bei den Besuchen, wie viel die Europäer gemeinsam haben, sagt sie. Ein Symbol für die Gemeinsamkeit ist für Sajons auch, dass sich Kunst und Kultur über die Grenzen hinweg entwickelt hätten. Sie hat ein Faible für Jugendstil, sagt sie und „der ist überall in Europa zu finden.“

Ankommen in Deutschland: zunächst ein „Kulturschock“

Dabei hat die aus Belgien stammende Sajons, die der Liebe wegen gekommen ist und in diesem Jahr ihren 50. Hochzeitstag feiert, anfangs etwas Zeit gebraucht, um in Deutschland und ihrer zweiten Heimat Bayern zukommen. Damals seien die Menschen noch weniger spontan als in Belgien gewesen. Sich zu umarmen sei beispielsweise sehr ungewöhnlich gewesen. „Und erst die erschreckend riesigen Portionen auf den Tellern! Ich hätte heulen können, weil ich wusste, dass man von mir erwartet, dass ich das alles esse,“ lacht sie.

Ihre eigenen Erfahrungen als Ausländerin in einem anderen Land brachten die Erkenntnis: Es ist besser zu schauen, was gut im neuen Land ist und nicht den Fokus darauf zu legen, was einem vielleicht nicht gefällt. 

Ein Schal der Verbundenheit für Europa

Projektpartnerinnen und -partner vor dem EU-Parlament mit dem 18 m langen Schal der Verbundenheit.
Vor dem EU-Parlament: Der Schal der Verbundenheit

Ein Symbol für das, was die Europäer und Europäerinnen teilen, ist auch der 18 Meter lange Schal der Verbundenheit, den Hélène Sajons im November 2018 der Europäischen Kommission in Brüssel übergab. Liebevoll hatten die Projektpartnerinnen und -partner aus Olching, Padua/ Italien, Valladolid / Spanien und Le-Puy-en-Valay/ Frankreich die einzelnen Teile gestrickt und zusammengefügt. Der Schal zeigt: Wir sind verbunden, sind ein Europa. Es sei eine ganz besondere Ehre gewesen, vor dem Kulturausschuss CULT der EU sprechen zu dürfen, berichtet Sajons. „Ich will nicht angeben, aber ich bin stolz“, sagt sie. Die Einladung der EU sei ein schöner Erfolg für eine kleinere VHS. Auch der städtische Träger und die Olchinger Bürgerinnen und Bürger würden das wohlwollend registrieren.

Auch politisch für Europa aktiv

Als erste Belgierin in Deutschland und als erste EU-Bürgerin im Landkreis Fürstenfeldbruck wurde Hélène Sajons in den Olchinger Gemeinderat gewählt. Von 2002 bis 2008 war sie dort Gemeinderätin und Frauenreferentin. Sie sagt dazu: „Damals war es neu, dass EU-Bürger und -Bürgerinnen sich kommunal aufstellen lassen konnten. Ich dachte: wenn niemand die Möglichkeit wahrnimmt, wozu ist dieses neue Gesetz gut? Also habe ich kandidiert und wurde auch gewählt.“

Die Schlüssel: Sprache und Kennenlernen

Sprache und Kennenlernen sind für Sajons die Schlüssel zur Verständigung. „Alle Euroskeptiker sollte man einmal ins Ausland schicken, um dort in ihrem Beruf zu arbeiten. Sie würden ihr manchmal kleinkariertes regionales Denken aufgeben und sehen: Zusammen sind wir stark“. Für Sajons ist es schon heute so: Der Austausch mit Menschen aller Nationalitäten ist eine der größten Bereicherungen, die es für sie gibt.

August 2019, Christina Budde