Aus der Praxis
Internationalisierung
Mobilität

Internationalisierung auf französisch

An einem Duisburger Berufskolleg können Auszubildende im Rahmen der Ausbildung im Fach Gießereimechanik eine deutsch-französische Zusatzqualifikation erwerben

Von Manfred Kasper

 

09.06.2026

Programm

Auslandsaufenthalte

Bildungsbereich

Berufsbildung

Thema

Internationalisierung

Koordination

Berufsbildungswerk Mosbach-Heidelberg

Wie erfolgreiche Internationalisierung in der Berufsbildung aussehen kann, zeigt das Beispiel des Friedrich-Albert-Lange-Berufskollegs (FALBK) in Duisburg. Hier kommt seit 2021 die Deutsch-Französische Zusatzqualifikation (DFZQ PRO) zum Einsatz, die die Entwicklung und Durchführung binationaler berufs- oder bildungsgangbezogener Lernsituationen vorsieht, um die Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Schulpartnern zu stärken. Integraler Bestandteil ist dabei die konkrete Projektarbeit im Nachbarland, die über Erasmus+ realisiert wird. 

„Wir nutzen DFZQ PRO sowohl strategisch als auch zum Erwerb von Sprach-, Fach- und Auslandskompetenz“, sagt Egbert Meiritz, Schulleiter FALBK. Er sieht die Zusatzqualifikation als Ergänzung zur regulären Ausbildung, die die Schülerinnen und Schüler auf den europäischen Arbeitsmarkt vorbereitet. In Duisburg erfolgt dies im Bildungsgang Gießereitechnik, wo DFZQ PRO heute fest verankert ist und mittels bi-nationaler Lernsituationen gelebt wird. Am Ende der Ausbildung gibt es neben der Zusatzqualifikation auch die Zertifizierung der “Internationalen Beruflichen Mobilität”.

Mit der Entwicklung der DFZQ PRO hat das Land Nordrhein-Westfalen den Auftrag des im Januar 2019 unterzeichneten Vertrags über die „Deutsch-Französische Zusammenarbeit und Integration“ umgesetzt und das neue Instrumentarium an ausgewählten Berufskollegs etabliert. Ziele des Vertrags sind der Ausbau von Mobilitätsprogrammen in der Schul- und Berufsbildung sowie die Förderung des gegenseitigen Spracherwerbs. Er steht damit in der Tradition des Élysée-Vertrag aus dem Jahr 1963, der die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich langfristig stärken sollte.

In Duisburg hat der Austausch eine Geschichte

Für das Duisburger Berufskolleg ist das Thema Internationalisierung nicht neu. Hier arbeitet man bereits seit vielen Jahren mit Programmen wie Erasmus+, der Austausch mit französischen Schulen wird bereits seit 2014 gepflegt. „Als das NRW-Ministerium uns eingeladen hat, uns an DFZQ PRO zu beteiligen, haben wir deshalb sofort zugesagt“, bekräftigt Meiritz, und ergänzt: „Da wir Französisch bereits als zweite Fremdsprache an unserer Schule eingeführt hatten, konnten wir die Zusatzqualifikation gut in unsere bestehenden Bildungsgänge integrieren. Dazu wird im dritten Ausbildungsjahr das Fach Fremdsprachliche Kommunikation komplett auf Französisch umgestellt.“

Sonja Stahlberg unterrichtet Französisch am FALBK. Sie war im März 2026 mit einer Gruppe von zwölf Auszubildenden und zwei Lehrenden aus dem Technikbereich zum vierten Mal für eine Woche zum Lernaufenthalt in Frankreich, erstmals an der neuen Partnerschule, dem Lycée Hector Guimard in Lyon. Der Wechsel war notwendig geworden, weil es für die Schülerinnen und Schülern der alten Partnerschule immer schwieriger geworden war, zum Gegenbesuch nach Duisburg zu kommen. Um die Zusatzqualifikation attestieren zu können, ist dieser Rückaustausch jedoch notwendig. Durch den Partnerwechsel konnte das Problem gelöst werden.

Von ihrem Besuch in Lyon ist Stahlberg heute noch begeistert. Das liegt auch daran, dass die neue Partnerschule über Werkstätten verfügt, in denen Verfahren eingesetzt werden, die in der regulären Ausbildung der Lernenden weniger im Fokus stehen. Ein Beispiel ist der Kokillenguss, bei dem im Gegensatz zum Handformen mit Sand eine sogenannte Dauerform aus Metall hergestellt wird. „Die Methode hat in Frankreich einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland“, betont Stahlberg. „Das ist für unsere Schülerinnen und Schüler sehr interessant.“

In den konkreten Lernsituationen – der praktischen Projektarbeit – entwickeln sie gemeinsam mit den französischen Auszubildenden ein Produkt. Dazu Sonja Stahlberg: „Wir versuchen, etwas zu finden, das man im Alltag nutzen kann, zum Beispiel einen Flaschenöffner oder Einkaufschips. Zugleich sollte jedoch ein Designaspekt erfüllt werden, zum Beispiel, indem sich die deutsch-französische Freundschaft oder der europäische Gedanken widerspiegeln. Insgesamt bildet die Lernsituation den kompletten Vorgang von der Planung über die Ausgestaltung und Prüfung bis zum Abguss und zur Nachbearbeitung des Produkts ab. Das bringt eine intensive Zusammenarbeit mit sich, bei der die Schülerinnen und Schüler Kompetenzen erwerben, die sie so bei uns nicht erwerben könnten.“

Erasmus+ ermöglicht Mehrwert

Ein zentraler Erfolgsfaktor für das Gelingen von DFZQ PRO ist die Förderung der Auslandsaufenthalte über Erasmus+. Sie erleichtert die Organisation des regelmäßigen Austauschs und schafft Planungssicherheit. Egbert Meiritz ist sich sicher: „Ohne diese Unterstützung würde das Ganze nicht funktionieren“. Seit 2021 ist das FALBK in Erasmus+ akkreditiert, es setzt auf eine institutionelle Verankerung der Mobilitäten, die sowohl für die Lernenden als auch für die Lehrenden einen Mehrwert mit sich bringen.

„Die Gießereiindustrie ist ein relativ enges Geschäft, es gibt zudem nur noch wenige Schulen, die eine Ausbildung anbieten. In diesem Markt ist es nicht einfach, dauerhaft Jobs zu bekommen, noch dazu in einer Region, die jahrelang Deindustrialisierung erlebt hat und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit aufweist.“, berichtet Meiritz, der selbst aus Recklinghausen stammt und weiß, wovon er spricht. Deshalb sei es besonders wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler über nationale Grenzen hinausdenken. Durch die Zusatzqualifikation erweitern sie ihre Kompetenzen und verbessern ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt – auch international. Sie stellen fest, dass das, was sie im Rahmen ihrer Ausbildung gelernt haben, an vielen verschiedenen Orten einsetzbar ist. Einige von ihnen seien zwar anfangs unsicher, vor allem, wenn sie noch nie im Ausland waren. Nach dem Austausch aber berichteten nahezu alle, dass sie enorm davon profitiert hätten.

Das gilt im Übrigen auch für die Lehrkräfte, denen der fachliche Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankreich Einblicke in andere Ausbildungssysteme und Arbeitsweisen eröffnet. Sonja Stahlberg glaubt: „Das erweitert den Horizont und funktioniert ähnlich wie ein Job Shadowing. Aus der gemeinsamen Arbeit entstehen neue Ideen für Unterricht und Projektarbeit. Man reflektiert die eigenen Methoden und entwickelt sie weiter. Und nicht zuletzt ist es auch persönlich bereichernd: Der Austausch, die gemeinsamen Erfahrungen und das Arbeiten in internationalen Teams wirken sehr motivierend.“

Internationalisierung fördert die Schulentwicklung

Auch wenn die Internationalisierung am FALBK bereits eine lange Geschichte aufweist, betrachtet Egbert Meiritz die Deutsch-Französische Zusatzqualifikation als einen wichtigen strategischen Baustein: „Die DFZQ PRO ist nicht nur ein Zusatzangebot, sondern Teil unserer Schulentwicklung. Sie trägt dazu bei, unsere Schule international auszurichten, unser Profil zu schärfen und die Qualität der beruflichen Bildung weiterzuentwickeln. Gleichzeitig stärkt sie unsere bestehenden Partnerschaften und eröffnet neue Möglichkeiten.“

Alexandra Donike, Schulfachliche Dezernentin in der Schulaufsicht
für die Berufskollegs und Leiterin der EU-Geschäftsstelle bei der Bezirksregierung Düsseldorf, unterstreicht dies, indem sie betont: „DFZQ PRO wird seitens des Landes NRW nicht zuletzt deshalb intensiv eingesetzt, weil sie einen wichtigen Beitrag zur strategischen Schulentwicklung leistet. Das Ganze zahlt auf die Zertifizierung der Berufskollegs für ihre Aktivitäten zur internationalen Zusammenarbeit in der europäischen Berufsbildung ein. Für diese können sich Schulen jährlich bei den Bezirksregierungen bewerben, indem sie strategische Aktivitäten und Mobilitäten nachweisen. Die EU-Geschäftsstellen der Bezirksregierungen informieren und beraten die Berufskollegs zum Zertifizierungsverfahren.“

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