Programm
Auslandsaufenthalte
Von Manfred Kasper
09.06.2026
Bildung für nachhaltige Entwicklung im Bereich der Erwachsenenbildung steht üblicherweise vor zwei Herausforderungen:
Wie sensibilisieren wir langfristig für das Thema nachhaltige Entwicklung?
Wie entwickeln wir kreative Lernformate, die der Alltagsrealität erwachsener Lernenden gerecht werden und tatsächlich zum Handeln motivieren?
Das Erasmus + Projekt „In to the deep“ bringt beides zusammen: Es motiviert mit Lerneinheiten über die Tiefsee dazu, sich an Bürgerwissenschaft zu beteiligen und trägt so zum Schutz unserer empfindlichen Ökosysteme bei - und das von Zuhause am eigenen Laptop.
„Unser Ziel ist es, junge Menschen – häufig mit Förderbedarf oder Lernbeeinträchtigungen – zu befähigen, ihre Zukunft selbstbewusst, solidarisch und aktiv mitzugestalten“, sagt Thorsten Ringwald, Leiter der Berufsschule am Berufsbildungswerk. Dies geschieht über einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem die Lernenden nicht nur berufliche Kompetenzen erwerben, sondern auch einüben, demokratisch zu handeln, sich als Teil Europas zu verstehen und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.
Dass Demokratiebildung heute ein zentraler Bestandteil des pädagogischen Selbstverständnisses des BBW ist, hat viel mit Thorsten Ringwald zu tun. Er kam 2017 an die Schule und führte gemeinsam mit Nils Fischer, Technischer Oberlehrer am BBW, das Erasmus+-Programm ein. Seither haben die Auszubildenden die Möglichkeit, über berufspraktische Auslandsaufenthalte in Betrieben und vergleichbaren Einrichtungen im europäischen Ausland unterschiedliche Arbeitsfelder kennenzulernen und ihre fachlichen Kompetenzen zu erweitern. Dabei erleben sie neue Arbeitskulturen, andere Länder und den europäischen Austausch ganz unmittelbar – eine Erfahrung, die nachhaltig wirkt.
Thorsten Ringwald betont: „Nils Fischer und mich verband von Anfang an das interkulturelle Interesse und die Faszination Europa.“ Was als internationales Bildungsprojekt begann, entwickelte sich Schritt für Schitt zu einem umfassenden Gesamtkonzept weiter. Nachdem er 2023 zum Schulleiter ernannt worden war, führte Ringwald eine Vielzahl praxisnaher Angebote ein, die vor allem auf Beteiligung setzen. Realisiert werden diese sowohl im Unterricht als auch in Form von Projekten, deren Teilnahme freiwillig ist. Auf diese Art und Weise erleben die Jugendlichen, dass ihre Stimme gehört wird und Beteiligung grundsätzlich möglich ist, zum Beispiel bei Juniorwahlen oder Diskussionsrunden zu gesellschaftlichen Themen. Andere Formate sind die Teilnahme an Gedenkveranstaltungen zur NS-Zeit, Rundgänge zu Orten jüdischen Lebens in Mosbach oder werteorientierte Projekte wie ein Coming-out-Day und Workshops zu Mobbing, Respekt und Selbstwirksamkeit.
Schnell wurde sichtbar, dass viele Jugendliche bislang kaum Berührung mit politischen oder gesellschaftlichen Themen hatten. „Die Jugendlichen, die zu uns kommen, sind anfangs noch sehr unselbstständig und haben wenig Lebenserfahrung“, unterstreicht Ringwald. Das und die Beeinflussung durch soziale Medien mache sie anfällig für rechtspopulistische Inhalte. Deutlich wurde das unter anderem, als vor einigen Jahren Hakenkreuzschmierereien und rechtsradikale Symbole an der Schule auftauchten. Für Ringwald ein Wendepunkt. Ihm ist es wichtig, dass die jungen Erwachsenen am Ende erkennen: „Demokratie hat vielleicht Ecken und Kanten, aber sie ist eindeutig die bessere Staatsform als ein autoritäres Regime.“
Nils Fischer ist heute für die Koordination des Erasmus+-Programms am BBW Mosbach-Heidelberg verantwortlich. Er glaubt, dass die Demokratiebildung und die internationale Zusammenarbeit sehr gut harmonieren, weil beide auf denselben Grundideen beruhen: Teilhabe, Offenheit, Respekt und die Erfahrung, dass Vielfalt eine Stärke ist. Gerade in einer Europaschule wie der BBW werde Demokratie als etwas verstanden, das im europäischen Miteinander gelebt werden kann. Gerade deshalb sehe er in Erasmus+ weit mehr als ein Förderprogramm für Auslandsaufenthalte. Für ihn ist es zugleich ein Instrument der Persönlichkeitsentwicklung.
Konkret zeige sich das in den Auslandsaufenthalten der Auszubildenden. „Vor Ort erleben die Jugendlichen, dass sie Teil eines größeren europäischen Zusammenhangs sind“, so Fischer. Gerade diese Erfahrung stärke das Bewusstsein: Ich gehöre dazu, ich kann mich einbringen, ich kann mitgestalten. „Einige der Auszubildenden waren zuvor noch nie im Hotel. Sie waren noch nie geflogen oder sind generell noch nicht im Ausland gewesen“, bekräftigt Fischer. Vor diesem Hintergrund eröffne die Zeit des Auslandsaufenthaltes den Jugendlichen zum Teil völlig neue Welten.
Das haben auch Jasmin Hoffmann und Lukas Wäsch erlebt. Sie absolvieren am BBW eine Ausbildung zur Gärtnerin bzw. zum Gärtner und waren im März 2026 gemeinsam mit neun anderen Auszubildenden auf einer biologisch geführten Farm in der Nähe von Sevilla in Südspanien. Dort legten sie unter anderem Bewässerungsgräben an, brachten Saatgut aus und halfen bei der Ernte. Besonders wertvoll war, dass die Lernenden ihre bereits vorhandenen fachlichen Kompetenzen direkt im Arbeitsalltag einbringen und erweitern konnten.
Lukas Wäsch bringt es wie folgt auf den Punkt: „Ich habe Dinge kennengelernt, die ich in Deutschland niemals kennenlernen würde. Wir mussten die Erde direkt vom Boden entnehmen, damit wir aussäen konnten. Auch das Wasser kam nicht einfach aus der Leitung – wir haben es aus dem Boden geholt“. Jasmin Hoffmann wäre am liebsten gleich in Spanien geblieben. Sie berichtet: „Es war eine tolle Erfahrung. Wir sind einfach rausgegangen, um das zu holen, das wir selbst bearbeitet hatten, und es dann mittags oder abends zu essen. Auch mit den spanischen Landarbeiterinnen und -arbeitern haben wir uns gut verstanden.“
Insgesamt gehen jedes Jahr rund zehn Prozent der etwa 260 Auszubildenden des BBW mit Erasmus+ ins Ausland. Die Ziele reichen von Spanien und Italien über Finnland und Estland bis nach Österreich. Die Programme sind bewusst inklusiv gestaltet. So helfen beispielsweise Begleitpersonen bei Unsicherheiten oder sprachlichen Hürden vor Ort. Auch die Vor- und Nachbereitung spielen eine große Rolle, denn es ist wichtig, dass die Teilnehmenden gut vorbereitet ins Ausland gehen. Dabei geht es sowohl um Reisepläne und Arbeitszeiten als auch um Erwartungen, Ängste und kulturelle Aspekte. Während der Aufenthalte gibt es tägliche Reflexionsrunden. Last but not least werden die gemachten Erfahrungen nach der Rückkehr gemeinsam ausgewertet. Dass diese weit über das Fachliche hinausgehen, wird am Beispiel von Julian Ehrlich klar. Der angehende Landwirt wurde nach Italien entsendet und sah während der Zeit dort zum ersten Mail in seinem Leben das Meer. Ein für ihn unvergesslicher Augenblick.
„Gerade für junge Menschen mit Förderbedarf ist ein solches Angebot enorm wichtig“, weiß Nils Fischer, der ergänzt: „Es macht einen Unterschied, ob man hier in der Lehrwerkstatt ist oder vor Ort bei der Ernte hilft. Die Jugendlichen merken dort: Ihre Arbeit wird ernst genommen. Das ist sehr motivierend und stärkt sie für ihren weiteren Weg.“
Thorsten Ringwald ist froh über all diese Entwicklungen, die auch nach außen hin nicht unbemerkt bleiben. 2025 erhielt das Berufsbildungswerk einen Arbeitgeberpreis für sein Engagement, auch immer mehr andere Einrichtungen signalisieren Interesse an dem, was Ringwald und sein Team auf den Weg gebracht haben. Sie haben erkannt: Demokratiebildung beginnt mit dem Moment, in dem junge Menschen erleben, dass die Welt größer ist als ihr bisheriger Alltag – und dass auch sie selbst darin einen Platz haben.