Auslandsaufenthalte des Bildungspersonals - Teil einer Internationalisierungsstrategie von Einrichtungen der Berufs- und Erwachsenenbildung

Mit dem Programmstart von Erasmus+ im Jahr 2014 rückte in den Mobilitätsprojekten der Berufs- und Erwachsenenbildung die Verknüpfung von internationaler Mobilität des Bildungspersonals und Organisationsentwicklung stärker in den Fokus. Gleichzeitig änderte sich vor allem in der Erwachsenenbildung das Angebot für Bildungspersonal grundlegend, denn ab 2014 wurde ein projektorientierter Förderansatz eingeführt, in dem nur noch Einrichtungen der Erwachsenenbildung Fördermittel beantragen konnten, um dem Bildungspersonal Auslandsaufenthalte zur beruflichen Qualifizierung zu ermöglichen. 

Mit Blick auf eine zunehmende Internationalisierung und Modernisierung von Bildungseinrichtungen ist seit 2014 ein Europäischer Entwicklungsplan in beiden Bildungsbereichen Bestandteil des Projektantrags. Dieses Ziel im Sinne der Organisationsentwicklung ist eng mit Mobilitätsaktivitäten des Bildungspersonals und der damit verbundenen Professionsentwicklung dieser Zielgruppe verbunden. So sollen neu erworbene Kenntnisse und Fertigkeiten des international mobilen Personals für die Organisationsentwicklung genutzt werden und einen Mehrwert generieren.

Die Berufs- und Erwachsenenbildung kommt an einer Internationalisierung nicht vorbei

Die Ziele des Programms Erasmus+ trafen in Deutschland in beiden Bildungssektoren auf eine Bildungslandschaft, die sich gerade verstärkt auf den Weg in eine internationalere Ausrichtung ihrer Einrichtungen machte bzw. mit diesem Thema vermehrt konfrontiert wurde. Im Jahr 2014 beschäftigten sich Projektvertreterinnen und -vertreter aus geförderten Mobilitätsprojekten in der Erwachsenenbildung in einer Veranstaltung mit der Frage Erasmus+ und Internationalisierung. Es wurden Begriffe wie Leitbild, Organisationsentwicklung, Standardisierung, Implementierung, Stabilität und Sprachkenntnisse genannt. Ebenso stand für die Volkshochschulen die Internationalisierung auf der Agenda des Deutschen Volkshochschulverbandes. „Die Internationalisierung wird auch von außen an unsere Einrichtung herangetragen, durch verstärkte Nachfrage von Sprachen wie Chinesisch oder Japanisch“, formulierte es eine Leiterin einer Volkshochschule im Jahr 2016.

Mit Blick auf die Attraktivitätssteigerung der beruflichen Bildung und aufgrund der zunehmenden Globalisierung sowie demografischer Entwicklungen sind auch für den berufsbildenden Sektor Internationalisierungsprozesse ein zunehmend wichtiger Faktor geworden. Neben der Vermittlung von Fachkenntnissen gilt es gerade für ausbildende Betriebe und Berufsschulen, dass sie ihre Lernenden auf die Herausforderungen eines immer stärker international ausgerichteten Arbeitsmarktes vorbereiten. Gleichzeitig wandelt sich auch für Ausbilder/-innen und Lehrer/-innen selbst das Arbeitsumfeld: Neben Fachkenntnissen müssen sie immer häufiger über Fremdsprachenkenntnisse sowie interkulturelle Kompetenzen verfügen und in der Lage sein, heterogene Zielgruppen auszubilden. 

Spätestens mit der Welle der geflüchteten Menschen im Jahr 2015 rückte diese Entwicklung sowie die Sensibilität und das Bewusstsein für Internationalisierungsprozesse in Bildungseinrichtungen nochmals deutlicher in den Vordergrund. Interkulturelle Kompetenzen und Fremdsprachenkompetenzen, aber auch methodisches Umdenken, neue didaktische Ansätze und die Auseinandersetzung mit dem Einsatz von digitalen Instrumenten im Sprachunterricht sind Themen, die in den letzten Jahren verstärkt in den Erasmus+-Projekten für Bildungspersonal sowohl in der Berufs- als auch der Erwachsenenbildung bearbeitet werden. 

Insgesamt zeigt sich, dass das Programm Erasmus+ mit seinem Angebot für internationale Mobilität von Bildungspersonal einen hervorragenden Beitrag zur zunehmenden Internationalisierung von Bildungsorganisationen leisten kann. Kleinere und größere Einrichtungen haben Europa und die Möglichkeiten des transnationalen Austausches inzwischen in ihren Organisationen fest verankert und profitieren von motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie veränderten Bildungskonzepten.

Projektbeispiele aus der Erwachsenenbildung

Mehr als 7.500 Menschen, die in der Erwachsenenbildung tätig sind, haben ihre Kompetenzen im europäischen Ausland weiterentwickelt und tragen dieses Wissen in ihre Einrichtungen zurück. Während sich immer noch neue Einrichtungen mit kleinen Schritten auf den Weg in die Internationalisierung machen, nutzt beispielsweise das GLS Sprachenzentrum in Berlin das bereits vorhandene Potenzial durch ihre Mitgliedschaft beim International House und begreift die Möglichkeiten des Programms als Bausteine in eine Internationalisierungsstrategie. Bei GLS stellt die europäische Projektarbeit für die Organisation keine Einzelaktivität dar, sondern sie ist in eine Gesamtstrategie eingebettet. Es besteht ein gemeinsames Verständnis darüber, dass Auslandsfortbildungen europäische Werte fördern, neue Netzwerke ermöglichen und Menschen in Europa zusammenbringen. Die Mitarbeiter/-innen werden in die Entwicklung und Durchführung der Projekte einbezogen und es ist den Verantwortlichen wichtig, dass auch eine Strategie flexibel und ausbaufähig angelegt ist, weil GLS auch eingebettet ist in die weltweit agierende Organisation „International House“.

Auslandsaufenthalte des Bildungspersonals stärken Internationalisierungsprozesse in verschiedenen Bereichen

Auch in der Berufsbildung arbeitet das Bildungspersonal an unterschiedlichen Ansätzen: Neben der Verbesserung der (fachspezifischen) Fremdsprachenkompetenzen und der interkulturellen Kompetenzen, die Lehrer/-innen und Ausbilder/-innen zunehmend benötigen, wurden im Rahmen von Hospitationen und Job-Shadowings neue Ansätze erarbeitet, Organisationsprofile weiterzuentwickeln und den Internationalisierungsgedanken in internen Prozessen zu verankern. Ein weiteres Ziel der europäischen Projektarbeit des Berufsbildungspersonals ist neben der Gewinnung von spezifischen Fachwissen die gemeinsame Entwicklung von Curricula und das Angebot von internationalen Zusatzqualifikationen, die zur internationalen Öffnung des Lehrgeschehens beitragen. Im Programm Erasmus+ hat sich zudem gezeigt, dass die internationale Mobilität für Ausbilder/-innen und Berufsschullehrer/-innen einen starken Multiplikatoreneffekt für weitere internationale Aktivitäten haben. Sie stärken das Engagement für internationale Angebote für Lernende, fördern europäische Netzwerke, tragen zur internationalen Öffnung von Organisationsprozessen und zu einer zunehmenden Internationalisierung des Lehrgeschehens bei. Demnach überraschen die steigenden Teilnehmerzahlen des Berufsbildungspersonals in Erasmus+ nicht. Seit Beginn des Programms wurden insgesamt über 28.000 Mobilitäten für diese Zielgruppe bewilligt.

Projektbeispiele aus der Berufsbildung

Die positive Wirkung von Auslandsaufenthalten für das Berufsbildungspersonal lassen sich konkret in der Projektarbeit der Berufsbildenden Schule Uelzen erkennen. Die Schule beendete 2019 ein Projekt, in dessen Rahmen sie 16 Lehrkräfte unter anderem nach Frankreich und Estland entsendete. Die Lehrer/-innen kamen aus verschiedenen Fachrichtungen wie Metall-, Fahrzeugtechnik und Handwerk. Durch den Aufenthalt an europäischen Partnerschulen lernten sie länderspezifische Fertigungstechniken für ihren jeweiligen Fachbereich kennen. Während ihres einwöchigen Aufenthalts hospitierten die Lehrer/-innen im Unterricht und erlangten auch durch eine enge Projektarbeit mit den Kollegen der aufnehmenden Schulen neues Wissen für die Gestaltung und Durchführung des fachpraktischen Unterrichts. Die neu gewonnenen Fachkenntnisse wurden nach der Rückkehr in den Unterricht integriert und führten zu einer Qualitätssteigerung. Darüber hinaus konnten die mobilen Lehrkräfte in Estland und Frankreich ihre Englisch- und Französischkenntnisse deutlich verbessern sowie ihr internationales Netzwerk ausbauen. Die positiven Ergebnisse der Mobiliäten wurden intern an der Berufsschule Uelzen verbreitet und haben ein Bewusstsein für den Mehrwert von Auslandsqualifizierungen geschafften.

2019, Anke Dreesbach (Mitarbeiterin im Team Erwachsenenbildung), Friederike Wiethölter (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Mobilität und Internationalisierung der Berufsbildung)