„Wir dachten immer, KI sei etwas für Fachleute und junge Menschen. Der Kurs hat gezeigt, dass man auch im Alter noch Neues lernen kann.“
Begonnen hat die Geschichte beim Frühstück, als Renate und Dirk Ueberall aus Oberhausen am Tisch saßen, ein Tablet vor sich. Sie lasen in der Tageszeitung, tauschten aus, was ihnen auffiel, und diskutierten darüber. Dabei tauchte ein Thema immer häufiger auf: Künstliche Intelligenz (KI).
„Ich habe diese Artikel anfangs gar nicht gelesen“, erzählt Renate Ueberall. Zu viele unbekannte Begriffe, zu wenig Bezug zum eigenen Alltag, erinnert sich die 63-Jährige. Technik sei ohnehin nie ihre Stärke gewesen. Während ihrer 46 Berufsjahre bei der Stadt Oberhausen hatte sie am Computer vor allem mit den Programmen gearbeitet, die sie brauchte. Kurz vor dem Ende ihres aktiven Berufslebens wurde in der Stadtverwaltung die elektronische Akte eingeführt. Schon deren Ankündigung sei für sie „ein kleiner Horror“ gewesen. Als ihr letzter Arbeitstag im April 2025 näher rückte, war sie deshalb nicht unglücklich, dieser Neuerung „entkommen“ zu sein.
Heute, kaum eineinhalb Jahre später, sprechen Renate und ihr Mann Dirk ganz selbstverständlich über ChatGPT, Gemini oder Perplexity. Sie lassen sich von der KI beim Planen helfen, vergleichen Antworten verschiedener Systeme und wissen, dass eine überzeugend klingende Antwort noch lange nicht die richtige sein muss. Der Startschuss dazu war die Entscheidung, noch einmal etwas Neues zu lernen und einen KI-Kurs an der Volkshochschule Oberhausen (VHS Oberhausen) zu machen.
Auch Dirk Ueberall ist ehemaliger Kommunalbeamter und seit drei Jahren pensioniert. 47 Jahre lang arbeitete der heute 69-Jährige für die Stadt Oberhausen, zuletzt bei der Feuerwehr. Seit dem Frühjahr 2025 verbringen beide ihren Alltag gemeinsam zu Hause. Das schuf Platz für Dinge, die während des Berufslebens zu kurz kamen. So blieb Renate Ueberall beim Durchblättern des VHS-Programms an einem Kurstitel hängen: „Mein Roboter versteht mich nicht“. Es war ein Kurs über Künstliche Intelligenz – kostenfrei und offenbar auch für Menschen geeignet, die noch keine Expertinnen und Experten waren.
„Der Titel passt irgendwie zu mir“, dachte sie und überzeugte ihren Mann, das Format einmal auszuprobieren. Ganz so unbeschwert ging sie dann allerdings doch nicht zum ersten Kurstermin. Sie war aufgeregt, befürchtete, dass dort vor allem junge Menschen säßen, die längst wüssten, wie KI funktioniert. Eine Sorge, die schon am ersten Kurstag schwand, auch weil die Dozenten Carsten Weiß und Marco Fileccia das Thema so erklärten, dass Einsteigerinnen und Einsteiger gut folgen konnten. Fragen waren nicht peinlich, sondern ausdrücklich erwünscht, Vieles wurde auf spielerische Art und Weise erklärt. Der Kurs zeigte den beiden, dass das Thema auch für ältere Menschen spannend sein kann. Heute sind beide froh, gemeinsam hingegangen zu sein.
„Für mich bedeutet Stillstand, nichts Neues mehr zu lernen“, betont Dirk Ueberall. Er ist stolz, wie viel von dem neu Gelernten tatsächlich hängen geblieben ist, denn nach dem ersten Präsenzkurs nahmen die Ueberalls an weiteren Kursen teil, auch online. Was dazu fehlte, war eine vernünftige Webcam. In der VHS hatten sie gelernt, dass die KI sie bei der Produktsuche durchaus unterstützen könne. Also probierte Dirk Ueberall es aus. Er formulierte seine Anforderungen, grenzte die Ergebnisse Schritt für Schritt ein – und fand schließlich eine Kamera, die seinen Vorstellungen und seinem Budget entsprach.
Im nächsten Online-Workshop fiel die gute Bildqualität auf. Einige jüngere Teilnehmende waren beeindruckt. Das steigerte sich noch, als der 69-Jährige erklärte, wie er die Kamera ausgesucht hatte: Mithilfe der KI und genau jener Methode, die er kurz zuvor im VHS-Kurs erlernt hatte.
Eine Geschichte, die deutlich macht, was Lernen auch nach einem langen Berufsleben bedeuten kann. Es hilft, sich neue Möglichkeiten zu erschließen und an aktuellen Entwicklungen teilhaben zu können. Die KI gehört für das Ehepaar Ueberall mittlerweile zum Alltag. Dabei haben sie allerdings noch etwas gelernt: Gleich mehrfach erlebten sie Situationen, die sie stutzig machten, da die Antwort der KI ihnen seltsam vorkam, zum Beispiel bei der Reiseplanung.
„Wir haben mit der Zeit ein Gefühl dafür bekommen, wann wir Inhalte hinterfragen sollten“, sagt Renate Ueberall. „Wir wissen, dass die KI uns bei vielen Dingen unterstützen kann, zugleich aber lesen wir sie auch kritisch.“ Das ist für Dirk Ueberall ein wichtiger Teil des Lernens. Die Technik bedienen zu können, reicht ihm nicht. Er betont: „Man muss die Dinge auch reflektieren und einschätzen lernen, was die Ergebnisse wert sind.“
Seine Frau Renate sieht das ähnlich. Sie berichtet von der Begegnung mit einem 89 Jahre alten Mann bei der letzten Urlaubsreise. Vor allem seine Neugierde hat sie beeindruckt. Er konnte sich über die unterschiedlichsten Themen unterhalten, war interessiert, wusste viel und wollte offenbar immer noch mehr wissen. Das hat den beiden imponiert, denn auch sie wollen neugierig bleiben und noch Vieles erleben.
Das muss nicht immer ein KI-Kurs sein. Die Ueberalls besuchen Konzerte, gehen ins Kino, treiben gemeinsam Sport. „Ich glaube, dass das Leben so abwechslungsreicher bleibt“, meint Renate Ueberall. Vielleicht liege genau darin auch der eigentliche Gewinn des Lernens. Während es im Berufsleben oft mit neuen Aufgaben, Programmen oder Anforderungen verbunden sei, könne es im Ruhestand zu einer freiwilligen Entdeckungsreise werden.
Die nächsten VHS-Kurse sind jedenfalls bereits geplant. Einer beschäftigt sich mit Passwörtern, Phishing-Mails und der Frage, wie man die eigenen Daten schützen kann. Themen, um die Renate Ueberall noch vor wenigen Jahren eher einen Bogen gemacht hätte. Heute kümmert sie sich um die Anmeldung.
Die VHS Oberhausen bietet zahlreiche Kurse zum Thema KI an, u.a. das „KI-Seepferdchen“, für das sie im Dezember 2025 mit dem Preis für Innovation in der Erwachsenenbildung ausgezeichnet wurde. Vergeben wird dieser vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE).