„Ich verstecke mich nicht mehr, sondern gehe in die Öffentlichkeit, um anderen Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche zu helfen.“
Jutta Schmitt hat einen beeindruckenden Berufsweg hinter sich. Gleichzeitig litt die heute 68-Jährige jahrzehntelang daran, nicht ausreichend lesen und schreiben zu können. Sie verbarg ihre Schwäche und ging ihren Weg, bis es zu einem Wendepunkt kam, der zugleich Beginn einer faszinierenden Lerngeschichte war.
„Ich hatte mich damals einem Arbeitskollegen anvertraut, der jedoch eigene Interessen verfolgte und diese gegen mich ausspielte. Das hatte Folgen, für meinen Job und für meine Gesundheit. Es war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich etwas tun musste“, erzählt Jutta Schmitt. „Ich musste Wege finden, mich meiner Lese- und Schreibschwäche zu stellen und konstruktiv damit umzugehen.“ Sie beschäftigte sich intensiv mit dem Thema und fand 2014 an der Volkshochschule Lüneburg (VHS Lüneburg) ein Angebot, das ihr weiterhalf. Jutta Schmitt entschied im Alter von 55 Jahren, besser lesen und schreiben zu lernen.
Der erste Schritt kostete Überwindung. Denn zu den Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben kam etwas hinzu, das viele Betroffene kennen: die Scham. Früher war ich sicher, ich sei die Einzige, die nicht richtig lesen und schreiben kann“, sagt sie. „Ich hielt mich selbst für dumm.“ Es war ein Leben mit Verstecken und Strategien, um ihre Schwierigkeiten verbergen zu können. Nach außen hin funktionierte ihr Leben. Was andere nicht sahen, war die Kraft, die sie das kostete.
An der VHS und im Austausch mit anderen Betroffenen erlebte sie etwas, das für sie beinahe genauso wichtig wurde wie das Lernen selbst: Sie merkte, dass sie nicht allein war. Aus dieser Erfahrung heraus entstand auch die Selbsthilfegruppe „Wortblind“, deren Mitgründerin Jutta Schmitt war. Dort trafen Menschen aufeinander, die einander nicht erst erklären mussten, warum ein Brief, ein Formular oder ein Text zur Belastung werden kann. Hier musste sich niemand rechtfertigen.
Jutta Schmitt wollte bald mehr, als ihre eigenen Lese- und Schreibfähigkeiten zu verbessern. Sie wollte darüber sprechen, was es bedeutet, als erwachsener Mensch nicht ausreichend lesen und schreiben zu können, hielt Vorträge, besuchte Schulen und ging mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Das Lernen hatte ihr damit etwas gegeben, das sich nicht in richtig geschriebenen Wörtern oder gelesenen Seiten messen lässt: Selbstvertrauen.
So wurde nach und nach aus dem Wunsch, besser lesen und schreiben zu können, etwas Größeres. Jutta Schmitt entdeckte nicht nur neue Fähigkeiten. Ihre Welt veränderte sich. Sie lernte neue Menschen kennen, wurde Teil eines Netzwerks und engagierte sich zunehmend politisch. Auch wenn sie sich aus gesundheitlichen Gründen aus ihrer Selbsthilfegruppe zurückziehen musste, bezeichnet sie diese bis heute als ihr „Herzensprojekt“. Aktiv ist sie derzeit vor allem im bundesweit agierenden Alfa-Selbsthilfe-Dachverband, einem Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen, der von Betroffenen gegründet wurde. Hier setzt sie sich zum Beispiel dafür ein, dass Alphabetisierung und Grundbildung ausreichende finanzielle Unterstützung erfahren.
Ein Moment, der besonders deutlich zeigt, wie weit der Weg von Jutta Schmitt geführt hat, war die Einladung zum Bürgerfest des Bundespräsidenten im Jahr 2025. Dort begegnete sie Frank-Walter Steinmeier persönlich. Sie gab ihm die Hand und überreichte ihm ein Buch mit Geschichten von Betroffenen. Welch ein Bild: Eine Frau, die ihre Schwierigkeiten jahrzehntelang versteckt hatte, stand plötzlich vor dem Staatsoberhaupt und sprach offen über ihr Problem. „Wenn ich heute daran zurückdenke“, unterstreicht sie, „wird mir erst bewusst, wie besonders dieser Moment gewesen ist.“
Wie sehr sich ihre Welt geöffnet hat, erlebt Jutta Schmitt aber nicht nur bei solchen Begegnungen. Das Lernen führt sie mittlerweile auch über Ländergrenzen hinweg. So reiste sie mit anderen Lernenden im Rahmen von Erasmus+ auf Lernreisen nach Wien und Göteborg. Die Gruppe besuchte Volkshochschulen und beschäftigte sich mit der Frage, wie in anderen Ländern gelernt wird. Gleichzeitig ging es um Kultur, Nachhaltigkeit und den Alltag der Menschen vor Ort. Die besuchte Stadt wurde zum Lernort.
Für Schmitt sind solche Reisen „eine große Bereicherung“, auch als soziale Erfahrung in einer Gruppe von Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie sie selbst gemacht haben. Viele von ihnen hätten eine solche Reise allein womöglich nie gemacht. Jutta Schmitt selbst kennt diese Angst weniger. Sie ist schon früher gern gereist.
Die Idee des lebenslangen Lernens hat für sie eine enorme Bedeutung. Lernen heißt, einen Zeitungsartikel lesen und verstehen zu können oder digitale Hilfsmittel zu nutzen. Es bedeutet aber auch, andere Bildungssysteme kennenzulernen und die eigenen Erfahrungen mit denen anderer Menschen zu teilen. Das hilft, die eigene Geschichte einordnen zu können und über etwas zu sprechen, das man jahrzehntelang versteckt hat.
Natürlich gibt es Momente, in denen sie sich fragt, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie früher hätte lesen und schreiben können. Welche Möglichkeiten hätte sie gehabt? Welche Wege hätte sie einschlagen können? – Erst mit Mitte 50 begann sie, sich einer Kompetenz zu stellen, die andere bereits in der Grundschule erlernen. Mehr als zwölf Jahre später lernt sie immer noch. Sie ist überzeugt: „Lernen ist lebenswichtig. Nur wenn ich weiterlerne, kann ich an der Gesellschaft teilhaben, mir eine eigene Meinung bilden und mein Leben selbst gestalten.“
Ein Spruch hat sie all die Jahre begleitet. Wenn sie ihn abschließend zitiert, klingt er wie ein Credo auf das, was sie geschafft hat und worauf sie zurecht stolz ist. Er lautet: „Wenn aus Buchstaben Wörter werden, wenn aus Wörtern Sätze werden, wenn aus Sätzen Geschichten werden, dann wird die Welt bunt.“ Die Welt von Jutta Schmitt leuchtet mittlerweile in sehr bunten Farben.
Die Alfa-Selbsthilfe ist ein selbst organisierter Zusammenschluss von (ehemals) Betroffenen, die sich für mehr Bildungsgerechtigkeit engagieren. Ziel ist die Stärkung der Selbsthilfegruppen durch ein professionelles Büro sowie durch Fortbildungen und Vernetzung.