Programm
Auslandsaufenthalte
Von Julia Göhring
26.01.2026
Ob Wintercamp in Norwegen, Forschung am CERN oder Business-Englisch in Dublin: Schülerinnen und Schüler der Lore-Lorentz-Schule in Düsseldorf sammeln mit Erasmus+ berufspraktische Erfahrungen, die eng an ihre jeweiligen Bildungsgänge angebunden sind. Dabei fördert die Schule digitale Kompetenzen und bereitet so gezielt auf die heutige Arbeitswelt vor.
In den Bergen um Harstad im Norden Norwegens herrscht im April 2025 noch tiefer Winter. Simon Wittig, 19 Jahre, tritt den hohen Schnee mit seinen Skiern platt, denn gleich wollen er und seine norwegischen Begleiter/innen hier ein Zelt aufbauen. Cathy Maria Leidolf, 18 Jahre, steht im Juni 2025 in einem Labor bei Genf und gibt Daten in eine Excel-Tabelle ein. Um sie herum erstreckt sich das Gelände von CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung. November 2025, Nokwanda Jila betritt ein altes Backsteingebäude in Dublin, Irland. Sie ist auf dem Weg zu ihrem Englisch-Kurs in einer Sprachenschule im Herzen der Stadt. Was Simon, Cathy Maria und Nokwanda gemeinsam haben? Sie alle sind Schüler/innen der Lore-Lorentz-Schule in Düsseldorf und haben mit Erasmus+ berufliche Erfahrungen gesammelt.
„Wir wollen als Berufskolleg und Berufliches Gymnasium unsere jungen Leute für ihren Beruf und ihr Leben ausbilden“, erklärt Walburga Grabsch-Rössler, Bereichsleitung Europa und Erasmus+. Seitdem die Schule 2020 eine Erasmus+ Akkreditierung erworben hat, hat sie ihr Programm von zwei Bildungsgängen auf acht ausgeweitet. Durch berufliche Auslandsaufenthalte, so ein Leitgedanke der Schule, werden Schüler/innen gezielt auf eine Zukunft in europäischen Arbeits- und Lebenswelten vorbereitet. Dabei spielt der Erwerb digitaler Kompetenzen eine ebenso zentrale Rolle wie die Fokussierung auf berufspraktische Fähigkeiten. Aber, so betont Grabsch-Rössler, „es geht nicht darum, nur irgendetwas Internationales oder Digitales zu machen, es muss immer etwas sein, das mit den Schüler/innen zu tun hat.“ Deshalb haben sie und ihre Kolleg/innen unterschiedliche Konzepte für die im Lehrplan vorgesehenen Berufspraktika entwickelt.
„Ich könnte jetzt eine Gruppe zum Skilanglauf anleiten“, berichtet etwa Simon, der neben dem Abitur auch einen Abschluss als Freizeitsportleiter erwerben wird, von seinen Erfahrungen im Austausch nach Norwegen. Simon hat zudem trainiert, GPS als digitales Werkzeug zur Orientierung im Gelände einzusetzen, als es bei einer Skilanglauf-Tour galt, als erstes Team von Schüler/innen beider Länder den vereinbarten Endpunkt zu erreichen. Besonders beeindruckt war Simon aber „vom Wildcampen im Winter, davon, ein Zelt im Schnee aufzubauen, Feuer zu machen, gemeinsam dort zu kochen.“ Der Austausch zwischen der berufsbildenden Schule in Norwegen und der Lore-Lorentz-Schule sei, passend zum Berufsbild von Freizeitsportleiter/innen, auf „Kooperation und Wettkampf“ ausgelegt, erklärt Grabsch-Rössler. Weil auch Selbstständigkeit ein wichtiges Lernziel ist, haben die Schüler/innen beider Seiten die jeweiligen Aktivitäten des Austauschs selbst vorbereitet.
„In meinem Praktikum am CERN habe ich unter anderem Temperatursensoren angeschlossen und digital ausgelesen, zudem habe ich eine Halterung für eine technische Komponente entworfen und am 3D-Drucker ausgedruckt.“, erzählt Cathy Maria, angehende Abiturientin und zukünftige physikalisch-technische Assistentin. „Die Arbeit am CERN war mega-toll, ich habe mich sehr willkommen gefühlt“, ergänzt sie. Mit technischen Messinstrumenten umzugehen, hatte Cathy Maria an der Lore-Lorentz-Schule bereits gelernt, ebenso wie man digitale Messprotokolle führt und Daten mittels Graphen darstellt. Dass sie diese Kenntnisse als Teil eines Teams an einer der weltweit wichtigsten Forschungseinrichtungen für Grundlagen-Physik einsetzen konnte, hat sie begeistert. „Beeindruckt hat mich auch, in einem Team mit Wissenschaftler/innen aus allen Ecken der Welt, mit den verschiedensten kulturellen Hintergründen, zu arbeiten“, so Cathy Maria. Verständigt hätte sie sich auf Deutsch und Englisch, berichtet sie.
„Eigentlich bin ich eine schüchterne Person“, erzählt Nokwanda, „aber durch den Aufenthalt in Dublin bin ich offener geworden.“ Nokwanda wird mit ihrer Fachhochschulreife einen Abschluss im Bereich International Business & Languages als kaufmännische Assistentin erlangen. An der Horner School of English in Dublin hat sie einen drei-wöchigen Sprachkurs in Business-English gemacht und mit einem Zertifikat des C1-Levels abgeschlossen. „Obwohl der Unterricht von 9:30 bis 17:00 Uhr ging, war es nicht anstrengend, weil man nur ein Fach hat und sich darauf konzentrieren kann“, berichtet Nokwanda. In Dublin wohnt sie bei einer Gastfamilie und nutzt ihre Freizeit, um allein die Stadt zu entdecken.
Im Sinne einer „Blended Mobility“ hat die Lore-Lorentz-Schule digitale Werkzeuge unabhängig von fachspezifischen Anwendungen für jede Phase der Mobilität etabliert. „Mittwochs hatte ich immer einen Teams-Call mit meiner Lehrerin, Frau Boegen, und freitags habe ich ihr einen kleinen E-Mail-Bericht zur Woche geschickt“, erzählt Nokwanda. Cathy Maria hat per E-Mail Kontakt zum CERN aufgenommen und ein Bewerbungsgespräch über Teams geführt, ebenso wie Vorbereitungsgespräche mit ihrem dortigen Betreuer. Simon hat Absprachen mit seinem norwegischen Austauschpartner per Snapchat getroffen. Nach den gegenseitigen Besuchen haben sich alle norwegisch-deutschen Schüler/innen per Teams getroffen und die Erfahrungen ausgewertet.
Digitale Kommunikationswerkzeuge gehören zur Arbeitsrealität vieler Betriebe, sagen Walburga Grabsch-Rössler und Nokwandas Lehrerin und Bildungsgangleiterin Marie Boegen. Trotzdem bleibt der persönliche Kontakt wichtig. „Wenn ich die Möglichkeit habe, besuche ich die Schülerinnen und Schüler vor Ort – das legt oft den Grundstein für weitere Kooperationen“, betont Boegen. Entsprechend praktisch werden auch die Jugendlichen auf ihre Auslandserfahrung vorbereitet: Sie setzen sich mit Dresscodes und beruflicher Etikette auseinander, üben den Umgang mit stressigen Situationen und reflektieren Rollenunterschiede im Arbeitsalltag. Ein Ausreiseseminar ergänzt die Vorbereitung. Die Lernziele werden verbindlich festgelegt. Im Bildungsgang von Nokwanda ist für die Vorbereitung sogar eine wöchentliche Schulstunde vorgesehen. Und auch für Nachwuchs ist gesorgt: Simon, Cathy Maria und Nokwanda müssen bzw. mussten ihre Erfahrungen dem nachfolgenden Jahrgang vorstellen - in einer klassischen PowerPoint-Präsentation.