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[…] © p ok ki /A do be St oc k. co m > > : - EUROPÄISCHE UNION - - - ZUGANG FÜR ALLE Inklusion und Vielfalt im Programm Erasmus+ Das europäische Bildungsprogramm Erasmus+ hat für die Programmphase 2021 bis 2027 Inklusion und Vielfalt zu einer der wichtigsten Prioritäten und zu einem Grundprinzip für alle Projekte und Aktivitäten in allen Programmaktionen erklärt. Viel falt soll zukünftig als Chance begriffen und gesamt gesellschaftlich als Mehrwert betrachtet werden. Barrieren und Hindernisse, die eine Teilnahme am Erasmus+-Programm bislang verhindert haben, sollen ausgeräumt werden. Dazu stehen verschie dene Instrumente zur Inklusionsunterstützung zur Verfügung. Zielgruppen Erasmus+ folgt einem ganzheitlichen Inklusionsbegriff und um fasst generell Lernende mit geringeren Chancen. Hindernisse zur Teilnahme an Bildungsangeboten können entstehen durch eine wirtschaftlich prekäre Situation, soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede, geografische Hindernisse, gesundheitliche Einschränkungen, körperliche oder geistige Behinderungen, Lernschwierigkeiten, einen Migrationshintergrund oder einer Flüchtlingserfahrung. :Inklusionsunterstützung: Mobilität von Einzelpersonen (Leitaktion 1) in der Berufs- und Erwachsenenbildung: 100-prozentige Förderung notwendiger Maßnahmen im Rahmen eines Lernaufenthaltes im Ausland, z.B. Rollstuhltaxis Erstattung der Reise- und Aufenthaltskosten von erforder lichen Begleitpersonen - Zusätzliche Organisationspauschale in Höhe von 125 Euro pro Teilnehmenden mit Benachteiligung In der Berufsbildung: Möglichkeit von Lernaufenthalten im Ausland von weniger als zehn Tagen Weitere Informationen zur Mobilität von Einzelpersonen: www.na-bibb.de/mobilitaet-bb www.na-bibb.de/mobilitaet-eb Partnerschaften für Zusammenarbeit (Leitaktion 2) in der Berufs- und Erwachsenenbildung: Förderung von Partnerschaften zum Themenbereich Inklusion und Vielfalt Finanzierung von Projekten zum Ausbau europäischer Netz werke - Lernaufenthalte im Ausland für Menschen mit geringeren Chancen Weitere Informationen zu den Partnerschaften: www.na-bibb.de/partnerschaften-bb www.na-bibb.de/partnerschaften-eb Antragstellung: Alle Antragssteller im Programm Erasmus+ können Inklusions unterstützung beantragen. Dies erfolgt im Rahmen des regulären webbasierten Antrags auf Erasmus+-Förderung. Antragsberech tigt sind Organisationen, Betriebe oder Einrichtungen der Berufs- und Erwachsenenbildung. - - Jährliche Antragstermine im Frühjahr und ggf. im Herbst Beispiele aus der Praxis: Mobilität von Einzelpersonen: Berufliche Weiterbildungen von Auszubildenden mit körper lichen Beeinträchtigungen im Ausland - Auslandsaufenthalte von Erwachsenenbildnerinnen und -bildnern im Rahmen eines umfangreichen Fortbildungspro gramms zum Thema Inklusion - Partnerschaften für Zusammenarbeit: Entwicklung eines Onlinekatalogs interkultureller Instrumente für Lehrende an Berufsschulen Entwicklung einer Online-Toolbox mit Methoden zur Förde rung eines europäischen Bewusstseins und zur Bekämpfung von Vorurteilen für ältere Menschen und Erwachsene mit geringen Qualifikationen - Beratung: Die NA beim BIBB unterstützt Sie in allen Phasen der Projektvor bereitung und Projektdurchführung. Zu unseren Unterstützungs angeboten zählen: - - Online-Infoveranstaltungen: Lernen Sie die Ziele und Struk turen des Programmes sowie konkrete Fördermöglichkeiten kennen und erhalten Sie wertvolle Tipps aus der Praxis. - Antragswerkstätten: Nutzen Sie die Gelegenheit, Ihre Projekt idee gemeinsam mit uns zu schärfen und sich mit anderen Teilnehmenden auszutauschen. - Projektskizzenberatung: Wir beraten Sie telefonisch zu Ihrer Projektidee und geben Ihnen Hinweise für die weitere Pla nung Ihres Projektes. - Kontakt: Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung Friedrich-Ebert-Allee 114-116 53113 Bonn Tel.: 0228 107 1608 www.na-bibb.de Ihre persönliche Beratung: Berufsbildung Dr. Sabrina Inez Weller (Inklusionsbeauftrage der NA; Mobilität) Tel.: 0228 107 1311 weller@bibb.de Frederik Hugo (Partnerschaften) Tel.: 0228 107 1153 hugo@bibb.de Erwachsenenbildung Anke Dreesbach (Mobilität) Tel.: 0228 107 1628 dreesbach@bibb.de Torsten Schneider (Partnerschaften) Tel.: 0228 107 1687 torsten.schneider@bibb.de Bleiben Sie auf dem Laufenden > Newsletter abonnieren www.na-bibb.de/newsletter > NA-Themenseite zu Inklusion und Vielfalt www.na-bibb.de/inklusion St an d: Ja nu ar 2 02 4 http://www.na-bibb.de/newsletter http://www.na-bibb.de/inklusion http://www.na-bibb.de/mobilitaet-bb http://www.na-bibb.de/mobilitaet-eb http://www.na-bibb.de/partnerschaften-bb http://www.na-bibb.de/partnerschaften-eb http://www.na-bibb.de mailto:weller@bibb.de mailto:hugo@bibb.de mailto:dreesbach@bibb.de mailto:torsten.schneider@bibb.de Zugang für alle Zielgruppen Inklusionsunterstützung Mobilität von Einzelpersonen (Leitaktion 1) in der Berufs- und Erwachsenenbildung Partnerschaften für Zusammenarbeit (Leitaktion 2) in der Berufs- und Erwachsenenbildung Antragstellung Beispiele aus der Praxis Mobilität von Einzelpersonen Partnerschaften für Zusammenarbeit Beratung Kontakt Ihre persönliche Beratung Berufsbildung Erwachsenenbildung Bleiben Sie auf dem Laufenden …

[…] Inklusion und Vielfalt jeweilige NA jeweilige NA EACEA EACEA NA beim BIBB/ AusbildungWeltweit jeweilige NA Weitere Informationen 32 Europäisches Jahr der Jugend 26 35 Jahre Erasmus+ Bildung für Europa Journal der Nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung 35 Juli 2022 06 EU-Konzept zur Erasmus+-Priorität 2 3Impressum Herausgeber: Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB) 53142 Bonn Tel.: 0228 107-1608 Fax: 0228 107-2964 E-Mail: infodienst@bibb.de Internet: www.na-bibb.de Twitter: @nabibb_de @EUEB_de Verantwortlich: Klaus Fahle Redaktion: Dr. Gabriele Schneider, Sigrid Dreissus-Meurer Redaktionsassistenz: Diana Katsch Redaktionsschluss: 08.04.2022 Bestellungen: Kostenlos über www.na-bibb.de/service/publikationen Erscheinungsweise: Halbjährlich Auflage: 7.000 Gestaltung: Blueberry – Agentur für Design & Markenkommunikation, www.go-blueberry.de Druck: Kriechbaumer Druck Gedruckt auf Recyclingpapier Cyclus Silk Bildnachweis Titel & Inhaltsver- zeichnis (S.5): Sharon Pittaway/Unsplash.com (Titel); AdobeStock.com: Drobot Dean, Seventyfour, Daniel Ahrndt, EYY, Zarya Maxim; Bildercollage privat Für unverbindlich eingesandte Manu- skripte, Bildmaterial und andere Unter- lagen wird keine Haftung übernommen. Artikel, die namentlich gekennzeich- net sind, geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Belegexemplare erbeten. ISSN 1616-5837 Die Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB) besteht seit dem Jahr 2000 und arbeitet im Auftrag und mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Sie ist Nationale Agentur für das EU-Bildungsprogramm Erasmus+ im Bereich der Berufsbildung und der Erwachsenenbildung in Deutschland. Darüber hinaus nimmt sie zahlreiche europabezogene und internationale Aufgaben im Bereich der Berufsbildung und Erwachsenenbildung wahr. Sie arbeitet eng mit der EU-Kommission sowie auf nationaler Ebene mit Ministerien, Bundesländern, Sozialpartnern, Verbänden, Kammern, Unternehmen, Hochschulen und Bildungs- einrichtungen zusammen. www.na-bibb.de www.erasmusplus.de 2 Erasmus+ Berufsbildung und Erwachsenenbildung: Auslandsaufenthalte und Bildungskooperationen im europäischen Ausland. Nationales Europass Center: Kompetenzen mit dem Europass ver- ständlich darstellen – in ganz Europa. MeinAuslandspraktikum: Beratungsangebot für Auszubildende zu Auslandsaufenthalten. Europäische Agenda Erwachsenenbildung: Nationale Koordinierungsstelle – europäische und nationale Themen vernetzen. EPALE: Nationale Koordinierungsstelle – ePlatform for Adult Learning in Europe. AusbildungWeltweit: Weltweite Auslandsaufenthalte von Auszubildenden und Ausbildern/Ausbilderinnen. Deutschland Hinweis an unsere Abonnentinnen/Abonnenten: Unsere Datenschutzhinweise finden Sie unter: www.na-bibb.de/datenschutz Abbestellungen oder Adressänderungen an: infodienst@bibb.de http://www.na-bibb.de/service/publikationen http://www.go-blueberry.de http://www.na-bibb.de www.erasmusplus.de 2 3 Bildung Für Europa | Juli 2022 © N A b ei m B IB B Liebe Leserinnen, liebe Leser, vor zehn Jahren hat die NA beim BIBB eine Studie mit dem Titel „Mobilität – Kompetenzzuwachs für Benachteiligte“ veröffent- licht. Man könnte meinen, hier bestünde große Kontinuität im Programm. Vielleicht läge auch die Vermutung nahe, die Natio- nale Agentur sei ihrer Zeit schon weit voraus gewesen. Beides trifft jedoch nicht ganz zu. Vor zehn Jahren war die Beteiligung von „Benachteiligten“ alles andere als selbstverständlich. Gerade wenn es um Internationalität und Mobilität ging, waren die unausgesprochenen Zweifel groß, ob „Benachteiligte“ wirklich hierfür geeignet seien. Mobilität war in vielen Köpfen noch mit einer „Bestenauswahl“ verbunden: Nur besonders Leistungsstarke kämen hierfür in Frage, denn nur sie würden mit den besonderen Herausforderungen zurechtkommen. Damals hatte unsere Studie vor allem eine Zielsetzung: nachzuwei- sen, dass gerade auch „Benachteiligte“ von Internationalität pro- fitieren. Im Jahr 2022 hat sich der (politische) Blickwinkel geändert. Erasmus+ soll ein inklusives Programm sein, nicht zu verwechseln mit einem Inklusionsprogramm. Menschen mit geringeren Chan- cen sollen in gleichem Umfang vom Programm partizipieren wie alle anderen. Wir sprechen auch nicht mehr von „Benachteiligten“. Vielmehr sollen alle denkbaren Zugangshürden zum Programm ab- gebaut werden. Je nach Kontext können dies unterschiedlichste Hindernisse sein und nicht nur die soziale Situation oder Behinde- rungen umfassen. Inklusion wird um Vielfalt ergänzt. Damit hat die Politik einen hohen Anspruch an das Programm for- muliert. Die Umsetzung von Erasmus+ – europäisch wie national – wird sich daran messen lassen müssen, ob dieser Anspruch ein- gelöst werden kann. Damit dies gelingt, brauchen wir aber Ihre Unterstützung. Das Journal gibt hierfür Anstöße und Informatio- nen! Denn am Schluss ist immer besonders wichtig, dass Sie gut informiert sind…. Ihr Klaus Fahle Leiter der Nationalen Agentur Bildung für Europa Editorial 4 5 Inhalt Nr. 35 | Schwerpunkt Inklusion und Vielfalt 06 10 13 14 16 19 20 22 24 25 26 27 28 30 32 34 36 Inklusion und Vielfalt: eine Schlüsselpriorität des neuen Programms Erasmus+ Zugang für alle Die Inklusionsstrategie in der neuen Programmgeneration Good Practice: SymfoS for Youth Care Symbole sagen mehr als tausend Worte Vom Jugendbereich lernen Inklusion und Vielfalt in Erasmus+ Jugend und Europäischem Solidaritätskorps Teilhabe fördern durch lebensweltorientierte Grundbildung Die AlphaDekade hat seit 2016 gering literalisierte Erwachsene im Blick LEO-Studie: Wichtige Erkenntnisse auf einen Blick Aus den Möglichkeiten eine Chance machen Während der Ausbildung beim Berufsbildungs- werk ins Ausland Auslandspraktika öffnen Türen in die Arbeitswelt Integration durch Austausch (IdA) Good Practice: Auf den Weg in den Arbeitsmarkt Empowerment von Frauen mit Migrations-/ Fluchthintergrund Aus der laufenden Projekt- arbeit: Caring & Sharing Communities Öffentliche Daseinsvorsorge im ländlichen Raum Erasmus+ 35 Jahre Erasmus+ Antragsrunde 2022 Wachsendes Interesse an Mobilität, Partnerschaften gut nachgefragt Das Netzwerk der Erasmus+ Beraterinnen und Berater wächst Gemeinsam die Mobilität in der Berufs- ausbildung fördern Weitere Bildungsthemen EPALE: Nationale The- menschwerpunkte 2022 EPALE lädt die Community zum Mitmachen ein „Dein Europa – Dein Jahr!“ Das europäische Jahr der Jugend 2022 Infosplitter Antragsfristen 4 5 Bildung Für Europa | Juli 2022 „Zentrales Ziel der Inklusions- strategie besteht darin, für alle Lernenden Zugangschancen zum Erasmus+-Programm zu schaffen.“ 22 Integration durch Austausch (IdA) 14 Vom Jugendbereich lernen 20 Berufsbildungswerk fördert Auslands- aufenthalte 10 Inklusionsstrategie der neuen Programmgeneration 28 Netzwerk der Erasmus+ Beraterinnen und Berater wächst 32 „Dein Europa – Dein Jahr“ 26 35 Jahre Erasmus+ 6 7 Inklusion und Vielfalt: eine Schlüsselpriorität des neuen Programms Erasmus+ © C la ud io S ch w ar z/ un sp la sh .c om 6 7 Bildung Für Europa | Juli 2022 ie Grundsätze der Gleichheit und Inklusi- on gehören zu den wichtigsten Werten der Europäischen Union und sind in den EU-Verträgen verankert. Im Zentrum der EU-Strategien und Programme steht seit jeher die Arbeit an diesen Kernzielen, die insbesondere in der allgemeinen und beruf- lichen Bildung, aber auch im Jugendbereich ein wichtiges Ziel darstellt. Als Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihr Amt antrat, stellte sie bei ih- rer ersten großen Rede im Europäischen Parlament, bei der es um ihre politischen Prioritäten ging, ihr Ziel einer „Union der Gleichheit“ in den Mittelpunkt. „Es bedarf Gleichheit für alle und zwar Gleichheit in allen Wortbedeutungen“, so von der Leyen. Einer der Aspekte, der ihr dabei beson- ders am Herzen lag, war ein besserer Zu- gang zu Bildungsmöglichkeiten. Der erste Grundsatz der europäischen Säule sozialer Rechte, die bereits im November 2017 von den EU-Organen verkündet worden war, lautet, dass jede Person das Recht hat auf allgemeine und berufliche Bildung und le- benslanges Lernen von hoher Qualität und in inklusiver Form. Dem stimmten die EU- Staats- und Regierungschefs im Dezember 2017 zu, indem sie die EU-Mitgliedstaaten, den Rat und die Europäische Kommission explizit aufforderten, die Arbeiten weiter voranzubringen, um Mobilität und Aus- tausch zu stärken, auch durch ein wesent- lich gestärktes, inklusives und erweitertes Programm Erasmus+. Die europäischen Strategien im Bereich all- gemeine und berufliche Bildung spiegeln die strategische Ausrichtung der Europä- ischen Union auf eine stärkere Inklusion wi- der. In der Mitteilung über die Vollendung des europäischen Bildungsraums bis 2025 wird hervorgehoben, dass das Erreichen eines bestimmten Bildungsniveaus vom sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Status entkoppelt werden sollte, um sicher- zustellen, dass die Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung die Fähigkeiten jedes Einzelnen fördern. Somit steht der erneute Schwerpunkt im neuen Programm Erasmus+ auf der Inklusion voll und ganz im Einklang mit den durch den europäischen Bildungsraum entwickelten Strategien und stärkt diese noch. Befasst man sich mit den Erfahrungen der letzten beiden Jahre, so haben die Auswir- kungen der Covid-19-Pandemie gezeigt, dass die Herausforderungen hinsichtlich der Gleichheit und Inklusion in allen Be- reichen und insbesondere in der allgemei- nen und beruflichen Bildung wirksam an- gegangen werden müssen, um gegen eine immer größer werdende Kluft vorzugehen, die nicht nur die digitalen Aspekte, sondern auch den Zugang zu allgemeiner und beruf- licher Bildung betrifft. Das Konzept der Inklusion „Das Ziel einer inklusiven Bildung ist es, allen Lernenden zu ermöglichen, ihr Po- tenzial voll und ganz auszuschöpfen, indem qualitativ hochwertige Bildung in allen Be- reichen angeboten wird, wobei besonderes Augenmerk auf die Lernenden gerichtet wird, die Gefahr laufen, ausgeschlossen zu werden und unterdurchschnittliche Leis- tungen zu erbringen, indem sich aktiv um deren Förderung bemüht und flexibel auf die jeweiligen Umstände und Bedürf- nisse aller Lernenden eingegangen wird, auch durch individualisierte Ansätze, gezielte Förderung und Zusammenarbeit mit den Familien und lokalen Gemeinschaf- ten.“1 Bei der Inklusion muss es daher um die verschiedenen und vielfältigen Lebens- umstände der einzelnen Lernenden gehen. Mit Vielfalt sind hier Unterschiede aller Ar- ten gemeint. Manche Arten von Vielfalt sind offensichtlicher als andere, zum Bei- spiel wenn es um die ethnische Herkunft, Religion, Kultur und Sprache geht. Die Vielfalt geht jedoch über diese Aspekte hinaus. Sie bezieht sich auch auf Unter- schiede bei den Behinderungen und Fähig- keiten, den Bildungsniveaus, der sozialen Herkunft, der wirtschaftlichen Lage, dem Gesundheitszustand oder der Herkunft – und führt somit zur Definition von „Men- schen mit geringeren Chancen“. Beim Programm Erasmus+ sollte eine stär- kere Schwerpunktsetzung auf Inklusion und Vielfalt letzten Endes zu mehr und bes- seren Projekten führen, bei denen es ent- weder direkt um Menschen mit geringeren Chancen oder um Fragen der Inklusion und Vielfalt geht. Bei beiden Projektarten sollten positive Veränderungen für Men- schen mit geringeren Chancen und für die Gesellschaft herbeigeführt werden, sodass ein Beitrag zum Abbau von Ungleichheiten geleistet wird. Wie kann dies bewerkstelligt wer- den? Der Beitrag des Programms Erasmus+ Seit 1987 haben mehr als 12 Millionen Teilnehmende von EU-Programmen in den Bereichen allgemeine und berufliche Bil- dung, Jugend und Sport profitiert. In den Jahren 2014–2017 belief sich der Anteil von Menschen mit geringeren Chancen auf durchschnittlich 11,5 Prozent aller Teil- nehmenden in allen Programmbereichen. Dabei waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Programmen allerdings er- heblich. An Jugendprojekten nahmen bei- spielsweise bis zu 30 Prozent junge Men- schen mit geringeren Chancen teil, und bei einem Drittel der Sportprojekte ging es um Fragen aus dem Bereich der sozia- eine Schlüsselpriorität des neuen Programms Erasmus+ D Inklusion und Vielfalt 1 Weitere Orientierungshilfen für die Förderung von Gleichheit und Inklusion in der allgemeinen und beruflichen Bildung bieten die Elemente eines politischen Rahmenwerks (das von den „ET2020“-Arbeitsgruppen erstellt wurde). 8 9Inklusion und Vielfalt len Integration. Und obwohl das Programm Erasmus+ hinsichtlich der Einbeziehung von Menschen mit geringeren Chancen mit bes- seren Ergebnissen aufwarten konnte als sei- ne Vorgängerprogramme, zeigte sich bei sei- ner Zwischenevaluation, dass der Zugang zu ihm ausgebaut und die Inklusion verbessert werden musste. Die Notwendigkeit einer gemeinsamen Strategie Ein wichtiges Element, das Beurteilungen und Vergleiche erschwerte, war die Tatsache, dass es in den verschiedenen Sektoren sowie bei den Zielgruppen und speziell inklusions- bezogenen Zielen keine gemeinsamen De- finitionen gab. Mit dem gemeinsamen stra- tegischen Ansatz für Inklusion und Vielfalt2, der für die neuen Programme Erasmus+ und Europäisches Solidaritätskorps 2021–2027 entwickelt wurde, soll ein gemeinsames Ver- ständnis darüber geschaffen werden, wer als Mensch mit geringeren Chancen ange- sehen werden kann, wie die Hindernisse für diese Menschen abgebaut werden können, welche Merkmale das Programm Erasmus+ aufweist und welche möglichen finanziellen Anreize es gibt. Die Strategie baut auf den Erfahrungen mit der Inklusion in den einzelnen Sektoren auf und stützt sich vor allem auf die erfolgreiche Anwendung der früheren Strategie für In- klusion und Vielfalt im Bereich Jugend (aus dem Jahr 2003) als praktisches Instrument zur Förderung von Organisationen und zur Erhöhung der Inklusivität der durchgeführten Maßnahmen sowie das bewährte Know- how der beteiligten Akteure (Interessengrup- pen, nationale Erasmus+-Agenturen und Pro- jektbegünstigte). Gleichzeitig haben die Erfahrungen mit einer Strategie zur Lenkung der Arbeit auch einen soliden Referenzrahmen auf verschiedenen Ebenen erforderlich gemacht, der auf die verschiedenen Zielgruppen zugeschnitten ist, um die verstärkten Bemühungen um Inklusi- on und Vielfalt zu unterstützen. Als Ergebnis dessen und zum ersten Mal in unseren Pro- grammen wurde in die Verordnung für das neue Programm Erasmus+ ein eigenes Inklu- sionskapitel aufgenommen, in dem der Eck- pfeiler für die in den sieben Jahren der Pro- grammlaufzeit gemeinsam zu entwickelnden Tätigkeiten festgelegt wird. In diesem Kapitel wird die Kommission zudem aufgefordert, einen umfassenden Rahmen für Inklusions- maßnahmen auf europäischer Ebene3 zu entwickeln, der im Oktober 2021 als zusätz- liches starkes Signal für mehr Inklusion und Vielfalt im Programm angenommen wurde. Die neue Strategie beinhaltet den Grundsatz, dass Programme allen Menschen zugänglich sein sollten, unabhängig von möglichen Hin- dernissen, und bildet das Fundament für alle Chancen, die sie Einzelpersonen und Orga- nisationen innerhalb und außerhalb der EU bieten, mit dem Ziel, niemanden zurückzu- lassen und inklusivere, gerechtere, ökologi- schere und für das digitale Zeitalter gerüstete Gesellschaften herbeizuführen. Das Hauptziel dieser Bemühungen besteht in der Tat darin, mehr Menschen im Rah- men von Erasmus+ zu ermöglichen, Lerner- fahrungen im Ausland zu machen und ins- besondere mehr Menschen mit geringeren Chancen in die Projekte einzubeziehen, un- abhängig von ihrer Herkunft, ihrem sozio- ökonomischem Kontext und ihrem körper- lichen und psychischen Zustand oder ihrer Gesundheit. In Anerkennung der Tatsache, dass mehr getan werden kann, um verstärkt Personen zu erreichen, die bei der Teilnahme an den Programmen noch immer mit Hin- dernissen konfrontiert sind, stellt die Strate- gie die Grundlage für die Verbesserung der Umsetzung der Inklusionsmechanismen dar. Für mehr Inklusion in der Praxis sorgen Die Kommission hat sich mit den Bedürfnis- sen an der Basis beschäftigt und die Mög- lichkeiten untersucht, die im Rahmen des Programms Erasmus+ angeboten werden können. So müsste das Programm offener für die Teilnahme verschiedener Zielgrup- pen sein und auch Schülerinnen und Schü- ler sowie erwachsene Lernende in die Mo- bilitätsaktionen einbeziehen, sich auf deren Lernbedürfnisse konzentrieren und flexiblere Lernformate beinhalten. Natürlich bedarf es für eine größere Inklusion finanzieller Unter- stützung und einer angemessenen Bereitstel- lung derselben, doch es müssen auch andere Elemente gefördert werden, beispielsweise die Zugänglichkeit der Maßnahmen durch ihre spezielle Konzeption oder eine verstärkte Unterstützung derjenigen, die Projekte dieser Art durchführen. Beispiele hierfür sind: Unterstützung der teilnehmenden Or- ganisationen: Neben der größeren finanziellen Unterstützung für Teilneh- mende mit geringeren Chancen bein- halten die Programme nun zusätzliche Hilfe für Organisationen, die an inklusi- ven Projekten beteiligt sind, und hono- riert so die zusätzlichen Bemühungen, die inklusivere Projekte und die Einbe- ziehung von Teilnehmenden, die indi- viduellere und fortlaufende Unterstüt- zung benötigen, erfordern. Maßgeschneiderte Unterstützung der Teilnehmenden in allen Phasen ihres Projekts: Sie können auf vielerlei Weise vor, während und nach ihrem Projekt oder ihrer Mobilitätsaktion unterstützt werden (z. B. durch sprachliche Unter- stützung oder vorbereitende Besuche), um den größtmöglichen Nutzen daraus zu ziehen. Flexiblere Lernangebote: Die Pro- gramme beinhalten nun vielfältigere Projekt- und Mobilitätsmöglichkeiten mit unterschiedlicher Dauer und un- terschiedlichem Format (virtuell oder in Präsenz, individuell oder in der Gruppe), damit alle Teilnehmenden die für sie passendsten Angebote wahrnehmen können. Klarere Kommunikation und Berichter- stattung: Bei der Kommunikation über die Programme sind die Europäische Kommission, die Nationalen Agenturen und alle auf nationaler und lokaler Ebene beteiligten Akteure stark um be- nutzerfreundlichere, barrierefreie und mehrsprachige Dokumente und Mate- rialien bemüht. Im Einklang mit diesen Neuerungen eröff- net das neue Programm Erasmus+ neue Möglichkeiten für die Mobilität erwachse- ner Lernender. Um die Wirkung der Aktion zu maximieren, richten sich diese Aktivi- täten speziell an erwachsene Lernende mit geringeren Chancen sowie an geringquali- fizierte Erwachsene. Zu den angebotenen Aktivitäten gehören auch Gruppenmobilität und individuelle Auslandsaufenthalte. 2 https://erasmus-plus.ec.europa.eu/sites/default/files/2021-12/implementation-inclusion-diversity_apr21_de.pdf 3 https://erasmus-plus.ec.europa.eu/document/commission-decision-framework-inclusion-2021-27 8 9 Bildung Für Europa | Juli 2022 Inklusion und Vielfalt Ein weiteres Beispiel für die Übertragung von Erfahrungen aus anderen Bereichen in die allgemeine und berufliche Bildung und Erwachsenenbildung zwecks Erhöhung der Inklusivität der geförderten Aktionen ist die Möglichkeit eines vorbereitenden Besuchs der Organisationen beim aufneh- menden Partner vor der Mobilitätsaktivität. Diese Besuche sind besonders interessant, um die Mobilität von Teilnehmenden mit geringeren Chancen besser vorzubereiten, die Zusammenarbeit mit einer neuen Part- nerorganisation aufzunehmen oder längere Mobilitätsaktivitäten vorzubereiten. Darüber hinaus wurde im Rahmen von Eras- mus+ kürzlich eine neue DiscoverEU-Aktion aufgelegt, um noch mehr jungen Erwachse- nen mit geringeren Chancen die Teilnahme an dieser Initiative und eine Horizont- und Wissenserweiterung durch das Bereisen verschiedener EU-Länder mit dem Zug zu ermöglichen. Dabei werden Teilnehmende, die vor kurzem das 18. Lebensjahr vollen- det haben, direkt von einschlägigen Orga- nisationen unterstützt und von gezielterer Unterstützung und entsprechenden Finan- zierungsmöglichkeiten profitieren. Aktive Rolle von Organisationen Damit all diese Mechanismen in der Praxis funktionieren, müssen wir natürlich auf die aktive Rolle und die Bemühungen aller Or- ganisationen setzen, die Erasmus+-Projekte durchführen. Von den neuen Programmen erhoffen wir uns vor allem eine verstärkte Beteiligung kleiner Organisationen, insbe- sondere von Erstantragstellern und Basisor- ganisationen auf lokaler Ebene, die direkt mit Lernenden mit geringeren Chancen al- ler Altersgruppen zusammenarbeiten, bei- spielsweise im Rahmen neuer Formate wie den kleineren Partnerschaften. Wer in diesen Bereich tätig ist, kann mit Menschen, die am schwersten zu erreichen sind, am leichtesten in Kontakt kommen und ihnen dabei helfen, die Ängste und Hindernisse zu überwinden und sie auf dem Weg zu einer einmaligen Erfahrung im Rahmen der Programme begleiten. Damit diese Inklusionsmechanismen greifen, sind wir auf Sie angewiesen! © A nd re yP op ov /A do be St oc k. co m Gebärdensprache unterstützt die Kommunikation mit gehörlosen oder stark schwerhörigen Menschen. UTE HALLER-BLOCK Leiterin des Referats "Erasmus+ Koordinierung" bei der Europäischen Kommission © p riv at & E ur op äi sc he K om is si onMARTA GUTIERREZ BENET Leiterin des Sektors "Erasmus+ Design und Umsetzung" 10 11 D © Z ar ya M ax im /A do be St oc k. co m Die Inklusionsstrategie in der neuen Programmgeneration Zugang für alle as europäische Bildungsprogramm Eras- mus+ hat für die Programmgeneration 2021 bis 2027 Inklusion und Vielfalt zu einer der wichtigsten Prioritäten und Grundprinzipien für alle Projekte und Aktivitäten in allen Programmaktionen erklärt. Inklusion bedeutet im neuen Erasmus+-Programm, bewusst und aktiv Barrieren und Hindernisse der Teilhabe, des Zugangs und der Beteiligung für Lernende sowie Gruppen mit geringeren Chancen zu beseitigen. Dabei werden verschiedene Eigenschaften und Be- sonderheiten, durch die sich Indivi- duen und Gruppen unterscheiden, anerkannt und wertgeschätzt. Es wird angestrebt, unter- schiedliche Identitäten als selbstverständlichen Teil unserer europäischen Ge- sellschaft anzusehen. 10 11 Bildung Für Europa | Juli 2022 Bei der Entwicklung der Projekte und Aktivitäten in der neuen Pro- grammgeneration sind Organisationen gefordert den Zugang zu bestehenden Angeboten für Lernende mit geringeren Chancen zu sichern und ihre Projekte didaktisch inklusiver zu gestalten. Neben gezielter finanzieller und individueller Unterstützung der Teilneh- menden in allen Phasen des Programms sollen auch teilnehmende Organisationen und flexible Lernangebote unterstützt werden. Ziele der Inklusionsstrategie Zentrales Ziel der Inklusionsstrategie besteht darin, für alle Ler- nenden Zugangschancen zum Erasmus+-Programm zu schaffen. Neben der Erhöhung der Sichtbarkeit des Themas soll ein gemein- sames Verständnis der Personen und Einrichtungen mit geringen Chancen entwickelt werden. Dabei soll sichergestellt werden, dass der Fokus auf Inklusion und Vielfalt in allen Phasen des Projekts beachtet wird. Zudem soll das „Commitment“ zu Inklusion und Vielfalt von allen am Programm Beteiligten erhöht werden. Auch Instrumente von Projektträgern sowie akkreditierten Einrichtungen zur Umsetzung von Inklusionsprojekten sollen besser unterstützt werden. Des Weiteren sollen sowohl für die Teilnehmenden als auch für die antragstellenden Einrichtungen jegliche Hindernisse re- duziert werden. Auch soll die Anerkennung der Kompetenzen von Teilnehmenden mit geringen Chancen verbessert werden. Zu den Inklusionsmaßnahmen zählen dabei konkret: gezielte finanzielle Förderung, individuelle Begleitung der Teilnehmenden in allen Phasen des Programms, Unterstützung teilnehmender Organisationen und flexible Lernangebote. Barrieren und Hindernisse Mit den neuen Inklusionsmaßnahmen wird angestrebt, Barrieren und Hindernisse, die eine Teilnahme am Erasmus+-Programm bis- lang verhindert haben, auszuräumen. Erasmus+ folgt dabei einem ganzheitlichen Inklusionsbegriff. Angebote im Bildungsbereich sol- len so gestaltet werden, dass sie alle Menschen erreichen. Men- schen, die aufgrund verschiedener Barrieren und Hindernisse bisher nicht am Programm teilgenommen haben, soll der Zugang erleich- tert werden. So können diskriminierungsbedingte Hindernisse aufgrund von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Weltan- schauung, sexueller Orientierung, Behinderung oder übergrei- fenden Faktoren entstehen, wobei auch eine Kombination eines oder mehrerer der genannten Diskriminierungsgründe möglich ist. Neben Menschen mit mentalen, körperlichen, sensorischen oder sonstigen Beeinträchtigungen sowie Menschen mit anderweitigen gesundheitlichen Problemen (z.B. chronische oder psychische Er- krankungen), sprechen die Inklusionsmaßnahmen auch Menschen mit Migrationshintergrund, Geflüchtete sowie Neuzugezogene an. Des Weiteren werden auch Menschen mit familiär bedingten sozialen Hürden adressiert. Diese können beispielsweise durch be- grenzte soziale Kompetenzen, risikoreiches Verhalten oder Alkohol- und Drogenmissbrauch entstehen. Auch wirtschaftliche Faktoren, wie beispielsweise ein niedriger Lebensstandard, Langzeitarbeitslo- sigkeit oder ein geringes Einkommen, werden bei den Inklusions- maßnahmen berücksichtigt. Zugangsbarrieren können aber auch geografisch bedingt sein, wie z.B. das Wohnen in abgelegenen oder ländlichen Gebieten, in Randgebieten, in städtischen Voror- ten, in strukturschwachen Gegenden mit begrenztem öffentlichen Nahverkehr oder unzureichenden Versorgungseinrichtungen. Hin- dernisse im Zusammenhang mit Systemen der allgemeinen und be- ruflichen Bildung, können dazu führen, dass Menschen keine guten Leistungen erbringen, frühzeitig aus dem System ausscheiden oder sich nicht am Erasmus+-Programm beteiligen. Unterstützungsmöglichkeiten zur Förderung von Inklusion und Diversität Beide Leitaktionen des Erasmus+-Programms bieten Möglichkeiten, um die oben erwähnten Hürden abzubauen und somit eine Teilha- be zu ermöglichen. Des Weiteren bestehen in allen Leitaktionen für Teilnehmende mit geringeren Chancen zusätzliche Fördermöglich- keiten, welche unter dem Begriff „Inklusionsunterstützung“ gefasst werden. Diese besondere finanzielle Unterstützung für Inklusions- projekte kann beispielsweise die Übernahme von Kosten für Special Needs für alle Menschen mit geringeren Chancen beinhalten. So können erhöhte Unterkunfts-, Reisekosten, Betreuungskosten oder auch Kosten die aufgrund einer schwierigen finanziellen Situation der Teilnehmenden entstehen, übernommen werden. Auch eine Pauschale für die Organisation, flexible und verständ- liche Finanzierungsmechanismen (angepasst an Bedarfe vor Ort, Vorschüsse) oder spezielle Förderung von kleinen Organisationen und Newcomern sind Teil der Inklusionsunterstützung. Des Weiteren bietet die neue Programmgeneration auch kleine und niedrigschwellige Programmaktionen mit geringem adminis- trativem Aufwand, Kurzzeitmobilitäten und kleinere Projekte zum Einstieg in die europäische Arbeit, europäische Aktivitäten auf lo- kaler Ebene sowie den Online-Austausch über virtuelle Lernräume. Zudem unterstützt Erasmus+ beim Sprachenlernen durch das Eras- mus+-Tool „Online Linguistic Support“ wie auch Möglichkeiten des Capacity Building der Projektteilnehmenden. In der Leitaktion 1 (Mobilität von Einzelpersonen) können sowohl Lernenden als auch Bildungspersonal mit geringeren Chancen Aus- landspraktika und Lernaufenthalte ermöglicht werden. Zudem kön- Inklusion und Vielfalt 12 13Inklusion und Vielfalt nen Job-Shadowings oder Lehraufenthalte von Bildungspersonal und in Auslandspraktika von Lernenden, wie zum Beispiel ange- hende Erzieherinnen und Erzieher, gefördert werden. Auch mit der Leitaktion 2 (Partnerschaften für Zusammenarbeit) sind verschiedene thematische Schwerpunkte im Bereich Inklusion und Vielfalt möglich. Während in einigen Projekten die Entwicklung von Curricula für das Bildungspersonal mit dem Ziel der Erweite- rung der Kompetenzen im Bereich der Diversität und Inklusion im Lehr- und Lerngeschehen im Mittelpunkt steht, fokussieren sich andere Projekte auf die Entwicklung und Erprobung neuer Lern- methoden oder digitale Lernumgebungen, um die Integration von benachteiligten Gruppen in die Gesellschaft und/oder die Arbeits- welt zu verbessern. Andere Träger befassen sich mit dem Aufbau und der Stärkung ihrer europäischen Netzwerke oder organisieren Lernaufenthalte im europäischen Ausland für Menschen mit gerin- geren Chancen. Die Rolle der Nationalen Agentur Bei der Umsetzung der Inklusionsstrategie nimmt die Nationale Agentur zahlreiche Aufgaben wahr. Neben der Öffentlichkeits- arbeit und Sensibilisierung bietet sie Unterstützungsangebote im gesamten Projektzyklus an (u. a. Projektbesuche, Coaches, Social Media). Des Weiteren sollen Trainings und Networking für Organi- sationen, NA-Mitarbeiter/-innen und Gutachter/-innen angeboten werden. Um bereits geförderte oder interessierte Träger näher über die Möglichkeiten im Bereich Inklusion und Vielfalt zu informie- ren, plant die NA beim BIBB in der nahen Zukunft niederschwel- lige Beratungs- und Schulungsangebote. Auch die Förderung von Synergien mit anderen Programmen, z.B. dem Europäischen Sozi- alfond (ESF), ist eine wichtige Aufgabe der NA. Es wird angestrebt, Gutachter/-innen mit besonderem Förderbedarf aktiv einzubinden. Zudem entwickelt die NA beim BIBB eine nationale Strategie zu Inklusion und Diversität und legt Indikatoren für die Inklusion im Berichtswesen der EU-Kommission fest. Die Umsetzung der Inklusi- onsstrategie wird federführend von Inclusion Officers angetrieben, welche in jeder Nationalen Agentur eingesetzt werden. INFO: https://www.na-bibb.de/themen/inklusion-und-vielfalt DR. SABRINA INEZ WELLER Inklusionsbeauftragte des Erasmus+-Programms in der NA beim BIBB weller@bibb.de Behinderungen, Beeinträchtigungen Diskriminierung Gesundheitliche Probleme Geografische HindernisseWirtschaftliche Hindernisse Kulturelle Unterschiede Soziale Hindernisse Hindernisse im System der allgemeinen und beruflichen Bildung Abb. Hindernisse und Barrieren © M as te r1 30 5| ad ob eS to ck .c om © p riv at https://www.na-bibb.de/themen/inklusion-und-vielfalt 12 13 Bildung Für Europa | Juli 2022 Inklusion und Vielfalt Im Rahmen des Projekts „SymfoS for Youth Care“ wurde eine innovative Beratungsmethode basierend auf dem Ansatz der Symbolarbeit entwickelt. Die Einführung dieser Methode in die Systeme der Jugendhilfe verbessert die Integrationschancen benachteilig- ter junger Menschen (NEETs) in Euro- pa und fördert deren gesellschaftliche Teilhabe. „SymfoS for Youth Care“ ist ein integrativer, lernzentrierter An- satz, der Jugendliche befähigt, Wörter für Situationen zu finden, die schwer zu beschreiben sind. Es hilft ihnen, sich ein klares Bild von ihrer ei- genen Zukunft zu machen und erreichbare Ziele zu definieren. Der Ansatz hilft, "ver- steckte" Ressourcen zu entdecken, erhöht die Motivation und Eigenverantwortung und stärkt die Fähigkeit zur Problemlösung. Junge Menschen werden so befähigt, ihre Probleme zu bewältigen – sei es in Bezug auf ihre Familien oder ihre Lebenssituation, auf persönliche Gewohnheiten oder auf die Teilnahme an Ausbildung und Arbeit. Die Arbeit mit Symbolen in der Jugendhil- fe bietet jungen Menschen eine zusätzliche universelle Sprache. Kurz gesagt: Symbolar- beit bringt Menschen dazu, nach sich selbst zu suchen. Symbole sind in den Situationen hilfreich, die mit Worten oder anderen Kommunikationsmitteln nur schwer oder gar nicht beschreibbar sind. Materialien für Fachkräfte in der Jugendarbeit Die Methoden und Interventionen von „SymfoS for Youth Care“ sollen sowohl Fachkräfte in der Jugendarbeit als auch Studierende im Bereich Sozialwesen dazu befähigen, junge Menschen mit geringen Chancen wirkungsvoll zu unterstützen. Innovativ sind zum einen die Übertragung der bisherigen Methode von der Berufs- beratung auf das Jugendfürsorgesystem in jedem Partnerland und zum anderen die Erweiterung des SymfoS-Bildungsansatzes mit Webkursen zur Erstausbildung an Hoch- schulen. Mit den folgenden Produkten, Instrumenten und Angeboten, die über die Projektwebsite verfügbar sind, können diese Fachkräfte ihr berufliches Handlungsspektrum effek- tiv erweitern: Ein Interventionsset beste- hend aus großer und kleiner Intervention der Symbolarbeit, ein Curriculum für einen Face-to-Face-Trainingskurs, ein Blended- Learning-Ansatz, eine Online-Lernplattform. Das SymfoS-Peer-Buddy-System erläutert die Möglichkeiten, Grenzen und Vorausset- zungen für den Einsatz von Peers in Sym- foS-Interventionen. Um die Umsetzung der SymfoS-Methode zu erleichtern, wurde zudem ein Transferhandbuch, in dem alle Anforderungen auf organisatorischer und systemischer Ebene für die langfristige Um- setzung der SymfoS-Methode für Dienstleis- tende im Bereich der Jugendhilfe beschrie- ben werden, entwickelt. Die SymfoS-Methode wurde bereits an mehreren Hochschulen in Deutschland und Österreich in das Ausbildungsprogramm für Studierende im Bereich Sozialwesen inte- griert. Good Practice: SymfoS for Youth Care Symbole sagen mehr als tausend Worte © S t. H en ke / S W D C PROJEKTINFO Projekttitel: SymfoS for Youth Care Projektnummer: 2018-1-DE02-KA202-005183 Projektdauer: 01.09.2018 - 31.08.2021 Beteiligte Länder: DE, ES, PT, UK, AT Projektträger: Sozialwerk Dürener Christen Kontakt: Josef Loup j.loup@sozialwerk-dueren.de Website: www.symfos-youth.eu Erasmus+ Project Results Platform: https://erasmus-plus.ec.europa.eu/ projects/search/details/2018-1-DE02- KA202-005183 https://erasmus-plus.ec.europa.eu/projects/search/details/2018-1-DE02-KA202-005183 https://erasmus-plus.ec.europa.eu/projects/search/details/2018-1-DE02-KA202-005183 https://erasmus-plus.ec.europa.eu/projects/search/details/2018-1-DE02-KA202-005183 14 15Inklusion und Vielfalt Vom Jugendbereich lernen ie gelingt die inklusive Programmum- setzung und was können Nationale Agenturen, Organisationen und Fach- kräfte dazu beitragen? Im Jugendbe- reich wurden hierzu in erfolgreichen inklusiven Projekten bereits Erfah- rungen gesammelt. Inklusiven und diversitätssensiblen Projekt- ansätzen wird in den EU-Programmen für den Jugendbereich – heute Erasmus+ Ju- gend und Europäisches Solidaritätskorps – schon seit Langem eine hohe Priorität beigemessen. Dementsprechend lag der Anteil Lernender mit geringeren Chancen in Erasmus+-Projekten im Jugendbereich in der Programmgeneration 2014-2020 in Deutschland bei etwa 40 Prozent1. Bereits im Vorgängerprogramm JUGEND IN AKTION (2007-2013) wurde eine Inklu- sionsstrategie verabschiedet, die 2014 im Rahmen von Erasmus+ als Inklusions- und Diversitätsstrategie für den Jugendbereich2 aktualisiert wurde. Seither hat die Förde- rung der Programmpriorität im Jugendsek- tor stetig an Bedeutung und Sichtbarkeit hinzugewonnen, wurde durch konkrete Maßnahmen unterlegt und durch euro- päische und nationale Gremien begleitet. Durch die Benennung von Inclusion Officers wurden in vielen Nationalen Agenturen fes- te Zuständigkeiten für das Thema geschaf- fen. Gleichzeitig wurde durch langfristige strategische Kooperationsprojekte3 und in Arbeitsgruppen auf europäischer Ebene der Austausch dazu zwischen den Natio- nalen Agenturen gefördert. Dies hat den Auf- und Ausbau entsprechender Expertise sowie gezielte gemeinsame Initiativen und Aktivitäten, wie die Schaffung einschlä- giger Weiterbildungs- und Netzwerkange- bote für Fachkräfte und Organisationen, begünstigt. Zentrale Rolle der Stakeholder und Projektträger Wichtig war und ist den Nationalen Agen- turen im Jugendbereich immer auch die Zusammenarbeit mit externen Stakehol- dern aus relevanten Arbeitsfeldern, wie der Jugendsozialarbeit oder der Behinderten- hilfe. So arbeitet JUGEND für Europa, die Nationale Agentur für die EU-Programme Erasmus+ Jugend und Europäisches So- lidaritätskorps in Deutschland, bei der Entwicklung nationaler Strategien und Maßnahmen zur inklusiven Programmum- setzung unter anderem im Rahmen der Arbeitsgruppe Inklusion und Vielfalt des Programmbeirats mit Expertinnen und Ex- perten zusammen. Zu den Maßnahmen, die weiterhin ausgebaut werden, gehören neben der unterstützenden Beratung von Antragstellenden und Projektträgern zum Beispiel die gezielte Ansprache und Beglei- tung von Organisationen, die mit unterre- präsentierten Zielgruppen arbeiten. Letztlich sind es die in den Programmen engagierten Organisationen und Fachkräf- te, welche die Programmpriorität Inklusion und Vielfalt mit Leben füllen. Neben Trä- gern, die bereits seit vielen Jahren hervor- ragende inklusive Jugendprojekte umsetzen oder Methoden und Konzepte der inklusi- ven Jugendarbeit weiterentwickeln, ist zu beobachten, dass sich immer mehr Organi- sationen auf den Weg machen, die eigene Arbeit inklusiver zu gestalten. Gleichzeitig finden, wenn auch immer noch mit Hür- den, immer mehr Einrichtungen und Or- ganisationen Zugang zu den Programmen, die nicht originär aus dem Feld der (euro- päischen) Jugendarbeit stammen, sondern aus Arbeitsfeldern, die für die inklusive Pro- grammnutzung besonders interessant sind – Hilfen zur Erziehung, Jugendsozialarbeit, Organisationen von Migrantinnen und Mi- granten usw. Gelingensfaktoren für mehr Inklusion So unterschiedlich die an der Programm- umsetzung beteiligten Akteurinnen und Akteure sowie ihre Zielgruppen – entspre- chend dem weiten Inklusionsbegriff der EU-Jugendprogramme – auch sind, zeigen die Erfahrungen doch, dass bestimmte Fak- toren für die inklusive Arbeit besonders re- levant sind. Das fängt mit Haltung, Kenntnissen und Qualifikationen aller Beteiligten an, denn nach wie vor gelten europäische Projekte eher als „Luxusaktivitäten“ und als unge- eignet für junge Menschen, die zum Bei- spiel in prekären Situationen leben oder geringere schulische Leistungen erbringen – nicht zuletzt bei den jungen Menschen selbst4. Es reicht daher nicht zu deklarie- ren, dass Projekte allen Personen offenste- hen, denn Menschen, die immer wieder Ablehnung erfahren, werden davon nicht angesprochen. Hier sind Sensibilisierung, Qualifizierung, direkte Ansprache, aber auch Peer-Vermittlung nötig und hilfreich – von Fachkräften zu Fachkräften, aber auch von ehemaligen Projektteilnehmenden zu Gleichaltrigen. Inklusion und Vielfalt in Erasmus+ Jugend und Europäischem Solidaritätskorps W 1 Zahlen für alle bereits abgerechneten Projekte aus der Programmgeneration 2014-2020 (Stand 18.01.2022) 2 Erasmus+ Inclusion and Diversity Strategy – in the field of Youth, European Commission, Directorate General for Education and Culture, 2014. www.salto-youth.net/downloads/4-17-3103/InclusionAndDiversityStrategy.pdf (13.04.2022) 3 Zum Beispiel der Strategic Partnership for Inclusion: www.salto-youth.net/rc/inclusion/inclusionfornas/spinclusion/ (20.04.2022) 4 Siehe hierzu auch die Erkenntnisse der „Zugangsstudie - Warum nicht? Studie zum internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren“: Forschung und Praxis im Dialog – Internationale Jugendarbeit (FPD)/transfer e.V.: Die Zugangsstudie Ergebnisse des Forschungsprojektes, S. 28 (https://www.zugangsstudie.de/wp-content/uploads/2020/01/Broschüre_Die-Zugangsstudie_Ergebnisse-des-Forschungsprojektes_ Stand-August-2019.pdf) http://www.salto-youth.net/downloads/4-17-3103/InclusionAndDiversityStrategy.pdf http://www.salto-youth.net/rc/inclusion/inclusionfornas/spinclusion/ https://www.zugangsstudie.de/wp-content/uploads/2020/01/Broschüre_Die-Zugangsstudie_Ergebnisse-des-Forschungsprojektes_Stand-August-2019.pdf https://www.zugangsstudie.de/wp-content/uploads/2020/01/Broschüre_Die-Zugangsstudie_Ergebnisse-des-Forschungsprojektes_Stand-August-2019.pdf 14 15 Bildung Für Europa | Juli 2022 Inklusion und Vielfalt Von grundlegender Bedeutung sind au- ßerdem stabile Partnerschaften und Netz- werke, sowohl auf lokaler als auch auf europäischer Ebene. So erleichtern Part- nerschaften zwischen erfahrenen Trägern europäischer Projekte und lokalen Einrich- tungen und Initiativen, die mit benachtei- ligten jungen Menschen arbeiten, letzteren den Einstieg in die EU-Jugendprogramme und ersteren die Erreichung neuer Ziel- gruppen. Durch die Einbindung lokaler Träger, zum Beispiel der Flüchtlings- oder Erziehungshilfe, können junge Menschen durch Bezugs- und Vertrauenspersonen für europäische Projekte motiviert und auf dem Weg dorthin sowie währenddessen begleitet werden. Die lokale bzw. natio- nale Vorbereitung eines Projekts und der Beziehungsaufbau mit den Projektverant- wortlichen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Hier kommt die finanzielle Inklusions- förderung in Erasmus+ ins Spiel, die zum Beispiel für eine engere Betreuung genutzt werden kann. Außerdem kann die Einbe- ziehung des persönlichen Umfelds wichtig sein, denn auch Eltern, Lehrende, Sozialar- beiterinnen und Sozialarbeiter usw. können einem Auslandsaufenthalt skeptisch gegen- überstehen oder ihn fördern. Ebenso wichtig wie die Berücksichtigung der Lebensrealität potenzieller Teilneh- mender ist deren Partizipation und Ein- bindung in die Projektvorbereitung und -gestaltung. Dadurch kann sichergestellt werden, dass ihre Bedürfnisse und Interes- sen in der Projektplanung Berücksichtigung finden, seien es Bedarfe im Zusammenhang mit einer körperlichen Beeinträchtigung oder Inhalte und Formate, die sie langfristig zur Teilnahme motivieren. Learning by Doing Sicher lassen sich viele der genannten Gelingensfaktoren auf Projekte der beruf- lichen oder Erwachsenenbildung übertra- gen. Wichtig ist dabei, dass der Aufbau inklusiver Strukturen Zeit braucht. Es geht nicht darum, von Anfang an perfekte inklu- sive Projekte umzusetzen, sondern sich auf den Weg zu machen, erste Schritte zu ge- hen und mit den Erfahrungen zu wachsen – genau wie die Teilnehmenden an europä- ischen Projekten. INFO: HANNA SCHÜSSLER Fachreferentin für Inklusion und Vielfalt bei JUGEND für Europa Programmteil Jugend in Erasmus+: www.erasmusplus-jugend.de Programmwebsite Europäisches Solidaritätskorps: www.solidaritaetskorps.de © p riv at 16 17Inklusion © P in ka se vi ch /A do be St oc k. co m Die Publikation ist als Download oder gedrucktes Buch erhältlich: wbv.de/isbn/9783763971503 http://wbv.de/isbn/9783763971503 16 17 Bildung Für Europa | Juli 2022 Inklusion und Vielfalt esen und Schreiben stellen nach wie vor wichtige Schlüsselfertigkeiten dar, um all- tägliche Anforderungen in einer zuneh- mend digitalisierten Arbeits- und Lebens- welt selbstständig bewältigen zu können. Laut LEO-Studie 2018 der Universität Ham- burg sind 6,2 Millionen Erwachsene im Deutschen gering literalisiert, d.h. sie kön- nen allenfalls nur bis zur Ebene einfacher Sätze lesen und schreiben1. Die LEO-Studie erfasst bundesweit die Lese- und Schreib- kompetenz von deutsch sprechenden Er- wachsenen im Alter von 18 bis 64 Jahren sowie literale Praktiken und Kompetenzen in den Bereichen Digitale Medien, Ge- sundheit, Finanzen und Politik; erstmalig wurde die LEO-Studie 2010 durchgeführt. Die Ursachen von geringer Literalität sind vielfältig und häufig ist es ein Zusammen- spiel verschiedener Faktoren individueller und struktureller Art, die zu den Problemen geführt haben. So werden schwierige sozi- ale und familiäre Verhältnisse, Brüche in der Schulbiografie, nicht erkannte Lese- und Rechtschreibschwächen, negative Erfah- rungen in der Schule und wenig Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten als häufigste Ur- sachen genannt. Die LEO-Studie 2018 hat gezeigt, dass die Mehrheit der gering lite- ralisierten Erwachsenen nicht vom Arbeits- markt oder sozialen Leben ausgeschlossen, sondern dauerhaft in den ersten Arbeits- markt und in familiale Strukturen einge- bunden ist. Die Studie zeigt aber auch, dass gering literalisierte Personen schriftsprach- bezogene Anforderungen des praktischen Lebens zwar häufig bewältigen können, aber die Mehrheit Schwierigkeiten damit hat, politische, gesundheitliche, finanzielle oder digitale Angelegenheiten wie z.B. die Vertrauenswürdigkeit von Nachrichten oder Gesundheitsinformationen eigenständig zu beurteilen. Hier macht sich der Nachteil ge- ringer Literalität deutlich bemerkbar und es kann zu vielerlei Teilhabeausschlüssen kom- men.2 Bund und Länder haben im Jahre 2016 die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (2016 – 2026) ausgerufen mit dem Ziel, die Zahl an gering literalisier- ten Erwachsenen deutlich zu verringern und das Grundbildungsniveau zu erhöhen. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen ge- hören dazu auch digitale, finanzielle, ge- sundheitliche, familienbezogene und po- litische Grundbildung. Bund, Länder und Dekade-Partner zielen daher mit vielfältigen Initiativen und Maßnahmen in der Alpha- Dekade darauf, die Öffentlichkeit aufzuklä- ren, das soziale und berufliche Umfeld zu sensibilisieren und mehr Beratungs- und Lernangebote für gering literalisierte Er- wachsene zu schaffen. Lebensweltorientierte Grundbildung: Lernangebote an alltäglichen Anfor- derungen ausrichten Trotz des gestiegenen Bewusstseins und Angebots für Alphabetisierung und Grund- bildung in den letzten Jahren ist die Teil- nahme an entsprechenden Lernangeboten immer noch gering. Aus der Forschung weiß man, dass Nichtteilnahme nicht mit mangelndem Interesse begründet werden kann, sondern der Besuch von Kursen für bildungsungewohnte Personen eine hohe Hürde darstellt, die erst unter großem Handlungsdruck überwunden wird. Das Interesse an Lern- und Bildungsprozessen entzündet sich dabei in der Regel an alltäg- lichen Anforderungen und Themen, z.B. in der Kindererziehung, bei der Wohnungs- suche, bei Behördengängen, beim Arztbe- such oder im Arbeitskontext. Maßnahmen der Alphabetisierung und Grundbildung sind also insbesondere dann wirkungsvoll, wenn sie über den schulbil- dungsnahen Schriftspracherwerb hinaus- gehen und sich stärker an den Interessen und konkreten Bedürfnissen der Teilneh- menden orientieren. Um die Menschen in ihrem gewohnten sozialen Umfeld und mit alltagsrelevanten Themen anzusprechen, Teilhabe fördern durch lebens- weltorientierte Grundbildung Die AlphaDekade hat seit 2016 gering literalisierte Erwachsene im Blick L 1 Anke Grotlüschen, Klaus Buddeberg (Hrsg.): LEO 2018. Leben mit geringer Literalität. Bielefeld, 2020, S. 21 2 Anke Grotlüschen: Verletzbarkeit und Literalität im 21. Jahrhundert. In: Anke Grotlüschen (Hrsg.). Alphabetisierung und Grundbildung von Erwachsenen. Zeitschrift für Pädagogik. 67. Beiheft. Weinheim, 2021, S. 16-34 3 Richtlinie zur Förderung von lebensweltlich orientierten Entwicklungsvorhaben in der Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener vom 30. Mai 2017, Bundesministerium für Bildung und Forschung // Alphabetisierung und Grundbil- dung – im Sinne von Minimalvoraus- setzungen an Wissensbeständen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, ins- besondere im Lesen, Schreiben und Rechnen – sind Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben sowie für die Wahrnehmung demokratischer Rechte und einer aktiven gesell- schaftlichen, kulturellen und ökono- mischen Teilhabe.3 // 18 19 bieten sich aufsuchende Beratungsange- bote im Sozialraum in Kooperation mit den dort beratenden und unterstützenden Ein- richtungen an. Schlüsselpersonen können hier Mitarbeitende von sozialen Beratungs- stellen, Familienzentren oder Kirchenge- meinden sein, die das Vertrauen der Men- schen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten genießen und somit eine Brücke zu Weiter- bildung schlagen können. Neben der Förderung von Projekten der ar- beitsorientierten Grundbildung, die gezielt gering literalisierte Beschäftigte und Aus- zubildende in Betrieben sowie Arbeitssu- chende adressieren, setzt die AlphaDekade daher auch auf die Förderung von Grund- bildungsmaßnahmen in der Lebenswelt. Erkenntnisse der Entwicklungsvor- haben Von 2018 bis 2021 hat das Bundesministe- rium für Bildung und Forschung (BMBF) 20 Entwicklungsvorhaben der lebensweltori- entierten Alphabetisierung und Grundbil- dung Erwachsener gefördert, von denen 12 Vorhaben in eine Transferphase bis 2024 überführt wurden. Bildungseinrichtungen haben in Zusammenarbeit mit sozialräum- lichen Partnern neue Zugangswege zu der Zielgruppe sowie neue Lernorte identifi- ziert und niedrigschwellige und alltagsnahe Lernangebote und Materialien entwickelt, die den Menschen helfen, die erworbenen Grundkenntnisse unmittelbar anzuwenden und alltägliche Aufgaben selbständig zu bewältigen. So sind zahlreiche Material- sammlungen und Handreichungen u.a. in den Themenbereichen Gesundheit und Er- nährung, familienbezogene Grundbildung, Alltagsrechnen und Verbraucherschutz entstanden, die in vielfältigen Beratungs-, Lehr- und Lernsettings genutzt werden können. Ebenso wurden Mitarbeitende der sozialräumlichen Partner wie soziale Dienste, Familienberatungsstellen, Verbrau- cherzentralen oder Kindertagesstätten zum Thema geringe Literalität sensibilisiert und darin geschult, Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten anzusprechen und für die Teilnahme an Lernangeboten zu ge- winnen. Es hat sich gezeigt, dass über die Zusammenarbeit mit den sozialräumlichen Partnern Zielgruppen erreicht werden, die über herkömmliche Komm-Strukturen nicht erreichbar sind. Viele sozialräumliche Einrichtungen sind bereit, in ihren eigenen Strukturen Grundbildungsangebote zu rea- lisieren und auch langfristig zu etablieren. So können Orte der Beratung und Begeg- nung zu Orten der Bildung werden. Es hat sich auch gezeigt, dass in lebensweltlichen Lernangeboten durch die hohe Nutzener- wartung und das Erleben von Teilhabe z.B. beim gemeinsamen Kochen oder im Fami- lientreff, das Selbstvertrauen der Teilneh- menden erweitert und die Lernmotivation gesteigert werden können. Die Erkennt- nisse und Praxisbeispiele aus den 20 Ent- wicklungsvorhaben wurden in einem Sam- melband zusammengeführt. Erfolgreiche Ansätze in die Praxis überführen In der Transferphase zielen die Lebenswelt- projekte darauf, erfolgreiche Konzepte zu verbreiten und strukturell zu verankern. So soll beispielsweise die 1-zu-1-Lernbe- gleitung nachhaltig in zahlreichen Frank- furter Quartieren umgesetzt werden (1zu1 Basic-plus), um Erwachsene, die nicht an einem Gruppenangebot teilnehmen kön- nen oder wollen, in ihrem Sozialraum indi- viduell zu unterstützen. Dass auch Fußball- stadien zu Lernorten werden können, um fußballbegeisterte Menschen für Grundbil- dung zu gewinnen, beweist die Volkshoch- schule Dresden in Zusammenarbeit mit dem SG Dynamo Dresden (mittendrin - mit Kopf und Ball). Und im Projekt Alpha-Kooperativ Transfer werden die im Vorgängerprojekt entwi- ckelten Fortbildungen und Workshops für Lehrkräfte und planendes Bildungspersonal „Vom Lernanlass zum Lernkonzept“ landes- und bundesweit verbreitet. Auch Mehrgenerationenhäuser sind bes- tens vernetzte Orte der Begegnung, des Austauschs und der Unterstützung im All- tag. Sie sind daher wichtige Lernorte und Partner der AlphaDekade. Seit 2018 stellt das BMBF Mittel für den Sonderschwer- punkt „Förderung der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen“ im Rahmen des Bun- desprogramms Mehrgenerationenhaus des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Verfügung. Mehr- generationenhäuser entwickeln neuartige und niedrigschwellige Angebote wie bei- spielsweise offene Lerncafés, Workshops über den Umgang mit Geld, Formularhilfen oder kreative Angebote, bei denen beim Kochen oder Nähen Lesen und Schreiben geübt wird. Übergreifendes Ziel der Projektförderung ist es, lebensweltlich orientierte Alphabetisie- rung und Grundbildung als festen Bestand- teil des allgemeinen Weiterbildungssystems zu etablieren. Ein reger Austausch über neue bildungspo- litische Initiativen in anderen europäischen Ländern sowie über gute Praxis der Umset- zung findet im Rahmen des European Basic Skills Network (www.basicskills.eu) statt. INFO Webseite der Koordinierungsstelle der AlphaDekade: https://www.alphadekade.de/ BMBF-Kampagne „Lesen & Schreiben – mein Schlüssel zur Welt“: https://www.mein-schlüssel-zur-welt.de 1zu1 Basics_plus: https://vhs.frankfurt.de/de/ 1zu1basics?page=1 mittendrin – mit Kopf und Ball: https://www.vhs-dresden.de/ projekte/mittendrin-2.html Alpha-Kooperativ Transfer: https://ttwportal.vhs-bayern.de/web/ ttwbvv.nsf/id/alpha-kooperativ?open BIRGIT GARBE-EMDEN Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Koordinierungsstelle der AlphaDekade im Bundesinstitut für Berufsbildung © B IB B Inklusion und Vielfalt https://www.alphadekade.de/ https://www.mein-schlüssel-zur-welt.de https://vhs.frankfurt.de/de/1zu1basics?page=1 https://vhs.frankfurt.de/de/1zu1basics?page=1 https://www.vhs-dresden.de/projekte/mittendrin-2.html https://www.vhs-dresden.de/projekte/mittendrin-2.html https://ttwportal.vhs-bayern.de/web/ttwbvv.nsf/id/alpha-kooperativ?open https://ttwportal.vhs-bayern.de/web/ttwbvv.nsf/id/alpha-kooperativ?open 18 19 Bildung Für Europa | Juli 2022 LEO-Studie: Wichtige Erkenntnisse auf einen Blick Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte LEO-Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018 untersucht die Literalität (oder Lese- und Schreibfähigkeit) erwachsener Menschen in Deutschland. Die wichtigsten Informationen finden Sie unter https://www.mein-schlüssel-zur-welt.de/de/helfen/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten Die LEO-Studie unterscheidet die erwachsene Bevölkerung an- hand verschiedener Stufen der Lese- und Schreibkompetenz. Rund zwei Millionen Erwachsene erreichen beim Lesen und Schreiben der deutschen Schriftsprache lediglich die Ebene von Wörtern, weitere 4,2 Millionen erreichen die Ebene rela- tiv kurzer Sätze mit gebräuchlichem Wortschatz. Diese 6,2 Mil- lionen Erwachsenen werden im Rahmen der Studie als gering literalisiert beschrieben. Durch die geringe Lese- und Schreib- kompetenz sind betroffene Erwachsene einem erhöhten Risiko ausgesetzt, von einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen zu sein. Weitere zehn Millionen Erwachsene haben Schwierigkeiten mit der korrekten Rechtschreibung, die über Flüchtigkeitsfehler und Fehler bei komplizierten Wörtern hinausgehen. Im Studien- kontext wird dies als fehlerhaftes Schreiben bezeichnet. Mehr zur LEO-Studie: leo.blogs.uni-hamburg.de Geringe Literalität – eine Definition © B M BF Inklusion und Vielfalt https://www.mein-schlüssel-zur-welt.de/de/helfen/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten http://leo.blogs.uni-hamburg.de 20 21 er heute 27-jährige Daniel Ahrndt wurde in den Jahren 2017 bis 2020 am Berufsbildungswerk Neckargemünd zum Industriekaufmann ausgebildet. In dieser Zeit war er über Erasmus+ für ein achtwöchiges Praktikum im spanischen Granada, wo er bei einem Hersteller für Baumaschinen arbeite- te. Heute ist er in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg beschäftigt. Herr Ahrndt, aufgrund einer hochgra- digen Hör- und Sehschädigung haben Sie sich lange Zeit schwer getan mit dem Lernen. Wie hat sich das ausge- wirkt? Ahrndt: Von meiner Hörbeeinträchtigung habe ich erst kurz vor der Einschulung er- fahren. Dennoch fiel damals die Entschei- dung, mich auf eine Regelschule zu schi- cken, was gut war. Später kam noch die Diagnose meiner Augenerkrankung hinzu, das hatte immer stärkere Auswirkungen auf mein soziales und schulisches Leben. Schließlich wechselte ich auf eine Förder- schule und habe dort mein Abitur gemacht. Meine Idee war, anschließend Physik in Aachen zu studieren. Der Sprung war je- doch zu groß, ich habe das auch ein wenig unterschätzt. Daher habe ich das Studium abgebrochen, ebenso wie den Versuch, Wirtschaftswissenschaften an der Fernuni- versität Hagen zu studieren. Wie kam es zur Entscheidung, am Be- rufsbildungswerk Neckargemünd eine Ausbildung zu beginnen? Ahrndt: Das war letztlich eine Entschei- dung für mehr Struktur. Ich war seinerzeit einfach noch nicht bereit für ein Studium, da mir Disziplin und Durchhaltevermögen fehlten. Schon während des Studiums habe ich parallel nach Möglichkeiten der Berufsausbildung gesucht. Dennoch war der Schritt nach Neckargemünd eine große Herausforderung, zugleich aber auch eine kluge Entscheidung. Mir hat die Zeit dort von Anfang an Spaß gemacht. Sehr hilf- reich war dabei, dass alles nah beieinander lag: die Ausbildungsorte, die Berufsschule, das Zusammensein mit anderen Schüle- rinnen und Schülern, die ja alle Betreuung brauchten. Ein Mitarbeiter hat das einmal „das große Haus der kurzen Wege“ ge- nannt. Hier konnte ich die Unterstützung bekommen, die es braucht, um aus den Möglichkeiten eine Chance zu machen. Im Rahmen der Ausbildung haben Sie 2018 die Gelegenheit genutzt, für acht Wochen ins spanische Granada zu gehen. Warum? Ahrndt: Das Thema Ausland war für mich nicht neu. Ich hatte vorher schon ähnliche Erfahrungen gemacht, beim Praktikum in Granada ging es mir vor allem auch um die praktische Arbeit. Für mich war es eine Chance, um nachzuweisen, dass ich die Aus den Möglichkeiten eine Chance machen Während der Ausbildung beim Berufsbildungswerk ins Ausland D © D an ie l A hr nd t Inklusion und Vielfalt Im Sport wie im Leben setzt sich Daniel Ahrndt immer wieder neue Ziele. 20 21 Bildung Für Europa | Juli 2022 © A le ja nd ro /A do be St oc k. co m Inklusion und Vielfalt Kenntnisse, die ich am Berufsbildungswerk erworben habe, auch konkret anwenden kann, noch dazu in einem völlig neuen Um- feld. Wie war die Zeit in Spanien? Ahrndt: Bei einem beruflichen Auslands- aufenthalt ist man sehr unmittelbar am Alltag vor Ort beteiligt. Mein Praktikum bei einem Hersteller für Baumaschinen wurde von einem Partner des Berufsbildungs- werkes organisiert, ebenso die Übernach- tung in dem Hostel, in dem ich wohnte. Dort waren auch andere Erasmus+-Stipen- diaten, vorwiegend aus osteuropäischen Ländern. Es war ein sehr spannender Aus- tausch. Die Arbeit im Betrieb bestand hauptsäch- lich aus Sekretariatsaufgaben. So habe ich Besucherinnen und Besucher empfangen und viel telefoniert. Umso hilfreicher war es, dass ich zuvor einen Spanischkurs ab- solvieren konnte. Wie überhaupt die Vor- bereitung durch das Berufsbildungswerk sehr intensiv war. So habe ich mich schnell zurechtgefunden und konnte mich gut ein- bringen. Sie waren acht Wochen lang dort. Das ist eine lange Zeit, in der Sie sich nicht nur mit Arbeit beschäftigt haben ... Ahrndt: Neben meinem Praktikum habe ich natürlich auch Granada und die Um- gebung erkundet. Besonders beeindruckt hat mich das UNESCO-Weltkulturerbe Al- hambra. Gemeinsam mit einem Freund, der mich besucht hat, habe ich zudem die spanische Küche entdeckt. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Über Erasmus+ ist es möglich, auch Mehrbedarfe in der Betreuung zu för- dern, beispielsweise eine Begleitper- son, die vor Ort unterstützt. Ahrndt: Ja, darüber haben wir gespro- chen. Ich habe mich jedoch dagegen ent- schieden, weil ich mir den Aufenthalt auf jeden Fall allein zutraute. Für Menschen, die noch nicht über entsprechende Erfah- rungen verfügen und sich daher unsicher fühlen, oder auch für diejenigen, deren Mobilität eingeschränkt ist, ist das aber si- cher eine gute Sache. Es nimmt ihnen die Angst, wenn sie jemanden haben, der sie an die Dinge heranführt. Sie wirken auf mich wie ein Mensch, der sehr willensstark ist. Sie waren in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv und haben sogar die Triathlon-Lang- distanz gefinisht. Hat Ihnen das auf Ihrem Weg geholfen? Ahrndt: Nein, nein, es war bisher nur die olympische Distanz (lacht), die Langdistanz steht im Juli bei der traditionsreichen „Chal- lenge Roth“ im Frankenland an. Aber Sie haben recht, im Sport wie im Leben halte ich es für wichtig, mir immer wieder neue Ziele zu setzen und zu versuchen, diese zu erreichen. Für mich gilt: Scheitern ist eine Option, Aufgeben aber nicht. Sowohl meine Zeit bei der Feuerwehr als auch der Sport haben zu dem Selbstvertrauen bei- getragen, das ich heute habe und auch im Rahmen des Erasmus+-Praktikums anwen- den konnte. In gewisser Weise sind Sie auch ein Vorbild. So engagieren Sie sich als Euro-Apprentice, um Ihre Erfahrungen weiterzugeben und für Erasmus+ zu werben. Ahrndt: Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch von einer derartigen Erfahrung profitiert, egal ob in einem Berufsbildungs- werk oder einer normalen Berufsschule. Gerade bei Menschen, die ein physisches oder psychisches Handicap haben, kann dies jedoch einen Schub an Selbstvertrauen schaffen, den sie sonst in zehn Jahren nicht erreichen würden. Das kann ungeahnte Kräfte freisetzen. Vor diesem Hintergrund engagiere ich mich seit 2020 als Botschafter für die Eras- mus+-Auslandspraktika in der beruflichen Bildung. Das ist für mich auch ein Beitrag zur Kultur- und Völkerverständigung – ein Aspekt, den ich gerade angesichts der ak- tuellen weltpolitischen Lage für äußerst wichtig halte. Wo stehen Sie persönlich heute? Ahrndt: Seit etwas mehr als einem Jahr arbeite ich jetzt in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg zum Thema Kurzar- beitergeld. Ich bin sehr froh, wie sich die Dinge entwickelt haben, möchte neben der Arbeit aber auch noch einmal meine Stu- dienpläne aufnehmen. Ich bin noch nicht sicher, in welche Richtung das Ganze ge- hen wird. Das werden wir sehen. Zunächst einmal aber will ich im Juli natürlich die Tri- athlon-Langdistanz schaffen! Herr Ahrndt, viel Erfolg dabei und vie- len Dank für das Gespräch. Das Interview führte Manfred Kasper, freier Journalist, im Auftrag der NA beim BIBB. INFO BERUFSBILDUNGSWERK Berufsbildungswerke sind Unternehmen der überbetrieblichen, dualen Berufsaus- bildung. Sie qualifizieren an bundesweit über 50 Standorten Jugendliche und junge Erwachsene mit einem individuellen För- derbedarf in über 250 Berufen. In Koope- ration mit externen Partner-Betrieben wer- den so über 15 000 junge Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet. Das Berufsbildungswerk Neckargemünd ist mit aktuell 947 Teilnehmerinnen und Teilneh- mern in über 40 Berufen einer der größten Anbieter für duale berufliche Rehabilitation in Deutschland und zudem ein Pionier in Sachen Erasmus+. Bereits vor 20 Jahren wurde hier der Nutzen von Auslands- aufenthalten erkannt. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Podcast unter www.na-bibb.de/podcast-zugang- fuer-alle http://www.na-bibb.de/podcast-zugang-fuer-alle http://www.na-bibb.de/podcast-zugang-fuer-alle 22 23 icht jedem ist es von Haus aus gege- ben, geradlinig in Ausbildung und Beruf einzumünden. Mit „Integration durch Austausch (IdA)“, können junge Menschen mit besonderem Förderbe- darf, oftmals in schwierigen Lebensla- gen, denen der Weg ins Ausland nicht selbstverständlich offensteht, ein Praktikum im europäischen Ausland absolvieren, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Dieser Ansatz wurde bereits im Rahmen des Vorgängerprogramms „IdA – Integra- tion durch Austausch“ der ESF-Förderpe- riode 2007-2013 entwickelt. Er ergänzte die bisherigen europäischen Austauschpro- gramme für Studierende und Auszubilden- de erstmals um ein Austauschprogramm für benachteiligte, arbeitslose junge Men- schen. Mit IdA werden insbesondere junge Menschen im Alter von 18 bis zu 35 Jahren am Übergang Schule-Ausbildung und Aus- bildung-Beruf angesprochen, die aufgrund von beruflichen Startschwierigkeiten und oft auch sozialen Problemen von den Job- centern bzw. Agenturen für Arbeit nicht erfolgreich erreicht werden. Zentraler Bestandteil der Förderung ist ein zwei- bis sechsmonatiger begleiteter Aus- landsaufenthalt mit einem betrieblichen Praktikum in einem anderen EU-Mitglied- staat, eingebunden in einen Projektzyklus mit intensiver Vor- und Nachbereitungspha- se für die Teilnehmenden und enger Einbin- dung der Jobcenter, Agenturen für Arbeit sowie von Betrieben. Die Integration der Zielgruppe in Arbeit oder Ausbildung wird in der Nachbereitungsphase durch eine abgestimmte Zusammenarbeit zwischen den regionalen Arbeitsmarktakteuren und Kooperationsbetrieben sichergestellt. Flan- kiert werden diese Aktivitäten durch re- gelmäßige fachliche Austausche mit den transnationalen Partnerorganisationen, an denen auch regelmäßig die Vertreterinnen und Vertreter der Jobcenter teilnehmen. Gefördert werden seit 2015 ingesamt 32 Projekte. Einige Projekte sind noch bis Juni 2022 aktiv. Das Programm läuft nun mit Ende der aktuellen Förderperiode aus. Ein Grund zurück zu blicken. Mit den IdA-Projekten wurden seit Mitte Juli 2015 bis Dezember 2021 circa 3.500 junge Menschen ins Ausland in 16 Länder entsen- det. Trotz der sehr schwierigen Zielgruppe mit teilweise erheblichen auch psychischen Einschränkungen gelingt eine hohe Arbeits- marktintegration von circa 55 Prozent. Erfolg durch Lernerfahrung im Ausland – Potenziale von Auslandspraktika Die Erfahrungen der IdA-Projekte bestäti- gen, dass die Teilnehmenden motivierter in den Bewerbungsprozess starten. Sie ge- winnen praktische Erfahrungen und entwi- ckeln darauf aufbauend klarere berufliche Zukunftsvorstellungen. Die Möglichkeit, in einem komplett anderen Umfeld Erfah- rungen zu sammeln und sich beruflich zu orientieren, stärkt gleichermaßen die per- sönlichen Kompetenzen und das Selbst- bewusstsein. Viele Teilnehmende sind das erste Mal über einen so langen Zeitraum von ihren Familien und ihrem Freundeskreis N Integration durch Austausch (IdA) Auslandspraktika öffnen Türen in die Arbeitswelt © S ev en ty fo ur /A do be St oc k. co m 22 23 Bildung Für Europa | Juli 2022 Inklusion und Vielfalt entfernt und gewinnen über das eigenstän- dige Leben in einer fremden Kultur und das mehrmonatige Praktikum eine Perspektive für die berufliche und persönliche Entwick- lung. „IDA IST DER TÜRÖFFNER ZUM PERSPEKTIVENWECHSEL. DIE JUNGEN MENSCHEN GEWINNEN AN SELBSTVERTRAUEN, PERSÖN- LICHKEIT, SOZIALEN UND FACH- LICHEN KOMPETENZEN. SIE ERLEBEN ANERKENNUNG, ACHTUNG UND ERFOLG.“ // Jobcenter Salzlandkreis IdA – Modell für weitere EU-Mitglied- staaten und -Regionen Basierend auf diesen positiven Ergebnissen führen in der jetzigen ESF-Förderperiode insgesamt acht europäische Mitgliedstaa- ten und Regionen erfolgreich korrespondie- rende Mobilitätsprogramme für benachtei- ligte junge Menschen durch (Deutschland, Polen, Schweden, Slowenien, Tschechien sowie die Regionen Galizien, Katalonien und Trento). Koordiniert werden diese Pro- gramme durch das europäische Lernnetz- werk zu Transnationalen Mobilitätsmaß- nahmen für benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene (TLN Mobility). Circa 660 Teilnehmende wurden von den IdA-Projekten aus Italien, Polen, Slowenien, Spanien, Tschechien im Rahmen dieser Pro- gramme aufgenommen. Erfolgsfaktoren Entscheidend zum Erfolg des Programms haben u.a. die Umsetzung als Kooperati- onsverbund mit aktiver und verbindlicher Einbindung von Betrieben und Jobcentern sowie anderen relevanten Arbeitsmarktak- teuren der Region in das Projekt, die von Beginn an durchgehende intensive päd- agogische Begleitung und Betreuung der Teilnehmenden, die Weitergewährung der Transferleistungen sowie insbesondere die Verlässlichkeit der transnationalen Koope- rationsbeziehungen beigetragen. Ausblick: Wie geht es weiter? Was in Deutschland bereits mit dem ESF-Programm "Integration durch Aus- tausch (IdA)" erfolgreich praktiziert wird, soll nun auch europaweit möglich werden. Mit dem neuen EU-Austauschprogramm ALMA (Aim, Learn, Master, Achieve) der Europäischen Kommission sollen junge Menschen, die weder Ausbildung noch Job gefunden haben, in Zukunft verstärkt die Möglichkeit haben, Berufserfahrung im Ausland zu sammeln. Anknüpfend an die erfolgreiche Umset- zung des IdA-Programms beteiligt sich das Bundesministerium für Arbeit und Sozia- les mit dem ESF Plus-Programm der ESF Plus-Förderperiode 2021-2027 "JUVENTUS Deutschland - Mobilität stärken - für ein soziales Europa“ an der neuen Initiative ALMA. Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit anderen europäischen Mitgliedstaaten, die im Rahmen von ALMA Mobilitätsprogram- me planen, den Zugang zu Auslandserfah- rung für benachteiligte Jugendliche auch weiterhin zu ermöglichen und hierdurch ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu ver- bessern. Ein Schwerpunkt von JUVENTUS soll daher die Verstärkung des Austauschs der Jugendlichen sein. Darüber hinaus geht es um die Vermittlung der Chancen, die ein soziales Europa bietet, dem Kennenlernen und der Wertschätzung anderer National- staaten sowie die Stärkung der transnati- onalen Zusammenarbeit der im Bereich Mobilität beteiligten Organisationen und der dort beschäftigten Fachkräfte. Die Ver- öffentlichung der Richtlinie ist für Sommer dieses Jahres geplant. Ergänzend ist ein Austausch zwischen künftigen JUVENTUS-Projektträgern und Trägern bzw. Beteiligten im Erasmus+-Pro- gramm zu den jeweiligen Rahmenbedin- gungen beider Förderstrukturen sowie den spezifischen Förderbedarfen der benachtei- ligten Zielgruppen in Abgrenzung zur Eras- mus+-Förderung vorgesehen. INFO Lernnetzwerk zu Transnationalen Mobilitätsmaßnahmen für benachtei- ligte Jugendliche und junge Erwach- sene https://www.esf.de/portal/EN/Fun- ding-period- 2014-2020/TLN-Mobili- ty/content.html Integration durch Austausch (IdA) auf einen Blick 32 Projekte Laufzeit: 2015 - Juni 2022 inkl. Verlängerungen Mittelvolumen: 78 Mio. EUR Gesamtausgaben, davon 45,5 Mio. EUR ESF und 24,7 Mio. EUR nationale Mittel des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales 10 % Eigenmittel des Projektträgers EU-Programm ALMA https://ec.europa.eu/social/main. jsp?catId=1549&langId=de Die Projekte werden im Rahmen der "ESF- Integrationsrichtlinie Bund, Handlungs- schwerpunkt Integration durch Austausch (IdA)" durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert. MECHTHILD JÜRGENS Referentin im Referat EF2 „ESF Programmumsetzung, EHAP Verwaltungsbehörde, Digitale Transformation“ im Bundesminis- terium für Arbeit und Soziales © S ilk e Sc hw ae pp e https://www.esf.de/portal/EN/Funding-period-2014-2020/TLN-Mobility/content.html https://www.esf.de/portal/EN/Funding-period-2014-2020/TLN-Mobility/content.html https://www.esf.de/portal/EN/Funding-period-2014-2020/TLN-Mobility/content.html https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=1549&langId=de https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=1549&langId=de 24 25Inklusion und Vielfalt Geflüchtete und migrierte Frauen blei- ben in der öffentlichen Wahrnehmung oft unsichtbar. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Frauen in der Gesellschaft häufig kaum als Akteurinnen am Ar- beitsmarkt wahrgenommen werden und in vielen Statistiken nicht auftau- chen – so konstatiert es ein Kurzdos- sier der Bundeszentrale für politische Bildung. Haupthindernisse bei der In- tegration in den Arbeitsmarkt liegen oft in der fehlenden Anerkennung von Qualifikationen und früheren Be- rufserfahrungen wie auch in geringen Sprachkenntnissen. An dieser Stelle setzte die Strategische Part- nerschaft EMIRE an. Das Projekt möchte Frauen mit Migrations-/Fluchthintergrund bei der Integration in den Arbeitsmarkt un- terstützen und sie für eine soziale Einglie- derung in die Gesellschaft stärken. Dazu richtet sich die Partnerschaft an zwei Ziel- gruppen: Zum einen an Frauen mit Migra- tions-/Fluchthintergrund im Alter zwischen 18 und 45 Jahren, die noch nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind, aber ein hohes Potenzial aufweisen. Zum anderen an Sozi- alarbeiter/-innen, Berater/-innen und Frei- willige, die im Bereich der Integration mit erwachsenen Migrantinnen arbeiten. Ziel ist es, innerhalb der Partnerschaft Konzepte und Instrumente zu entwickeln, die den Empowerment-Prozess der Frauen für eine positive Wahrnehmung auf dem Arbeits- markt unterstützen. Zunächst entwickelte das Projektteam eine Videoreihe mit dem Titel „Mein persön- licher Weg“. In den teilnehmenden Ländern Deutschland, Italien, Slowenien, Schweden, Österreich und Zypern wurden jeweils zwei Videos erstellt, die die unterschiedlichen Perspektiven in den Ländern zeigen. Die Videos mit den persönlichen Geschichten bieten Einblicke in die Arbeitsmarktintegra- tion und die damit verbundenen Herausfor- derungen von Frauen mit Flucht- und/oder Migrationshintergrund und berichten von Unterschieden zum Arbeitsmarkt in ihren Herkunftsländern. Sie wurden auf YouTube und Facebook veröffentlicht. Tools für die Praxis Danach begann die Arbeit an einem Toolkit für Sozialarbeiter/-innen und Berater/-innen zur Unterstützung einer weiblichen beruf- lichen Identität durch Empowerment-Pro- zesse. Das Toolkit beinhaltet unter anderem Informationen zum Rollenverständnis sowie Empfehlungen für den Umgang mit heraus- fordernden Situationen im Beratungspro- zess. Es ist auf der Projektwebsite verfügbar. Im letzten Projektjahr stehen nun die Durch- führung eines Trainingskurses für Sozialar- beiter/-innen, die Verbreitung des Toolkits in der Öffentlichkeit sowie die Erstellung einer Policy Guideline an. Diese ist auf politische Entscheidungsträgerinnen und -träger ausgerichtet und soll lokale Initiati- ven für Migrantinnen und Migranten beim Ansprechen und Erreichen dieser Personen unterstützen. Good Practice: Auf dem Weg in den Arbeitsmarkt Empowerment von Frauen mit Migrations-/ Fluchthintergrund @ K ul tu rL ife - E M IR E PROJEKTINFO Projekttitel: EMIRE – Empowerment of migrant and refugee women Projektnummer: 2020-1-DE02-KA204-007398 Projektdauer und -trägerinnen: 01.11.2020 - 31.01.2023 Beteiligte Länder: AT, CY, DE, IT, SE, SI Koordinator DE: KulturLife gGmbH Kontakt: Chiara Dickmann chiara@kultur-life.de Website: https://kultur-life.de/projekte/emire/ Facebook: https://www.facebook.com/EMIRE. ErasmusPlus.Project/ https://www.facebook.com/EMIRE.ErasmusPlus.Project/ https://www.facebook.com/EMIRE.ErasmusPlus.Project/ 24 25 Bildung Für Europa | Juli 2022 © B ar ba ra W ild Inklusion und Vielfalt In den ländlichen Regionen in Euro- pa fehlen vielerorts Einkaufsmög- lichkeiten, medizinische und soziale Versorgung, Mobilitätsangebote, Be- gegnungsmöglichkeiten, Beratungs- einrichtungen sowie Betreuungs- und Unterstützungsangebote. Dadurch ist die Lebensqualität vieler Menschen stark eingeschränkt. Vor allem ältere Menschen, aber auch Personen mit körperlichen oder psychischen Beein- trächtigungen, Menschen mit Migra- tionshintergrund, Langzeitarbeitslose oder schwer vermittelbare Arbeitssu- chende finden Barrieren vor, die ihnen die Teilhabe am öffentlichen, gesell- schaftlichen Leben erschweren. Gravierend werden die Einschränkungen, wenn die Menschen nicht (mehr) selbstän- dig mobil sind und damit nicht mehr zum Einkaufen, zum Arzt, zum Besuch von Ver- wandten und Freunden, zu Veranstaltungen oder zu Beratungseinrichtungen fahren können. Die Gefahr der sozialen Isolation ist hoch. Wenn zusätzlich Hilfe und Unterstüt- zung im Alltag benötigt wird, wird die Si- tuation prekär. Denn die älteren Menschen im ländlichen Raum sind es nicht gewohnt, eigene Bedürfnisse zu artikulieren. Sie wol- len niemandem zur Last fallen und nehmen dafür einschneidende Einschränkungen in Kauf. Der demografische Wandel verschärft die Situation, weil er die ländlichen Ge- meinden besonders hart trifft. Die auch hier veränderten Familienstrukturen bedingen ein abnehmendes familiäres Pflege- und Be- treuungspotenzial. Dadurch entsteht eine Versorgungslücke. Projektgrundlage Das Projekt geht die Herausforderungen im ländlichen Raum unter zwei Aspekten an: „Caring“ und „Sharing“. “Caring“ orientiert sich an der Definition des Bundesministeri- ums für Familie, Senioren, Frauen und Ju- gend: „Eine ‚Sorgende Gemeinschaft‘ ist das gelingende Zusammenspiel von Bürge- rinnen und Bürgern, Staat, Organisationen der Zivilgesellschaft und professionellen Dienstleistern in der Bewältigung der mit dem demografischen Wandel verbundenen Aufgaben“. „Sharing“ bezieht sich auf die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe von älteren und be- nachteiligten Personengruppen, die Aktivie- rung und das Einbringen eigener Fähigkei- ten, das Teilen und Tauschen von Zeit und Ressourcen. Ziel: Etablierung von Caring & Sharing Communities Caring & Sharing Communities entstehen nicht aus dem luftleeren Raum, sondern es braucht dazu breite Beteiligungsprozesse. Für die Begleitung der Prozesse, die orts- spezifische Konzeptentwicklung, die Lei- tung und das Management einer Caring & Sharing Community sowie für die Mitarbei- tenden werden im Projekt spezifische Schu- lungen und Qualifikationen entwickelt. Aus der laufenden Projektarbeit: Caring & Sharing Communities Öffentliche Daseinsvorsorge im ländlichen Raum © S PE S e. V. PROJEKTINFO Projekttitel: Caring and Sharing Communities Projektnummer: 2021-1-DE02-KA220-ADU-000028340 Projektdauer: 01.11.2021 - 31.10.2024 Beteiligte Länder: DE, AT, IT Koordinator: SPES e.V. Kontakt: info@spes.de Website: www.spes.de Caring & Sharing Communities bieten: aufsuchende Beteiligung, zugehende Beratung, persönliche Bedarfsermitt- lung Aktivierung und Einbringen von eigenen Fähigkeiten und Ressourcen Begegnungsmöglichkeiten für alle Generationen Betreuungs- und Unterstützungsan- gebote in der vertrauten Umgebung Vernetzung und Kooperation mit anderen Einrichtungen http://www.spes.de 26 27Erasmus+ 35 Jahre Erasmus+ 12 Mio. geförderte Teilnehmende europaweit in allen Bildungsbereichen Das europäische Bildungsprogramm feiert 2022 sein 35-jähriges Bestehen. Herzlichen Glückwünsch! Die Grafik vermittelt ein Bild von der deutschen Beteiligung. Zahlen für Deutschland (2007 bis 2021) und europaweit: Von deutschen Einrichtungen koordinierte Kooperationsprojekte (seit 2008) Von deutschen Einrichtungen koordinierte Kooperationsprojekte Teilnehmende an Mobilitätsmaßnahmen aus Deutschland (z.T. ab 2009) Teilnehmende an Mobilitätsmaßnahmen aus Deutschland 1.436 1.314 12 Mio. geförderte Teilnehmende europaweit seit Beginn des Programms 1987 16.148 229.862 ERWACHSENENBILDUNG ALLE BEREICHE EUROPAWEIT BERUFSBILDUNG © Y ur yV el ik an ov /A do be St oc k. co m | G es ta ltu ng : b lu eb er ry -s ta rn be rg .d e 26 27 Bildung Für Europa | Juli 2022 Erasmus+ ieser Beitrag gibt den Informations- stand vom 18. Juli 2022 wieder. Die später im Jahr liegenden Antrags- fristen sind nicht berücksichtigt. Berufsbildung Im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres hat sich die Nachfrage nach Auslandsaufenthalten mehr als verdop- pelt. 2022 wurden im Rahmen der Akkre- ditierung und der ersten Antragsrunde der Kurzzeitprojekte insgesamt 22.563 Aus- landsaufenthalte bewilligt. Die Folgen der Pandemie hemmen damit die Mobilität in deutlich geringerem Maße. Auch bei der Anzahl der Kurzzeitprojekte gibt es einen deutlichen Anstieg von 17 im Jahr 2021 auf 63 im Jahr 2022. Diese Projektform wird vor allem von Einrichtungen genutzt, die noch keine Erfahrung mit der Durchführung von Auslandsaufenthalten haben. Neue Einrich- tungen nehmen folglich in großer Zahl erst- malig am Programm teil. Auch die Entwicklung bei den Akkreditie- rungen ist erfreulich. Zum 1. Februar 2022 haben 205 Einrichtungen die Erasmus+- Akkreditierung erhalten, knapp ein Viertel davon sind neu im Programm. Sie können damit in den kommenden Jahren im verein- fachten Verfahren am Programm teilneh- men und Auslandsaufenthalte durchfüh- ren. Im Bereich Berufsbildung haben sich in den ersten beiden Jahren fast 600 Einrich- tungen akkreditieren lassen und sind somit dauerhaft aktiv im Programm. In der ersten Antragsrunde 2022 wurden 115 Anträge für Partnerschaften für Zu- sammenarbeit (Leitaktion 2) eingereicht und Finanzmittel in Höhe von 26,83 Mil- lionen Euro beantragt. Davon fielen 31 Anträge auf die kleineren Partnerschaften und 84 auf die Kooperationspartnerschaf- ten. Insgesamt erhielten 60 Projekte eine Förderzusage, wodurch 36 Kooperations- partnerschaften mit einem Fördervolumen von 10,41 Millionen Euro und 24 kleinere Partnerschaften mit 1,41 Millionen Euro be- willigt wurden. Eine Neuerung dieser Antragsrunde stel- len die zu beantragenden Pauschalsum- men dar. Mehr als die Hälfte der Anträge der Kooperationspartnerschaften fiel in die Fördersumme 250.000 Euro, gefolgt von 400.000 Euro. Die überwiegende Mehrheit der kleineren Partnerschaften beantragte 60.000 Euro. Die geringsten Fördersum- men (120.000 bzw. 30.000 Euro) fanden hingegen kaum Interesse. Die am häufigsten adressierten horizonta- len Programmprioritäten waren „Bewälti- gung des digitalen Wandels durch Aufbau von digitaler Bereitschaft, Widerstandsfä- higkeit und Kapazität“ gefolgt von „Um- welt und Bekämpfung des Klimawandels“ sowie „Inklusion und Vielfalt“. Spitzenreiter bei den gewählten berufsbildungsspezi- fischen Prioritäten waren „Anpassung der beruflichen Aus- und Weiterbildung an den Bedarf des Arbeitsmarkts“ und „Beitrag zur Innovation in der Berufsbildung“. Erwachsenenbildung In der Mobilität (Leitaktion 1) haben im Jahr 2022 von insgesamt 41 akkreditierten Einrichtungen 21 Einrichtungen für 973 Teilnehmende Aktivitäten geplant und da- für Mittel in Höhe von 2 Millionen Euro abgerufen. Die Einrichtungen planen ins- gesamt 314 Lernende und 628 Personen aus dem Bildungspersonal zu europäischen Partnern zu entsenden. Von diesen 628 Personen sollen 389 zu Kursen, 189 zu Job Shadowings und 50 zu Lehraufenthalten geschickt werden. 7 der 21 Einrichtungen machen darüber hinaus von der Möglich- keit Gebrauch, Expertinnen und Experten in die eigene Einrichtung einzuladen (insge- samt 31 Personen). Die Mittelausschöpfung liegt aktuell bei 21 Prozent. In der ersten Antragsrunde der Kurzzeit- projekte im Februar 2022 konnten Aus- landsaufenthalte für 16 Lernende und 257 Mitarbeitende in Erwachsenenbildungsein- richtungen mit einem Budget von 706.801 Euro bewilligt werden. Die Mobilitäten verteilen sich auf 15 verschiedene Einrich- tungen. 149 Personen sollen zu Kursbe- suchen, 80 zu Job Shadowings und 24 zu Lehraufenthalten entsendet werden. Zwei der Einrichtungen planen Expertinnen und Experten in die eigene Einrichtung einzula- den (insgesamt 4 Personen). Die Mittelaus- schöpfung liegt derzeit bei 42 Prozent. Einrichtungen der Erwachsenenbildung haben bis dato insgesamt 149 Anträge für Partnerschaften für Zusammenarbeit eingereicht. Darunter sind 108 Anträge für Kooperationspartnerschaften, wovon 26 bewilligt wurden. Von den 42 Anträ- gen auf kleinere Partnerschaften erhielten 34 eine Förderzusage. Insgesamt wurden Finanzmittel in Höhe von 34,4 Millionen Euro beantragt (32 Millionen für Koope- rationspartnerschaften und 2,4 Millionen Euro für kleinere Partnerschaften). Für Ko- operationspartnerschaften konnten 7,61 Millionen Euro bewilligt werden, für klei- nere Partnerschaften 1,95 Millionen Euro. Wie im Vorjahr stehen die Themen Inklu- sion, Gleichberechtigung und Nicht-Diskri- minierung sowie digitale Kompetenzen im Vordergrund, gefolgt von neuen Lern- und Lehrmethoden und -ansätzen und der Ent- wicklung innovativer und neuer Curricula und Kurse. Anders als unter den Corona-Bedingungen des vergangenen Jahres gab es 2022 in deutlich geringerem Umfang Budgetum- widmungen von Mobilitätsaktionen hin zu Kooperationsprojekten. Mit einem zur Ver- fügung stehenden Budget von rund 10 Mil- lionen Euro können entsprechend weniger Projekte gefördert werden als im Jahr zuvor. 2021 standen knapp 30 Millionen Euro für 175 geförderte Projekte zur Verfügung. Erasmus+-Antragsrunde 2022 Wachsendes Interesse an Mobilität, Partnerschaften gut nachgefragt D 28 29 uslandsaufenthalte in der Berufsaus- bildung sind ein wichtiger Baustein, um die Qualität der Ausbildung zu erhöhen und wichtige Kompetenzen, wie Sprachkenntnisse oder interkul- turelle Kompetenz zu vermitteln. Die Planung und Durchführung von Aus- landsaufenthalten in der Berufsbildung erfordert Kenntnisse über die Vor- und Nachbereitung von Teilnehmenden, die Suche und Vermittlung von geeigneten Partnereinrichtungen, zur Zertifizierung der Auslandsaufenthalte und nicht zuletzt zur Existenz und den Möglichkeiten von entsprechenden Förderprogrammen, wie z.B. das Programm Erasmus+. Neben der NA beim BIBB, die den öffentlichen Infor- mations- und Beratungsauftrag für die För- derprogramme Erasmus+ und Ausbildung- Weltweit hat und einen Beratungsservice zu Auslandsaufenthalten in der Ausbildung anbietet, gibt es ein Netzwerk von mehr als 140 Multiplikatorinnen und Multiplikato- ren, die regional rund um die Antragsstel- lung zu Fördermitteln sowie zur Planung und Durchführung von Auslandsaufenthal- ten in der Berufsbildung beraten. Dieses Netzwerk wurde 2004 ins Leben gerufen. Am ersten Treffen haben seinerzeit sechs Vertreterinnen bzw. Vertreter von Kammern und Kultusministerien teilgenommen und sich ausgetauscht. Seitdem ist das Netz- werk enorm gewachsen. Ein Teil des Netz- werks besteht aus schulischen Beraterinnen und Beratern, vor allem Lehrkräfte von beruflichen Schulen, die von der zuständi- gen Landesschulbehörde oder dem Kultus- ministerium mit der Beratung beauftragt wurden. Der andere Teil des Netzwerks sind betriebliche Beraterinnen und Berater. Diese sind als Mobilitätsberaterinnen und -berater bei den Handwerks- und Indus- trie- und Handelskammern angesiedelt, im Beratungsnetzwerk „Berufsbildung ohne Grenzen“ organisiert und werden durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie oder durch das Wirtschaftsminis- terium ihres Bundeslandes gefördert. Auch gibt es einzelne, zum Teil auch bundesweite Beratungsstellen bei Wohlfahrtsverbänden. Die Kontaktdaten der einzelnen Beraterin- nen und Berater können geordnet nach Bundesländern über die Mobilitätslandkar- te auf der NA-Website abgerufen werden. Akkreditierung steht für Unabhängig- keit und Qualität der Beratung Seit 2020 können sich Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für Mobilität in der Berufsbil- dung als Erasmus+ Beraterin Berufsbildung bzw. Erasmus+ Berater Berufsbildung akkredi- tieren lassen. Voraussetzung ist, dass sie ein Mandat zur Beratung zu Erasmus+-Auslands- aufenthalten und der Internationalisierung in der Berufsbildung erhalten haben, z.B. von einer Kammer (zuständige Stelle), einem (Landes-)Ministerium, einem Arbeitge- berverband oder einer Gewerkschaft. Des Weiteren ist es für eine Akkreditierung als Erasmus+ Beraterin oder Berater erforder- lich, mindestens einmal pro Jahr an den halbjährlichen Schulungs- und Netzwerk- treffen der NA beim BIBB teilzunehmen. Diese Schulungs- und Netzwerktreffen informieren über Neuigkeiten zu den För- derprogrammen AusbildungWeltweit und Erasmus+ und bieten thematische Work- shops rund um die Planung und Durchfüh- rung von Auslandsaufenthalten in der Be- rufsbildung an. Ein wichtiger Baustein der Veranstaltungen ist zudem der Austausch der Beraterinnen und Berater untereinan- der und mit den zuständigen Mitarbeite- rinnen und Mitarbeitern der NA beim BIBB. SEIT MÄRZ 2020 HABEN MEHR ALS 100 MULTIPLIKATORINNEN UND MULTIPLIKATOREN DIE VORAUSSETZUNGEN ERFÜLLT SOWIE DIE CHANCE GENUTZT, SICH ALS ERASMUS+ BERATERIN ODER BERATER AKKREDITIEREN ZU LASSEN. 100 Erasmus+ Beraterinnen und Berater bereits akkreditiert Mit der Zusage für die Akkreditierung erhal- ten die Erasmus+ Beraterinnen und Berater eine Urkunde und ein Label, welches allen akkreditierten Erasmus+ Beraterinnen und Beratern eine gemeinsame Sichtbarkeit ver- leiht. Die Akkreditierung ist ein Qualitäts- siegel für eine unabhängige und kostenlose Beratung zu Auslandsaufenthalten in der Berufsbildung. Zudem impliziert die Ak- kreditierung einen aktuellen Kenntnisstand zum Thema Erasmus+ und Internationalisie- rung der Berufsbildung, da die akkreditier- ten Beraterinnen und Berater regelmäßig an den Schulungs- und Netzwerktreffen der NA beim BIBB teilnehmen. Die Akkreditierung als Erasmus+ Beraterin oder Berater Berufsbildung ist eine individu- elle aber auch institutionelle Anerkennung der Beratungstätigkeit zu Erasmus+. Das Netzwerk verfügt über geballte Expertise zu den Förderprogrammen Erasmus+ und AusbildungWeltweit und zur Planung und Durchführung von Auslandsaufenthalten. Nutzen Sie diese! Das Netzwerk der Erasmus+ Beraterinnen und Berater wächst Gemeinsam die Mobilität in der Berufsausbildung fördern A Erasmus+ 28 29 Bildung Für Europa | Juli 2022 Gemeinsam die Mobilität in der Berufsausbildung fördern INFO Auf der Mobilitätslandkarte finden Sie die Kontaktdaten der regionalen Beraterinnen und Berater: www.na-bibb.de/mobi-landkarte Hier finden Sie auch eine Liste mit allen akkreditierten Erasmus+ Beraterinnen und Beratern Berufsbildung. Einige Erasmus+ Beraterinnen und Berater mit ihren Akkreditierungszertifikaten KRISTIN WILKENS Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Mobilität und Internationalisierung der Berufsbildung in der NA beim BIBB wilkens@bibb.de © N A b ei m B IB B © p riv at Erasmus+ http://www.na-bibb.de/mobi-landkarte 30 31XX Nationale Themenschwerpunkte 2022 © E PA LE D eu ts ch la nd 30 31 Bildung Für Europa | Juli 2022 Weitere Bildungsthemen o vielfältig wie die Themen der Erwachse- nenbildung ist auch die Themenlandschaft auf EPALE. EPALE Deutschland widmet sich jedes Jahr spannenden Fokusthemen, die aktuelle Fragestellungen der Erwachsenen- bildung widerspiegeln und die Community zum Mitmachen anregen. Die zahlreichen Angebote, wie die EPALE Akademie, die passend zu den Themenschwerpunkten angeboten werden, sind offen für alle in- teressierten Personen. Insbesondere Eras- mus+-Projektträger haben so die Möglich- keit, wichtige Kompetenzen zu vertiefen, die bei der Projektarbeit helfen können. Durch das gesamte Jahr 2022 begleitet EPALE Deutschland das Thema Nachhal- tigkeit. Dieses umfasst die Bereiche Klima und Umwelt, Ökobilanz der Weiterbildung sowie Green Erasmus. Gemeinsam mit der EPALE-Community wollen wir Angebote und gute Praktiken der Erwachsenenbildung im Bereich der Umweltbildung kennenlernen und auch darauf schauen, wie Einrichtungen der Erwachsenen- und Weiterbildung das Thema Nachhaltigkeit in ihren Institutionen selbst leben und umsetzen. 1. Quartal: Life Skills und Kompetenzerwerb Mit Blick auf eine sich wandelnde Welt, stellen Life Skills wichtige Kompetenzen und Fertigkeiten dar, die eine aktive Teilha- be an der Gesellschaft ermöglichen. Es han- delt sich dabei um Kompetenzen, die dazu beitragen, die individuelle Lebensqualität zu erhöhen und die positive Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes haben.1 Der Fokus lag darauf, gemeinsam mit der EPALE-Community zu entdecken, wie ver- schiedene Projekte die unterschiedlichen Life Skills in ihrer Projektarbeit aufgreifen, welche Rolle Life Skills auf europäischer Ebene spielen und wie diese Kompetenzen und Fertigkeiten im lebenslangen Lernen erworben und vermittelt werden. Hierzu fand Mitte März eine Themenwoche statt. Weiterhin wurde im Rahmen der EPALE Akademie ein Workshop zum Europäischen Rahmen für persönliche, soziale und lern- bezogene Schlüsselkompetenzen (Life- Comp) angeboten. Durch die angebotenen Workshops zu den Themenschwerpunkten werden neue Kenntnisse vermittelt sowie der aktive Austausch und die Vernetzung der Teilnehmenden gefördert. 2. Quartal: Stadt und Land Während es in Städten und Ballungszentren breitgefächerte Bildungsangebote gibt und viele lebenslange Lernmöglichkeiten bereit- gestellt werden, gestaltet sich der Zugang zu passenden Bildungsangeboten in länd- lichen Gegenden oft schwieriger. In diesem Themenquartal möchte EPALE Deutschland sich diesen gegensätzlichen Räumen von Stadt und Land widmen und erkunden, welche innovativen Lösungsan- sätze die Erwachsenenbildung bereithält, um das Lebenslange Lernen in beiden Räu- men zu fördern: Welche Lernangebote und Unterrichtsmodelle gibt es in ländlichen Gebieten und in der Stadt? Wie stärken Initiativen des Lebenslangen Lernens in ruralen und urbanen Räumen die demo- kratischen Strukturen und das zivilgesell- schaftliche Engagement? Was bedeutet nachhaltige Mobilität in der Stadt und auf dem Land? Wie wird politische Bildung dort jeweils vermittelt? 3. Quartal: Wellbeing und Emotionen Wellbeing und Emotionen bilden einen wichtigen Bereich der Erwachsenenbil- dung, denn gesundheitsfördernde Bildung und Lebenslanges Lernen wirken sich po- sitiv auf die Gesundheit und die Lebens- zufriedenheit aus. Aber was bedeutet emotionale Intelligenz überhaupt und wie können Bildungsangebote dazu beitragen, die Lebenszufriedenheit zu erhöhen? In diesem Zusammenhang ist auch die Re- silienz eine Fähigkeit, die vor allem in der Covid-19-Pandemie immer wieder genannt wurde, um in einer sich wandelnden Welt widerstandsfähiger zu sein. In diesem Themenquartal lädt EPALE dazu ein, Projekte und Initiativen der Erwachse- nenbildung kennenzulernen, die sich da- mit befassen, wie die Erwachsenenbildung wichtige Kompetenzen vermitteln kann, die dazu beitragen unser persönliches Wohlbe- finden und somit auch den gesellschaft- lichen Zusammenhalt zu stärken. 4. Quartal: New Learning Unsere Welt befindet sich in einem stän- digen Wandel und dadurch ist auch unsere Lernwelt Transformationsprozessen un- terworfen. Somit müssen das Lehren und Lernen an immer neue Herausforderungen angepasst und innovative Lernkonzepte entworfen werden. Im vierten Quartal des Jahres 2022 liegt der Schwerpunkt daher auf neuen Lehr- und Lernmethoden und da- rauf, wie diese in der Erwachsenenbildung gelebt werden: Welche neuen Lehr- und Lernmethoden gibt es? Wie findet Lernen in Gemeinschaften statt und wie entwickeln sich Lerngemeinschaften in physischen, virtuellen und hybriden Lernräumen? Wie kann durch die Erwachsenenbildung selbst- bestimmtes Lernen in verschiedenen Lern- räumen gefördert werden? Nutzen Sie die Gelegenheit und teilen Sie Ihre Erfahrungen, Ideen und Pro- jekte mit der europäischen Erwachse- nenbildungs-Community! Wie das geht, erfahren Sie hier: https://epale.ec.europa.eu/de/blog/ willkommen INFO Kontakt: epale@bibb.de EPALE: https://epale.ec.europa.eu/de S 1 Weitere Einblicke ins Thema gibt das Projekt „Life Skills for Europe“: https://eaea.org/project/life-skills-for-europe-lse/ MARLENE RÖDER Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Nationalen Koordinie- rungsstelle EPALE roeder@bibb.de © p riv at Nationale Themenschwerpunkte 2022 https://epale.ec.europa.eu/de/blog/willkommen https://epale.ec.europa.eu/de/blog/willkommen mailto:epale%40bibb.de?subject= https://epale.ec.europa.eu/de mailto:roeder%40bibb.de?subject= 32 33Weitere Bildungsthemen © I jA B, E ur od es k D eu ts ch la nd 32 33 Bildung Für Europa | Juli 2022 m Dezember 2021 wurde vom Rat der Eu- ropäischen Union und vom Europäischen Parlament das Europäische Jahr der Jugend 2022 beschlossen. Die Verantwortlichen haben damit die Hoffnung verbunden, ein Jahr auszurufen, das für junge Menschen und für Jugendorganisationen in Europa einen Aufbruch bedeutet. Mit dem Europäischen Jahr der Jugend soll die junge Generation in Europa besonders gewürdigt werden. Dabei stehen insbeson- dere auch junge Menschen mit geringeren Chancen oder aus benachteiligten Verhält- nissen im Fokus. Junge Menschen sollen nach der Pandemie neue Chancen erhalten und ermutigt werden, sich bürgerschaftlich und politisch zu beteiligen. Ihre Bedürfnisse und Ideen, aber auch die Herausforde- rungen, mit denen sie zu kämpfen haben, sollen in den Mittelpunkt der Aufmerksam- keit gerückt werden – in Europa, auf Bun- desebene und auch vor Ort. Die Möglichkeiten und Themengebiete sind dabei genauso vielfältig wie die Lebensre- alität junger Menschen selbst. So soll das Europäische Jahr auch der Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen weitere Impulse verleihen und junge Menschen darin bestärken, sich für einen ökologischen, sozialen und wirt- schaftlichen Wandel in einer grünen, digi- talen und inklusiven Welt zu engagieren. Durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine gibt es darüber hinaus ein weiteres Thema, das sehr aktuell und bedeutsam für junge Menschen ist. Ein Krieg mitten in Europa, unmittelbar an den Grenzen der EU, ist nicht nur für viele junge Menschen, aber gerade für diese Generation, schwer vorstellbar und auch schwer zu verstehen. Und dennoch ist er seit einigen Wochen ein stetiger Begleiter in unserem Alltag. Dieser Krieg stellt viele unserer gemein- samen Werte auf die Probe. Er zeigt aber auch, wie sehr die Menschen in Europa bereit sind, in Krisenzeiten diese Werte zu verteidigen. Wir erleben eine Welle der Solidarität und der Unterstützung. Auch das Europäische Jahr der Jugend wird sich dieser veränderten Situation anpassen. Die Themen Frieden und Sicherheit sowie So- lidarität werden nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa ein wichtiger Be- standteil des Europäischen Jahres sein. Mitmach-Kampagne „Dein Europa - Dein Jahr!“ in Deutschland Sich beteiligen, sich einmischen, sich en- gagieren - das sind nicht nur die Ziele des Europäischen Jahres, das ist auch der Anspruch der jungen Generation an sich selbst. Das Herzstück der Aktivitäten des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wird daher unsere große Mitmach-Kampagne unter dem Titel „Dein Europa – Dein Jahr!“ sein. Beginnend mit dem Schuman-Tag am 9. Mai sollen bis zum Internationalen Tag der Jugend am 12. August überall in Deutsch- land kurze Gesprächsformate von jungen Menschen mit Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, in der Schulklasse, im Jugendzentrum oder auf dem Marktplatz stattfinden. Ziel der Kampagne ist es, Entscheidungs- trägerinnen und Entscheidungsträger so- wie die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, was junge Menschen bewegt und welche Meinungen und Ansichten sie zu verschiedenen Themen haben. Die vielfältigen und kreativen Formate, die jun- ge Menschen und Jugendgruppen in den nächsten Monaten initiieren werden, wer- den einen Beitrag dazu leisten, den Ideen der jungen Menschen Sichtbarkeit in die- sem Jahr zu verleihen. Mit den unterschied- lichen Themen und Schwerpunkten wer- den die jungen Menschen dabei selbst ihre Agenda für das Europäische Jahr setzen und zeigen, was ihnen wichtig ist. Denn das ist das Ziel: Nicht über junge Menschen und ihre Bedürfnisse reden, sondern mit ihnen. Nutzen daher auch Sie in Ihren Betrieben und Einrichtungen die Möglichkeit, an der Kampagne „Dein Europa - Dein Jahr!“ teilzunehmen und mit jungen Mitarbeite- rinnen und Mitarbeitern, Auszubildenden oder Praktikantinnen und Praktikanten ins Gespräch zu kommen. INFO Mehr Informationen zum Europäischen Jahr der Jugend 2022 gibt es auf www.ejj2022.de und auf dem Europäischen Jugendportal https://europa.eu/youth/year-of- youth_de „Dein Europa - Dein Jahr!“ Das Europäische Jahr der Jugend 2022 I BETTINA BUNDSZUS Leiterin der Abteilung „Kinder und Jugend“ im Bundesministeri- um für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und Nationale Ko- ordinatorin für das Europäische Jahr der Jugend 2022 © p riv at Weitere Bildungsthemen http://www.ejj2022.de https://europa.eu/youth/year-of-youth_de https://europa.eu/youth/year-of-youth_de 34 35Infosplitter Infosplitter Podcast-Serie „Inklusion“ Vor gut einem Jahr hat die NA beim BIBB ihr Angebot auf den Au- dio-Bereich erweitert. Die aktuelle Podcast-Serie fokussiert auf das Erasmus+-Querschnittsthema „In- klusion und Vielfalt“. In drei Folgen haben wir Mobilitäts- und Partner- schaftsprojekte aus der Berufs- und Erwachsenenbildung zu unter- schiedlichen Aspekten des Themas Inklusion interviewt. Wo gelingt die Umsetzung schon und wo sehen unsere Projektträger noch Hürden? Unbedingt reinhören! www.na-bibb.de/podcast- zugang-fuer-alle Fachtagung Inklusion und Diversität Am 9. Juni fand in Frank- furt die Fachtagung "Zugang für alle" statt. Die Veranstaltung im Open-Space-Format bot viel Raum für Austausch. Die Dokumentation ist online verfügbar: www.na-bibb.de/ rueckblick- fachtagung- inklusion Neue Themenseiten auf MeinAuslandspraktikum Auf dem Portal MeinAuslandspraktikum finden Auszubil- dende jetzt Informationen dazu, wie sie trotz einer Behin- derung oder Benachteiligung ins Ausland reisen können. Eine weitere Themenseite gibt Tipps, wie Azubis ihren Auslandsaufenthalt nachhaltig und klimafreundlich gestal- ten können. www.MeinAuslandspraktikum.de/inklusiv www.MeinAuslandspraktikum.de/ klimafreundlich Die neue Programmgeneration ist quadratisch, zumindest was die Infoflyer betrifft. Die ersten zwei Print-Publikationen im neuen CD informieren über die Mobilitätsmaßnahmen in Erasmus+. „Auslandsaufenthalte während der Ausbildung“ richtet sich insbesondere an die Zielgruppe der Berufsschulen, das Pendant in der Erwachsenenbildung informiert allgemein. Im Sinne der Nachhaltigkeit sind beide Flyer auf Recyclingpapier gedruckt. Erasmus+: Infoflyer im neuen Look & Feel © A do be St oc k | B G St oc k7 2 /D av id Pr ad o www.na-bibb.de/ publikationen http://www.na-bibb.de/podcast-zugang-fuer-alle http://www.na-bibb.de/podcast-zugang-fuer-alle http://www.na-bibb.de/rueckblick-fachtagung-inklusion http://www.na-bibb.de/rueckblick-fachtagung-inklusion http://www.na-bibb.de/rueckblick-fachtagung-inklusion http://www.na-bibb.de/rueckblick-fachtagung-inklusion http://www.MeinAuslandspraktikum.de/inklusiv http://www.MeinAuslandspraktikum.de/klimafreundlich http://www.MeinAuslandspraktikum.de/klimafreundlich http://www.na-bibb.de/publikationen http://www.na-bibb.de/publikationen 34 35 Bildung Für Europa | Juli 2022 Infosplitter Die NA beim BIBB hat einen neuen Film mit Erfahrungsberichten zu Auslandsaufenthalten mit Erasmus+ und AusbildungWeltweit veröffentlicht. In dem Video „Von Hamburg in die Welt“ berich- tet der Ausbildungsleiter des Logistikunternehmens a. hartrodt von dem großen Mehrwert von geförderten Auslandsaufenthal- ten im Rahmen der Ausbildung – sowohl für das Unternehmen als auch für die Auszubildenden. Auch die Auszubildenden be- schreiben, was sie während ihrer Auslandspraktika in Prag, Ant- werpen und Basel erlebt und gelernt haben. Das Video finden Sie unter www.na-bibb.de/mediathek News zum Europass Die Website des Nationalen Europass Cen- ters präsentiert sich in neuem Look und mit überarbeiteten Inhalten. Die Seite in- formiert zum Europass-Portal und den Eu- ropass-Dokumenten und bietet weiterhin Zugang zur Datenbank für den Europass Mobilität. Dort gibt es mit der „Videohilfe“ jetzt einen neuen Bereich mit Erklärvideos. Die Tutori- als erläutern verschiedene Datenbankfunk- tionen und unterstützen beim Beantragen und Ausfüllen der Mobilitätsnachweise. Das Helpcenter enthält Videos u.a. zu The- men wie Signatur und Stempel hochladen, Import von Daten aus dem Mobility Tool oder Kopieren von Inhalten in andere Eu- ropässe. Zudem wurde die Datenbank für den Europass Mobilität im Hinblick auf Bar- rierefreiheit optimiert. www.europass-info.de Das EU-Portal Europass ist jetzt in insgesamt 30 Sprachen verfügbar: Hinzugekommen ist ukrainisch als Sprachversion für das e-Portfolio. Mit der neuen Sprachversion möchte die EU-Kommission ein Angebot schaffen für Menschen aus der Ukraine und ih- nen dabei helfen, ihre Fähigkeiten im Europass-Profil zu dokumentieren, Le- bensläufe zu erstellen und europaweit nach Stellen zu suchen. Forum Berufliche Bildung auf der didacta Bei der diesjährigen Bildungsmesse didacta hat die NA beim BIBB an der Diskussions- runde „Going abroad: Praktische Fragen und viel Service zum internationalen Aus- tausch in der Berufsbildung“ teilgenom- men. Bei dem Forum Berufliche Bildung informierte das Team der NA zu den Mög- lichkeiten der Förderprogramme Erasmus+ und AusbildungWeltweit. Zu den Podiums- gästen gehörte auch ein Auszubildender, der live aus den USA von seinem Auslands- praktikum mit AusbildungWeltweit zuge- schaltet war. Jetzt vormerken: EPALE Community Conference Unter dem Titel „Imagine. Enriching, Sustainible, Inclusive Europe“ findet vom 18. bis 20. Oktober 2022 die EPALE Community Conference statt. Ein spannendes Programm mit Keynotes, Interviews, Gesprächen und Workshops erwartet die Teilnehmenden. Regional sind unterstützende Live-Events in Pla- nung. Seien Sie mit dabei! https://epale.ec.europa.eu/de Deutschland © N N A b ei m B IB B © G oV ET © N A b ei m B IB B Neuer Film zur Auslandsmobilität http://www.na-bibb.de/mediathek http://www.europass-info.de/pm-digital-credentials https://epale.ec.europa.eu/de Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB) Robert-Schuman-Platz 3 53175 Bonn Tel.: 0228 107-1608 Fax: 0228 107-2964 @nabibb_de @EUEB_de @meinauslandspraktikum Aktuelle Ausschreibungstermine Erasmus+ Leitaktion 1 Mobilität von Einzelpersonen > in den Bereichen allgemeine und berufliche Bildung, Erwachsenen- bildung und Jugend 04.10.2022 jeweils 12:00 Uhr jeweilige NA jeweilige NA Leitaktion 2 Kleinere Partnerschaften > in den Bereichen allgemeine und berufliche Bildung, Erwachsenen- bildung und Jugend 04.10.2022 jeweils 12:00 Uhr jeweilige NA jeweilige NA Zentren der beruflichen Exzellenz Innovationsallianzen 07.09.2022 17:00 Uhr 15.09.2022 17:00 Uhr EACEA EACEA EACEA EACEA AusbildungWeltweit (für Aufenthalte zwischen dem 01.02.2023 und dem 31.01.2024) 13.10.2022 12:00 Uhr NA beim BIBB/ AusbildungWeltweit NA beim BIBB/ AusbildungWeltweit Erasmus-Akkreditierungen > in den Bereichen allgemeine und berufliche Bildung sowie Erwachsenen- bildung und Jugend 19.10.2022 jeweils 12:00 Uhr jeweilige NA jeweilige NA Programm Antragsfrist Wo muss der Antrag eingereicht werden? Weitere Informationen Wichtige Internet-Adressen: Gemeinsame Website der Nationalen Agenturen in Deutschland: www.erasmusplus.de EU-Kommission, Allgemeine und berufliche Bildung: https://education.ec.europa.eu/de EACEA: www.eacea.ec.europa.eu Die Angaben basieren auf dem aktuellen Informationsstand (18.07.2022). Alle Angaben ohne Gewähr. www.na-bibb.de http://www.erasmusplus.de http://www.eacea.ec.europa.eu http://www.na-bibb.de …

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