„Lebenslanges Lernen heißt nicht nur, sich beruflich weiterzubilden. Es bedeutet auch, mit Mitte 50 wieder Anfängerin sein zu dürfen.“
Britta Uken ist ausgebildete Friseurin und arbeitete mehr als 18 Jahre lang in einer Bäckerei. Anfang 2024 entschied sie sich, noch einmal etwas ganz Anderes zu machen und beruflich neu anzufangen. Ein Schritt, der viel Mut erforderte, sich jedoch als „absoluter Gewinn“ herausstellte.
„Ich habe etwas gemacht, das ich eigentlich schon immer machen wollte“, schwärmt die 58-Jährige. Wenn sie über ihren beruflichen Neuanfang spricht, klingt dieser Satz beinahe selbstverständlich. Doch das täuscht, denn der Weg war lang. Seit August 2026 arbeitet sie als Schulbegleiterin in einem Ort in der Lüneburger Heide, wo sie und ihr Mann heute leben. Sie unterstützt einen Jungen mit ADHS dabei, seinen Schulalltag zu bewältigen, hilft ihm, wenn er sie braucht, und erlebt jeden Tag, wie zwischen ihnen das Vertrauen wächst. „Ich gehe sehr gerne zur Arbeit“, erzählt sie, „weil ich sehe, dass der Junge glücklich ist. Die Entscheidung, diesen Weg einzuschlagen, hat mein Leben nachhaltig verändert.“
Britta Uken hatte nach ihrer Ausbildung zur Friseurin nur kurz in diesem Beruf gearbeitet. Als sie 2004 nach fünf Jahren in den USA, wohin der Beruf ihres Mannes das Paar geführt hatte, zurück nach Deutschland kam, entschied sie sich für den Quereinstieg als Verkäuferin im Bäckereihandwerk. Ein Job, der zwar Spaß machte, mit der Zeit jedoch immer stressiger wurde. Ende 2023 dann der Schock, als eine gesundheitliche Diagnose ihr, wie sie selbst sagt, „den Boden unter den Füßen wegzog“. Da sie die Arbeit in der Bäckerei nun nicht mehr ausführen konnte, war Britta Uken klar: Es musste sich etwas ändern.
Sie war Mitte 50, als sie beschloss, beruflich noch einmal von vorne anzufangen. Und sie erinnerte sich an den Wunsch, den sie als junge Frau gehabt hatte. Damals hatte sie damit geliebäugelt, in einer Behindertenwerkstatt oder einer anderen sozialen Einrichtung zu arbeiten. Obwohl Ihre Mutter ihr seinerzeit davon abriet, da die Arbeit schwer und psychisch belastend sei, verschwand Britta Ukens Wunsch nie ganz. „Ich liebe einfach Kinder“, betont sie, die selbst drei Kinder und inzwischen sogar drei Enkelkinder hat. Die Arbeit in einem Kindergarten oder einer Schule habe sie immer gereizt.
Aus dem alten Wunsch wurde ein konkreter Plan. Sie ging zu einer Kita in ihrem damaligen Wohnort und sprach mit der Leitung. Dort erfuhr sie, dass der Einstieg ohne entsprechende Qualifikation kaum möglich wäre und dass es sinnvoll sei, nach einer Umschulung oder Weiterbildung zu suchen. Britta Uken fand ein entsprechendes Angebot und regelte auch die formalen Aspekte. Die Weiterbildung zur Kita-Assistenz wurde genehmigt, sie begann im September 2025.
Ein schöner, aber auch fordernder Augenblick für Britta Uken. „Bei aller Vorfreude hatte ich auch Angst vor dieser Umschulung“, berichtet sie. Obwohl sie diese online hätte machen können, entschied sie sich, jeden Morgen an ihren Lernort im Weiterbildungsinstitut in Wilhelmshafen zu fahren. Nach der Zeit ihrer Erkrankung wollte sie einfach wieder unter Menschen sein. Zudem gab es vor Ort eine Betreuung, die half, wenn technisch etwas nicht funktionierte oder sie eine Aufgabe nicht verstand. Der Tag bekam einen festen Rhythmus. Das Lernen fühlte sich fast wie ein neuer Beruf an. Die Angst vor der Weiterbildung verschwand nach und nach.
Was Britta Uken besonders überraschte, war die Erkenntnis, wie viel sie noch dazulernen konnte. Auch wenn sie als dreifache Mutter bereits umfangreiche Erfahrungen gewonnen hatte, eröffnete ihr die Weiterbildung einen völlig neuen Blick auf Kinder – insbesondere auf jene, die besonderer Unterstützung bedürfen. „Ich hätte vorher nie gedacht, dass ich noch einmal so viele Erkenntnisse gewinnen würde“, unterstreicht sie. Genau darin liege die Bedeutung lebenslangen Lernens: „Die eigene Erfahrung ist zwar wertvoll. Das bedeutet aber nicht, dass man schon alles weiß.“
So verwundert es auch nicht, dass Britta Uken der Kita-Assistenz eine ergänzende Weiterbildung zur Schulbegleitung folgen ließ. Ihre Dozentin hatte ihr dazu geraten, auch um die Chancen im niedersächsischen Arbeitsmarkt zu erhöhen und anschließend tatsächlich mit Kindern arbeiten zu können.
Das ist ihr gelungen. An der Schule, an der sie heute als Schulbegleiterin aktiv ist, wurde sie herzlich aufgenommen. Sie mag das Umfeld und ist jeden Morgen schon vor Unterrichtsbeginn da, um „ihren Jungen“ im Empfang zu nehmen. Dass das Wissen aus der Weiterbildung ihr im Schulalltag hilft, hat sich schon mehrfach erwiesen. Uken wörtlich: „Es gibt viele pädagogische Themen, auf die wir in der Umschulung bestens vorbereitet wurden. Das gibt mir Sicherheit.“
Natürlich weiß sie bei alledem, dass kein Kurs sie vollständig für die Beziehung zu einem Kind fit machen kann. „Das kann man nicht lernen, denn jedes Kind ist anders“, bekräftigt sie. Die fachlichen Grundlagen und Methoden jedoch helfen ihr täglich weiter – in der Begegnung mit dem Kind und auf ihrer Lernreise. „Das Tolle ist, dass ich das Gefühl habe, dort gebraucht zu werden und wichtig zu sein.“
Britta Uken ist überzeugt: „Lebenslanges Lernen heißt nicht nur, sich beruflich weiterzubilden. Es bedeutet, die Vorstellung loszulassen, dass irgendwann feststeht, was man kann und wer man beruflich ist. Es bedeutet zugleich aber auch, mit Mitte 50 wieder Anfängerin sein zu dürfen. Das ist nicht immer leicht, hilft einem aber, sich auf das Neue einzulassen.“
Das, was sie heute beruflich macht, bezeichnet sie als „Traumjob“. Sie kann sich kaum vorstellen, dass sich daran in Zukunft etwas ändert, vorausgesetzt, sie bleibt gesund. Anderen, die im Beruf vielleicht nicht mehr glücklich sind und darüber nachdenken, sich zu verändern, gibt sie einfachen Rat: Den Mut aufzubringen und es Schritt für Schritt zu tun.
Britta Uken absolvierte ihre Weiterbildung am Institut für Berufliche Bildung (IBB), einem der größten privaten Anbieter für berufliche Weiterbildungen, Umschulungen und Coachings in Deutschland.