Interkulturelle Kompetenz stärken in Japan

"So eine Möglichkeit kriegt man später nie wieder geboten, man sollte sie wirklich ergreifen!" Anja Braune-Unz ist gelernte Keramikerin und hat im Anschluss an ihre Ausbildung mit Erasmus+ einen dreimonatigen Lernaufenthalt in Japan absolviert.

11.08.2026

Zwischen April und Juli 2025 durfte Anja alle Schritte der traditionellen Bizen-Keramikherstellung hautnah miterleben und tatkräftig mit anpacken. Dabei hat sie eine ganz neue Seite ihres Berufs kennengelernt und Erfahrungen mitgenommen, die sie fachlich wie persönlich sehr bereichert haben. Wie es für Anja war, drei Monate in einem Land zu leben und zu arbeiten, dessen Sprache sie nicht spricht und dessen Kultur sie nur vom Hörensagen kannte, hat sie uns erzählt:

 

Anja, du warst 2025 3 Monate mit Erasmus+ in Japan. Als Töpfergesellin im ersten Jahr nach Ausbildungsabschluss hast du dort die japanische Keramikherstellung hautnah miterleben dürfen. Wie war das für dich – auch im Vergleich zu deiner Arbeit in Deutschland?

Es war eine in jeder Hinsicht bereichernde und außergewöhnliche Erfahrung. Die traditionelle Keramik und deren weit zurückreichende Geschichte ist etwas ganz Besonderes in Japan. Ein Unterschied zu der Arbeit in Deutschland ist für mich definitiv die Demut und der Umgang mit dem Material und seine Gewinnung. Während man in Deutschland in aller Regel fertiges Material einkauft, habe ich in Japan beim Abbau des Tons mitgewirkt, welchen wir dann zu Keramik weiterverarbeitet haben. Dieses Vorgehen steigert auf jeden Fall die Wertschätzung vor dem Material, da man es vor der Verarbeitung mit den eigenen Händen aus der Erde gestochen, mit dem Holzhammer zerkleinert, gemahlen und letztlich angemischt hat.

Ebenfalls ganz anders war dann auch das Brennen der Keramik im mit Holz betriebenen, traditionellen Anagama-Ofen. Dieser war 20 Meter lang und wurde von Herrn Matsui, meinem Lehrmeister und Gastvater vor Ort, selbst erbaut. Allein das Bestücken und Hochheizen dieses riesigen Ofens auf 1.000 Grad Celsius bedarf eines mehrtägigen, strengen Vorgehens. Bis die Keramikstücke dann tatsächlich fertiggebrannt sind, vergehen insgesamt zwei Wochen und man muss das Feuer durchgängig überwachen und weiter füttern. Auch dabei lernt man viel Geduld und Hingabe für den Prozess, aber auch die Flammenführung ist ein zentrales Thema ebenso wie das Wissen darüber, welche Stücke man wann und wo im Ofen platzieren muss, um verschiedene Brenneffekte zu erzielen. Insgesamt war die Arbeit sehr viel körperlicher als in Deutschland, wo ich die meiste Zeit an der Drehscheibe verbringe. In Japan hingegen haben wir viel mehr mit der Plattentechnik gearbeitet – einer Methode, bei der der Ton durch eine Walze zu dünnen Platten gepresst und anschließend geformt wird.

Gab es trotz dieser vielen Unterschiede auch Gemeinsamkeiten, die du mit Blick auf deine alltägliche Arbeit in Deutschland feststellen konntest?

Ganz klar die Liebe zur Keramik! Herr Matsui und ich haben uns sofort verstanden. Bereits am ersten Tag habe ich sofort mit angepackt und Herr Matsui und ich haben den gesamten Tag zusammengearbeitet, ohne wirklich miteinander zu sprechen. Da hat man einfach gespürt, was der nächste Schritt ist und welche Unterstützung er gerade gebrauchen könnte. Das war so eine harmonische, gut funktionierende Zusammenarbeit, obwohl man sich überhaupt nicht kannte, weil einfach die Leidenschaft auf beiden Seiten da war.

 

Das klingt nach einer sehr erfüllenden, aber auch sehr anstrengenden Arbeit. Wie wird das Keramik-Handwerk in Japan gesellschaftlich wahrgenommen? Spürt man dort, dass die harte Arbeit wertgeschätzt wird?

Ja, auf jeden Fall! Mein Lehrmeister Herr Matsui präsentiert seine Werke regelmäßig auf Ausstellungen und ich hatte ganz zu Beginn meines dreimonatigen Aufenthalts die Möglichkeit, eine seiner gut besuchten Ausstellungen in Tokyo zu unterstützen. Für den Aufbau, der sowieso schon sehr umfangreich war, hatte Herr Matsui extra eine Ikebana-Meisterin beauftragt, die Keramik-Stücke in absoluter Kleinstarbeit und sehr ästhetisch mit Blumen zu dekorieren. Auch die Art, wie die Stücke angeliefert wurden – nämlich in extra angefertigten Holzschachteln – zeigte mir die extrem hohe Wertschätzung und Hingabe, die Herr Matsui für sein eigenes Handwerk verspürt. 

Auch die Besucher/-innen der Ausstellung zeigten große Begeisterung, Achtung und Respekt beim Betrachten und Erwerben der Stücke, sowie bei den vielen Gesprächen, die sich dabei ergaben. Während ich in Deutschland oft in Gespräche über Preise von handwerklicher und künstlerisch hergestellter Keramik verwickelt werde, so ist das in Japan absolut kein Thema. Der Wert der Keramik, die in Handarbeit entsteht und jedes Stück einzigartig macht, wird nicht infrage gestellt.

Du warst zum Zeitpunkt deines Auslandsaufenthaltes bereits Gesellin und hattest deine Abschlussprüfung gerade hinter dich gebracht. Das heißt, du hast einen Ausbildungsabschluss, theoretisches Wissen und praktische Arbeitserfahrung mitgebracht, als du nach Japan gegangen bist. Hast du dich damit gut vorbereitet gefühlt auf die Arbeit vor Ort, die ja – wie wir gerade gehört haben – doch recht anders war als du es aus Deutschland kanntest?

Ich habe mich gut vorbereitet gefühlt, aber ich glaube, dass das vor Ort anders gesehen wurde. Als ich im Vorfeld nach einem Praktikumsplatz gesucht habe, wurde mir mehrfach zurückgemeldet: „Du kannst noch nichts“. Die deutsche Ausbildung zur Keramikerin ist dort nach meinem Empfinden nicht so anerkannt, was unter anderem an der Länge der Ausbildungszeit liegt. In Japan lernt man den Beruf mindestens sieben Jahre lang und der Meister entscheidet dann, wann man soweit ist, eigene Produkte herzustellen. In den ersten Jahren der Lehre darf man nur zusehen und Assistenzaufgaben übernehmen, wie zum Beispiel das Kehren der Späne am Arbeitsplatz. Ich habe die Wertschätzung meiner Person auf jeden Fall gespürt, aber meine Arbeitskraft hat für meinen Lehrmeister nicht im Vordergrund gestanden. Es ist eher so, dass der Meister mich gelehrt hat. Ich habe mich mit meinem Vorwissen gut präpariert gefühlt, aber wahrgenommen wurde ich dort wahrscheinlich eher nicht als ausgebildete Keramikerin, sondern eher als Gehilfin. Daran sieht man sehr gut die unterschiedliche Wahrnehmung meiner Ausbildung und Berufserfahrung in beiden Ländern und wie hochgeschätzt das Handwerk in Japan ist.

 

Jedes Land hat ja seine ganz eigene Kultur mit gesellschaftlichen Normen und Regeln. So gelten manche Dinge in Japan als gesellschaftlich verpönt, die in Deutschland akzeptiert sind und andersherum. Wie war es für dich persönlich, drei Monate in Japan zu leben und zu arbeiten?

Insgesamt ist es mir tatsächlich leicht gefallen loszuziehen. Japan ist ein Land, in dem man sich immer willkommen fühlt. Ich hatte vor Ort das Gefühl, ich wäre schon einmal dort gewesen, obwohl das nicht stimmt. Aus meiner Erfahrung sind die Menschen sehr zugewandt und machen es einem einfach leicht, es ist eine sehr hilfsbereite und dankbare Gesellschaft. Zudem war ich früher mal in der humanitären Hilfe tätig und bin es daher gewohnt, mich in fremde Kulturen einzuleben. Eine ehemalige Kollegin aus dieser Zeit ist Japanerin und war zufällig zur gleichen Zeit auch in Japan, gerade mal eine Stadt weiter. Sie hat mich quasi als ortskundige Dolmetscherin unterstützt und mir viele besondere Orte gezeigt. Aber auch meine Gastfamilie hat mich toll mitgenommen, um mir die Kultur näher zu bringen, z. B. durch gemeinsame Mahlzeiten und Ausflüge. Auch die traditionelle Herstellung von Kimonos in Handarbeit sowie die japanische Teezeremonie durfte ich kennenlernen, was sehr beeindruckend war. So konnte ich viel mehr Eindrücke gewinnen als wäre ich eine einfache Touristin gewesen.

Der Alltag in einem anderen Land stellt einen natürlich durchaus vor Herausforderungen, wie zum Beispiel der Gang in den Supermarkt. Dort wurden alle Artikel nur auf japanisch ausgestellt, sodass ich mich mit einer Übersetzer-App anfangs mühsam durch den Supermarkt gearbeitet und nur Lebensmittel gekauft habe, die ich zweifelsfrei identifizieren konnte. Aber auch hier hat mich meine japanische Kollegin unterstützt und ist mit mir gemeinsam einkaufen gegangen, das hat mir sehr geholfen. Neben den Supermärkten fand ich aber besonders die kleinen, familiengeführten Läden faszinierend, die traditionelle, handgemachte Produkte wie Kalligrafiepinsel verkauft haben.

Das klingt nach tollen Erfahrungen! Gab es neben all den tollen Momenten auch Situationen, in denen du überfordert warst oder befürchtet hast, gegen die gesellschaftlichen Verhaltensregeln verstoßen zu haben? Wenn ja, wie bist du damit umgegangen?

Es gab mit Sicherheit viele Momente, in denen ich mich „danebenbenommen“ habe. Aber die Menschen sind in Japan einfach zu freundlich, um es einem zu sagen. Ab und zu konnte ich anhand der Reaktionen der Mitmenschen erkennen, dass ich mich gerade nicht adäquat verhalten habe, aber gesagt hat mir das niemand. Letztlich hat dieser respektvolle Umgang mit mir dazu geführt, dass ich mich nach und nach entspannt habe. Die Freundlichkeit meiner Mitmenschen und das Wissen darüber, dass sie es mir nicht übelnehmen, wenn ich etwas falsch mache, haben den Druck rausgenommen.

Japan war aber das erste Land, in das ich gereist bin, bei dem ich im Vorfeld wirklich Angst hatte, etwas falsch zu machen. Daher war es mir auch wichtig, mich gut vorzubereiten. So bin ich bereits im Vorfeld meines Aufenthalts mit meiner Gastfamilie ausführlich in Kontakt getreten. In dem Zuge bat ich meine Gastmutter darum, mir bitte mitzuteilen, wenn ich in ein Fettnäpfchen getreten bin, damit ich daraus lernen kann und niemanden verletze. Aber auch eine umfangreiche Recherche im Vorfeld hat dazu beigetragen, dass ich mich sicherer gefühlt habe. Ich habe zum Beispiel Videos geschaut, in denen die „Do’s & Dont’s“ über das Leben in Japan zusammengefasst waren. Hilfreich war auch dabei wieder meine japanische Kollegin, deren Rat ich gerade zu Beginn meines Aufenthalts schnell per Handy einholen konnte, wenn ich mir unsicher war.

 

Trotz deiner umfassenden Vorbereitung und deiner Kontakte nach Japan: Hattest du Ängste oder Sorgen vor deiner Reise? Wenn ja, wie bist du damit umgegangen?

Ich war zum Glück recht entspannt. Ich habe mich sehr über die Möglichkeit gefreut und wusste, dass ich durch die Erasmus+-Förderung finanziell sehr gut abgesichert bin. Ich habe mir bewusst gemacht, dass ich nicht dabei bin, mein gesamtes Leben nach Japan zu verlagern, sondern nur für eine begrenzte Zeit dort sein werde. Auch die Erkenntnis, dass ich die Reise völlig freiwillig mache und ich durchaus die Möglichkeit habe, die Rahmenbedingungen vor Ort mitzubestimmen und im äußersten Notfall frühzeitig wieder nach Hause kommen zu können, haben mir viel Sicherheit gegeben.

Ein wenig Sorge hatte ich vor der Verständigung. Ich hatte im Vorfeld die wichtigsten Floskeln auf Japanisch per Sprachlern-App eingeübt, richtige Sprachkenntnisse brachte ich aber nicht mit. Das hat mich verunsichert, weil ich nicht respektlos gegenüber den Einheimischen wirken wollte. Aber vor Ort hat das alles zum Glück gut funktioniert und meine Nachbarin begrüße mich jeden Morgen sogar auf Englisch mithilfe ihrer Übersetzungs-App. Das wusste ich sehr zu schätzen.

Was möchtest du Menschen mitgeben, die auch die Chance haben, während oder nach der Ausbildung ins Ausland zu gehen, sich aber nicht trauen und sich von ihren Ängsten ausgebremst fühlen?

Ich finde die Vorstellung wirklich schade, dass jemand sich wegen Sorgen und Ängsten die Chance entgehen lässt, einen Auslandsaufenthalt zu absolvieren. Ein bisschen Bauchkribbeln gehört einfach dazu – das hatte ich auch, obwohl ich zuvor schon längere Zeit im Ausland verbringen durfte. So eine Möglichkeit kriegt man später nie wieder geboten, man sollte sie wirklich ergreifen. Die Erfahrungen, die ich vor Ort gemacht habe, kann mir niemand mehr nehmen. Ich habe nicht nur beruflich dazugelernt. Ich habe auch das Gefühl – und das signalisieren mir auch meine neu gewonnenen japanischen Freund/-innen, mit denen ich noch regelmäßigen Kontakt pflege –, dass ich ein zweites Zuhause dazugewonnen habe. Wenn ich ab September die Meisterschule besuche, habe ich vor, ein weiteres Auslandspraktikum zu machen. Wenn das nur halb so schön wird wie das Praktikum in Japan, bin ich einfach froh. Ich bin absolut begeistert und würde es jederzeit wieder machen – gerade auch einen solch langen Aufenthalt. Zu sehen, dass nun andere Gesell/-innen eine ähnliche Reise antreten wie ich, freut mich wirklich sehr.

Gut zu wissen: Mit der “internationalen Dimension” ermöglicht das europäische Förderprogramm Erasmus+ in einem geringen Umfang auch außereuropäische Lernaufenthalt. Daneben bietet das BMBFSFJ-Förderprogramm AusbildungWeltweit finanzielle Unterstützung für weltweite und praxisorientierte Auslandsaufenthalte während der Berufsausbildung.

Zu den Förderinformationen:

Erasmus+

AusbildungWeltweit

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