„Für mich ist Lernen mehr als Wissen anzusammeln. Es ist eine Begegnung mit anderen Menschen – aber auch mit sich selbst.“
Manchmal beginnt eine Lernreise nicht mit einem Plan oder dem Vorsatz, eine Sprache zu lernen, eine berufliche Qualifikation zu erwerben oder sich auf eine Prüfung vorzubereiten. Manchmal braucht es einfach nur eine Begegnung. So wie bei Enrica Franco.
„Ich habe mich in einen Clown verliebt“, erzählt die 36-Jährige, die aus Süditalien stammt und 2013 für ein Promotionsprojekt nach Deutschland kam. Seitdem lebt sie in Leipzig, wo sie einige Jahre an der Universität arbeitete, sich nach dem altersbedingten Ausscheiden ihres Doktorvaters aber neu orientierte. Zunächst gab sie Italienischkurse an der Volkshochschule, dann absolvierte sie eine Qualifizierung, um Deutsch als Fremdsprache unterrichten zu können. Allein das könnte schon eine Geschichte sein, wäre da nicht die Sache mit dem Schauspiel.
Die Begegnung mit dem Clown veranlasste Enrica Franco dazu, seit Frühjahr 2025 Schauspielkurse an der VHS Leipzig zu besuchen. Ob Method Acting, Schauspiel-Grundlagen, Clownerie oder Pantomime – innerhalb kurzer Zeit probierte sie ganz unterschiedliche Formen aus. Dabei ging es ihr nicht darum, Schauspielerin werden zu wollen. Sie wollte vielmehr herausfinden, was in ihr steckt.
Auch wenn der Clown nach kurzer Zeit wieder aus ihrem Leben verschwand – die Faszination für das Spielen blieb. Franco wollte verstehen, was sie daran so berührt hatte. „Das Spiel war ein Geschenk für mich“, sagt sie heute und ergänzt: „Das Lernen auf der Theaterbühne fühlt sich völlig anders an als das im Schulraum. Beim Schauspiel ist der eigene Körper das Instrument. Da spielen Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen mit. Wenn es gelingt, diese zuzulassen, ist man vollständig im Augenblick. Das öffnet immer wieder neue Türen.“ Die Herausforderung bestehe darin, diese Türen zu erkennen und sich zu entscheiden, ob man hindurchgeht.
Wer etwas Neues lernt, kann auch scheitern. Wer improvisiert, weiß vorher nicht, ob eine Idee funktioniert. Für Enrica Franco ist genau diese Unsicherheit ein wesentlicher Bestandteil des Lernens. Sie kennt vergleichbare Situation auch aus ihrem Beruf. Als Lehrerin erlebt sie, was zwischen einem Menschen, der etwas vermitteln möchte, und einem Menschen, der etwas Neues lernen will, geschieht. Dafür brauche es Vertrauen, betont sie. Vor allem die lernende Person mache sich verletzlich. Denn sie gesteht ein, etwas noch nicht zu können.
Beim Schauspiel wird diese Verletzlichkeit besonders sichtbar. Die Kurse dauern teilweise ein ganzes Wochenende. Zehn oder vierzehn Menschen, die sich vorher nicht kannten, verbringen viele Stunden miteinander. Sie bewegen sich gemeinsam, machen Partnerübungen, zeigen Gefühle und geben etwas von ihrem Inneren preis.
Manchmal entstehe dabei eine besondere Energie, so Franco. Das muss nicht immer so sein, denn das Lernen, so wie sie es versteht, ist ein Prozess, bei dem es darum geht, sich einer Situation auszusetzen, ohne genau zu wissen, was passieren wird. Genau das könne einem „Flügel verleihen“.
Franco hat durch das Theater Seiten an sich entdeckt hat, die sie vorher nicht kannte. Je besser sie sich selbst versteht, desto besser kann sie spielen. Das Ganze sei wie ein Kreislauf. Was sie im Alltag erlebt, nimmt sie mit auf die Bühne. Was auf der Bühne geschieht, verändert wiederum ihren Blick auf das eigene Leben. Auf diese Art und Weise wird Lernen zu einem Baustein der Persönlichkeitsentwicklung.
„Wenn Menschen ihren eigenen Interessen nachgehen können und sich wirklich für etwas begeistern, dann lernen sie am besten“, glaubt Enrica Franco. Diese Erfahrung hat sie sogar beim Deutschlernen gemacht. Als sie nach Deutschland kam, lernte sie sehr viele Dinge spielerisch kennen. Weil ihr das Freude machte, fiel ihr auch die Sprache leichter. Sie unterstreicht: „Als Deutschlehrerin beobachte ich heute Ähnliches bei meinen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern. Lernen gelingt vor allem dann besonders gut, wenn die Menschen vergessen, dass sie gerade lernen.“ Auch deshalb versucht sie immer wieder, spielerische Elemente in ihren Unterricht einzubauen.
Damit ein solches Lernen möglich werde, brauche es Räume, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Die VHS Leipzig biete dazu hervorragende Rahmenbedingungen. Hinzu komme, dass Kursleiter Rafael Meltzer ein sehr guter Theaterlehrer und Beobachter von Menschen sei. Er erkennt Dinge, die ihr selbst niemals aufgefallen wären. Vor allem aber schaffe er es, seine Begeisterung weiterzugeben.
Diese Begeisterung bringt Franco immer wieder zurück in die Kurse. Nicht weil am Ende ein Zertifikat wartet, sondern weil es ihr Freude macht. Eine Freude, die sich jedoch nicht erzwingen lässt. Darin unterscheidet sich ihre Geschichte von der Vorstellung, Lernen sei eine gerade Linie: Man beginnt bei Punkt A, übt lange genug und kommt irgendwann bei Punkt B an. Beim Spielen funktioniert diese Logik nicht.
Manchmal steht Enrica Franco auf der Bühne und findet nicht hinein in das, was sie „Spielfreude“ nennt. Für sie gehört diese Erfahrung dazu, denn auch das ist lebenslanges Lernen: Nicht immer gelingt etwas. Nicht jeder Versuch führt sofort weiter. Manchmal muss man es auch aushalten, etwas noch nicht zu können. Und dann noch einmal neu anfangen.
In diesem Sinne ist Lernen für Enrica Franco mehr, als Wissen anzusammeln. Es ist eine Begegnung mit anderen Menschen – aber auch mit sich selbst. Eine Gelegenheit, vertraute Grenzen zu überschreiten und zu entdecken, wie es ist, wenn man sich einmal anders entscheidet als gewohnt. Auf der Bühne geschieht das im Kleinen immer wieder. Eine neue Tür öffnet sich. Und Enrica Franco entscheidet, ob sie hindurchgeht.
Die VHS Leipzig ist bekannt für ihr umfassendes Kursangebot im Bereich Kunst, Kultur, Kreativität. Dieses reicht von Malen, Zeichnen und kreativem Schreiben bis zu Musik, Tanz, Theater und Gesang.