[…] Nº 15 Juni | 2011 bildung für europa Journal der Nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung Integration durch Bildung 2 bildung für europa | Juni 2011 Inhalt 3 Editorial Staatsministerin Maria Böhmer im Gespräch 4 Integration ist eine zentrale Zukunftsaufgabe Europäische Entwicklungen 6 Integration hinkt im Bereich Bildung hinterher Europäisches Parlament sieht Handlungsbedarf 8 Zur Förderung von benachteiligten Personengruppen Gesetzentwurf vorgelegt 10 Anerkennung ausländischer Berufsqualifikation wird erleichtert Initiativen der Bundesagentur für Arbeit 12 Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Menschen mit Migrationshintergrund Bundesinstitut für Berufsbildung geht mit gutem Beispiel voran 14 Umsetzung der „Charta der Vielfalt“ Koordinierungsstelle Ausbildung bei Selbständigen mit Migrationshintergrund 15 Mehr Vielfalt in der Ausbildung Best Practice: LEONARDO DA VINCI Innovationstransfer 16 Berufsvorbereitung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund – Go4Job Best Practice: LEONARDO DA VINCI Partnerschaften 17 Gründungen durch Migranten – “The immigrant’s business plan” Best Practice: GRUNDTVIG Lernpartnerschaft 18 Lesen fördert Integration – ReBel Blick nach Frankreich 19 Bildungswege und berufliche Eingliederung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund Zusammenarbeit in der Erwachsenenbildung weiterhin stark nachgefragt 21 Antragszahlen auf konstant hohem Niveau Antragszahlen weiterhin auf hohem Niveau 23 Insbesondere LEONARDO Partnerschaften legen nochmals deutlich zu Mobilität des Berufsbildungspersonals 25 Impulsgeber für Internationalisierung, Modernisierung und Innovation 27 Studie Verdeckte Mobilität www.ecvet-info.de 28 Neues Infoportal unterstützt Bildunsakteure bei der Erprobung von ECVET Moderner, inhaltlich tiefer und nutzerfreundlicher 30 EUROPASS-Website neu gestaltet Verbesserte Rahmenbedingungen und mehr Aufmerksamkeit für bürgerschaftliches Engagement 32 Europäischer Austausch hat für Deutschland auch nach 2011 Priorität Perspektiven für die Erwachsenen- und Weiterbildung 33 Lernergebnisse – Schlüssel für die Verständigung in Europa? 34 In eigener Sache: Neue Printprodukte 35 Kurzmeldungen / Impressum 3bildung für europa | Juni 2011 Liebe Leserin, Lieber Leser, das Thema Bildung und Migration ist nicht nur in Deutschland weit oben auf der politischen Agenda. Alle europäischen Gesellschaften stehen vor der Herausforde- rung, Migrantinnen und Migranten besser zu integrieren. Die europäische Union kann ihre selbstgesetzten Ziele nur erreichen, wenn sie in der Lage ist, Menschen mit unterschiedlicher Ethnie, Sprache oder kultureller Prägung vergleichbare Lebens- chancen zu geben. Dies gilt für den europäischen Arbeitsmarkt genauso wie für die Bildung einer europäischen Zivilgesellschaft. Alles dies sind Gründe, warum der Schwerpunkt dieses Journals das Thema Integration durch Bildung ist. Integration muss in der Bildung stattfinden. Der Artikel von Adam Pokorny von der Europäischen Kommission zeigt, wie lang dieser Weg noch sein wird und welche Initiativen die Europäische Union ergreift. Dr. Helga Trüpel beleuchtet das Thema aus Sicht des Europäischen Parlaments. Am Beispiel der Roma wird deutlich, in welchem Umfang eine ganze Volksgruppe bisher von Bildungschancen ausgeschlos- sen war. Bildung ist aber auch ein Schlüssel für Integration in unserer Gesellschaft. Die aktuellen Arbeiten am Anerkennungsgesetz der Bundesregierung und der Nationale Integrationsplan stehen im Mittelpunkt der deutschen Anstrengungen. Projekt- beispiele aus dem Programm für lebenslanges Lernen zeigen, welche innovativen Wege in der Praxis beschritten werden. Neben dem Schwerpunkt informieren wir Sie in diesem Journal über aktuelle Ent- wicklungen in und um das Programm für lebenslanges Lernen. Wir ziehen eine erste (positive) Zwischenbilanz der laufenden Antragsrunden. Prof. Dr. Nikolaus Schöpf von der Universität Würzburg ergänzt die in der Journalausgabe 13 im Juni letzten Jahres gestartete Diskussion zu Lernergebnissen durch einen Beitrag aus Sicht der Erwachsenenbildung. Die NA hat wichtige Medien aktualisiert oder weiterentwickelt: Die ECVET- Koordinierungsstelle hat nun ein eigenes Internetangebot und der Auftritt des EUROPASS im World Wide Web ist nutzerfreundlicher und moderner geworden. Für Sie noch nicht sichtbar sind unsere Arbeiten am Relaunch der NA-Website, der in der zweiten Jahreshälfte folgen wird. Denn: Am Schluss zählt, dass Sie sich gut informiert fühlen … Ihr © N A b e im B IB B Editorial 4 bildung für europa | Juni 2011 Staatsministerin Maria Böhmer im Gespräch Integration ist eine zentrale Zukunftsaufgabe © B K Integration durch Bildung Professor Dr. Maria Böhmer ist seit November 2005 Staats- ministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Frau Professor Böhmer, als Integrationsbeauftragte der Bundes- regierung haben Sie 2007 mit dem Nationalen Integrationsplan erstmals ein integrationspolitisches Gesamt- konzept vorgelegt, das mit seinen über 400 Maßnahmen sehr ambitioniert ist. Noch konkreter wird es dann im Natio- nalen Aktionsplan, den Sie Ende 2010 im Rahmen des 4. Integrationsgipfels auf den Weg gebracht haben. Hier for- mulieren Sie den Anspruch, Integration verbindlicher und überprüfbarer ge- stalten zu wollen. Welche Zwischen- bilanz ziehen Sie zum jetzigen Zeit- punkt und welche neuen Entwicklun- gen zeichnen sich mit Bezug auf das Thema Bildung ab? Integration ist für unser Land mit mehr als 16 Millionen Menschen aus Zuwan- dererfamilien die zentrale Zukunftsauf- gabe! Vier Jahre nach Verabschiedung des Nationalen Integrationsplans steht fest: Wir sind auf dem richtigen Weg. Viele der über 400 Selbstverpflichtungen sind erfüllt. Das ist Ansporn bei der Er- arbeitung des Nationalen Aktionsplans, der Integration durch klare Ziele, die überprüfbar und messbar sind, verbind- licher macht. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Bereiche Sprache und Bildung. Nur mit guten Deutschkenntnissen und einer fundierten Bildung ist in unserem Land der Aufstieg möglich. Den Spracherwerb fördert die Bundesre- gierung beispielsweise mit den Integra- tionskursen. Sie sind ein Erfolgsmodell: Bis Ende vergangenen Jahres haben mehr als 700.000 erwachsene Migran- tinnen und Migranten teilgenommen. Mehr als die Hälfte macht dies freiwillig. Wichtig ist zudem die Sprachförderung der Kinder von Anfang an. In allen Bun- desländern gibt es mittlerweile Sprach- förderung und Sprachstandstests. Auch in den Schulen greift die Weichenstel- lung für eine bessere Bildung von Mi- granten. Zu einem großen Teil besuchen Jugendliche aus Zuwandererfamilien zwar nach wie vor die Hauptschule. Der Abstand gegenüber Jugendlichen ohne Migrationshintergrund hat sich aber verringert. Die Fortschritte sind jedoch kein Grund, bei unseren Anstrengungen nachzulas- sen. So wird Bildungsministerin Schavan 60.000 lernschwächere Schülerinnen und Schüler mit Bildungslotsen unter- stützen. Ziel ist, für die Jugendlichen be- treuende Bildungsketten (s. S. 13) zu schaffen – von der siebten Klasse bis hin- ein in die Berufsausbildung. Für einen erfolgreichen Übergang junger Migran- ten von der Schule in den Beruf setzt der Ausbildungspakt von Politik und Wirt- schaft neue Schwerpunkte: Jugendliche aus Zuwandererfamilien werden künftig verstärkt in den Blick genommen. Entscheidend für eine bessere Bildung von Migrantenkindern ist die Mitwir- kung der Eltern. Sie sind aufgefordert, ihre Kinder mit ganzer Kraft zu fördern. Ergänzend leisten ehrenamtliche Paten einen wichtigen Beitrag für eine größere Chancengleichheit. Sie unterstützen junge Migranten bei den Hausaufgaben, beim Lesen lernen oder bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Im Rah- men der „Aktion zusammen wachsen“, die Familienministerin Schröder koor- diniert, wird das wertvolle Engagement der Paten in die Breite getragen. Ein Meilenstein bei der Bildungsintegra- tion ist das Gesetz zur verbesserten An- erkennung ausländischer Abschlüsse (s. S. 10 f.), das im März diesen Jahres vom Bundeskabinett verabschiedet wurde. Zugewanderte Akademikerinnen und Akademiker sowie Fachkräfte, deren Abschluss bisher nicht anerkannt wurde, profitieren unmittelbar. Und unser Land kann die Potenziale der Migranten bes- ser nutzen und dadurch ein Stück weit den Fachkräftemangel ausgleichen. Um diese Maßnahmen umsetzen zu können, müssen doch sicherlich zusätzliche finanzielle Mittel aus dem Bundeshaushalt eingeplant werden. Nimmt die Bundesregierung in Zukunft mehr Geld in die Hand, um hier etwas zu bewegen? Bereits seit 2005 steht Integration für die Bundesregierung ganz oben auf der Agenda. Dies belegt auch unser finan- zielles Engagement: In den vergangenen Jahren haben wir für die Sprachförde- rung im Rahmen der Integrationskurse rund eine Milliarde Euro ausgegeben – allein im letzten Jahr die Rekordsumme von 233 Millionen. Ab diesem Jahr investiert beispielsweise das Bundesfamilienministerium für vier Jahre 400 Millionen Euro in die Sprach- und Integrationsförderung von Kindern. Dieses Geld können 4.000 Schwerpunkt- Kitas nutzen, um zusätzlich qualifiziertes Personal sowie Fortbildungen der Er- zieherinnen finanzieren zu können. Das Thema „Integration durch Bil- dung“ beschäftigt nicht nur Deutsch- land, es spielt auch in der EU-Politik eine wichtige Rolle. Gibt es Vorstöße aus Brüssel, die unmittelbare Auswir- kungen auf die nationale Integrations- bzw. Bildungspolitik haben werden? Am 1. Mai startet die volle Arbeitneh- merfreizügigkeit innerhalb der EU – mit konkreten Auswirkungen auf unsere Integrationspolitik. So stehen wir vor der Herausforderung, den mitreisenden Kindern und Jugendlichen einen erfolg- reichen Einstieg in unser Bildungssystem zu ermöglichen. Damit dies gelingt, ist die Mitwirkung der Eltern entscheidend – vor allem beim Spracherwerb. Bisher 5bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung haben nur Zuwanderer aus sogenannten Drittstaaten einen Anspruch auf den Be- such eines Integrationskurses. Damit alle die gleichen Chancen haben, plädiere ich für einen Teilnahmeanspruch auch für Migranten aus EU-Ländern! Sie schauen sich sicherlich auch in anderen europäischen Ländern nach praktikablen Lösungen um. Wo sehen Sie Initiativen und Modelle, die auch für Deutschland interessant sein könnten? In Frankreich (s. S. 19 f.) beispielsweise habe ich wertvolle Impulse für die Etablierung der „Charta der Vielfalt“ (s. S. 14) in Deutschland bekommen. Auch für unser Modellprojekt der indi- viduellen Integrationsvereinbarungen, das Anfang April an 18 Standorten begonnen hat, waren Erfahrungen aus Frankreich äußerst hilfreich. Aber auch mit zahlreichen anderen Ländern tau- schen wir uns intensiv darüber aus, wie Integration besser gelingen kann. Viele Staaten nehmen übrigens Projekte und Initiativen aus Deutschland auf, so beispielsweise unseren Nationalen Inte- grationsplan. Laut einer Studie des Sach- verständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration sind wir mit unserer Integrationspolitik Vorreiter in Europa! Jüngstes Beispiel für eine innovative Politik ist das Gesetz zur besseren Anerkennung ausländischer Abschlüsse (s. S. 10 f.), das im März vom Bundeskabinett verabschiedet wurde. Selbst große Einwanderungsländer au- ßerhalb der EU wie Kanada und die USA verfolgen dies mit großem Interesse. Das Interview führte Dr. Gabriele Schneider. 4. Integrations- gipfel© B K 6 bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Bildungsdefizite Trotz positiver Trends in einzelnen Mitgliedstaaten und vieler erfolgreicher junger Migranten, zeichnet sich in Europa ein klarer Negativtrend ab: Vergleichsstudien wie PISA1 und PIRLS2 zeigen, dass Jugendliche mit Migrations- hintergrund in ihren schulischen Leis- tungen im Schnitt schlechter abschnei- den als ihre einheimischen Klassen- kameraden. Sie beenden häufiger ihre Bildungslaufbahn ohne Abschluss der Sekundarstufe II. Der Übergang von der Schule in den Beruf gestaltet sich schwieriger; Jugendliche mit Migrati- onshintergrund haben mehr Probleme einen Ausbildungsplatz zu finden. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle: Feh- lende oder wenig effektive schulische Unterstützung für Kinder mit Migrati- onshintergrund ist ein wichtiger Aspekt. Eine neue Sprache zu erlernen, sich in eine neue Umgebung einzuleben und gute schulische Leistungen zu erbringen, wird darüber hinaus durch die oft pre- käre soziale und rechtliche Lage der Fa- milien erschwert. Unsichere Berufsaus- sichten und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt wirken demotivierend. Im Vergleich zu anderen gesellschaft- lichen Bereichen hinkt die Integration in der Bildung hinterher.3 Bildung ist derzeit weder ein verlässlicher Motor der Integration, noch garantieren die Bildungssysteme einen gleichberechtig- ten Zugang für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Doch was man leichtfertig als ein Problem der Bildungssysteme auffassen könnte, ist längst zu einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung geworden. In den nächsten Jahrzehnten werden die Quali- fikationsanforderungen an Beschäftigte weiter steigen und der Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte weiter schrumpfen. In Zeiten der Globalisierung, des demo- grafischen Wandels, der zunehmenden Adam Pokorny Sechs Prozent der 6–17-Jährigen in der EU haben eine andere Staatsangehörigkeit als die des Landes, in dem sie leben. Sie sprechen oft eine andere Muttersprache und sind mit der Kultur des Gastlandes nur wenig vertraut. Während einige europäische Länder seit Jahrzehnten Zuwanderung erleben, nahm etwa in Spanien oder Irland der Zustrom von Migranten erst in den letzten Jahren erheblich zu. Insbesondere die Integration im Bildungsbereich ist jedoch nicht nur für die ,neuen‘ Einwanderungsländer in Europa eine Heraus- forderung. Europäische Entwicklungen Integration hinkt im Bereich der Bildung hinterher 1 Programme for international student assessment 2 Progress in Inter- national Reading Literacy Study 3 Migration Integration Policy Index (MIPEX) 2011 © F o to li a /R o b e rt K n e s c h k e 7bildung für europa | Juni 2011 Impulse aus dem Programm für lebenslanges Lernen Europäische Projekte, etwa im Pro- gramm für lebenslanges Lernen, leisten einen wichtigen Beitrag zur gegenwärti- gen Diskussion. So bringt das COME- NIUS-Netzwerk ,Learning Migration‘ Praktiker aus Schule und Weiterbildung zusammen, damit diese Erfahrungen austauschen und besser den Herausfor- derungen zunehmender Migration in der Schulbildung gerecht werden kön- nen. Das LEONARDO DA VINCI-Pro- jekt ,Join in a Job‘ ( www.join-in- a-job.eu/) bemüht sich um die Weiter- bildung von Berufsberatern, die Jugend- liche mit Migrationshintergrund be- treuen. Es fördert die Nutzung von inno- vativen interkulturellen Clearing- und Beratungsmethoden sowie den Aufbau eines Netzwerkes von Beratern, Bil- dungseinrichtungen und Personalern. Projekte dieser Art werden ein wichtiges Instrument bleiben. Sie fördern den Austausch auf europäischer Ebene, ver- netzen Bildungseinrichtungen direkt miteinander und erproben innovative Ansätze. Darüber hinaus kommt es dar- auf an, einen Schritt weiterzugehen und die vielfältigen Erfahrungen in Europa zu bündeln, auszuwerten und für die Entwicklung erfolgreicher Politik nutz- bar zu machen. 4 KOM(2010)2020 5 ABl C 301, 11. 12. 2009, S. 5 6 ABl C 119, 28. 5. 2009, S. 2ff Integration durch Bildung Migration und des Mangels an qualifi- zierten Arbeitskräften kann es sich Europa schlicht nicht leisten, auf das große kreative und intellektuelle Poten- zial der Zuwanderer und ihrer Kinder zu verzichten. Die Bildungserfolge von Kindern und Jugendlichen mit Migra- tionshintergrund zu erhöhen und da- durch ihre Integration und Karriere- chancen zu erweitern, stellt somit einen bedeutenden Beitrag zur Strategie Euro- pa 2020 und dem Ziel intelligenten, nachhaltigen und integrativen Wachs- tums dar.4 Hürden der Integration überwinden Doch welche Hürden erschweren eine erfolgreiche Integration im Bildungs- bereich? Im November 2009 verständigte sich der Rat für Bildung, Jugend und Kultur in seinen Schlussfolgerungen auf eine Reihe konkreter Maßnahmen, die die Mitgliedstaaten ergreifen sollten.5 Insbesondere die Notwendigkeit eines integrierten Ansatzes wurde betont: Antidiskriminierungsmechanismen etwa müssen mit den Maßnahmen im Bildungsbereich Hand in Hand gehen. Bildungs- und Ausbildungssysteme müssen sich den veränderten Bedingun- gen anpassen. Wenn Schulklassen oder Lerngruppen heterogener werden, dann muss sich das auch in der Organisation der allgemeinen und beruflichen Bil- dung widerspiegeln. Etwa eine größere Durchlässigkeit und Flexibilität von Bil- dungswegen erlaubt Bildungsbiografien, die den besonderen Bedingungen von Migranten gerecht werden. Kontinuier- liche Förderung beim Erlernen der Unterrichtssprache und ein stärker auf den Einzelnen zugeschnittener Unter- richt sind wichtige Aspekte dieser Ver- änderungen. Die hohe Konzentration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshinter- grund in einzelnen Bildungseinrichtun- gen oder -zweigen verweist auf einen weiteren kritischen Punkt: Die Segre- gation der Bildungslandschaft und die deutlichen Qualitätsunterschiede zwi- schen Bildungseinrichtungen erschwe- ren nicht nur den Bildungserfolg von Migranten. Sie verhindern auch, kultu- relle Vielfalt als Gewinn für die Bildung aller nutzen zu können und aktiv zur Integration beizutragen. Gezielte An- strengungen werden nötig sein, um mehr gemeinsames Lernen zu realisie- ren. Die Unterrichtsqualität insbeson- dere in Bildungseinrichtungen mit hohem Migrantenanteil zu erhöhen, das Lehrpersonal dort gezielt zu unter- stützen und fortzubilden, und diese Einrichtungen auch für einheimische Schüler/-innen attraktiver zu machen, kann ein erster Schritt sein. Europäische Kooperation Noch immer gibt es bei der Diskussion über bessere Bildungsangebote für Kin- der und Jugendliche mit Migrationshin- tergrund mehr offene Fragen als Ant- worten. Die EU-Mitgliedstaaten stehen vor vergleichbaren Herausforderungen, einzelne Maßnahmen und Initiativen zeigen positive Ergebnisse, aber das Ziel gleichberechtigter Bildungschancen ist noch nicht erreicht. Neben der Beobach- tung der Entwicklungen auf europäi- scher Ebene wird der Austausch zwi- schen den Mitgliedstaaten in den nächs- ten Jahren eine wichtige Rolle spielen. Der strategischen Rahmen für die euro- päische Zusammenarbeit auf dem Ge- biet der allgemeinen und beruflichen Bildung („ET 2020“)6 zählt das Thema ,Migration und Bildung‘ zu den derzeiti- gen Prioritäten. Die Europäische Kom- mission hat zur Unterstützung dieser Arbeit eine Studie zur schulischen För- derung von neu ankommenden Kindern mit Migrationshintergrund in Auftrag gegeben. Die Studie vergleicht die der- zeitigen Praktiken in zehn EU-Mitglied- staaten und beleuchtet ihre Vor- und Nachteile. Darüber hinaus plant die Kommission, im Mai 2011 eine Aus- schreibung für ein Politik-Netzwerk zum Thema Bildung von Kindern und Ju- gendlichen mit Migrationshintergrund zu veröffentlichen. Das Netzwerk soll in den kommenden Jahren die Mitglied- staaten bei ihrer Arbeit unterstützen und ihnen helfen, die Maßnahmen zu ent- wickeln und umzusetzen, auf die man sich im November 2009 verständigt hat. Insbesondere soll das Netzwerk Beispiele guter Praxis ermitteln, die Herausforde- rungen bei ihrer Umsetzung analysieren und die Vor- und Nachteile verschiede- ner Ansätze abwägen. Damit soll es einen wichtigen Beitrag zur Politikent- wicklung leisten und Anregungen für effektive Maßnahmen zur Unterstüt- zung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund geben. Adam Pokorny ist Referatsleiter in der General- direktion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission. Der Autor 8 bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Die Kompetenz für die Bildungspolitik liegt bei den Mitgliedstaaten. Allerdings hat die EU die Bildungskompetenz bei länderübergreifendem Lernen, weil die- ses einen europäischen Mehrwert dar- stellt. Darüber hinaus ist es durch die „Methode der offenen Koordinierung“ der Europäischen Union aber möglich, die Maßnahmen der Mitgliedstaaten im Hinblick auf die Verwirklichung einer europäischen Dimension zu unterstüt- zen und zu ergänzen. Das Europäische Parlament hat nach dem Vertrag von Lissabon die volle Mitentscheidung bei Haushaltsfragen und ist so neben dem Rat für die finanzielle Ausstattung der europäischen Bildungsprogramme ver- antwortlich. Das Programm für lebens- langes Lernen ist das umfassendste EU- Bildungsprogramm, unter dessen Dach in Unterprogrammen der gesamte Bil- dungsweg gefördert wird. Vor diesem Hintergrund befasst sich das Europäi- sche Parlament mit allen Stufen der Bildung und engagiert sich auch für diejenigen Bevölkerungsgruppen, die besonders benachteiligt sind. Benachteiligte Bevölkerungsgruppen profitieren am wenigsten von den Bil- dungseinrichtungen und leiden am häu- figsten unter gesellschaftlicher Ausgren- zung, wobei sich die folgenden Ausfüh- rungen auf die Gruppe der Roma und Migranten beschränken. Risikogruppe Roma Eine der größten Risikogruppen in der EU in diesem Sinne sind die Roma, die frühkindliche Betreuung und Förderung nur in außerordentlich geringem Maß in Anspruch nehmen und dabei noch weit unter dem europäischen Durchschnitt liegen. Die Benachteiligung setzt sich im Dr. Helga Trüpel Wir leben in einer Welt, in der sich viele grundlegende Ver- änderungen gleichzeitig vollziehen. Neben dem wirtschaftlichen, technologischen sowie demografischen Strukturwandel prägt vor allem das Thema Migration die gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen der nationalen, aber auch euro- päischen Bildungspolitik. Die EU-Mitgliedstaaten verfügen über jeweils andere Bildungssysteme, die Probleme sind aber in vieler Weise ähnlich. Die zentrale Frage ist, wie die Politik auf letztere reagiert und welche Konzepte und Maßnah- men auf nationaler und europäischer Ebene notwendig sind, um bessere Integra- tionsbedingungen für Personen mit Migrationshintergrund oder für ethnische Minderheiten in den verschiedenen europäischen Bildungssystemen zu schaffen. Europäisches Parlament sieht Handlungsbedarf Zur Förderung von benachteiligten Personengruppen © E u ro p e a n U n io n /A rc h it e c tu re S tu d io Europäisches Parlament, LOW, Straßburg 9bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Laufe des Lebens fort. Einer Erhebung in sechs EU-Ländern1 zufolge schließen nur 42 Prozent der Roma-Kinder die Grundschule ab, im Vergleich dazu liegt der EU-Durchschnitt bei 97,5 Prozent. Die Europäische Kommission schätzt, dass lediglich 10 Prozent der Roma eine Sekundarschule besuchen. Eine doppelte Benachteiligung erleben zudem Roma- Mädchen und -Frauen, da sie oftmals sowohl wegen ihrer Rasse als auch wegen ihres Geschlechts diskriminiert werden. In der im Februar 2011 verabschiedeten Entschließung2 fordert das Europäische Parlament eine zukünftige Strategie für die Roma-Minderheit mit dem Kernin- strument Bildung zur Förderung sozia- ler Inklusion. Insbesondere sollen Maß- nahmen wie Stipendien und Mentoring- Unterstützung für junge Roma einge- richtet werden, um sie nicht nur zum Schulabschluss, sondern auch zu höhe- rer Bildung und zur Verbesserung ihrer Qualifikationen zu ermutigen. In den Schulen selbst sollen Maßnahmen er- hoben werden, die die Segregation in Schulen und Klassen aufheben und ein integratives Schulklima bewirken. Dies könnte durch die Einstellung von Roma- Mediatoren in Schulen gefördert wer- den. Auch die Erhöhung der Zahl von Roma-Lehrer(inne)n soll dem vorzeiti- gen Schulabgang und dem schulischen Versagen vorbeugen. Kinder, die die Schule abgebrochen haben, sollen eine zweite Chance bekommen. Kurze Zeit nach der Entschließung des Europäi- schen Parlaments hat die EU-Kommis- sion im April 2011 einen „EU-Rahmen für nationale Strategien zur Eingliede- rung der Roma bis 2020“ vorgelegt. Er soll als Richtschnur für die nationalen Roma-Integrationskonzepte dienen und verfügbare EU-Mittel zur Unterstützung der Integrationsbestrebungen mobilisie- ren. Einer der Kernbereiche ist hierbei Bildung, mit dem Ziel, dass alle Roma- Kinder die Grundschule abschließen. Schulabbrecherrate senken Das Problem der Schulabbrecher/-innen betrifft nicht nur die Bevölkerungs- gruppe der Roma. Derzeit haben 14,4 Prozent der 18–24-Jährigen in der EU die Sekundarstufe II nicht abgeschlossen und nehmen nicht an weiteren Maßnah- men der allgemeinen oder beruflichen Bildung teil. Zusätzlich sind circa 21 Prozent der jungen Menschen in der EU arbeitslos. Ziel der Verringerung der Zahl früher Schulabbrüche ist, zu ver- hindern, dass junge Menschen von so- zialer Ausgrenzung und Armut bedroht werden und später Zugang zum Arbeits- markt haben. Das Programm „Schulver- weigerung – die 2. Chance“ wird vom Europäischen Sozialfonds gefördert und gibt in Deutschland Schulverweigerern die Möglichkeit, doch noch einen Schul- abschluss zu erlangen. Der Kulturaus- schuss bereitet derzeit einen Initiativbe- richt („Tackling early school leaving“) vor, bei dem das Thema dezidiert behan- delt werden soll. Auch in dem Initiativ- bericht unter der Federführung des Kul- turausschusses „Jugend in Bewegung – ein Rahmen für die Verbesserung der Systeme der allgemeinen und berufli- chen Bildung in Europa“ wird die Forde- rung bekräftigt, die Schulabbrecherrate auf 10 Prozent zu senken. Innerhalb der Gruppe der Schulabbre- cher/-innen sind insbesondere Kinder und Jugendliche mit Migrationshinter- grund. Meistens sind die Bildungsleis- tungen von Migrantenkindern erheblich schlechter als die von Kindern ohne Mi- grationshintergrund. Große Unter- schiede gibt es vor allem beim Übergang von der Grundschule in die weiterfüh- renden, allgemein bildenden Schulen. Bei der Berufsausbildung setzt sich die- ser Trend fort; am wenigsten vertreten sind junge Migrante(inne)n an Hoch- schulen. Die Benachteiligung fängt meis- tens im frühkindlichen Stadium an. Eine der Hauptursachen für die schlechte Ausgangslage der Kinder und Jugendli- chen – die sich oftmals in den weiteren Bildungsjahren fortführt – ist die man- gelnde Sprachkenntnis des Wohnsitz- landes. Daher fordert das Parlament in seiner Entschließung vom 2. April 2009 die Anstrengungen und die finanzielle Ausstattung hinsichtlich der Sprachför- derung des Wohnsitzlandes zu erhöhen. Auch gehört zu dem Forderungskatalog an die Mitgliedstaaten, die Ghettoisie- rung von Schulen zu verhindern und Migrantenkinder nicht in Sonderklassen unterzubringen, sondern vielmehr eine integrative Bildungspolitik zu fördern. EU-Mitgliedstaaten gefordert Schließlich liegt die Umsetzung der Empfehlungen der Europäischen Union in der Bildungspolitik bei den Mitglied- staaten. Nicht alle Herausforderungen der Zukunft werden durch die Bildungs- politik bezwungen werden, aber die Mit- gliedstaaten müssen bei ihren Bildungs- systemen nicht nur auf Qualität und Professionalisierung setzen, sondern auch zunehmend die Förderung von benachteiligten Personengruppen vo- rantreiben. Dies wird sich langfristig auf die Lösung von Integrationsproblemen von Zuwanderern und Minderheiten in den europäischen Mitgliedstaaten aus- wirken und nicht zuletzt auch die wirt- schaftliche Konkurrenzfähigkeit Europas beeinflussen. Wie ernst die Mitglied- staaten ihre Anstrengungen wirklich nehmen, wird sich in den nationalen Haushalten für die Bildungspolitik zei- gen, aber auch bei den Ressourcen, die der europäischen Bildungspolitik in der kommenden Finanziellen Vorausschau 2013–2020 zugesprochen werden. Dr. Helga Trüpel ist seit 2004 Abgeordnete der Frak- tion Die Grünen/EFA im Europäi- schen Parlament. Sie ist dort Vize- präsidentin des Kultur- und Bil- dungsausschusses, Koordinatorin der Grünen im Haushaltsausschuss, stellvertretende Vorsitzende des Sonderausschusses zu den politi- schen Herausforderungen und den Haushaltsmitteln für eine nachhal- tige Europäische Union nach 2013 und Mitglied der China-Delegation. Die Autorin 1 KOM(2011)173, EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma 2 INI (2010)2276, Entschließung des Europäischen Parlaments über die EU-Strategie zur Integration der Roma 10 bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung © C a rl C a rd o n n ie r/ D a il yl if e /S e e T re e Die Nachfrage nach qualifizierten Fach- kräften wird nicht zuletzt durch die de- mografische Entwicklung in den nächs- ten Jahren stark ansteigen. Aktuelle Pro- gnosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gehen davon aus, dass sich bis zum Jahr 2025 das Erwerbs- personenpotenzial ohne eine Zuwande- rung um rund 7 Millionen Personen verringern wird, d.h. im Durchschnitt um 390.000 Personen pro Jahr. Nach ei- ner Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln vom März 2011 fehlen bereits heute rund 117.000 studierte Fachkräfte in den sogenannten MINT- Fächern. Deshalb müssen alle Qualifika- tionspotenziale – auch und gerade von Zuwanderern – stärker aktiviert und ge- zielter genutzt werden. Nach Berechnun- gen der Bundesagentur für Arbeit wird zur Deckung des Fachkräftebedarfs eine gesteuerte Zuwanderung von 400.000 bis 800.000 Fachkräften aus dem Nicht-EU- Ausland (Drittstaaten) in den nächsten 15 Jahren gefordert. Viele der nach Deutschland Zugewan- derten und auch viele Deutsche erwer- ben in anderen Ländern gute berufliche Qualifikationen, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt dringend gebraucht wer- den. Sie können ihre Qualifikationen aber oft nicht optimal verwerten, weil Bewertungsverfahren und Bewertungs- maßstäbe fehlen. Hier schafft das Aner- kennungsgesetz Abhilfe. Nach Schätzun- gen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) auf der Grund- lage einer Sonderauswertung des Mikro- zensus 2008 können etwa 285.000 Men- schen, die bereits in Deutschland leben, von dem Gesetz profitieren. Meilenstein in der Bewertungspraxis Der Entwurf des „Anerkennungsgeset- zes“ ist ein umfangreiches Artikelgesetz mit insgesamt 62 Artikeln. Zentral ist der Artikel 1: ein neues Bundesgesetz über die Feststellung der Gleichwertigkeit von Berufsqualifikationen. Dieses Berufsqua- lifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) gilt in erster Linie für die sogenannten nicht Ralf W. Maier, Bernd Rupprecht Am 23. März 2011 hat das Bundeskabinett den Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen beschlossen. Mit dem sogenannten Anerkennungsgesetz wird es Zuwanderern und Deutschen, die im Ausland einen Beruf erlernt haben, erheblich leichter gemacht, in Deutschland eine ihrer Qualifikation entsprechende Beschäftigung auszuüben. Gesetzentwurf vorgelegt Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen wird erleichtert 11bildung für europa | Juni 2011 reglementierten Berufe, also die circa 350 Ausbildungsberufe im dualen System. Es gilt subsidiär auch für die reglementier- ten Berufe, sofern die spezifischen Fach- gesetze keine Regelungen für Gleichwer- tigkeitsverfahren enthalten. In den nachfolgenden Artikeln finden sich die Änderungen in 60 Berufsgeset- zen und Verordnungen insbesondere der reglementierten Berufe, darunter zum Beispiel Änderungen der Handwerks- ordnung, der Bundesärzteordnung und des Kranken- und Altenpflegegesetzes. Über die bereits bestehenden, in Umset- zung der EU-Berufsanerkennungsricht- linie eingeführten Möglichkeiten hinaus werden neue Rechtsansprüche für Per- sonen- und Berufsgruppen eingeführt, denen bisher keine Verfahren für eine Gleichwertigkeitsprüfung offenstanden. Insbesondere werden diejenigen Rege- lungen aufgehoben beziehungsweise modifiziert, die an die Staatsangehörig- keit der Antragsteller anknüpfen. Aus- schlaggebend für den Verfahrenszugang sind nur noch Inhalt und Qualität der Qualifikationen. So kann beispielsweise eine türkische Ärztin künftig eine Ap- probation als Ärztin erhalten, was bisher, selbst wenn sie in Deutschland studiert hatte, nicht möglich war. Nicht erfasst sind die Berufsregelungen im Zuständigkeitsbereich der Länder, insbesondere für Lehrer, Erzieher und Ingenieure. Allerdings haben die Länder angekündigt, ihre Regelungen entspre- chend dem Bundesgesetz und möglichst parallel ändern zu wollen. Für die circa 350 Ausbildungsberufe im dualen System schafft das Berufsqualifi- kationsfeststellungsgesetz erstmals einen allgemeinen Anspruch auf ein Verfahren, mit dem überprüft wird, ob die mitge- brachte Berufsausbildung der deutschen Ausbildung entspricht. Dies war bisher nur für Spätaussiedler möglich. Für diese Ausbildungsberufe wird die Frage, ob die mitgebrachte Qualifikation gleichwertig ist, nach einheitlichen Kriterien und Ver- fahren beurteilt. Das ist ein Meilenstein in der Bewertungspraxis in Deutschland. Hohe Qualität der deutschen Ausbildung wird gewahrt Die folgenden Ausführungen haben vor allem den Blick auf die neuen Verfahren für die Ausbildungsberufe im dualen System. Ein zentrales Anliegen des BMBF ist es, das internationale Erfolgsmodell der dualen Ausbildung auf höchstem Niveau fortzuführen. Das spiegelt sich auch im Gesetzentwurf wider. Feststel- lungsmaßstab sind der hohe Standard der deutschen Abschlüsse und die inlän- dischen Berufsbilder als Referenz. Dies bedeutet, dass die Gleichwertigkeit nur dann festgestellt werden kann, wenn der ausländische Ausbildungsnachweis eine Befähigung zu vergleichbaren berufli- chen Tätigkeiten wie der entsprechende deutsche Referenzberuf bescheinigt. Entscheidend ist die Frage, ob in Bezug auf Inhalt und Dauer der Ausbildung wesentliche Unterschiede zwischen der ausländischen Berufsqualifikation und der deutschen Referenzqualifikation bestehen. Das wird insbesondere dann der Fall sein, wenn die ausländische Aus- bildung erheblich kürzer ist als die deut- sche, oder wenn gravierende Teile der Ausbildung schlicht fehlen. Zur Unter- stützung der zuständigen Stellen wird hierzu von Bundesseite der Aufbau einer Datenbank unterstützt, die berufsspezi- fische Informationen zu ausländischen Berufsbildungssystemen,Ausbildungs- institutionen und Berufsabschlüssen umfassen wird. Kommt die zuständige Stelle bei der Gleichwertigkeitsprüfung zu dem Ergeb- nis, dass wesentliche Unterschiede in der Ausbildung bestehen, kann sie ergän- zend die vorhandene und nachgewiesene Berufserfahrung heranziehen. Dies kann im Einzelfall schwierig sein. Allerdings hat Deutschland mit der dualen Ausbil- dung ein einmaliges System, das schuli- sche Ausbildung mit praktischer Erfah- rung verbindet. Deshalb ist es nahezu zwingend, auch bei ausländischen Qualifikationen die vorhandene Berufs- erfahrung mit zu berücksichtigen. Der Gesetzentwurf vermeidet zusätzli- che Bürokratie. Vielmehr werden bereits bestehende und funktionierende Struk- turen genutzt. So werden im Bereich der Ausbildungsberufe im dualen System die bereits nach dem Berufsbildungsgesetz zuständigen Stellen eingesetzt. Das sind überwiegend die Kammern. Diese genie- ßen das Vertrauen von Arbeitgebern und Unternehmen, was für eine erfolgreiche Anerkennung in der Praxis entscheidend sein wird. Das Gesetz sieht aber auch ausdrücklich die Möglichkeit der Bün- delung zuständiger Stellen vor – ein wichtiger Schritt hin zu einer Vereinheit- lichung der Entscheidungspraxis. Insgesamt wird mit dem Gesetz ein zügiges Verfahren gewährleistet. Die Entscheidung über die Gleichwertigkeit muss grundsätzlich innerhalb von drei Monaten ab Vorliegen aller zur Entschei- dung erforderlichen Unterlagen ergehen. In besonderen Fällen ist eine Fristhem- mung oder eine -verlängerung möglich. Am Ende der Prüfung steht ein rechts- mittelfähiger Bescheid. Im Falle der Gleichwertigkeit hat dies zur Folge, dass die gleichen Rechtsfolgen eintreten, wie bei einer erfolgreich bestandenen Aus- und Fortbildungsprüfung nach dem Be- rufsbildungsgesetz oder einer Gesellen- prüfung im Handwerk. Aber auch für den Fall, dass eine Gleichwertigkeit nicht gegeben ist, sieht das Gesetz einen Vorteil für Antragsteller und Unternehmen vor. Die Entscheidungsbegründung muss dann die vorhandenen Qualifikationen und die festgestellten wesentlichen Unterschiede positiv darstellen. Damit können sich die Antragsteller bei Unter- nehmen bewerben oder gezielt eine An- passungsqualifizierung absolvieren. Aktuell wird der Gesetzentwurf im Bundesrat behandelt und wird danach dem Bundestag zur Beratung zugeleitet. Bis Ende des Jahres kann nach der- zeitiger Einschätzung eine Verkündung im Bundesgesetzblatt erfolgen. Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.bmbf.de/de/15644.php Ralf W. Maier, Regierungs- direktor, und Bernd Rupprecht, LL.M., Oberregierungsrat, sind die zuständigen Referenten für das Anerkennungsgesetz im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Referat Integration durch Bildung. Die Autoren Integration durch Bildung 12 bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung © W e rn e r B a c h m e ie r Die in Deutschland lebenden mehr als 15 Millionen Menschen mit Migrations- hintergrund sind eine sehr heterogene Gruppe, die auf der Basis ihres persön- lichen Werdegangs und ihrer aktuellen Lebenssituation spezifische Handlungs- bedarfe erfordern. Die BA hat daher ein Geschäftsprozessmodell entwickelt, das darauf ausgerichtet ist, falladäquate, individuelle Handlungsstrategien zu entwickeln. Dieses 4-Phasenmodell der Integrationsarbeit basiert auf einem grundlegenden Profiling, das die Kom- petenzen („Hard Skills“ und „Soft Skills“) dieser Menschen im Hinblick auf Stärken und Potenziale analysiert. Darauf aufbauend werden in weiteren Schritten die Integrationsziele festgelegt und geeignete zielführende Strategien ausgewählt. Zur nachhaltigen Umset- zung des vereinbarten Vorgehens wird eine Eingliederungsvereinbarung zwi- schen dem Kunden und der Integrati- onsfachkraft in den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern abgeschlossen. Die methodische Grundlage für die Gesprä- che mit den Kunden bildet ein Bera- tungskonzept, das nach seiner Imple- mentierung im Hinblick auf die inter- kulturellen Kompetenzen und Migrati- onssensibilität der Integrationsfach- kräfte noch weiter ausdifferenziert wird. Spezielle Informations- und Unterstützungsangebote Das Kerngeschäft der Integrationsarbeit wird unterstützt durch Information und Orientierung, Maßnahmen zum Aus- gleich individueller Problemlagen und zur Behebung qualifikatorischer Defi- zite. Agenturen für Arbeit und Jobcenter kooperieren dabei mit vielen Partnern, die einen ergänzenden Wirkungsbeitrag zur Integration leisten können (z.B. im Bereich der Sprachförderung). Die BA hat ihr spezifisches Informati- onsangebot für Menschen mit Migrati- onshintergrund gezielt ausgebaut und erweitert. So ist der Zugang zur Jobbörse der BA jetzt auch in Englisch, Franzö- sisch, Russisch, Italienisch und Türkisch möglich. Zudem wird die Vorbereitung der Berufswahl durch verschiedene Dr. Markus Schmitz Die Bundesagentur für Arbeit (BA) engagiert sich mit einer breiten Palette von Maßnahmen, Projekten und Initiativen, damit Menschen mit Migrationshintergrund besser und nachhaltiger in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt integriert werden. Initiativen der Bundesagentur für Arbeit Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Menschen mit Migrationshintergrund 13bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Print- und Online-Medien unterstützt, wie z.B. ein Elternheft in türkischer Sprache. Ergänzt werden diese Informa- tionsangebote durch gezielte Veranstal- tungen wie beispielsweise Vorträge in Moscheen, Veranstaltungen in Vereinen oder bei Migrantenorganisationen. Auch bestehende Netzwerke wie die Initiative „Meslek altin beleziktir“ (Beruf ist ein goldenes Armband) werden genutzt, um insbesondere Eltern von der Notwendig- keit von Bildung, Ausbildung und Stu- dium zu überzeugen. Auf besondere Ak- zeptanz stoßen dabei Vertrauensperso- nen und Multiplikatoren aus den jeweils eigenen Herkunftsländern. Arbeitgeber und Betriebe sensibilisieren Die Zahl qualifizierter Bewerber und Be- werberinnen wird knapper. Die Betriebe suchen bereits jetzt wieder intensiver nach Fachkräften. In der Beratung des Arbeitgeberservices der BA wird daher versucht, die Sensibilität gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund zu erhöhen und die Personalverantwort- lichen davon zu überzeugen, gerade diese Personengruppe stärker in die Be- werbungsverfahren um freie Stellen ein- zubeziehen. Für den Bereich des Hand- werks wurde eine enge Kooperation zur Rekrutierung von mehr Bewerbern mit Migrationshintergrund für freie Aus- bildungsplätze vereinbart. Gemeinsam mit der Integrationsbeauf- tragten der Bundesregierung und dem Bundesministerium für Arbeit und So- ziales wurde zudem eine „Initiative zur Verbesserung der Arbeitsmarktintegra- tion von Menschen mit Migrationshin- tergrund“ gestartet. Wesentliche Ele- mente sind ein ganzheitliches Integrati- onscoaching für Jugendliche an berufs- bildenden Schulen, die Stärkung migra- tionssensibler Beratungs- und Vermitt- lungskompetenzen der Mitarbeiter/ -innen, die Durchführung migrations- spezifischer Stellen- und Informations- börsen, die Intensivierung der Koopera- tion mit türkischen Generalkonsulaten und ein verbessertes Profiling, das im Rahmen eines Projektes des Psychologi- schen Dienstes der BA mit dem Titel „Vertiefte Diagnostik von Kundenprofi- len“ entwickelt wird. Der Psychologische Dienst hat darüber hinaus einen Test entwickelt, mit dem das Sprachniveau des Kunden festgestellt werden kann. Der Erwerb von Deutschkenntnissen ist vielfach eine notwendige Voraussetzung zur erfolgreichen beruflichen Integra- tion. Bei Handlungsbedarf kommen vorrangig Integrationskurse und die berufsbezogene Deutschförderung im Rahmen des ESF-BAMF-Programms zur Anwendung. Anerkennung von Abschlüssen ist wichtig Migranten können grundsätzlich durch alle arbeitsmarktpolitischen Maßnah- men gefördert werden. Der Instrumen- teneinsatz erfolgt auf Basis der individu- ellen Handlungsbedarfe und daraus resultierender Handlungsstrategien. Mindestens genauso wichtig ist es aber auch, bereits vorhandene ausländische Abschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen. Derzeit wird dazu ein Gesetz zur Anerkennung von im Ausland er- worbenen Berufsabschlüssen (s. S. 10 f.) vorbereitet. Wer allerdings die erforderli- che Lotsenfunktion übernimmt, um die Menschen durch die große Anzahl an Anerkennungsstellen und Formalia zu führen, ist derzeit noch nicht abschlie- ßend geklärt. In einem Pilotprojekt hat die Zentrale Auslands- und Fachvermitt- lung (ZAV) kürzlich zeigen können, wie durch eine solche Begleitung die Inte- grationsprozesse von Migranten be- schleunigt werden können. Seit Anfang des Jahres engagiert sich die BA mit vielen anderen gesellschaftlichen und staatlichen Akteuren, um den Na- tionalen Integrationsplan der Bundes- regierung zur verbesserten Integration von Bürgerinnen und Bürgern mit Mi- grationshintergrund auszugestalten. Dr. Markus Schmitz ist Geschäftsführer Produkt- entwicklung Grundsicherung in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Der Autor Initiative Bildungsketten geht online Seit Mai 2011 ist die Initiative „Abschluss und Anschluss – Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) mit ihrer neuen Internetseite www.bildungsketten.de online. Im Mittelpunkt der Initiative steht das Sonderprogramm Berufseinstiegsbegleitung mit den Instrumenten Potenzialanalyse, Berufsorientierung und Berufs- einstiegsbegleitung. Der Webauftritt richtet sich an alle Beteiligten, die Verantwortung für die berufliche Zukunft dieser jungen Menschen übernehmen. Mit der Webseite bietet die Servicestelle Bildungsketten einen ersten Anlaufpunkt für die Akteure des Sonderprogramms. Die Servicestelle erbringt flankierende Dienstleistungen, die eine erfolgreiche Umsetzung der Initiative sicher- stellen.Zu ihren Aufgaben gehört auch, den Erfahrungs- austausch der Akteure zu fördern, Befragungen und Interviews durchzuführen, Fallstudien zu erstellen sowie gute Umsetzungspraxis sichtbar zu machen und be- währte Strategien und Arbeitsmaterialien zu transferie- ren. Mit der Initiative Bildungsketten haben sich die Akteure und Partner ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Jugendliche an Haupt- und Förderschulen mit Förderbedarf werden noch stärker unterstützt, um den Schulabschluss zu schaffen, eine Ausbildung zu finden und auch den Berufsabschluss zu erreichen. Das Sonderprogramm Berufseinstiegsbegleitung Bildungsketten sieht bis Ende 2014 rund 1.000 haupt- amtliche Berufseinstiegsbegleiter an bundesweit rund 1.000 Haupt- und Förderschulen vor. Die BerEb, wie die Berufseinstiegsbegleiter auch heißen, betreuen über mehrere Jahre bis zu 30.000 Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf. Das Programm setzt in der 7. Klasse mit einer Kompetenzfeststellung (Potenzialanalyse) an, in die auch außerschulische Kompetenzen und Begabun- gen einfließen. Nach der Potenzialanalyse nehmen sich die Berufs- einstiegsbegleiter der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf an und entwickeln individuelle Förderpläne. Ab Klasse 8 beginnt die praxisnahe Berufsorientierung. Die BerEb stimmen ihre Begleitung der Jugendlichen eng mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) ab. Sie binden dabei andere Initiativen und Förderangebote mit ein. Bildungsketten 14 bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Bundesinstitut für Berufsbildung geht mit gutem Beispiel voran Umsetzung der „Charta der Vielfalt“ Am 18. April 2007 ist das Bundesinstitut für Berufsbildung der „Charta der Viel- falt“ beigetreten, vier Monate nachdem Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böh- mer, Beauftragte für Migration, Flücht- linge und Integration, gemeinsam mit führenden Unternehmen die Initiative im Dezember 2006 gegründet hatte. Mittlerweile gibt es 980 Unterzeichner. Ziel der Initiative ist die Wertschätzung alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „unabhängig von Geschlecht, Rasse, Nationalität, ethnischer Herkunft, Reli- gion oder Weltanschauung, Behinde- rung, Alter, sexueller Orientierung und Identität“. Vielfalt fördert Kreativität Die „Charta der Vielfalt“ ist ein grund- legendes Bekenntnis zu Fairness und Wertschätzung von Menschen in Unter- nehmen und Organisationen. Die Unter- zeichner verpflichten sich, ein Arbeits- umfeld zu schaffen, das frei von Vorur- teilen und Ausgrenzung ist. Und es geht darum, unterschiedliche Talente und Po- tenziale zu erkennen und einzubeziehen. Eine Befragung von 155 Charta-Unter- zeichnern hat ergeben, dass in rund 87 Prozent der Fälle ein aktives Diversity Management die Kreativität und die In- novationsfähigkeit der Angestellten stei- gert. Die Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen entscheiden selbst, wie sie den Anforderungen der Charta nach- kommen. Der Schwerpunkt der Umset- zung liegt jedoch klar auf dem Aspekt der ethnischen Herkunft. Zu wenig Migranten im öffentlichen Dienst Lediglich jeder zehnte Beschäftigte (9,7 Prozent) bei Bund, Ländern und Kom- munen hat nach einer kürzlich vorgeleg- ten Auswertung des Instituts der Deut- schen Wirtschaft Köln (IW) aus Daten des Statistischen Bundesamtes von 2009 einen Migrationshintergrund. In der Gesamtwirtschaft lag der Anteil der Er- werbstätigen mit Migrationshintergrund bei 17 Prozent. Zudem hatten gerade einmal 683 von annähernd 40.000 Aus- zubildenden in der Verwaltung einen Migrationshintergrund. An dieser Stelle setzt das BIBB an. Die im BIBB einge- führte Arbeitsgruppe „Charta der Viel- falt“ hat sich zunächst das Ziel gesetzt, die Zahl der Auszubildenden mit Migra- tionshintergrund zu erhöhen. Jugendli- che mit Migrationshintergrund haben im Übergang von der Schule in die Aus- bildung häufig geringere Startchancen. Zudem wird der öffentliche Dienst von den Jugendlichen und ihren Eltern zu selten als interessanter Ausbildungsgeber wahrgenommen. Anzahl der Schülerpraktika stark angestiegen Damit Schülerinnen und Schüler das BIBB als mögliche Ausbildungsstätte mit ihren sechs verschiedenen Ausbildungs- berufen kennen lernen, hat das Institut mittlerweile mit zwei Schulen einen Ko- operationsvertrag abgeschlossen, eine dritte soll dieses Jahr folgen. Es wurden Schulen ausgewählt, die auch viele Schü- lerinnen und Schüler aus zugewanderten Familien besuchen. Die Jugendlichen bekommen in der Berufsorientierungs- phase die Möglichkeit über Betriebser- kundungen und Schülerpraktika das BIBB kennen zu lernen. Diese Aktivitä- ten zeigen bereits Erfolge: Wurden 2009 nur insgesamt 10 Schülerpraktika durchgeführt, haben im ersten Quartal 2011 bereits 22 Schülerinnen und Schü- ler die Chance genutzt, über Praktika einen Eindruck von der Arbeit im Insti- tut zu bekommen. Zur Unterstützung der betreuenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat die Ausbildungsleitung einen Leitfaden erstellt, der Beispiele für Tätigkeiten und auch die Rahmenbedin- gungen von Praktika darstellt. Enormes Engagement bei Befragung zur „Vielfalt im BIBB“ Mit dem Ziel, mehr über das bereits vor- handene Spektrum der Muttersprachen und der Herkunft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im BIBB zu erfahren, initiierte die Arbeitsgruppe im Dezem- ber 2010 eine freiwillige und anonyme Befragung zum Migrationshintergrund. Mit besonderer Unterstützung der BIBB-Leitung und durch eine intensive Informationsarbeit im Haus wurden viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die Ziele der „Charta der Vielfalt“ und auch über den Nutzen der Befra- gung aufgeklärt. Die Beteiligung von 71 Prozent hat alle Erwartungen über- troffen. Die Ergebnisse werden zurzeit ausgewertet und sollen eine Orientie- rung für die Frage geben, ob und welche weiteren Aktivitäten im BIBB notwendig sind, um Vielfalt und ihre Potenziale im Haus zu erhöhen. Gerburg Benneker Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat als eine der ersten öffentlichen Institutionen die „Charta der Vielfalt – Diversity als Chance“ unterschrieben. Heute arbeitet es aktiv mit Schulen aus der Region zusammen, um den Anteil von Auszubildenden mit Migrationshintergrund zu erhöhen. Gerburg Benneker ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei JOBSTARTER, Programmbereich KAUSA – „Koordinierungsstelle Ausbildung bei Selbstständigen mit Migrationshintergrund“ und Mitglied der AG Vielfalt im Bundesinstitut für Berufsbildung. Die Autorin 15bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Claudia Moravek ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei JOBSTARTER KAUSA im Bundes- institut für Berufsbildung. Die Autorin Eine abgeschlossene Berufsausbildung erhöht deutlich die Chancen auf einen Job. Und ein guter Arbeitsplatz ist, vor allem für Migrantinnen und Migranten, oft der Schlüssel zur Integration in die deutsche Gesellschaft. Doch vor allem für Jugendliche mit Migrationshinter- grund ist der Einstieg ins Berufsleben nicht leicht. In der dualen Ausbildung sind sie beispielsweise schon seit Jahren unterrepräsentiert. Laut aktuellem Be- rufsbildungsbericht 2011 ist die Ausbil- dungsbeteiligung von Jugendlichen mit ausländischem Pass trotz hohem Inter- esse an einer Ausbildung um 0,8 Punkte auf 31,4 Prozent zurückgegangen. Damit ist die Ausbildungsbeteiligung nur etwa halb so hoch wie die der deutschen jun- gen Menschen mit 64,3 Prozent. Die Koordinierungsstelle Ausbildung bei Selbstständigen mit Migrationshin- tergrund existiert seit 1999. Ziel von KAUSA ist es, die duale Ausbildung in Betrieben von Migrantinnen und Mi- granten zu fördern. In Deutschland gibt es gut 600.000 selbständige Migrantin- nen und Migranten, die mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Mittlerweile sind aber auch junge Migranten, die einen Ausbildungsplatz suchen, in den Fokus von KAUSA ge- rückt: zum einen aufgrund des dringen- den Handlungsbedarfs, aber auch weil die bundesweiten KAUSA-Projekte auf ihre Art schon längst zur Integration von jungen Migranten in den Ausbildungs- markt beitragen. Die bundesweite Koordinierungsstelle KAUSA gehört seit 2006 zu JOBSTAR- TER, einem Ausbildungsstrukturpro- gramm, das aus Mitteln des Bundesmi- nisterium für Bildung und Forschung (BMBF) und des Europäischen Sozial- fonds (ESF) gefördert wird und das beim Bundesinstitut für Berufsbildung ange- siedelt ist. KAUSA betreut 37 JOBSTAR- TER-Projekte, die in ihren Regionen Ausbildungsplätze bei Unternehmerin- nen und Unternehmern mit Migrations- hintergrund akquirieren. Zudem bera- ten die Projekte Unternehmen bei Aus- bildungsfragen und vermitteln ihnen Jugendliche für die neu geschaffenen Stellen. Bislang ist diese Arbeit sehr er- folgreich: Die KAUSA-Projekte haben in den letzten Jahren mehr als 3.000 zusätz- liche Ausbildungsplätze bei Selbstständi- gen mit Migrationshintergrund geschaf- fen. Diese Ausbildungsplätze wurden zwar nicht vorrangig für junge Migran- tinnen und Migranten eingerichtet. Aber eine Auswertung der Statistik zeigt, dass drei Viertel dieser Stellen an Jugendliche mit Migrationshintergrund gingen – bei den anderen JOBSTARTER -Projekten wurden nur 15 Prozent der geschaffenen Plätze mit Migranten besetzt. Generell scheinen Migrantenbetriebe auch Auszubildenden mit schwächeren Schulleistungen eine Chance zu geben, und das nicht nur, wenn der Azubi den gleichen Migrationshintergrund hat. Zwar machen die KAUSA-Projekte vor Ort die Erfahrung, dass Selbstständige mit Migrationshintergrund den ersten neu geschaffenen Ausbildungsplatz oft mit Jugendlichen der gleichen Herkunft besetzten. Aber auffallend ist, dass wei- tere Auszubildende oft aus anderen Kulturkreisen stammen oder deutsch- stämmig sind. Die Koordinierungsstelle KAUSA fördert und betreut nicht nur Projekte zur Aus- bildungsplatzakquise, sondern ist auch für Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und den Medien Ansprechpartner zum Thema „Integration und berufliche Bildung“. Im letzten Jahr ist KAUSA vor allem mit den Medien in einen stärkeren Dialog getreten. Um die Erfolge und die Leis- tungen der von KAUSA betreuten Unter- nehmerinnen und Unternehmer in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und dem oft negativen Bild von Migranten in den Medien entgegenzuwirken, wurde 2010 der KAUSA Medienpreis ins Leben gerufen. Der mit über 25.000 Euro do- tierte Preis für Nachwuchsjournalisten wurde vom BMBF etabliert, um eine differenzierte Berichterstattung über Bildungswege von Migranten auszu- zeichnen. Der KAUSA Medienpreis ist 2010 auf solch eine positive Resonanz gestoßen, dass er auf jeden Fall fort- geführt wird. Er bietet der Koordinie- rungsstelle eine sehr gute Möglichkeit, in der Öffentlichkeit verstärkt Aufmerk- samkeit für ihr Thema – mehr Vielfalt in der beruflichen Bildung – zu schaffen. Weitere Informationen finden Sie auf der Website von Jobstarter unter www.jobstarter.de/kausa Claudia Moravek Wirtschaftswachstum, demografischer Wandel und Bildungsprogramme zeigen ihre Wirkung: Im vergangenen Jahr wurden weit mehr Ausbildungsplätze angeboten als vorausgesagt. Nur junge Menschen mit Migrationshintergrund profitierten nicht von diesem positiven Trend. Die Koordi- nierungsstelle Ausbildung bei Selbstständigen mit Migrationshintergrund, kurz KAUSA, will ihre Integration durch eine duale Ausbildung verbessern. Koordinierungsstelle Ausbildung bei Selbstständigen mit Migrationshintergrund Mehr Vielfalt in der Ausbildung 16 bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Best Practice: LEONARDO DA VINCI Innovationstransfer Berufsvorbereitung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund – Go4Job Projektinfos Projekttitel: Förderung junger Migranten – Entwicklung neuer NetGen-orientierter didaktisch-methodischer Konzepte zur Verbesserung des Übergangs von der Schule in Ausbildung und Arbeit Projektnummer: DE/07/LLP-LdV/TOI/147040 Projektdauer: 24. 10. 2007–24. 10. 2009 Partner: Bildungs- und Beratungseinrichtungen aus Deutschland, Italien, Österreich und Rumänien. www.go4job.eu www.adam-europe.eu/adam/project/ view.htm?prj=2961 Kontakt und Projektkoordination: Hauptstelle RAA NRW Brigitte Rimbach Tiegelstraße 27 45141 Essen Die Eingliederung möglichst aller jun- gen Menschen in den Arbeitsmarkt ist eine zentrale Herausforderung für die europäischen (Berufs-)Bildungssysteme. Den größten Erfolg versprechen hier zielgruppenspezifische Unterstützungs- instrumente, wie beispielsweise zusätz- liche Hilfen zu bestehenden Angeboten der beruflichen Orientierung. Das LEONARDO DA VINCI-Innovations- transferprojekt Go4Job hat genau zu diesem Zweck ein Lernportal für Haupt- schülerinnen und -schüler, und zwar insbesondere für Jugendliche mit Migra- tionshintergrund, entwickelt. Der Über- gang von der Schule in den Beruf ist für Migrant(inn)en in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern beson- ders problematisch. Ein Grund dafür ist, dass die herkömmlichen Hilfen zur Be- rufsorientierung und Bewerbung von ihnen und ihren Familien meist nur bedingt genutzt werden. Das im Rahmen von Go4Job entwickelte Lernportal ist auf die heutige „NetGene- ration“ zugeschnitten und damit geeig- net, möglichst viele Jugendliche anzu- sprechen. Vor allem die Aufbereitung mittels interaktiver Medien und virtuel- ler Kommunikationsformen soll junge Menschen an „trockene“ Themen wie Berufswahl oder Bewerbung wieder heranführen. Besonderes Merkmal des Portals ist dessen jugendgerechte Ansprache. Sie wurde erreicht durch die aktive Beteili- gung von Jugendlichen am Aufbau des Internetangebots und an der Gestaltung der Themen und Inhalte. Junge Männer und Frauen, die bereits erfolgreich in ei- ner Ausbildung oder im Beruf sind, be- richten in Podcasts („Jobcasts“ genannt), Wikis und Blogs über ihre Erfahrungen in Betriebspraktika oder beschreiben ihre Berufswünsche und -vorstellungen. Ergänzend werden Qualifizierungsmo- dule in Gestalt von Spielen, Tests und Simulationen angeboten, die zum Bei- spiel der Interessenfindung und Talent- analyse dienen, aber auch berufsrelevan- tes Wissen wie unternehmerisches Den- ken oder Medienkompetenz vermitteln. Fotos und Videos können von allen registrierten Nutzer(inne)n eingestellt oder heruntergeladen werden. Die Kombination aus Lernen und Spie- len, angeboten in der Sprache und durch die Medien der Jugendlichen ist sehr gut geeignet, den Einstieg in Überlegungen zu Berufswünschen und -optionen zu finden. Im besten Fall führt sie zu der Bereitschaft, weiterführende Beratungs- angebote in Anspruch zu nehmen. Home Cinema Jobcasts anschauen Infothek Café Europe MyProfile Fit&Fun Vorgestellt Benutzername Passwort Angemeldet bleiben Anmeldung Passwort vergessen? Benutzername vergessen? Registrieren Wilkommen im Cafe Europa Im Café Europa kannst du dich mit deinen Freunden treffen. Oder neue Freunde finden. Die Leute, die hier auf go4job registriert sind, haben sind alle am Thema Beruf und Berufswahl interessiert. Du kannst dich hier ungestört austauschen und über die Vorteile des einen oder anderen Berufs mit Freunden und Bekannten diskutieren. Natürlich kannst du auch Fragen stellen zu Berufen, Ausbildungsvergütungen, Bewerbung, Vorstellungsgespräch, Karrierechancen usw. Es gibt immer wieder Fragen, bei denen deine Eltern oder Lehrer nicht weiterhelfen können. Die Chancen sind gut, dass du aus go4job jemanden findest, der die Antwort weiss. Versuch es einfach mal. Um bei der Gemeinschaft (Community) mit machen zu können, musst du dich zuerst einmal bei go4job registrieren. Dann kannst du dein Profil anlegen und deine Daten eintragen. Wenn du Bilder von dir auf go4job einstellst, dann denke daran, dass andere, beispielsweise der Ausbildungsleiter, bei dem du dich bewirbst, diese Bilder sehen können. Sorg also dafür, dass man keinen falschen Eindruck von dir bekommt. Du kannst mit andern Nutzern Chaten oder Mailen. Wenn du Azubi bist oder ein gerade ein Praktikum machst, dann informiere doch über deine Erfahrungen und erstelle selbst einen Podcast. Beispiele hierzu findest du auf dieser Seite genügend. Interessant dürfte es auch sein, wie andere deinen Jobcast bewerten, oder? Und ob du es in der Rangliste (Ranking) ganz nach oben schaffst. Viel Glück dabei. Aber Achtung!!! Nur registrierte und angemeldete Benutzer können hier mitmachen. Viel Spaß im Cafe Europa! Q-Frage der Woche Wie findest du unser neues Layout? Gefällt mir sehr gut Könnte etwas poppiger sein Eher langweilig Abstimmen Ergebnis Aktuell im Kino Bewerbung verkehrt Safety Rules Business Knigge 17bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Best Practice: LEONARDO DA VINCI Partnerschaften Gründungen durch Migranten – „The immigrant’s business plan“ Projektinfos Projekttitel: The immigrant’s business plan Projektnummer: 2009-DE2-LEO04-01694 Projektdauer: 01. 08. 2009–31. 07. 2011 Partner: Initial e.V., Deutschland Groupe ITG, Frankreich Coopérative Sud Concept, Frankreich EU Warehouse, Belgien REKVAL, Tschechische Republik Ekpospo NOSTOS, Griechenland www.immigrants-business-plan.eu Kontakt und Projektkoordination: ttg team training GmbH Susanne Haug Holzmarkt 7 72070 Tübingen 07071-51396 team-training@team-training.de Existenzgründungen durch Migrant(inn)en spielen in Europa eine bedeutende Rolle. Umso wichtiger ist es, dass Menschen mit Migrationshinter- grund die Hürden, die sie bei Unter- nehmensgründungen nehmen müssen, kennen und sich darauf vorbereiten. Integration findet auf dem Arbeitsmarkt statt. Einwanderer wagen deutlich häufi- ger den Schritt in die Selbstständigkeit, allerdings oft aus Mangel an Alternati- ven. Darüber hinaus spielen offenbar kulturelle Faktoren eine wichtige Rolle. Weil viele Migranten ursprünglich aus Ländern stammen, in denen berufliche Selbstständigkeit weitaus verbreiteter ist als in Deutschland, orientieren sie sich an diesen Vorbildern in ihrer alten Hei- mat. Bi-Nationalität ist dabei gleichzeitig Zusatzqualifikation, Türöffner und Wirtschaftsfaktor. Die selbstständige Erwerbstätigkeit von Personen mit Mi- grationshintergrund hat in den meisten europäischen Ländern zugenommen. Selbstständigkeit ist für Migrant(inn)en oft der einzige Weg aus Armut und Ar- beitslosigkeit und der Schlüssel für die Integration in den Arbeitsprozess. Auch Schulabgänger/-innen haben häufig nur die Perspektive Selbstständigkeit. Ar- beitslose Zuwanderer/-innen gründen in Bereichen wie Gastronomie, Handel, Handwerk, Verarbeitung und Bauge- werbe. Es entstehen Handyshops, Kioske und kleine Läden für die ortsnahe Ver- sorgung, Cafés, IT-Firmen und Reisebü- ros. Die Existenzgründung schafft neues Potenzial und Wirtschaftskraft sowie weitere Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Angesichts von Selbstausbeutung und Ausbeutung der familiären Netzwerke wächst allerdings auch der Bedarf an Know-how-Erwerb und Beratung für die Gründer/-innen und ihre Familien- angehörigen. Das Projekt „The immigrant’s business plan“ entwickelt einen Leitfaden für die Beratung von Gründerinnen und Grün- dern mit Migrationshintergrund und macht diesen über eine jeweils nationale Ausgabe dem beruflichen Bildungssys- tem in den Partnerländern zugänglich. Sieben europäische Einrichtungen der beruflichen Bildung aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Tschechien und Griechenland arbeiten zusammen mit ihren jeweiligen nationalen Netzwerken an der Erstellung eines webbasierten Tools für die Beratung von gründenden Zuwanderern der ersten, zweiten und dritten Generation. Als Download bzw. CD in Englisch und allen Partnerspra- chen soll es Berufsberatern und weiteren beteiligten Akteuren in der Arbeits- marktintegration ermöglichen, ihre Ziel- gruppen und deren Gründungen erfolg- reicher zu machen. 18 bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Lesen fördert Integration – ReBel „Urteile nie über einen Anderen, wenn Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gewandert bist“, lautet ein indianisches Sprichwort. Lesen, das ist wie Wandern in den Schu- hen eines Anderen. Kaum ein anderes Medium lässt so intensiv an einem frem- den Schicksal teilnehmen wie ein span- nender Roman oder eine Erzählung. Im GRUNDTVIG-Partnerschaftenprojekt ReBel soll durch das Lesen Verständnis für andere Kulturen, andere Schicksale, andere Menschen entwickelt werden und es sollen Möglichkeiten eröffnet werden, sich mit europäischen Werten zu identifizieren. ReBeL umfasst Partner aus sieben Län- dern, die unterschiedliche Bildungsein- richtungen vertreten. Das Spektrum reicht von einer Schule in Lettland, einer Universität in der Türkei, Weiterbil- dungseinrichtungen in Norwegen und Deutschland, Bibliotheken in Litauen und auf Malta bis zu einem Berufskolleg in Italien. Allen Partnern gemeinsam ist die Über- zeugung, dass das Lesen literarischer Texte einen nachhaltigen Zugang zum Verständnis anderer Wirklichkeiten und Schicksale eröffnet und damit einen Beitrag leisten kann zur Integration ver- schiedener Kulturen innerhalb Europas: Denn die Vermittlung von Werten ba- siert auf Prozessen, die das Gefühl er- reichen müssen, und literarische Texte sind dazu mehr als jedes andere Medium geeignet. Diese Idee wird in den Partnerländern unterschiedlich umgesetzt: Die Partner aus Norwegen und Deutschland, beides Weiterbildungsinstitutionen, beziehen sich in diesem Projekt auf die Gruppe der jungen Migranten, die die jeweilige Lan- dessprache erlernen müssen. Zusätzlich zum Sprachunterricht werden Lese- stunden angeboten, in denen Texte und Bücher vorgestellt werden, die geeignet sind, einen interkulturellen Dialog zu er- öffnen. In Gozo (Malta) geht die öffentli- che Bibliothek, Public Cathedral Library, auf Flüchtlinge aus den afrikanischen Ländern zu und vermittelt ihnen einen kostenlosen Zugang zu Medien, wobei die maltesische Sprache mit ihren arabi- schen Anteilen hilfreich ist. In Italien und in Litauen werden speziell Frauen ange- sprochen, sich mit Literatur zu beschäfti- gen, die eine Auseinandersetzung mit der eigenen und mit der europäischen Ge- schichte ermöglicht. Ebenso soll in Valka (Lettland) das gemeinsame Lesen dazu beitragen,Verständnis zwischen der letti- schen und der russischen Bevölkerung, die traditionell ein konfliktreiches Ver- hältnis haben, zu fördern. In der Türkei, genauer an der Universität von Agri, erkunden Pädagogen die Möglichkeit, durch entsprechende Literatur junge Menschen auf europäische Lebens- formen vorzubereiten. Die literarischen Texte werden im „Europäischen Bücherbrett“ vorgestellt, das auf der Homepage des Projektes ver- öffentlicht wird und offen ist für Fort- setzungen. Wichtig sind die transnationalen Treffen. Von den insgesamt fünf geplanten Tref- fen haben bislang vier stattgefunden, das fünfte und letzte ist für Ende Mai in der Akademie Klausenhof geplant. Neben den Projektverantwortlichen nehmen Vertreter/-innen der jeweiligen Projekt- zielgruppen daran teil. Sie sammeln da- bei nicht nur kulturelle und literarische Eindrücke von Europa und tauschen sich aus, sondern gestalten auf den Treffen auch gemeinsam literarische Events. Darüber hinaus gibt es einen roten Fa- den, der die Treffen miteinander verbin- det. Zunächst als ein Rahmenprogramm für die transnationalen Treffen konzi- piert, hat sich daraus ein Selbstläufer entwickelt: das gemeinsame Lesen von literarischen Texten aller Projektpartner einschließlich der Lernenden am Origi- nalschauplatz in verschiedenen Spra- chen. Seinen Anfang nahm es – geradezu als ein Symbol für das Thema Europa – mit der Lesung des fünften Gesangs der „Odyssee“ in der sagenhaften Grotte der Calypso auf Gozo in sieben Sprachen. In Deutschland wird mit den Gedichten von Annette von Droste-Hülshoff auf Burg Hülshoff in Münster dieses Rah- menprogramm, das sich zu einem lei- denschaftlichen Wettbewerb entwickelt hat, leider beendet werden müssen. Schön wäre es, wenn man diesen roten Faden weiterspinnen könnte. Projektinfos Projekttitel: Reading between the Lines / Lesen zwischen den Zeilen (ReBeL) Projektnummer: 2009-DE2-GRU06-01816 1 Projektdauer: 01. 08. 2009–31. 07. 2011 Partner: Istituto Tecnico Industriale Guglielmo Marconi, Nocera Inferiore, Salerno, Italien Valkas Parmatskola, Valka, Lettland Kauno apskrities vies̆oji biblioteka, Kaunas, Litauen Libreija Tal-Katidral Gozo, Malta Arendal voksenopplaering, Arendal, Norwegen Agri Ibrahim Cecen Üniversitesi, Agri, Türkei http://lnx.itimarconinocera.org/lnx.itimarconinocera. org/grundtvig/Index.php http://www.grundtvig-rebel.de/ Kontakt: Akademie Klausenhof Hildgegard Schuster Klausenhofstr. 100, 46499 Hamminkeln schuster@akademie-klausenhof.de www.akademie-klausenhof.de Best Practice: GRUNDTVIG Lernpartnerschaft 19bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung Blick nach Frankreich Bildungswege und berufliche Eingliederung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund Die nachfolgenden Ausführungen basie- ren auf den Ergebnissen einer Untersu- chung von Yaël Brinbaum1, die sich mit den Zusammenhängen zwischen den Bildungswegen und der beruflichen Ein- gliederung von Jugendlichen mit Migra- tionshintergrund befasst. Anhand der „Enquête Génération 2004“, einer statis- tischen Erhebung des Centre d’Études et de Recherches sur les Qualifications (Céreq), ist es möglich, den Werdegang der französischen Schulabgänger, die Orientierungen nach Abschluss der Se- kundarstufen I (Collège) und II (Lycée) sowie die Ansichten der Jugendlichen selbst zu ihren Entscheidungen nachzu- vollziehen (...) Bei Migranten der zweiten Generation, d.h. den in Frankreich geborenen Kin- dern von Migranten, gestaltet sich die Eingliederung oft problematisch. Einige Gruppen sind dabei stärker von Arbeits- losigkeit betroffen als andere. Hierzu zählen insbesondere Jugendliche, die aus dem Maghreb und dem subsaharischen Afrika stammen. Migrantenkinder por- tugiesischer Herkunft sind dagegen im Durchschnitt genauso erfolgreich wie Kinder französischer Herkunft, biswei- len sogar erfolgreicher (Silberman, Fournier 1999, 2006; Frickey, Primon 2002, 2006; Brinbaum, Werquin 2004; Meurs, Pailhé, Simon 2006). In Krisen- zeiten scheint sich diese Tendenz noch zu verschärfen (...) Migrantenkinder besitzen gegenüber Kindern französischer Eltern aus dersel- ben sozialen Schicht nicht dieselben Chancen, das Collège zu erreichen, und wiederholen häufiger eine Klasse der Primarschule. Der Céreq-Erhebung zu- folge treten 20 Prozent der Jugendlichen portugiesischer und maghrebinischer Herkunft und 30 Prozent der Schüler türkischer und subsaharischer Herkunft (gegenüber 12 Prozent der Schüler fran- zösischer Herkunft) verspätet in die Se- kundarstufe I (Collège) ein, was sich auch auf den weiteren schulischen Wer- degang auswirkt. Dank der zunehmen- den Demokratisierung des Bildungssys- tems steigen die Zahlen derjenigen Ju- gendlichen, die mit einem Abschluss auf dem verkürzten Ausbildungsweg (Di- plôme professionnel court), aber auch mit dem Abitur (Baccalauréat) oder einem höheren Bildungsabschluss (Di- plôme du supérieur) in die Arbeitswelt eintreten. Positiv fällt auf, dass Mädchen im Durchschnitt längere Ausbildungs- zeiten als ihre männlichen Altersgenos- sen nachweisen können. Die Zahl der Schulabbrüche ist allerdings weiterhin sehr hoch und liegt bei 39 Prozent der Jungen und 24 Prozent der Mädchen maghrebinischer Herkunft gegenüber 16 Prozent der Jungen und 5 Prozent der Mädchen portugiesischer Herkunft. An den Berufsschulen (Lycée professionnel) scheitern Jugendliche, die aus dem Maghreb und dem subsaharischen Afrika stammen, zwei bis drei Mal häufi- ger als ihre Altersgenossen, wobei deut- lich mehr Jungen als Mädchen betroffen sind. Der hohe Anteil von Schulabgän- gern ohne Abschluss ist auf schlechtere schulische Leistungen und eine Orien- tierung, die nicht mit den eigenen Wün- schen und Vorstellungen übereinstimmt, zurückzuführen und offenbart die Schattenseite des Bildungssystems. Ab der ersten Orientierungsphase am Ende der einheitlichen Sekundarstufe I (Collège Unique) absolvieren Migranten der zweiten Generation häufiger eine Berufsausbildung als Schüler französi- scher Herkunft. Eine Übereinstimmung der Berufswahl mit den Wünschen der Schüler ist in 80 Prozent der Fälle gege- ben, wobei je nach Herkunft signifikante Unterschiede bestehen. Ein Viertel der Jugendlichen, die aus dem Maghreb, dem subsaharischen Afrika oder der Türkei stammen, befindet sich im letz- ten Jahr der Sekundarstufe I (Troisième) in einer beruflichen Ausrichtung, die dem ursprünglichen Berufswunsch nicht entspricht (gegenüber 12 Prozent der Jugendlichen portugiesischer Her- kunft und 8 Prozent der Jugendlichen französischer Herkunft). Eine Orientie- rung, die im Widerspruch zu den eige- nen Interessen und Neigungen steht, wirkt sich jedoch negativ auf die Leis- tungen und somit auch auf die Einglie- derung in das Berufsleben aus. Dank der Demokratisierung des Bil- dungswesens konnten zahlreiche Ju- gendliche mit Migrationshintergrund das Abitur (Baccalauréat) absolvieren und erhielten so nach der zweiten Orien- tierungsphase, dem Abschluss der Se- kundarstufe II (Lycée), die Möglichkeit eines Hochschulzugangs. Die Ausbil- dungsziele dieser Jugendlichen sind un- abhängig von ihrer Herkunft und ihrer Orientierung in der Sekundarstufe sehr ehrgeizig: Sie streben im Allgemeinen ei- nen höheren Abschluss an, insbesondere in ausgewählten Fachbereichen. In die- sem Zusammenhang ist eine weitere Entwicklung zu beobachten, die ver- stärkt Jugendliche maghrebinischer Her- kunft betrifft: Statt einer höheren Be- rufsausbildung (Études Supérieures), die ihnen mehr Möglichkeiten auf dem Ar- beitsmarkt bietet, wählen sie häufig ein Universitätsstudium, selbst wenn sie da- bei letztlich scheitern sollten. So been- den fast 10 Prozent dieser Studenten ihr Studium ohne Abschluss. Es gibt aber auch viele, die ihr Hochschulstudium er- folgreich absolvieren: Ein Drittel aller Studenten portugiesischer Herkunft und Christine Guégnard Mit der Frage, wie die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gelingen kann, beschäftigt sich nicht nur Deutschland. Wie stellt sich beispielsweise die Situation in Frankreich dar, das eine besonders lange Zuwanderungsgeschichte besitzt? Die Journalredaktion hat eine franzö- sische Expertin um einen Beitrag gebeten, der nachstehend in gekürzter Form abgedruckt ist. Ergänzt wird er durch eine Kurzdarstellung von Regierungs- maßnahmen (s. Kasten). 1 Brinbaum Y., Guégnard C., 2010, Orientation, parcours de formation et insertion : quelles relations pour les jeunes issus de l'immigration, Relief n°30, Céreq, Mai, 323-338. Brinbaum Y., Guégnard C., 2011, Parcours de forma- tion et insertion des jeunes issus de l'immigration. De l'orientation au sentiment de discri- mination, Document Net.Doc n°78, Céreq. 20 bildung für europa | Juni 2011 Integration durch Bildung ein Viertel der aus dem Maghreb stam- menden Studenten schließen ihr Stu- dium mit einem Hochschulabschluss ab (gegenüber 45 Prozent französischer Herkunft). Auch bei der Jobsuche innerhalb der ersten drei Jahre nach Beendigung der Berufsausbildung sind Jugendliche mit Migrationshintergrund und insbeson- rung gewählt haben. Frauen sind bei gleichem Bildungsabschluss häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Män- ner, was ihre schwächere Stellung auf dem Arbeitsmarkt bestätigt und das soziale, ethnische und geschlechter- bezogene Ungleichgewicht verstärkt. Eine Ausnahme bilden junge Absolven- ten aus Portugal, die deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt besitzen. Nach Berücksichtigung der sozialen und demografischen Unterschiede, der ver- schiedenen Bildungswege und Zugänge zum Berufsleben ist festzustellen, dass die Herkunft der Eltern eine wesentliche Rolle spielt. Wenngleich sich das Arbeits- losigkeitsrisiko umgekehrt proportional zum Bildungsniveau verhält, so sind Jugendliche nordafrikanischer Herkunft auf dem Arbeitsmarkt weiterhin benach- teiligt. Dies zeugt von einer Beschäfti- gungsdiskriminierung, die auch von den Jugendlichen selbst deutlich wahr- genommen wird. Christine Guégnard ist Ingénieure d'études am IREDU/CNRS, Centre Associé au Céreqan der Université de Bourgogne. Die Autorin Quelldokument des Hohen Rates für Integration (Haut Conseil à l’Intégration) 2010 (...) Erst 1978 wurde die Schulausbil- dung von Migrantenkindern zu einem öffentlich diskutierten politischen Thema ... Aktuell existieren verschie- dene Strukturen, die sich am Alter der Schüler und ihrer früheren Schulbil- dung orientieren. Für Schüler, die bei ihrer Ankunft keine oder eine geringe Schulbildung vorzuweisen haben, gilt: Schüler bis 16 Jahre ohne oder mit geringer vorheriger Schulbildung werden in Aufnahmeklassen für Schüler ohne vorherige Schul- bildung (classe d’accueil d’élèves non scolarisés antérieurement oder CLA-NSA) aufgenommen; Schüler ab 16 Jahre sind nicht mehr schulpflichtig; sie können allerdings die Angebote des Pro- gramms zur sozialen Eingliede- rung (Mission Générale d’Insertion oder MGI) in Anspruch nehmen. Für alle anderen Schüler gilt das allgemeine Prinzip der doppelten Eintragung (double inscription) (auf administrativer und auf pädagogi- scher Ebene): In der Primarstufe wer- den die Schüler in eine Klasse ihrer Altersstufe aufgenommen und außer- dem zu bestimmten Zeiten in soge- nannten Einführungsklassen (classe d‘initiation oder CLIN) unterrichtet; in der Sekundarstufe werden die Schüler in Aufnahmeklassen (classe d'accueil oder CLA) aufgenommen und schritt- weise in eine Klasse ihrer Altersstufe integriert. Darüber hinaus wird Unterricht zur Sprache und Kultur des Herkunfts- landes (Enseignements des langues et cultures d’origine oder ELCO) an- geboten, der in der Regel nach dem regulären Schulunterricht stattfindet. Die Anmeldung zu diesem Unterricht ist freiwillig, allerdings ist die Teil- nahme ab der freiwilligen Anmeldung obligatorisch. Die Dauer beträgt min- destens anderthalb, höchstens drei Wochenstunden. Migranten und Personen mit Migra- tionshintergrund bilden zudem eine Zielgruppe weiterer Programme und Maßnahmen. Hierzu zählen: „Espoir banlieues“ (Hoffnung für die Vorstädte) – ein Programm, das seit Sommer 2008 in 200 Schulen der Sekundarstufe II (Lycées) um- gesetzt wird und Angebote zur Un- terstützung der Schüler während des Schuljahres und der Schulfe- rien umfasst; „Busing“ – ein Schulbusangebot, mit dem Schüler der Primarstufe (obere Jahrgänge) zu Schulen au- ßerhalb ihres Stadtviertels oder Einzugsgebiets gebracht und von dort wieder abgeholt werden; Spitzeninternate (internats d’excellence) (ca. 100 Plätze) und Bildungsnetzwerke (Réseaux Ambition Réussite oder RAR), die zahlreiche Schüler mit sozialen und schulischen Schwie- rigkeiten unterstützen. dere Jugendliche, die aus dem Maghreb und dem subsaharischen Afrika stam- men, benachteiligt. Ihr Arbeitslosigkeits- risiko ist bei gleichem Berufsabschluss und Bildungsweg doppelt so hoch wie das eines Absolventen französischer Herkunft und sogar noch höher, wenn sie zum Ende der Sekundarstufe I (Collège) eine ihren Wünschen und Neigungen widersprechende Orientie- 21bildung für europa | Juni 2011 Zusammenarbeit in der Erwachsenenbildung weiterhin stark nachgefragt Antragszahlen auf konstant hohem Niveau GRUNDTVIG Für die Förderung der dezentralen Ak- tionen im Bereich der allgemeinen Er- wachsenenbildung stehen der NA beim BIBB für deutsche Einrichtungen und Individualförderungen im Jahr 2011 knapp fünf Millionen Euro zur Verfü- gung. Damit haben sich die auf Deutsch- land entfallenden Mittel für GRUNDT- VIG seit Beginn des Programms für le- benslanges Lernen im Jahre 2007 nahezu verdoppelt. GRUNDTVIG Mobilität Mit 145 Anträgen (nach 148 im Vorjahr) konnte in der Aktion Workshops das sehr gute Ergebnis des Vorjahrs in etwa gehalten werden. 25 der Anträge erfüll- ten die formalen Anforderungen nicht und können somit nicht in das inhaltli- che Bewertungsverfahren eingehen. Wesentlicher Grund für die formale Ab- lehnung dieser Anträge war die fehlende Passgenauigkeit der vorgesehenen Ziel- gruppe, richten sich die Workshops doch an Lernende in Europa, die keinen pro- fessionellen Hintergrund als Erwachse- nenbildner/-in haben. In dieser Antragsrunde wurde erstmals mit dem Thema „Gesundheitsbildung“ eine inhaltliche Priorität im nationalen Aufruf festgeschrieben. Anträge, die sich eindeutig auf dieses Thema beziehen, erhalten bei der inhaltlichen Bewertung einen Punktebonus. Mindestens 18 der vorliegenden Anträge haben die inhalt- liche Priorität aufgegriffen. Mit den Ergebnissen der inhaltlichen Bewertung ist Ende Juni zu rechnen; die NA beim BIBB geht davon aus, mindestens 25 bis 30 Anträge mit einem Finanzvolumen von mindestens 660.000 Euro fördern zu können. Von Hans Georg Rosenstein Die Antragsrunde 2011 hat in den sechs dezentralen GRUNDTVIG-Aktionen in Deutschland auch im fünften Jahr des Programms für lebenslanges Lernen erneut erfreulich gute Antragszahlen erbracht. In nahezu allen Aktionen konnte das hohe Antragsniveau des Vorjahres gehalten werden, einzig im Bereich der Individualförderungen von Fortbildungen für das Bildungspersonal (In-Service-Training – IST) war die Antragszahl gegenüber dem Vorjahr rückläufig. © K o m B i Teilnehmende am GRUNDTVIG- Workshop “Anti- discrimination in practice“ 22 bildung für europa | Juni 2011 GRUNDTVIG Aktion Zahl der Anträge 2011 2010 Fortbildungen (In-service-training) Runde 1 von 3: 205 305 Besuche und Austausche Runde 1 von 3: 24 23 Workshops 145 148 Assistentinnen / Assistenten 15 15 Antragsrunde 2011 – GRUNDTVIG Mobilität: Aktion Zahl der Anträge 2011 2010 Lernpartnerschaften 283 279 davon Koordinatoren 69 77 davon Partner 214 202 Freiwilligenprojekte 50 + 23 20 davon Koordinatoren 10 12 davon Partner 13 8 Antragsrunde 2011 – GRUNDTVIG Partnerschaften/Projekte: Für „Besuche und Austausche“ als Aktion zur Förderung von informellen Lernaufenthalten in Europa wurden in der ersten Runde 24 Anträge eingereicht (23 im Vorjahr). Wie im Vorjahr gab es einen Bonus auf Anträge für informelle Lernaufenthalte (Hospitationen, Prak- tika, Konferenzbesuche) mit einer Dauer von mindestens zehn Tagen. Nach for- maler und inhaltlicher Prüfung erfüllten neun der Anträge die formalen und in- haltlichen Anforderungen und wurden in die Förderung aufgenommen. Ins- gesamt stehen für die Förderung von IST-Kursen und informellen Lern- aufenthalten in Deutschland über 500.000 Euro zur Verfügung. Im Bereich der GRUNDTVIG-Assis- tent(-inn)en blieb die Zahl der Anträge wiederum hinter den Erwartungen zu- rück. Wie im Vorjahr wurden 15 Anträge eingereicht. Die formale und inhaltliche Prüfung in dieser Aktion steht noch aus, die Förderentscheidungen werden im Juni bekannt gegeben. Für diese Aktion wird die NA weiterhin Möglichkeiten zur Verfügung stellen, die sowohl poten- ziellen Assisten(inn)en als auch mögli- chen aufnehmenden Einrichtungen die Suche nach geeigneten Partnern erleich- tern sollen. GRUNDTVIG Lernpartnerschaften und Freiwilligenprojekte Für den Bereich der GRUNDTVIG Lernpartnerschaften war die diesjährige Antragsrunde die quantitativ erfolg- reichste seit Bestehen der Aktion. Die NA beim BIBB erhielt insgesamt 283 Anträge (279 im Vorjahr), darunter wa- ren 69 Anträge, die von einer deutschen Einrichtung koordiniert werden sollen. In den 283 Anträgen wurden über 5,1 Millionen Euro beantragt; die NA be- absichtigt, ca. 3,5 Millionen Euro für die Förderung der formal und inhaltlich förderfähigen Anträge bereit zu stellen, das sind mehr als zwei Drittel des dezen- tralen GRUNDTVIG-Budgets in Deutschland. Wie im Vorjahr spiegeln die Anträge eine sehr breite Themenpalette wider. Quantitativ im Vordergrund standen Anträge zum Themencluster „Inklu- sion“, dabei wiederum waren Projekte mit der Zielgruppe der älteren Men- schen, der Menschen mit Behinderun- gen sowie Menschen mit Migrationshin- tergrund besonders gut vertreten. Auf- fällig viele Anträge erhielt die NA in die- sem Jahr zur Umweltthematik und zum Freiwilligenengagement. Im Bereich der bilateralen Freiwilligen- projekte 50+ stieg die Antragszahl von 20 im Vorjahr auf 23 in dieser Antrags- runde, bei 10 Anträgen sollen deutsche Einrichtungen das Projekt koordinieren. Die insgesamt beantragten Mittel liegen bei gut 350.000 Euro, damit wurden För- dermittel für Auslandsaufenthalte von 235 Freiwilligen beantragt. Die NA wird in diesem Jahr für ca. 10 Freiwilligenpro- jekte die entsprechenden Mittel bereit- stellen können. Nach Abschluss des europäischen Mat- ching-Prozesses werden die Antragsteller der Lernpartnerschaften und Freiwilli- genprojekte vom Ausgang der Verfah- rens unterrichtet, die NA erwartet das Ergebnis gegen Ende Juni 2011. dieser Förderung würden neben den ausrichtenden Workshop-Anbietern auch über 500 Teilnehmer/-innen aus Europa mit einem vollfinanzierten Lern- aufenthalt profitieren. Im Bereich der individuellen Fortbil- dungen für das Bildungspersonal (IST) fiel die Zahl der Anträge in der ersten Runde dieses Jahres mit 205 zwar um rund ein Drittel geringer aus als im Vor- jahr. Durch einen Rückgang der forma- len Ablehnungen und eine allgemein gestiegene Antragsqualität konnte die Zahl der Förderungen in dieser ersten von drei Runden jedoch nahezu kon- stant gehalten werden. Insgesamt er- füllten 97 Anträge die formalen und inhaltlichen Anforderungen, damit war die Zahl der Förderungen der ersten Antragsrunde verglichen zum Vorjahr nur leicht rückläufig (1. Runde 2010: 103 Förderungen). Die NA beim BIBB wird ihre Anstrengungen fortsetzen, durch individuelle Beratung und schrift- liche Handreichungen zur Antragstel- lung die Förderquote in der Aktion weiter zu steigern. Problematisch bleibt jedoch, dass nach wie vor eine hohe Zahl von Angeboten der GRUNDTVIG- Kursdatenbank nicht ausreichend viele europäische Teilnehmer/-innen gewin- nen und vom Veranstalter abgesagt werden müssen. 23bildung für europa | Juni 2011 LEONARDO DA VINCI Innovationstransfer Durch die Implementierung erfolgrei- cher Konzepte oder Lösungen in neue Kontexte tragen die LEONARDO DA VINCI Innovationstransferprojekte un- mittelbar zur Umsetzung der auf euro- päischer Ebene vereinbarten Ziele für die berufliche Bildung bei. Mit insgesamt 66 Projektanträgen bewegt sich in der För- derrunde 2011 die Antragszahl nun zum dritten Mal in Folge auf vergleichbarem Niveau. Zwei Projekte erfüllten die for- malen Förderkriterien nicht, so dass der- zeit 64 Projektvorschläge von externen Fachleuten begutachtet werden. Bei der Auswahl der zu fördernden Projekte ge- winnen die von der Europäischen Kom- mission formulierten Prioritäten zuneh- mend an Bedeutung: Neben der Qualität der Anträge wird in diesem Jahr erstmals auch die Verteilung auf die Prioritäten berücksichtigt. 2011 konnten die Antragsteller zwischen sechs europäischen Prioritäten wählen (s. Grafik). Dabei zeigt sich, dass die auf Systeme und Strukturen ausgerichteten Prioritäten (Transfer von Mobilitätsstra- tegien, Priorität 4, und Verbesserung der Qualitätssicherungssysteme, Priorität 6) mit nur zwei bzw. fünf Projektanträgen eine sehr verhaltene Nachfrage erfuhren, obwohl gerade hier der Projekttyp inter- essante Möglichkeiten für eine nachhal- tige, breiter aufgestellte Wirkung bietet. Besonderes Interesse besteht bei den Projektakteuren nach wie vor an der Qualifizierung des Berufsbildungsperso- nals (Priorität 2, 18 Anträge).Aber auch bei der Vermittlung von für die Berufs- tätigkeit notwendigen Schlüsselkompe- tenzen (Priorität 3, 17 Anträge) und bei der besseren Ausrichtung beruflicher Bildungsangebote an den Anforderun- gen des Arbeitsmarkts (Priorität 1, 14 Anträge) sehen sie sinnvolle Aufgaben und Möglichkeiten für den Innovations- transfer. Priorität 5 - ECVET - wurde mit 10 Anträgen seltener als erwartet gewählt. Auch in diesem Jahr wurden die natio- nalen Prioritäten („ECVET“ sowie „Qualität“ in der beruflichen Bildung) sehr häufig gewählt; 49 Anträge beziehen sich auf eine oder sogar beide nationalen Prioritäten. In der Bewertung der An- träge zeichnet sich jedoch bereits jetzt ab, dass die geplanten Projektaktivitäten den Anforderungen der nationalen Prio- rität nur selten entsprechen. Verbindendes Thema vieler Projekte ist die Beschäftigung mit den zentralen eu- ropäischen Transparenzinstrumenten EQR/DQR und ECVET und die mit diesen verbundene Orientierung der be- ruflichen Bildung an Lernergebnissen. Stärker als bisher im Themenspektrum vertreten sind für die Berufstätigkeit notwendige Grundqualifikationen wie Lesefähigkeit oder mathematische Kompetenz. Gesundheit, Pflege und Soziales sind Be- reiche, in denen besonders viele Antrag- steller Bedarfe feststellen. Weiterhin wer- den Projektideen zur Verankerung nach- haltiger Entwicklung in der Aus- und Weiterbildung für unterschiedliche Sek- toren eingereicht. Die Finanzentscheidung der Europäi- schen Kommission ist für Mitte Juli ge- plant. Rund 30 Projekte werden dann ab Oktober 2011 ihre Arbeit aufnehmen können. LEONARDO DA VINCI Partnerschaften boomen auch 2011 In der Förderrunde 2011 sind insgesamt 301 Anträge für eine LEONARDO DA VINCI Partnerschaft eingegangen. 64 Einrichtungen aus Deutschland haben ihren Antrag als Koordinatoren des Pro- jektes eingereicht, während 237 Partner- anträge gestellt worden sind. Damit hat sich der positive Trend stei- gender Antragszahlen der letzten Jahre auch in dieser Auswahlrunde fortgesetzt und das Antragsvolumen hat sich seit 2008 fast verdoppelt. Die inhaltliche Offenheit führt zusam- men mit fehlenden einschränkenden ad- ministrativen Regelungen dazu, dass die Partnerschaften großen Zuspruch finden und auch Spiegel der bildungspolitisch gefragten Themen sind. Durch die Aktion LEONARDO DA VINCI Partnerschaften konnten sowohl neue Akteure für die transnationale Be- rufsbildungszusammenarbeit gewonnen werden als auch erfahrene Projektträger motiviert werden, die Aktion als ergän- zendes Instrument für LEONARDO DA VINCI Mobilität und Innovationstrans- fer zu nutzen. Zentrale Themenbereiche für die Kooperation sind in diesem Jahr: Schaffung engerer Verbindungen zwischen Berufsbildung und Arbeits- leben, Anerkennung nichtformaler und in- formeller Lernerfahrungen, Feststellen des künftigen Qualifikati- onsbedarfs des Arbeitsmarktes, Kooperation im Bereich der Transpa- renz von Berufsbildungssystemen: ECVET, EQR und EUROPASS, Antragszahlen weiterhin auf hohem Niveau Insbesondere LEONARDO Partnerschaften legen nochmals deutlich zu Ulrike Schröder, Ulrike Engels, Andrea Mohoric Das Programm für lebenslanges Lernen geht 2011 in die fünfte Förderrunde. Im Bereich der beruflichen Bildung zeichnen sich deutliche Tendenzen ab: Während die Förder- linien LEONARDO DA VINCI Mobilität und Innovationstransfer in ihrem Antrags- volumen stabil bleiben, legt die Anzahl der beantragten Partnerschaftsprojekte nochmals deutlich zu. Mit einer nahezu Verdoppelung der Antragszahlen seit 2008 wurden die Erwartungen aus dem Vorjahr deutlich übertroffen. Verbindendes Thema vieler Projekte ist die Beschäftigung mit ECVET. 24 bildung für europa | Juni 2011 LEONARDO DA VINCI Priorität 1: Förderung der Zusammenarbeit zwischen Berufsbildung und Arbeitswelt Priorität 2: Qualifizierung des Berufsbildungspersonals Priorität 4: Entwicklung und Transfer von Mobilitätsstrategien Priorität 3: Vermittlung von Schlüsselkompetenzen Priorität 5: ECVET Priorität 6: Verbesserung der Qualitätssicherungssysteme 14 18 17 10 5 2 Verteilung der eingereichten ITP-Anträge Professionalisierung des Berufsbildungspersonals, Benachteiligtenförderung/ Inklusion sowie Qualitätssicherung. Die NA beim BIBB bittet die Antrag- stellerinnen und Antragsteller um Verständnis, dass sie zu diesem Zeit- punkt noch keine Aussagen über Förder- auswahl der einzelnen Anträge machen kann. Die Förderliste wird voraussicht- lich im Juli 2011 auf der Website der Na- tionalen Agentur veröffentlicht werden. LEONARDO DA VINCI Mobilität Für die Antragsrunde 2011 sind insge- samt 632 LEONARDO DA VINCI- Mobilitätsanträge bei der NA beim BIBB eingereicht worden: 475 für IVT – Erstausbildung, 75 für VETPRO – Fachkräfte der beruflichen Bildung 82 für PLM – Personen am Arbeitsmarkt. Die Anzahl der beantragten Teilnehme- rinnen und Teilnehmer liegt mit insge- samt 16.811 nahezu auf gleichem Niveau wie im Vorjahr und ist damit stabil ge- blieben. Lediglich im Bereich des Bil- dungspersonals sind die Antragszahlen in dieser Förderrunde leicht rückläufig, obwohl die Anzahl der beantragten Teil- nehmer/-innen fast unverändert ist. Entsprechend der Schwerpunktsetzung der Europäischen Kommission bei der Mobilität und der Initiative “Youth on the Move” liegt in der Erstausbildung das erhöhte Fördervolumen 2011 bei 16,9 Millionen Euro. Damit können na- hezu alle qualitativ guten Projektanträge in diesem Bereich gefördert werden. Insgesamt 47 Einrichtungen beantragten eine längerfristige Förderzusage in der Form eines Mobilitäts-Zertifikats, was dieses Jahr im Rahmen der noch laufen- den Programmgeneration bis 2013 zum letzten Mal möglich war. Neuerungen bei LEONARDO Mobilität Im Herbst 2010 wurde im Bereich der Mobilitätsprojekte für Arbeitnehmer ein Impuls mit erfolgreichen Projektkon- zepten zum Schwerpunkt "Kompetenz- erweiterung durch Mobilität" und damit zur Verstärkung von Anträgen mit dem Teilnehmerkreis von Mitarbeitern in Be- trieben und Weiterbildungsteilnehmer gegeben. Um die Hürden der Freistel- lung im Betrieb zur Teilnahme an einem Auslandsaufenthalt zu verringern, wurde die Mindestaufenthaltsdauer in der An- tragsrunde 2011 auf zwei Wochen ge- senkt. Immerhin 16 Projektantragsteller nahmen diese Neuregelung als spürbare Erleichterung auf. Neue Antragsteller, die bislang noch kein Projekt im Aktionsbereich Mobilität be- antragt hatten, erhalten bei der Bewer- tung ihres Antrags 10 Punkte zusätzlich. 104 Einrichtungen mit 108 Mobilitäts- anträgen können 2011 von dieser Neu- regelung profitieren. In der Antragsrunde 2011 war es erst- mals möglich, Poolprojekte für die Ziel- gruppe des Berufsbildungspersonals zu beantragen. Diese Gelegenheit nahmen fünf Antragsteller wahr, um bundesweit maßgeschneiderte Qualifizierungs- angebote für Lehrkräfte und Ausbilder/ -innen im Ausland zu konzipieren. Auf die nationale Priorität „ECVET“, die bereits in der letzten Antragsrunde als nationale Ergänzung im europäischen Aufruf aufgenommen worden war, be- warben sich 18 Antragsteller. LEO- NARDO DA VINCI-Mobilitätsprojekte nehmen beim europäischen Erpro- bungsprozess zum Leistungspunkte- system und zur Transparenz von Quali- fikationen eine wichtige Rolle ein. Dabei ist die lernergebnisorientierte Beschrei- bung von Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen in Form von Lerneinhei- ten entscheidend für die im Auslands- praktikum absolvierten Arbeitsprozesse und -aufgaben. Aufgrund eines deutlichen Aufwuchses bei den europäischen Finanzmitteln konnten bis Ende Mai 555 LEONARDO DA VINCI Mobilitätsprojekte mit über 14.000 Teilnehmenden eine Finanzie- rungszusage erhalten. 25bildung für europa | Juni 2011 Mobilität des Berufsbildungspersonals Impulsgeber für Internationalisierung, Modernisierung und Innovation LEONARDO DA VINCI Aus Deutschland sind alljährlich rund 750 Lehrer/-innen und Ausbilder/-innen der Berufsbildung in Europa mobil. Sie bilden sich weiter zu neuen Techniken, Methoden und Rollenanforderungen; sie informieren sich über Lehrpläne und Ausbildungsgänge anderer Berufsbil- dungssysteme oder hospitieren im Un- terricht und in Betrieben im Ausland. Das Berufsbildungspersonal nutzt den Auslandsaufenthalt zur Erweiterung sei- ner Methodenkompetenzen und befasst sich mit fachdidaktischen Themen. Zu- dem sind zielgruppenspezifische An- sätze, interkulturelles Lernen und Spra- chen lernen weitere wichtige Themen- schwerpunkte bei den Mobilitätsprojek- ten, wie auch Schulentwicklung und Qualitätsentwicklung. Wirkung auf das nationale Berufsbildungssystem Die europäische Studie zeigt, dass mobi- les Bildungspersonal vor allem zur er- höhten Bedeutung internationaler Be- rufskompetenzen, zur Qualitätssteige- rung und Erweiterung der transnationa- len Vernetzung beiträgt. Die deutlichsten Auswirkungen des mobilen Bildungs- personals zeigen sich in der verbesserten Förderung interkultureller und sprachli- cher Kompetenzen. Zudem steigt die Motivation bei Institutionen – vor allem Schulbehörden und Kammern – Mobi- lität zu unterstützen. Wirkung auf das Bildungspersonal 80 Prozent des Bildungspersonals profi- tiert persönlich in hohem Umfang von der Mobilitäterfahrung. Die Wirkungen sind vielfältig: Insbesondere qualitative Veränderungen wie z.B. stärkere persön- liche Einbindung in Maßnahmen zur Verbesserung des Berufsbildungssystems oder mehr Verantwortung am Arbeits- Andrea Mohoric Eine aktuelle Studie zeigt, wie wichtig und nachhaltig mobiles Bildungspersonal als Multiplikator in Europa ist. Unter dem Titel „Untersuchung der Auswirkungen von Mobilitätsprojekten des Programms LEONARDO DA VINCI auf die Qualität von Systemen der beruflichen Aus- und Weiterbildung“ hat die EU-Kommission diese Studie in Auftrag gegebenen, die Ende 2010 erschienen ist. © F o to li a /G in a S a n d e rs 26 bildung für europa | Juni 2011 LEONARDO DA VINCI platz werden genannt, aber auch beruf- liche Aufstiegsprozesse. Die im Ausland erworbenen Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen können häufig in der praktischen Arbeit genutzt werden. 47 Prozent der Befragten kön- nen neue Ausbildungsinhalte, 45 Prozent neue Lehr- und Lernmethoden einsetzen sowie 47 Prozent neue Arbeitstechniken und -praktiken anwenden. 42 Prozent sind an der Entwicklung neuer Ausbil- dungskonzepte beteiligt. Wirkung auf die entsendende Einrichtung Mobilität des Bildungspersonals führt zu entscheidenden Veränderungen und In- novationen. 55 Prozent der Bildungsein- richtungen verfolgen eine Internationa- lisierungsstrategie und ebenfalls 55 Pro- zent sehen die Teilnahme ihrer Mitarbei- ter/-innen als wichtiges Instrument der Qualitätsverbesserung in der Aus- und Weiterbildung an. Durch die Mobilität des Bildungspersonals konnten neue Inhalte in der Aus- und Weiterbildung (45 %) sowie neue Lehr- und Lern- methoden (45 %) eingeführt werden. 39 Prozent der befragten Einrichtungen verfügen über einen Weiterbildungsplan für Lehrkräfte und Ausbilder/-innen. Durch die Mobilität des Bildungsperso- nals gewinnen die Einrichtungen an Profil. Es werden vielfältige Partner- schaften und Netzwerke (48 %) angesto- ßen und verstetigt, die durch ihren Mul- tiplikatoreffekt zu mehr Nachhaltigkeit führen. Die Bildungseinrichtungen kön- nen sich im zunehmenden Wettbewerb in der Bildungslandschaft besser be- haupten. Praktische Empfehlungen Besonders erfolgreiche Konzepte zur Mobilität des Bildungspersonals beteili- gen die berufsbildenden Fachkräfte bei der fachlich-inhaltlichen Vorbereitung, so das Ergebnis der Studie. Mobilitäts- projekte des Bildungspersonals stiften hohen praktischen Nutzen, wenn sie Tandempartnerschaften von Lehrer(in- ne)n und Ausbilder(inne)n sowie eige- nes Unterrichten und Ausbilden in be- ruflichen Einrichtungen im Ausland beinhalten. Nachhaltige Wirkung von Mobilitäts- projekten kann durch den Transfer des „Gelernten“ in die Ausbildungspraxis verstärkt werden, wenn die Mitarbeiter unterstützt durch das Management der Bildungseinrichtung Ergebnisse in die eigne Lehr- und Ausbildungstätigkeit übertragen. Besonders erfolgreiche Kon- zepte zur Mobilität des Bildungsperso- nals beruhen auf einer gemeinsamen Strategie der Personal- und Organisati- onsentwicklung. Auslandsaufenthalte als Bestandteil der beruflichen Aus- und Weiterbildung können diesen Effekt laut Studie noch erhöhen. Mobilität des Bildungspersonals strategisch nutzen Lernende Mitarbeiter und lernende Organisationen greifen europaweit be- rufsbildende Konzepte auf und übertra- gen Erkenntnisse in die eigene Ausbil- dungspraxis. Seit 2009 hat die Nationale Agentur beim BIBB dieses Leitmotiv in einem Qualitätsprozess gemeinsam mit den Trägern der Mobilitätsprojekte des Berufsbildungspersonals aufgenommen. Personalentwicklung und Organisati- onsentwicklung sind zwei Seiten einer Medaille. Mobilitätsprojekte sind als Qualifizierung im Ausland zu verstehen und gehören zur Professionalisierungs- strategie des Bildungspersonals in Europa. Viele berufliche Einrichtungen nutzen diesen Projekttyp längst für ihre strategi- sche Ausrichtung, wie z. B. das Richard- von-Weizsäcker-Berufskolleg Lüding- hausen, das zielgruppenspezifische Me- thodenqualifizierung und Organisati- onsentwicklung verbindet: Berufsschul- lehrer/-innen informierten sich über Methoden zur gezielten Förderung von Auszubildenden im Ausland und brach- ten neue Ansätze und Konzepte in ihr Schulprogramm zur „individuellen För- derung“ ein. Dafür erhielt die zertifi- zierte Europaschule das Gütesiegel für Schulentwicklung des Landes NRW. Die vollständige Studie ist auf der Web- site der EU unter: http://ec.europa. eu/education/more-information/doc/ 2010/vetpro_de.pdf hinterlegt. 27bildung für europa | Juni 2011 LEONARDO DA VINCI Studie Verdeckte Mobilität Bislang lagen nur die Teilnehmerzahlen in der Aktion LEONARDO DA VINCI Mobilität und den bilateralen Austausch- programmen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) vor. Unbekannt war bisher die Zahl der jun- gen Menschen, die ihren Auslandsauf- enthalt im Rahmen anderer Programme oder privat finanziert absolvieren. Dar- über hinaus trifft die Studie wichtige Aussagen zum Nutzen der Mobilität für Teilnehmende und Betriebe. Eine Kurz- fassung der Studie finden Sie auf der Website der Nationalen Agentur beim BIBB unter www.na-bibb.de/uploads/ allgemeiner_bereich/studie_verdeckte_ mobilitaet_kurzfassung.pdf. Die zehn wichtigsten Kernaussagen lauten: 1. Drei Prozent der Personen in beruflicher Erstausbildung sind international mobil Der Umfang der transnationalen Mobili- tät von Personen in der Erstausbildung – Auszubildende und Berufsfachschüler/ -innen – ist höher als bisher angenom- men. Im Durchschnitt der Jahre 2007 bis 2009 haben 3 Prozent aller Auszubilden- den und Berufsfachschüler Auslands- praktika und andere vergleichbare Maß- nahmen absolviert. 2. 23.500 Auszubildende und Berufsfachschüler gehen jedes Jahr ins Ausland Insgesamt nehmen pro Jahr rund 16.000 Auszubildende und ca. 7.500 Berufsfach- schüler/-innen an transnationaler Mobi- lität teil (Durchschnitt der Jahre 2007 bis 2009). Zusammengenommen sind da- mit jährlich rund 23.500 Personen in der Erstausbildung mobil. Die Mobilitätsan- teile von Berufsfachschülern sind mit 3,4 Prozent etwas höher als die der Auszubil- denden mit 2,9 Prozent. 3. Wichtiger Kompetenzerwerb und hoher Nutzen Transnationale Mobilität führt nicht nur zur Verbesserung der Fremdsprachen- kenntnisse und sozialen Kompetenzen, sondern trägt auch maßgeblich zur Er- weiterung der beruflichen Fachkennt- nisse und Kompetenzen bei. Die Teilneh- menden profitieren besonders stark hin- sichtlich interkultureller Kompetenzen (76 %) der Fremdsprachkenntnisse (71 %) und internationaler Fachkennt- nisse (61 %). 4. Das BMBF ist der Motor für internationale Mobilität in der Erstausbildung Die vom BMBF verantworteten und ge- förderten Programme in Deutschland sind der Mobilitätsmotor. Auf LEO- NARDO DA VINCI und die bilateralen Austauschprogramme des BMBF entfal- len im Zeitraum 2007 bis 2009 durch- schnittlich über 10.000 Auslandsaufent- halte. Damit decken diese etwa 45 Pro- zent der gesamten Mobilität ab. 5. Unternehmen und Privatpersonen beteiligen sich an der Finanzierung Über 40 Prozent der Auslandsaufent- halte werden vollständig privat von Un- ternehmen oder den Teilnehmenden fi- nanziert. Darüber hinaus stellen auch die geförderten Programme in der Regel keine vollständige Finanzierung bereit. Zwei Drittel der Teilnehmenden dieser Programme geben an, dass sie selbst oder ihr Unternehmen sich an der Finanzie- rung beteiligen. 6. Der Anteil der in der Mobilität aktiven Unternehmen wird wachsen Obwohl derzeit nur 6 Prozent der Betrie- be regelmäßig oder gelegentlich Auszu- bildende ins Ausland schicken, äußern fast 40 Prozent, dass sie zukünftig „sicher“ (6 %) oder „vielleicht“ (33 %) Lern- phasen im Ausland einplanen werden. 7. Unternehmen halten Anerkennung für ein Problem und suchen Unterstützung Das Wissen in den Unternehmen über die bestehende Anerkennung der Lern- phasen im Ausland ist gering. 79 Prozent der befragten Unternehmen sehen in der Anerkennung des Ausbildungsaufent- haltes als Teil der Ausbildung noch ein Problem, obwohl dies mit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes im Jahr 2005 eindeutig so geregelt ist. Die Unterneh- men erhoffen sich von den Kammern (75 %) und Berufsschulen (64 %) Unter- stützung bei der Durchführung von Aus- landsaufenthalten. 8. Es gibt mehr oder weniger mobile Berufe Nahezu zwei Drittel der mobilen Auszu- bildenden in Deutschland werden in nur 12 verschiedenen Berufen ausgebildet. Auf diese Berufe entfallen ein Drittel al- ler Auszubildenden in Deutschland. Fol- gende Berufe verzeichnen die höchsten Mobilitätszahlen: Industriekaufleute, Bürokaufleute, Elektroniker/-innen, In- dustriemechaniker/-innen, Mechatroni- ker/-innen sowie Köche/Köchinnen. 9. Mobilität weltweit mit deutlichem europäischem Schwerpunkt Auslandsaufenthalte von Personen in der Erstausbildung finden zwar nahezu welt- weit statt. Fast 90 Prozent der Mobilitä- ten gehen aber in ein europäisches Ziel- land. Das zahlenmäßig bedeutendste Zielland außerhalb Europas sind die USA (4 %). 10. Dokumentation der Kompetenzen Im Programm LEONARDO DA VINCI und bei den bilateralen Austauschpro- grammen des BMBF ist die Dokumenta- tionsintensität wesentlich höher als bei der Mobilität von Personen in der Erst- ausbildung generell. So haben nach den Ergebnissen der Befragung z.B. nur 6 Prozent der Teilnehmenden an LEO- NARDO DA VINCI-Maßnahmen und den bilateralen Austauschprogrammen des BMBF kein Zertifikat erhalten, wäh- rend dies bei den übrigen Mobilitäts- maßnahmen bei 30 Prozent der Fall war. Auch wird der EUROPASS Mobilität bei den erstgenannten Maßnahmen weitaus häufiger ausgestellt (67 %). Bei den übri- gen Auslandsaufenthalten haben gerade einmal 4 Prozent der Personen eine sol- che Bescheinigung erhalten. Eine von der Nationalen Agentur Bildung für Europa beauftragte und in 2010 abgeschlossene Studie mit dem Titel „Verdeckte Mobilität in der Erstausbildung“ hat erstmalig erfasst, wie viele Auszubildende und Berufsfachschüler/-innen in Deutschland im Rahmen ihrer Ausbildung eine Auslandsaufenthalt absolvieren. 28 bildung für europa | Juni 2011 ECVET-Koordinierungsstelle Im November 2010 hat die Nationale Koordinierungsstelle ECVET (NKS ECVET) in der NA beim BIBB im Auf- trag des Bundesministeriums für Bil- dung und Forschung (BMBF) ihre Ar- beit aufgenommen. Kernaufgabe der NKS ist es, Bildungsakteure der berufli- chen Aus- und Weiterbildung über die Prinzipien und Instrumente sowie An- wendungsmöglichkeiten von ECVET zu informieren und sie bei der Entwicklung praxisrelevanter Materialien, wie Hand- reichungen oder Leitfäden, zu unterstüt- zen und zu beraten. Die NKS flankiert dabei die Aktivitäten der NA beim BIBB zur Erprobung von ECVET im Rahmen des Programms für lebenslanges Lernen. Als eine erste wichtige Serviceleistung wird die NKS im Mai 2011 unter der Adresse www.ecvet-info.de ein neues Internetportal online stellen. Damit steht Interessierten eine zentrale Platt- form für grundsätzliche Fragen der An- wendung von ECVET zur Verfügung. Um Transparenz, Mobilität und Durch- lässigkeit während der Berufsausbildung in Europa zu fördern, soll der auf euro- päischer Ebene entwickelte ECVET-An- satz zur Identifizierung, Bewertung und Anrechnung von Lernergebnissen syste- matisch erprobt und weiterentwickelt werden. Die neue Website erläutert den an Lernergebnissen orientierten Ansatz des Transparenzinstruments ECVET und veranschaulicht an konkreten Pra- xisbeispielen, wie Lernergebnisse in Form von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenzen beschrieben und zu trans- ferierbaren Einheiten gebündelt werden können. Sie beschreibt die Anwendungs- www.ecvet-info.de Neues Infoportal unterstützt Bildungsakteure bei der Erprobung von ECVET Karin Küßner Das Europäische Leistungspunktesystem für die Berufsbil- dung ECVET soll bis 2013 europaweit erprobt werden. Ziel ist es, praxisorientierte Verfahren und Instrumente zu entwickeln, die es ermöglichen, im Ausland er- worbene berufliche Kompetenzen transparent darzustellen und auf die nationale Aus- und Weiterbildung anrechenbar zu machen. Ab Mai 2011 soll das Portal www.ecvet-info.de deutsche Bildungsakteure bei der Umsetzung des ECVET- Ansatzes unterstützen. Es erläutert verständlich Ziele, Prinzipien, Verfahren und Instrumente von ECVET und verdeutlicht die Anwendungsmöglichkeiten an Bei- spielen guter Praxis. 29bildung für europa | Juni 2011 möglichkeiten der ECVET-Instrumente, die zu einer nachhaltigen Etablierung vor allem von längerfristigen Lernaufenthal- ten im Ausland beitragen sollen. Mit der Partnerschafts- und Lernvereinbarung können entsendende und aufnehmende Einrichtung bereits im Vorfeld ein klares gemeinsames Verständnis über den ange- strebten Lernerfolg und den Kompetenz- zuwachs während des Auslandsaufent- halts erzielen. Die Bewertung und Doku- mentation der Lernergebnisse – ggf. un- ter Vergabe von Kreditpunkten – in ei- nem individuellen Leistungsnachweis er- leichtert die Anrechnung auf die natio- nale Qualifikation und trägt dazu bei, dass Lernzeiten im Ausland effizient ge- nutzt werden können. Weitreichender Klärungsbedarf zu ECVET Die auf EU-Ebene entwickelten Materia- lien, wie ein umfangreicher FAQ-Katalog und ein Mobility-Guide zur Förderung von geografischer Mobilität, sollen zur Verbesserung eines gemeinsamen Ver- ständnisses von Lernergebnissen und Lernergebniseinheiten in Europa beitra- gen. Bei der Anwendung von ECVET auf konkrete berufstypische Handlungsfel- der oder Teilqualifikationen des deut- schen Berufsbildungssystems sind in der Praxis jedoch noch zahlreiche offene Fragen und Herausforderungen zu be- wältigen. Dazu gehören Fragen wie bei- spielsweise: Was sind Kriterien und Standards für die Formulierung von Lernergebnis- sen, die europaweit verständlich sind? An welchem Kompetenzmodell (EQF, Nationale oder sektorale Qualifikati- onsrahmen) sollen sich Lernergebnis- beschreibungen orientieren? Wie können Lernergebniseinheiten strukturiert werden, denen in unter- schiedlichen europäischen Ländern unterschiedliche Berufsbildungs- strukturen (ganzheitlich versus modular) zu Grunde liegen? Welche Auswirkungen hat die Lerner- gebnisorientierung auf die Kompe- tenzfeststellung? Welche Optionen bestehen hinsicht- lich der Anrechnung von Lernergeb- niseinheiten vor dem Hintergrund unterschiedlicher nationaler Rechts- vorschriften und Gepflogenheiten in Europa? Wie können Zusatzqualifikationen, wie beispielsweise der Erwerb von in- terkulturellen Kompetenzen in die nationale Berufsausbildung integriert werden? Welche Formen der Bewertung und Zertifizierung sind zur Qualitätssi- cherung der Lernergebnisse erforder- lich? Welche Rolle spielen Leistungs-/Kre- ditpunkte als „Währungseinheit“ für Lernergebnisse auf europäischer und auf nationaler Ebene? Die NKS will mit dem neuen Internet- portal diese Fragen aufgreifen und den Dialog zwischen den an der ECVET- Erprobung Beteiligten fördern. Adressaten und Inhalte des Portals Das Portal richtet sich insbesondere an Bildungspersonal in beruflichen Schu- len, Unternehmen und anderen Bil- dungseinrichtungen. Adressaten des In- foportals sind auch mobilitätsfördernde Einrichtungen wie z. B. Hochschulen und zuständige Stellen, die sich über konkrete Fragen zur Anwendung von ECVET informieren und ihre Erfahrun- gen anderen Interessenten zugänglich machen wollen. Auch für potenzielle Antragsteller lohnt sich daher ein Blick auf das neue Portal. Es ermöglicht ihnen, bei der Planung neuer Projekte an be- reits vorliegende Ergebnisse und Erfah- rungen anzuknüpfen. Seit Beginn des Programms für lebens- langes Lernen im Jahr 2007 fördert die NA beim BIBB Projekte zum Thema ECVET und seit 2010 werden Innovati- onstransfer- und Mobilitätsprojekte zum Thema ECVET als nationale Priori- tät gefördert. Bislang gibt es jedoch kei- nen zentralen Zugang und keine syste- matische Übersicht über transnationale Projekte und Initiativen, die sich mit der Anwendung von ECVET befassen. Im Rahmen des kontinuierlichen Aufbaus des Infoportals ECVET ist vorgesehen, dieses um eine Datenbank mit beispiel- haften Lernergebniseinheiten aus unter- schiedlichen Berufsprofilen und Bran- chen zu ergänzen. Damit sollen erfolg- reiche Modelle bekannt gemacht wer- den, um sie in weitere Bereiche der be- ruflichen Aus- und Weiterbildung trans- ferieren zu können. Das Internetportal ECVET gibt darüber hinaus auch einen Überblick über Pro- jekte und Initiativen in Deutschland, die in engem thematischen Zusammenhang mit der Anwendung von ECVET stehen. Dazu gehören z. B. die Pilotinitiative des BMBF zur „Entwicklung eines Leis- tungspunktesystems in der beruflichen Bildung“ DECVET sowie die BMBF- Initiative „Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudien- gänge“ ANKOM. Auch die Erprobung von Ausbildungsbausteinen im Rahmen des BMBF-Programms „Jobstarter Con- nect“ zielt auf die Akkumulation und Anrechnung beruflich erworbener Lern- ergebniseinheiten. Trotz unterschiecher Ansätze und unterschiedlicher bildungs- politischer Zielstellungen in den jeweili- gen Programmen auf nationaler und eu- ropäischer Ebene gibt es Gemeinsamkei- ten betreffend Verfahren und Prinzipien. Ziel ist es, Synergien zu identifizieren, die dazu betragen die Qualität bildungs- bereichs- und länderübergreifender Mobilität zu verbessern. Die Nationale Koordinierungsstelle stellt mit der neuen ECVET-Website nicht nur aktuelle Informationen sowie pra- xisrelevante Dokumente und Links zur Verfügung. Ziel der NKS ist es auch, den Dialog mit Bildungsakteuren zu nutzen, um konkrete Fragestellungen und prak- tische Erfahrungen für die Weiterent- wicklung des ECVET-Ansatzes aufzu- greifen. Bis 2014 gilt es, auf der Grund- lage der gewonnenen breiten prakti- schen Erfahrungen Optimierungsvor- schläge für die vorgesehene Revision der ECVET-Empfehlung zu erarbeiten. ECVET-Koordinierungsstelle 30 bildung für europa | Juni 2011 EUROPASS Zielgruppenorientierung Wofür die einzelnen Dokumente ver- wendet werden und wie sie Schritt für Schritt erstellt werden können, das war ein wichtiger Schwerpunkt auf der bis- herigen Homepage. Der jetzt vorgenom- mene Einstieg über die Nutzerargumen- tation wurde zielgruppenspezifisch aus- differenziert und ausgebaut. Auf der neuen Website wird so Interessierten eine schnellere und leichtere Orientie- rung ermöglicht. Eine klare Gliederung führt zum leichten Auffinden der Doku- mente, dabei werden als wiedererkenn- bares Element die Farben der einzelnen Dokumente beibehalten. Die verschiedenen Zielgruppen werden in ‚ihrer‘ Sprache angesprochen und über eine intuitiv verständliche Naviga- tion durch die einzelnen Seiten geführt. Der Servicecharakter für die jeweilige Zielgruppe wird durch eine spezifische, bedarfsorientierte Auswahl und Präsen- tation der Inhalte erhöht: Was muss der Endnutzer/die Endnutzerin über den EUROPASS Mobilität wissen und was die Entsendeorganisation? Wie nutzt der EUROPASS Lebenslauf dem Bewerber/ der Bewerberin, wie dem Unternehmen? Bei der Entwicklung stand die Optimie- rung der Nutzerführung im Vorder- grund, bei gleichzeitiger Vertiefung der Inhalte. Aktuelle bildungspolitische Ent- wicklungen wie Lernergebnisorientie- rung, die Umsetzung des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) und des Kreditpunktesystems in der Berufsbil- dung (ECVET) sowie in der Hochschul- bildung (ECTS), lebenslanges Lernen, Qualifikationen und Kompetenzorien- tierung im Zusammenhang mit dem EUROPASS, wurden aufgegriffen und entsprechend eingestellt. Moderner, inhaltlich tiefer und nutzerfreundlicher EUROPASS-Website neu gestaltet Uta-M. Behnisch Nachdem das EUROPASS-Rahmenkonzept im Sommer 2010 sein fünfjähriges Bestehen gefeiert hatte, stand für 2011 die Neugestaltung des deutschen EUROPASS-Internetauftritts ganz oben auf der Agenda. Moderner, übersichtlicher gestaltet und im völlig neuen Look bietet die neue Website eine optimale Unterstützung bei der Nutzung der fünf EUROPASS-Dokumente. Im Mai 2011 geht die neue Internetseite online. Deutsch Englisch Der europass ist ein kostenloser Service der Europäischen Union. Er fördert die europäische Mobilität und unterstützt Bürgerinnen und Bürger Lern umfeld. Hier erfahren Sie alles über den europass und seine insgesamt fünf Dokumente. Wählen Sie dazu einfach den gewünschten Zugang. Der europass und seine Dokumente Was ist der europass? Der europass für Bewerberinnen und Bewerber Die Chancen der Mobilität nutzen Der europass für Personalverantwortliche Der europass für Institutionen Der schnelle Weg zum Dokument tkatnoK esserP nenoitakilbuP negnutlatsnareV sweN Hier den europass Mobilität beantragen! 31bildung für europa | Juni 2011 Auch die modernen Angebote der Kom- munikation, besonders für junge Leute, werden mittelfristig durch den Zugang zu den Social Media eingerichtet werden. Design und Navigation Das Design der Website wurde neu kon- zipiert und bildet die Grundlage für die gestalterische Konzeption, an der sich zukünftig auch die EUROPASS-Bro- schüren und -Werbemittel orientieren werden. Beim Aufrufen der Seite www. europass-info.de steht zunächst ein ge- nereller Einstig, der die Hintergründe des EUROPASS für jeden erläutert: „Der EUROPASS und seine Dokumente“. Weiter werden auf der horizontalen Na- vigationsleiste die Nutzer/-innen direkt über ihre Zugehörigkeit zu einer Ziel- gruppe angesprochen. Hier finden sich Zugänge für „Bewerberinnen und Be- werber“ und für „Personalverantwort- liche“ in Unternehmen und Organisa- tionen mit auf diese Zielgruppen abge- stimmten Hintergrundinformationen. Schließlich finden „Institutionen“, die schnell zur Beantragung des EUROPASS Mobilität möchten, leicht den entspre- chenden Zugang mit den für sie relevan- ten Informationen. Der Serviceteil der Einstiegsseite wird klar unterteilt in einen News-Bereich mit aktuellen Meldungen, einen Informati- onsbereich zu geplanten und bereits stattgefundenen Veranstaltungen inklu- sive Veranstaltungsarchiv sowie einen Downloadbereich mit Warenkorb zum kostenlosen Bestellen von Informations- materialien. Zusätzlich gibt es einen Pressebereich, in dem aktuelle Artikel und Pressemeldungen sowie Präsenta- tionen zum Herunterladen hinterlegt sind. Auf der Einstiegsseite besteht auch die Möglichkeit, die Sprache – Deutsch oder Englisch – zu wählen. Auf den Folgeseiten werden die einzel- nen EUROPASS-Dokumente über eine vertikale Navigationsleiste in ihrer be- kannten Farbstellung präsentiert. Pull- down-Menüs führen zu weiteren Infor- mationen: Grün der EUROPASS Lebenslauf; Pink der EUROPASS Sprachenpass; Grau die EUROPASS Zeugnis- erläuterungen; Blau der EUROPASS Mobilität; Violett das EUROPASS Diploma Supplement. Auf der vertikalen Navigationsleiste lie- gen auch weitere Zugänge mit spezifisch auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnit- tenen Informationen, FAQs, eine Link- liste und ein Glossar. Fazit Das Design der neuen Website unter- stützt das Ziel, die Bekanntmachung und Nutzung des EUROPASS zu optimieren. Es zeichnet sich durch Klarheit sowie ein modernes, positiv emotionales und ver- trauenswürdiges Layout aus. Die Nutze- rinnen und Nutzer werden freundlich empfangen und können leicht, schnell und intuitiv durch die Seiten navigieren. Dabei können sie zwischen den Ziel- gruppenangeboten – waagerechte Navigationsleiste – und den einzelnen EUROPASS-Dokumenten – senkrechte Navigationsleiste – wählen. EUROPASS Deutsch Englisch Der europass und seine Dokumente Der europass für Bewerberinnen und Bewerber Der europass für Personalverantwortliche Der europass für Institutionen Der europass Lebenslauf Ausgefülltes Beispiel Der europass Sprachenpass Die europass Zeugniserläuterungen Der europass Mobilität Das europass Diploma Supplement Das Nationale Europass Center (NEC) Der europass in Schule und Ausbildung Häufig gestellte Fragen zum europass Links zum europass Der europass Lebenslauf Klar, übersichtlich und korrekt – das sind drei der wesentlichen Vorteile, die den europass Lebenslauf zu einem Plus für jede Bewerbung machen. So hilft das Dokument, erworbene Qualifikationen und Kompetenzen syste- matisch darzustellen und ein umfassendes Profil der eigenen Person abzubilden. Die Darstellung erfolgt chrono- logisch und in flexibler Form. Bei der Beschreibung und Definition der Qualifikationen verwendet der europass Lebenslauf einen Ansatz, der auf Lernergebnissen beruht. Er liefert somit eine Aussage über die Kenntnisse und Fertigkeiten von Bewerberinnen und Bewerbern. Dabei ist er nicht allein an Bildungswege, Lernzeiten oder Institutionen gebunden. Im europass Lebenslauf lassen sich alle Qualifikationen und Kompetenzen „frei“ darstellen, ob formale Bildungswege, infor- mell Gelerntes oder soziale Kompetenzen wie Sozialverhalten und Teamfähigkeit. Ausfüllen kann den europass Lebenslauf jeder selbst. Wie dies erfolgt und was dabei zu beachten ist, erfahren Sie hier. Europass Chancen Lebenslauf NEC Bildung Diploma Supplement Europass Chancen Lebenslauf Ausbildung Schule Zeugniserläuterungen Sprachenpass Europass Chancen Mobilität Fragen News Veranstaltungen Publikationen Presse Kontakt Seite empfehlen Impressum Sitemap Home > Der europass und seine Dokumente > Der europass Lebenslauf 32 bildung für europa | Juni 2011 Europäisches Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011 Bürgerschaftliches Engagement hat in Deutschland viele Gesichter: 23 Millio- nen Bürgerinnen und Bürger engagieren sich in Vereinen, Verbänden oder Initia- tiven, in kirchlichen, karitativen, sozialen oder kulturellen Organisationen, in Um- welt- oder Bildungseinrichtungen, in Schulen, Kindergärten oder Feuerweh- ren und nicht zuletzt im Sport für das Gemeinwesen.„Ihr Engagement verän- dert das Leben der Engagierten selbst, es verändert das Leben ihrer Mitmenschen, und schließlich verändert es auch unser Land, das durch jede menschliche Zu- wendung gestärkt und durch jede neue Idee zur Lösung einer gesellschaftlichen Herausforderung vorangebracht wird“, heißt es in der Nationalen Engagement- strategie der Bundesregierung, die am 6. Oktober 2010 verabschiedet wurde. Ziel ist es, die Rahmenbedingungen für Engagement in Deutschland zu verbes- sern, innovative Ansätze zu unterstützen und Impulse für eine wirksame Engage- mentpolitik auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene zu geben. Darüber hinaus ist bürgerschaftliches Engagement auch im europäischen Kon- text ein wichtiges Thema. Dies zeigt sich einmal mehr mit dem Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit, zu dem das Jahr 2011 ausgerufen worden ist.„Freiwillig. Etwas bewegen!“ – so lautet das Motto auf europäischer Ebene.Wie auch in Deutschland mit der Nationalen Engage- mentstrategie sollen durch das Jahr günstige Rahmenbedingungen für das bürgerschaftliche Engagement in der EU geschaffen, das Potenzial der Organisato- ren von Freiwilligentätigkeiten gestärkt, diese Tätigkeiten generell anerkannt und die Öffentlichkeit für den Wert und die Bedeutung von freiwilligem Engagement als Ausdruck einer aktiven Bürgerbeteili- gung sensibilisiert werden. Um den unterschiedlichen Anforderun- gen innerhalb der EU-Mitgliedstaaten gerecht zu werden, waren die EU-weiten Zielsetzungen im Hinblick auf die natio- nalen Herausforderungen von den natio- nalen Koordinierungsstellen für das Jahr – in Deutschland das Bundesministe- rium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), unterstützt durch eine Geschäftsstelle bei der Bundesarbeitsge- meinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) – anzupassen und zu präzisie- ren. In enger Beteiligung mit der Zivilge- sellschaft wird in Deutschland im Laufe des Jahres ein besonderer Fokus auf ge- nerationenübergreifende Aktivitäten gelegt, wobei eine gezielte Ansprache von Frauen, jungen Menschen, Älteren sowie Menschen mit Migrationshintergrund erfolgt, der Austausch mit Verbänden und Organisationen der Bürgergesell- schaft zur Verbesserung des Umfelds für Freiwillige und bürgerschaftliches Enga- gement intensiviert sowie eine bessere Vernetzung und Kooperation der Akteu- re und der Informationsangebote über bürgerschaftliches Engagement in Deutschland unterstützt werden. Zur Umsetzung dieser Ziele wird in Deutsch- land eine Veranstaltungsreihe mit acht bundesweiten Regionalkonferenzen durchgeführt. Durch diese und die Viel- zahl anderer Anlässe – so insbesondere die deutsche Station der Tour zum EJF durch die 27 EU-Mitgliedstaaten im Oktober 2011 in Berlin – soll die Bot- schaft des Jahres möglichst viele Men- schen erreichen und insbesondere die verschiedenen Akteure der Zivilgesell- schaft zusammen bringen. Eine Übersicht über die acht Regional- konferenzen, zahlreiche andere Veran- staltungen im Laufe des Jahres und wei- tere Informationen finden Sie auf der für das Europäische Jahr 2011 eingerichte- ten Webseite unter www.ejf2011.de Daneben wird sich Deutschland auf EU- Ebene dafür einsetzen, dass das Europäi- sche Jahr der Auftakt für einen regelmä- ßigen Dialog der Mitgliedstaaten zum Thema Freiwilligentätigkeit sein wird. Denn der internationale Austausch über Rahmenbedingungen und innovative Praktiken in diesem Bereich ermöglicht einen gegenseitigen Lernprozess, von dem wir alle profitieren werden. Und es gilt, Engagement in Deutschland wie in Europa über das Jahr 2011 mit seinen vielfältigen Themen und zahlreichen Be- teiligten sichtbar zu halten und voranzu- bringen. Ich würde mich über eine breite Beteili- gung aller interessierten Akteure sowie engagierter Bürgerinnen und Bürger sehr freuen und hoffe auf Ihre Unterstüt- zung – ganz im Sinne des Mottos: „Frei- willig. Etwas bewegen!“ Verbesserte Rahmenbedingungen und mehr Aufmerksamkeit für bürgerschaftliches Engagement Europäischer Austausch hat für Deutschland auch nach 2011 Priorität Josef Hecken Mit Beschluss des Europäischen Rates wurde 2011 zum Euro- päischen Jahr der Freiwilligentätigkeit zur Förderung der aktiven Bürgerschaft (EJF 2011) erklärt. In Deutschland steht das bürgerschaftliche Engagement schon länger auf der politischen Agenda. Die Bundesregierung will sich zudem für einen europäischen Dialog zu dem Thema auch nach 2011 einsetzen. Josef Hecken ist Staatssekretär im Bundes- ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Der Autor 33bildung für europa | Juni 2011 Die Weiterbildung hat den Diskurs um Europäisierung der Berufsbildung bis- lang eher zögernd angenommen. Gegen- wärtig rücken im Zusammenhang mit den Qualifikationsrahmen Fragen der Berücksichtigung und Zuordnung in den Vordergrund (Sabisch 2010; Arbeitsgruppe DQR 2010). Für den Bereich der formalen Weiter- bildung geht es um die Gleichberech- tigung berufsbezogener Weiterbil- dungsabschlüsse mit den Zertifikaten anderer Bildungsbereiche (etwa Hochschule, Berufsausbildung, Schule), über die eine bessere An- schlussfähigkeit von Weiterbildung erreicht werden soll. Damit im Zusammenhang werden verstärkte Bemühungen um die An- erkennungen non-formalen und in- formellen Lernens (Bedeutung und Verfahren) gefordert, die die inner- halb der allgemeinen Erwachsenen- und Weiterbildung erzielten Lern- ergebnisse sichtbar und verwertbar machen sollen. Reklamiert wird schließlich die An- erkennung der Bedeutung der allge- meinen Erwachsenen- und Weiter- bildung (etwa politischer und kultu- reller Angebote). Begründet wird dies über den Bezug zu den europäischen Schlüsselkompetenzen, die als we- sentliches Element lebenslangen Lernens verankert werden sollen (Europäische Kommission 2009). Als entscheidender Faktor dafür, dass die Transparenzinstrumente ihre Potenziale entfalten können, gilt ihre Orientierung an Lernergebnissen. Ankommen wird es hier auf die Art der Beschreibung der Lernergebnisse und die Bewältigung der Herausforderungen, die sich aus diesem neuen Paradigma für die Erwachsenen- und Weiterbildung ergeben: Von Lernergebnissen wird erwartet, eine Brücke zwischen der Entschu- lung der Weiterbildung und der Not- wendigkeit zu schlagen, auch bei ar- beitsplatznahem Lernen Transparenz und Vergleichbarkeit herzustellen. Lernziele, die vor allem für formali- sierte Weiterbildung (Aufstiegsfort- bildung etc.) existieren, sind als An- knüpfungspunkt allein nicht trag- fähig: Für die Erfassung der Ergeb- nisse non-formalen und informellen Lernens bedarf es eines anderen Bezugssystems. Die Formulierung dessen, was an Kompetenz zum Zeit- punkt des Nachweises erwartet wird, sollte von einem Standpunkt erfolgen, der sowohl den unmittelbaren Bedarf des Beschäftigungssystems als auch darüber hinausreichende Aspekte be- rücksichtigt. Naheliegend ist dieser erweiterte Zugang auch mit Blick auf die Verknüpfung der Qualifikations- rahmen und Leistungspunktesysteme mit angrenzenden Initiativen wie den Schlüsselkompetenzen oder ESCO (Europäische Kommission 2009 und 2010). Als entscheidende Voraussetzung da- für, dass Lernergebnisse ihre Poten- ziale einlösen können, gilt die Quali- tät ihrer Beschreibung. Vorschnell allerdings wäre es, Qualität gleich- zusetzen mit Genauigkeit bzw. hohem Detaillierungsgrad. Mit Blick auf de- tailgenaue Beschreibungen von Lern- ergebnissen wurde bereits kritisch auf die „Spirale der Spezifizierung“ hin- gewiesen (CEDEFOP 2009). Ähnliche Ergebnisse gab es auch innerhalb der DECVET-Initiative (Fietz u.a. 2008). Sollen Lernergebnisse transparent und anwendbar sein, wird sich ihre Beschreibung an einem mittleren Ab- straktionsgrad orientieren müssen. Zu große Detailgenauigkeit führt zu Beschränkungen der inhaltlichen und didaktischen Freiheit: Je konkreter ein Lernergebnis im Detail definiert ist, desto eindeutiger und festgelegter ist u.U. der methodische Weg, auf dem es zu erreichen ist. Letztlich können aus diesem Aspekt Beeinträchtigun- gen der Trägerlandschaft resultieren, wenn sich Träger auf technologische oder andere Ressourcen verpflichten müssen, die sie nicht vorhalten oder verfügbar haben. Aus der Orientierung an Lernergeb- nissen leiten sich veränderte Anforde- rungen an Qualität und Umsetzbar- keit der Angebote ab. Die Transparenz des erzielbaren Lernergebnisses soll gegenüber dem Nachfrager dazu führen, die Attraktivität von Weiter- bildung zu erhöhen und die Motiva- tion für Weiterbildungsbeteiligung zu steigern (CEDEFOP 2009). Für die Seite der Bildungsanbieter wird diese höhere Transparenz der Angebote zu Segen und Fluch zugleich: Sie schafft einerseits die Möglichkeit, das Pro- gramm besser zu vermarkten, ver- pflichtet andererseits gleichzeitig zur Rechenschaft über die Erfüllung der Versprechen. Noch ungeklärt ist, ob der Nachweis der Erfüllung öffentlich oder durch den Markt geregelt wird: also durch trägerübergreifende Prü- fungsstandards oder durch die Akzep- tanz, die ein Träger und seine Ange- bote auf dem Markt genießen. Perspektiven für die Erwachsenen- und Weiterbildung Lernergebnisse – Schlüssel für die Verständigung in Europa? Prof. Dr. Nicolas Schöpf Die vorletzte Ausgabe des Journals beleuchtete das Thema Lernergebnisse mit einer Reihe von Beiträgen. Prof. Dr. Volker Gehmlich eröffnete damals die Diskussion mit einem umfassenden Artikel unter besonderer Berücksichtigung der Situation im Hochschulwesen (s. Journal 13, Juni 2010, S. 4 ff). In der letzten Journalausgabe hatte Prof. Dr. Georg Spöttl Stellung dazu genommen und dabei die berufliche Bildung ins Zentrum seiner Betrachtungen gestellt (s. Journal 14, Dezember 2010, S. 34). Im Folgenden wird die Bedeutung des Lernergebnisansatzes für die Erwachsenen- und Weiterbildung skizziert. Lernergebnisse 34 bildung für europa | Juni 2011 Tipps, Titel & Termine Ein neu entwickelter Motivationsflyer richtet sich an die Zielgruppe der unentschlossenen Jugendlichen, indem er die Vorteile von beruf- licher Auslandserfahrung aufzeigt. Anders als bei den anderen Fly- ern der NA im DIN-lang-Format steht dieses Mal die Programmin- formation zu LEONARDO DA VINCI im Hintergrund, dafür kommen auslandserfahrene Jugendliche selbst zu Wort – ihr Fazit: Auslands- erfahrung – Entdeckt selbst die Möglichkeiten! Erfolgreiche LEONARDO DA VINCI-Innovationstransferprojekte ha- ben die Möglichkeit, ihr Vorgehen und die Ergebnisse bzw. Produkte ihrer Arbeit als Projektinfoblatt einer breiteren Öffentlichkeit vor- zustellen. Die Reihe umfasst mit den drei Neuerscheinungen aktuell 26 Produkte. Der „Agripass“ und das „Register landwirtschaftlicher Be- rufe“ sollen die europaweite Vergleichbarkeit von Qualifikatio- nen im landwirtschaftlichen Sektor verbessern und damit insbesondere die Beschäftigungsmöglichkeiten der vielen Wanderarbeitskräfte fördern. Im Rahmen des LEONARDO DA VINVI-Innovationstransferprojekts Agri-Trans – Transpa- renz in der landwirtschaftlichen Berufsausbildung haben Agrargewerkschaften aus Deutschland und sieben weiteren EU-Ländern beide Instrumente bei den Trägern der Berufs- bildung verbreitet und Empfehlungen für ihre Weiterentwick- lung am Beispiel des Tierwirts (Schweinehaltung) erarbeitet. Ein Ziel ist es, beide Instrumente zukünftig in EURES einzubinden. Im Innovationstransferprojekt Inclusive Modules – moving young people on wurden erstmals gemeinsame europäische Qualitätsstandards für die Arbeit mit Modulen in der Benach- teiligtenförderung definiert. Die Qualitätsstandards basieren auf in den sechs beteiligten Ländern (DE, BE, DK, PL, RU, GB) durchgeführten Erhebungen und Analysen und stehen als E-Tool zur freien Verfügung. Daneben gibt es eine Print- version. „Inclusive Modules“ unterstützt Fachkräfte, die im Bildungs- oder sozialen Bereich mit Jugendlichen arbeiten, um diese in ihrer sozialen, beruflichen und persönlichen Entwicklung zu fördern. Das Innovationstransferprojekt Driver Instructor Education 2.0 unter Federführung der deutschen Ghostthinker GmbH möchte durch den Einsatz der internetgestützten Video- reflexion die Lehrkompetenz angehender Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer in ausgewählten europäischen Ländern (DE, BE, AT, IT) fördern. In einem Online-Portal können Fahr- lehreranwärter, aber auch erfahrene Fahrlehrer Videos ihrer Fahrstunden anschauen und nach speziellen Aufgabenstel- lungen bearbeiten. Neben der primären Zielgruppe sind die Projektergebnisse auch für weitere Berufsgruppen von Inter- esse: Transferpotenzial besteht z.B. für Ausbilder/-innen im Bereich der Industrie, die ihre bisherige Arbeit professionalisieren wollen. In eigener Sache: Neue Printprodukte Nicht zuletzt berührt das Paradigma der Lernergebnisse auch das profes- sionelle Selbstverständnis der Er- wachsenen- und Weiterbildung. Im Kontext der Lernergebnisse werden Lerninhalte, Didaktik, Nachweisver- fahren etc. jeweils vom intendierten (oder beworbenen) Ergebnis her ab- geleitet. Die Nähe des Ansatzes, alle Prozesselemente vom herzustellenden Ergebnis her zu denken, zu der als überwunden geglaubten Vermitt- lungsdidaktik ist augenfällig. Insofern bedarf es hier auch einer Vergewisse- rung über den professionellen Zugang zu Lernergebnissen, wenn nicht über- kommene didaktische Muster wieder eingeführt werden sollen. Literatur: CEDEFOP (Hg.): Der Perspektivwechsel hin zu Lernergebnissen. Luxemburg 2009 Europäische Kommission: Presentation fiche: ESCO, the forthcoming European Skills, Competencies and occupations taxonomy. Brussels 2010 Europäische Kommission: Schlüsselkompe- tenzen für eine Welt im Wandel. Brüssel 2009 Fietz, G. / Reglin, T. / Schöpf, N.: Doppelter Nutzen durch ECVET: Grenzüberschreitende Mobilität und Durchlässigkeit in der deutschen Berufsbildung steigern. In: [BWP] Berufs- bildung in Wissenschaft und Praxis, Heft 5. Bielefeld 2008, S. 10–13 Sabisch, W.: Zertifikate und Schlüssel- kompetenzen sichtbar machen. In: DIE-Zeitschrift 3/2010, S. 49–52 Arbeitsgruppe DQR: Stellungnahme der Weiterbildung zum Deut- schen Qualifikationsrahmen (DQR). Bonn 2009. www.bildungsverband.info/stellungnahme_ dqr_weiterbildung1.pdf Prof. Dr. Nicolas Schöpf ist Professor für Erwachsenen- bildung und Weiterbildung an der Universität Würzburg. Der Autor L E O N A R D O D A V I N C I Ergebnisse und Transfer Agri-Trans: Transparenz in der landwirtschaftlichen Berufsbildung am Beispiel des Tierwirts Agri-Trans: Transparency in agricultural occupational training using the example of livestock breeding Inclusive Modules moving young people on Mit Modulen die Inklusion Jugendlicher voranbringen INCLUSIVE MODULES Ergebnisse und Transfer LEONARDO DA VINCI Internetgestützte Videoreflexion in der Fahrlehrerausbildung Web-based Video Reflection in Driving Instructor Education Ergebnisse und Transfer L E O N A R D O D A V I N C I DRIVER INSTRUCTOR EDUCATION 2.0 Auslandserfahrung – Entdeckt selbst die Möglichkeiten Beruflicher Lernaufenthalt in Europa L E O N A R D O D A V I N C I 35bildung für europa | Juni 2011 Die Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundes- institut für Berufsbildung (NA beim BIBB) besteht seit dem Jahr 2000 und arbeitet im Auftrag und mit finanzieller Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Europäischen Kommission. Sie ist Nationale Agentur für das Europäische Bildungs- programm für lebenslanges Lernen (2007–2013) in Deutschland und betreut in dieser Funktion die Einzel- programme LEONARDO DA VINCI für die Berufsbildung und GRUNDTVIG für den Bereich der Erwachsenenbildung. Die NA beim BIBB ist ferner Nationales Europass Center und Nationale Koordinierungsstelle für die Umsetzung von ECVET in Deutschland. Sie nimmt darüber hinaus verschiedene europabezogene Sonderaufgaben wahr. Seit November 2009 ist die NA beim BIBB zertifiziert nach DIN EN ISO 9001:2008. Wir engagieren uns für langfristige europäische Ziel- setzungen und die Schaffung eines „Europäischen Bildungsraums“. Wir setzen europäische Bildungsprogramme und Initiativen in der konkreten Arbeit um durch eine qualifizierte Information und Beratung, durch eine kompetente Projektbetreuung von der Bewertung und Begutachtung eingereichter Förder- anträge bis hin zur Begleitung (inhaltliches und finanzielles Monitoring) der in Deutschland geförderten Projekte, durch eine Vernetzung europäischer und nationaler Projekte und durch eine Unterstützung und Verbreitung der Programm- und Projektergebnisse. Aktuelle Informationen zum Programm für lebens- langes Lernen sowie den Einzelprogrammen LEONARDO DA VINCI und GRUNDTVIG und weiteren Aufgaben der NA beim BIBB stehen auf der Website der NA ( www.na-bibb.de) zur Verfügung. Herausgeber: Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB) Robert-Schuman-Platz 3 k 53175 Bonn k (Postanschrift: 53142 Bonn) Tel. 0228/107-1676 k Fax 0228/107-2964 k infodienst@bibb.de k www.na-bibb.de Verantwortlich: Klaus Fahle k Redaktion: Dr. Gabriele Schneider, Sigrid Dreissus-Meurer Redaktionsschluss: 18. 04. 2011 k Erscheinungsweise: Halbjährlich k Auflage: 8.000 Gestaltung: kippconcept, Bonn k Titelbild: JOKER, Bonn k Druck: Engelhardt, Neunkirchen Für unverbindlich eingesandte Manuskripte, Bildmaterial und andere Unterlagen wird keine Haftung übernommen. Artikel, die namentlich gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet, Belegexemplar erbeten. k ISSN 1616-5837 Impressum Neuer Jahresbericht der NA beim BIBB Ende März hat die NA beim BIBB ihren Jahresbericht für das Jahr 2010 veröffentlicht. Auf 80 Seiten Text und in ei- nem separaten Statistikteil präsentiert sie die Entwick- lungen in den von ihr betreuten Programmen sowie die Schwerpunkte ihrer Arbeit. Projektdarstellungen aus den Bereichen LEONARDO DA VINCI und GRUNDTVIG zeigen die Ergebnisse und Möglichkeiten vorbildhafter Projektar- beit auf und geben den Programmen ein anschauliches Profil über Fördersummen und Teilnehmerzahlen hinaus. Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung Jahresbericht www. n a - b i b b . d e 10 Granato, Mona; Münk, Dieter; Weiß, Reinhold (Hrsg.): Migration als Chance – Ein Beitrag der beruflichen Bildung Wie können Personen mit Migrationshintergrund eine bessere Qualifizierung erhalten? Wie kann ihre Teilhabe an beruflicher Bildung und ihre Stellung auf dem Arbeitsmarkt verbessert werden? Wie können Schul- und Berufsab- schlüsse des Herkunftslandes in Deutschland anerkannt und genutzt werden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Tagung der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungs- netz (AG BFN), die in dem Sammelband dokumentiert ist. Der Band kann beim W. Bertelsmann Verlag unter www.wbv.de für 28,90 bestellt werden. ISBN: 978-3-7639-1142-2. Mobil in Europa – Ein Wegweiser zum Lernen und Arbeiten im Ausland Eine vom Nationalen Europass Center erstellte „Netzwerktabelle“ bietet allen an einem Auslandsaufenthalt Interessierten einen schnellen Überblick darüber, welche Service- bzw. Informationsleistungen die bekanntesten Akteure im Bereich Mobilität anbieten. Die Tabelle kann unter www.europass-info.de heruntergeladen werden. Wichtige Internet-Adressen 31 Aktuelle Ausschreibungstermine Veranstaltungen zum Programm für lebenslanges Lernen (PLL) Titel der Veranstaltung Zielgruppe Datum Ort Zuständigkeit Weitere Informationen Zweite Projektentwicklungs- Neue Antragsteller in 28. 06. 2011 Bonn NA beim BIBB http://www.na-bibb.de/veranstaltungen_ werkstatt für LEONARDO DA VINCI und_termine_158.html neue Antragstellende und GRUNDTVIG Lernpartnerschaften sowie Innovationstransfer 6. BIBB- Interessierte aus Politik, 19.-20.09.2011 Berlin BIBB http://www.na-bibb.de/veranstaltungen_ Berufsbildungskongress Wissenschaft und und_termine_158.html Berufsbildungspraxis EUROPASS auf Personalverantwortliche 20.-22.09.2011 Köln NA beim BIBB Demnächst unter: Messe Zukunft Personal http://www.europass-info.de Jahrestagung der Projektnehmer, 13.-14.10.2011 Bonn NA beim BIBB http://www.na-bibb.de/veranstaltungen_ NA beim BIBB potenzielle Antragsteller und_termine_158.html Programm Antragsfrist Wo muss der Antrag eingereicht werden? Weitere Informationen GRUNDTVIG Berufsbegleitende Aus- und Weiterbildung, Besuche und Austausche 16. 09. 2011 NA beim BIBB NA beim BIBB Vorbereitende Besuche ab 16. 06. 2011 NA beim BIBB NA beim BIBB LEONARDO DA VINCI Mobilitätsprojekte – Kleine Projekte bis 31. 10. 2011 NA beim BIBB NA beim BIBB (nur neue Antragsteller) Vorbereitende Besuche ab 16. 06. 2011 NA beim BIBB NA beim BIBB Querschnittsprogramm Studienbesuche 14. 10. 2011 PAD PAD Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD) http://eu.daad.de/eu/index.html Nationale Agentur Bildung für Europa beim BIBB (NA beim BIBB) http://www.na-bibb.de Nationales Europass Center (NEC) http://www.europass-info.de Nationale Agentur im Pädagogischen Austauschdienst (PAD) der Kultusministerkonferenz http://www.kmk-pad.org Die Angaben basieren auf dem aktuellen Informationsstand. Alle Angaben ohne Gewähr. Redaktionsschluss: 18. 04. 2011 IS SN 1 61 6- 58 37 EU-Kommission, Generaldirektion Bildung und Kultur http://ec.europa.eu/dgs/education_culture/index_de.html Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur (EA), Brüssel http://eacea.ec.europa.eu/index.htm EUROPASS http://europass.cedefop.europa.eu/europass/ Europäisches Sprachensiegel http://ec.europa.eu/education/languages/european-language-label/index_de.htm Europäische Projekt- und Produktdatenbank ADAM http://www.adam-europe.eu Datenbank EST für Partnerschaften-Projekte http://www.europeansharedtreasure.eu Bildungspolitik der EU http://www.eu-bildungspolitik.de Europäisches Leistungspunktesystem in der beruflichen Bildung in Deutschland http://www.ecvet-info.de Gemeinsame Website der Nationalen Agenturen für das PLL in Deutschland http://www.lebenslanges-lernen.eu mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Kommission, Generaldirektion Bildung und Kultur …