Skills Agenda

Rund 70 Millionen Menschen in Europa verfügen über unzureichende Grundkompetenzen im Lesen und Schreiben, bei den Basiskompetenzen im Bereich Rechnen und im Umgang mit digitalen Medien ist die Zahl der Menschen ohne ausreichende Kompetenzen sogar höher. Mehr als die Hälfte der Langzeitarbeitslosen in Europa haben geringe oder mangelhafte Grundkompetenzen erworben. Ungefähr 40 Prozent der Unternehmen in Europa haben Schwierigkeiten, Mitarbeiter/-innen mit den passenden Kompetenzen zu finden. Vor diesem Hintergrund hat die EU-Kommission unter Federführung der Generaldirektion für Beschäftigung, Soziales und Integration im Juni 2016 die Mitteilung „A New Skills Agenda for Europe“ (Europäische Agenda für neue Kompetenzen) unterbreitet.

Die Mitteilung zur Kompetenzagenda definiert eine Reihe bildungspolitischer Prioritäten, mit denen die EU den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen in Europa begegnen will. Diese Herausforderungen sind unter anderem die fortschreitende Digitalisierung, die demographische Entwicklung, die Anfälligkeit für ökonomische Krisen und eine (zu) geringe Teilnahme an Weiterbildung.  

Zur Bewältigung dieser Herausforderungen sollen zehn Initiativen beitragen. So sollen am Arbeitsmarkt nachgefragte Kompetenzen vermittelt und europaweit Beschäftigungsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum gefördert werden. Gleichzeitig sollen Kompetenzen besser sichtbar gemacht und deren Anerkennung auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene verbessert werden.


Themenbereiche und Initiativen (Stand: September 2017)

Die Kommission schlägt konkrete Initiativen in den folgenden drei Themenbereichen vor:

  • Qualität und Relevanz des Kompetenzerwerbs verbessern
    Hierunter fallen Maßnahmen zur Verbesserung von Grundkompetenzen, die Überarbeitung der Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen und die Modernisierung der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Außerdem sollen verstärkt digitale Kompetenzen gefördert werden.
  • Darstellung und Vergleichbarkeit von Kompetenzen und Qualifikationen verbessern
    Hierfür soll der Europäische Qualifikationsrahmen überarbeitet werden. Zudem ist ein Instrument für die Erstellung von sogenannten Kompetenzprofilen von Drittstaatsangehörigen geplant.
  • Erfassung von Daten über Kompetenzen und ihrer Dokumentation zur Förderung fundierter Berufsentscheidungen verbessern
    Um die Dokumentation von Kompetenzen zu verbessern, soll der Europass überarbeitet werden. Zudem ist vorgesehen, die Abwanderung von Fachkräften zu bekämpfen und den Werdegang von Hochschulabsolventen besser nachverfolgen. Weiterhin will die Kommission die Erfassung von Kompetenzen in bestimmten Wirtschaftsbereichen durch Blaupausen zur Branchenzusammenarbeit für Kompetenzen verbessern.

Die zehn Initiativen sind:

Qualität und Relevanz des Kompetenzerwerbs verbessern

1. Empfehlung des Rates für Weiterbildungspfade: Neue Chancen für Erwachsene (2016/C 484/01) vom 19. Dezember 2016

2. Überarbeitung des Referenzrahmens für Schlüsselkompetenzen (2017)

3. Modernisierung der beruflichen Aus- und Weiterbildung, u.a. durch die Durchführung einer jährlichen Europäischen Woche der Berufsbildung, erstmalig vom 5.–9.12.2016

4. Schaffung einer Koalition für digitale Kompetenzen und Arbeitsplätze (Dezember 2016)

 

Darstellung und Vergleichbarkeit von Kompetenzen und Qualifikationen verbessern

5. Vorschlag für die Überarbeitung des Europäischen Qualifikationsrahmens (COM (2016) 383, Juni 2016

6. Instrument zur Erstellung von Kompetenzprofilen für Drittstaatsangehörige (2017)

 

Erfassung von Daten über Kompetenzen und ihrer Dokumentation zur Förderung fundierter Berufsentscheidungen verbessern

7. Überarbeitungsvorschlag für den Europass-Rahmen (Oktober 2016)

8. Analyse und Austausch bewährter Verfahren zur Bekämpfung der Abwanderung von Fachkräften (2017)

9. Schaffung einer „Blaupause zur Branchenzusammenarbeit für Kompetenzen“ (Juni 2016)

10. Vorschlag zur Erfassung des beruflichen Werdegangs von Hochschulabsolventen (2017)

Zu den Initiativen im Einzelnen

1. Empfehlung des Rates für Weiterbildungspfade: Neue Chancen für Erwachsene (2016/C 484/01)

Basierend auf dem Vorschlag der Kommission für eine Empfehlung des Rates zur Einführung einer Kompetenzgarantie (COM(2016) 382) hat der Ministerrat im Dezember 2016 eine „Empfehlung für Weiterbildungspfade: Neue Chancen für Erwachsene“ verabschiedet. Grundbildung bzw. die Stärkung von Grundkompetenzen spielt dabei eine wesentliche Rolle. Geringqualifizierten Erwachsenen sollen bei der Erlangung eines Mindestniveaus in den Grundkompetenzen (Rechnen, Schreiben, Lesen und Digitalkompetenzen) unterstützt werden.

Diese Weiterbildungspfade beinhalten drei Stufen:
•    die Bewertung der Kompetenzen,
•    Bereitstellung eines maßgeschneiderten, flexiblen und hochwertigen Lernangebotes sowie
•    Validierung und Anerkennung der erworbenen Kompetenzen.

Zur Empfehlung des Rates

Publikation der Kommission "Upskilling Pathways" (in englischer Sprache)

 

 

2. Überarbeitung der Empfehlung zu Schlüsselkompetenzen für lebensbegleitendes Lernen

Die Europäische Kommission hat Anfang 2017 eine öffentliche Konsultation zum Referenzrahmen für Schlüsselkompetenzen durchgeführt. Es ging darum, Beiträge zur fundierten Überarbeitung des Referenzrahmens für Schlüsselkompetenzen von 2006 einzuholen, insbesondere zu folgenden Themen:

  •  Stärken und Schwächen in der praktischen Anwendung des Referenzrahmens für Schlüsselkompetenzen von 2006
  • Schwerpunktbereiche, in denen Änderungen des Referenzrahmens und der darin enthaltenen Kompetenzdefinitionen zur Deckung des aktuellen und künftigen Bedarfs in der allgemeinen und beruflichen Bildung notwendig sind
  •  Instrumente und Verfahren zur Förderung der Weiterentwicklung von Schlüsselkompetenzen für alle

Ein Bericht über die Ergebnisse der Konsultation wurde auf der Website der Europäischen Kommission veröffentlicht.

Die Annahme eines überarbeiteten Referenzrahmens für Schlüsselkompetenzen ist für das 4. Quartal 2017 geplant.

3. Modernisierung der beruflichen Aus- und Weiterbildung

Hier geht es darum, eine hochwertige Berufsbildung und arbeitsmarktrelevante berufliche Kompetenzen und Qualifikationen zu fördern sowie die guten Arbeitsmarktergebnisse der Berufsbildung sichtbar zu machen.
Verschiedene Maßnahmen sind angekündigt, unter anderem

 

  •  Möglichkeiten für Lernende zu fördern, im Rahmen ihres Bildungsweges Lernerfahrungen am Arbeitsplatz zu sammeln
  • Möglichkeiten für Auszubildende schaffen, in unterschiedlichem Rahmen gesammelte Lernerfahrungen miteinander zu kombinieren, und zwar unter Zuhilfenahme der vorhandenen Instrumente für die Qualitätssicherung und für Leistungspunkte in der beruflichen Aus- und Weiterbildung und im Einklang mit der überarbeiteten EQR-Empfehlung;
  • den Ausbau und den Bekanntheitsgrad von Möglichkeiten höherer beruflicher Aus- und Weiterbildung mittels Partnerschaften zwischen Bildungseinrichtungen, der Forschung und der Wirtschaft zu fördern, wobei ein Schwerpunkt auf dem Bedarf einzelner Branchen an Kompetenzen auf höherem Niveau liegen soll;
  • die Verfügbarkeit von Daten über die Arbeitsmarktergebnisse der beruflichen Aus- und Weiterbildung verbessern.

Im Rahmen dieser Initiative fand erstmalig im Dezember 2016 die europäische Woche der Berufsbildung statt. Diese soll fortan jährlich fortgeführt werden und findet in 2017 vom 20.–24. November 2017 statt.

Weiterhin hat die Europäische Kommission für den Herbst 2017 eine Ratsempfehlung  für einen „European Quality Framework for Apprenticeships“ angekündigt.

4. Start der „Koalition für digitale Kompetenzen und Arbeitsplätze“

Mit der Anfang Dezember 2016 gestarteten Koalition verpflichten sich eine Reihe von Partnern, darunter über 30 Organisationen und Vereinigungen wie die European Digital SME Alliance, ESRI, SAP und Google, die Kluft bei den digitalen Kompetenzen zu verringern. Weitere Akteure sind aufgerufen, sich der Koalition anzuschließen und ihrer Charta zuzustimmen. Die Mitglieder der Koalition sagen zu, dass sie die Kompetenzdefizite auf allen Ebenen angehen wollen, angefangen bei hochgradigem IKT-Spezialwissen bis hin zu den Kenntnissen, die alle europäischen Bürgerinnen und Bürger für den Alltag, die Arbeit und die Teilhabe an einer digitalen Wirtschaft und Gesellschaft benötigen. Dies soll die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie gegenüber der sich rasch weiterentwickelnden Konkurrenz verbessern und die europäische Gesellschaft befähigen, am digitalen Zeitalter teilzuhaben. Parallel sollen in allen Mitgliedstaaten nationale Koalitionen für digitale Kompetenzen errichtet werden.

Zur Presseerklärung

Zur Website

5. Überarbeitung des Europäischen Qualifikationsrahmens (2017/C 189/03)

Der Rat der EU für Bildung, Jugend, Kultur und Sport hat auf seiner Sitzung am 22./23. Mai 2017 die Revision des Europäischen Qualifikationsrahmens angenommen.
In der Neufassung wird der Deskriptor „Kompetenzen“ durch „Verantwortung und Selbstständigkeit“ ersetzt und es werden Kriterien und Verfahren für die Zuordnung nationaler Qualifikationsrahmen oder -systeme zum Europäischen Qualifikationsrahmen festgelegt. Weiterhin werden Qualitätssicherungsgrundsätze eingeführt, denen zufolge alle Qualifikationen mit EQR-Niveau - im Einklang mit den nationalen Gegebenheiten und unter Berücksichtigung sektoraler Unterschiede - einer Qualitätssicherung unterliegen sollen. Für Leistungspunktesysteme, die mit den nationalen Qualifikationsrahmen oder -systemen mit Zuordnung zum Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) verbunden sind, werden ebenfalls Grundsätze eingeführt. Die Zuordnung von Qualifikationen zu den Nationalen Qualifikationsrahmen soll regelmäßig überprüft und angepasst werden.

Zur Empfehlung des Rates

6. Start des „Instruments zur Erstellung von Kompetenzprofilen für Drittstaatsangehörige“

Ende Juni 2017 hat die EU-Kommission ein Instrument zur Erstellung von Kompetenzprofilen für Drittstaatsangehörige vorgestellt. Es handelt sich dabei um einen Off- und Online-Webeditor, mit dem Drittstaatsangehörigen ihre Kompetenzen, Qualifikationen und Erfahrungen so darstellen können, dass sie für Arbeitgeber, Bildungsanbieter und

Organisationen, die EU-weit mit Migrantinnen und Migranten arbeiten, leicht verständlich sind.
Das Instrument zur Erstellung von Kompetenzprofilen ist ein erstes Tool für Aufnahmezentren, Integrationsdienste, öffentliche Arbeitsverwaltungen und andere Organisationen mit einem Dienstleistungsangebot für Drittstaatsangehörige.

Es steht in zahlreichen Sprachen zur Verfügung, unter anderem auch in Arabisch oder Farsi. Neben der Erfassung von Kompetenzen und Qualifikationen von Drittstaatsangehörigen soll das Tool zu Schulungen, Aus- und Weiterbildung oder Beschäftigungsmöglichkeiten informieren. Das Instrument zur Erstellung von Kompetenzprofilen soll den Abgleich zwischen Arbeitsuchenden und freien Stellen vereinfachen.

Zur Betaversion

7. Vorschlag der Kommission zur Überarbeitung des Europass-Rahmens für bessere Dienste zur Beschreibung von Kompetenzen und Qualifikationen

Der Europass ist eines der wichtigsten europäischen Instrumente für mehr Transparenz von Qualifikationen und Kompetenzen.  Um ihn an die aktuellen und künftigen Anforderungen anzupassen, hat die EU-Kommission einen Vorschlag zur Überarbeitung des Europasses vorgelegt.

Der neue Europass-Rahmen soll demnach ein erweitertes und flexibleres Instrumentarium zur Erstellung von Lebensläufen sowie von Kompetenzprofilen enthalten. Zusätzlich soll der Europass Informationen über Lernangebote in ganz Europa bereitstellen. Er soll Informationen und Unterstützung für die Anerkennung von Qualifikationen bieten und darüber informieren, welche Kompetenzen wo am meisten auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Dafür soll er mit weiteren bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Initiativen wie dem Jobportal EURES, dem Skills Panorama und der Online-Plattform „Learning Opportunities and Qualifications in Europe“ vernetzt werden. Neben dieser Neuausrichtung soll es auch eine Weiterentwicklung der bekannten Europass-Instrumente geben.

Die Europäische Kommission hat am 04. Oktober 2016 einen Vorschlag vorgelegt.

Da der Europass zurzeit auf einem Beschluss von Europäischem Rat und Europäischen Parlament basiert, können auch nur diese Gremien den Beschluss revidieren. Mit einem neuen Beschluss ist nicht vor Ende 2017 zu rechnen.

Zum Verfahrensstand

8. Analyse und Austausch bewährter Verfahren zur Bekämpfung der Abwanderung von Fachkräften (2017)

Es hat bisher noch eine Initiative begonnen.

9. Start einer Blaupause zur Branchenzusammenarbeit für Kompetenzen

Ziel der Allianzen für branchenspezifische Fertigkeiten ist es, Qualifikationsdefizite bei einem oder mehreren Berufsprofilen in einer bestimmten Branche abzubauen. Hierfür ermitteln sie bestehende oder sich abzeichnende spezifische Arbeitsmarktanforderungen und verbessern die Möglichkeiten, diesen im Bereich der beruflichen Erst- und Weiterbildung Rechnung zu tragen. Auf der Grundlage von Erkenntnissen über den Qualifikationsbedarf unterstützen die Allianzen für branchenspezifische Fertigkeiten die Entwicklung und Bereitstellung von grenzüberschreitenden Berufsbildungsinhalten sowie von Unterrichts- und Ausbildungsmethoden für europäische Kernberufsprofile.

Im Rahmen von Erasmus+, Leitaktion 2 – Zusammenarbeit zur Förderung von Innovation und zum Austausch von bewährten Verfahren hat die Europäische Kommission 2017 Projekte zur Förderung ausgewählt (Lot 3), die die Anwendung eines neuen strategischen Ansatzes („Blaupause“) zur Branchenzusammenarbeit für Kompetenzen erproben.


Weitere Informationen

Publikation “Blueprint for sectoral cooperation on skills - Responding to skills mismatches at sectoral level”

Aufforderung EACEA 04/2017 zur Einreichung von Vorschlägen im Rahmen des Programms Erasmus+,
Leitaktion 2 — Zusammenarbeit zur Förderung von Innovation und zum Austausch von bewährten Verfahren Allianzen für branchenspezifische Fertigkeiten (2017/C 26/06).
(Dieser Aufruf wurde am 04.05.2017 geschlossen.)

10. Vorschlag zur Erfassung des beruflichen Werdegangs von Absolventen

Die Europäische Kommission hat am 30. Mai 2017 einen Vorschlag für eine Empfehlung des Rates zur Werdegang-Nachverfolgung vorgelegt. Mit dieser Initiative sollen Qualität und Verfügbarkeit qualitativer und quantitativer Daten zum Werdegang von Personen nach ihrem Hochschul- oder Berufsbildungsabschluss in Europa verbessert werden.

Den Mitgliedstaaten wird empfohlen, u.a. bis 2020 Werdegang-Nachverfolgungssysteme einzurichten, die Folgendes umfassen:   
a) Erhebung relevanter Verwaltungsdaten aus Bildungs-, Steuer- und Sozialversicherungsdatenbanken;  
b) Erstellung von Längsschnitterhebungen zu Absolventinnen und Absolventen auf Bildungssystemebene, da qualitative Daten über Personen, die ins Berufsleben einsteigen oder in eine weitere (Aus)bildung wechseln, und deren anschließenden Werdegang benötigt werden; und  
c) Möglichkeit für Behörden, anonymisierte Daten aus verschiedenen Quellen zu verknüpfen, um ein Gesamtbild des Werdegangs von Absolventinnen und Absolventen zu erhalten;“

Vorschlag der EU-Kommission 2017