11.18.2025
Rund 120 Teilnehmende aus Politik und Praxis kam in Berlin zusammen und erhielten einen vielfältigen Einblick in Umsetzung und Wirkung der Förderprogramme in der Berufsbildung. Neben Inputs zu Maßnahmen und Erfolgen einer internationalen Berufsbildung in Deutschland und zu Erkenntnissen aus der Forschungslandschaft wurden Beispiele aus der Praxis der Förderprogramme AusbildungWeltweit, Erasmus+ und ProTandem präsentiert. Eine Podiumsdiskussion zu Status Quo und Entwicklungspotentialen sowie der Blick auf die Internationalisierung in der Berufsbildung auf Landesebene rundeten die Tagung ab.
Das Programm finden Sie hier.
Jürgen Müller ging auf den Neuzuschnitt des zuständigen Bundesministeriums ein und betonte, dass die Bildungspolitik nun von der frühkindlichen Bildung bis hin zur beruflichen Weiterbildung "aus einem Guss" gestaltet werden könne. Unter dem Dreiklang „Bessere Bildung/Starke Familien/Resiliente Demokratie" betone die Tagung zurecht, dass eine stärkere Internationalisierung der Berufsbildung zu einem starken, innovativen und gerechten Deutschland beitragen könne. Dazu zählten laut Jürgen Müller zum einen gesellschaftliche Effekte wie die Förderung des deutschen Wirtschaftsstandortes durch das Anwerben ausländischer Fachkräfte und das Gewinnen neuer Kompetenzen. Zum anderen erhöhten sich auf individueller Ebene die Chancen auf Teilhabe am Bildungssystem und eine Zunahme individueller Kompetenzen der Teilnehmenden könne durch Auslandsaufenthalte gezielt unterstützt werden. Daher appellierte er an alle verantwortlichen Akteure der Berufsbildung, sich gemeinsam für eine weitere internationale Ausrichtung einzusetzen. Es sei am Ministerium in der Rolle des Bundes, der Länder, der Sozialpartner und der Bildungseinrichtungen, die Chancen zu ergreifen, die die Förderprogramme bieten, um die deutsche Berufsbildung international und attraktiv zu gestalten.
Berthold Hübers stellte in seinem Vortrag die besondere Wirkung von AusbildungWeltweit und Erasmus+ auf die Internationalisierung der Berufsbildung in Deutschland dar. Die Programme ermöglichten über die Jahre sowohl eine qualitative Steigerung von Mobilitäten und Kooperationsprojekten als auch eine Ausweitung der Zugänglichkeit der Förderung sowie qualitative Verbesserungen. Die inzwischen fast 1.000 Erasmus+-Akkreditierungen in der Berufsbildung tragen zur weiteren Internationalisierung von Einrichtungen bei. Diese Entwicklungen gingen ebenso mit wichtigen Veränderungen auf systemischer Ebene der Berufsbildung einher. Berthold Hübers zeigte auf, dass die NA beim BIBB nicht nur mit der Administration der beiden Programme einen entscheidenden Beitrag zur zunehmenden Internationalisierung der Berufsbildung leistet. Sie übernimmt darüber hinaus auch weitere Aufgaben wie eine vielfältige Beratungs-, Informations- und Vernetzungsarbeit oder die Verbreitung von Expertise. Diese übergeordnete Unterstützungsarbeit, die Verstetigung und Weiterentwicklung der Förderprogramme sowie verschiedene strukturelle Veränderungen zahlten erheblich auf die Erfüllung der europäischen Ziele zur Internationalisierung in der Berufsbildung ein.
In seinem Vortrag gab Prof. Dr. Hubert Ertl einen Einblick in den Forschungsstand zur Internationalität und Mobilität in der Berufsbildung. Bisherige Studienergebnisse zeigten, dass Auslandsmobilität ein großes Potenzial besitze, persönliche, fachliche und überfachliche Kompetenzen von Auszubildenden zu fördern. Auslandsmobilität stelle ein wichtiges Vehikel dar, gerade solche überfachlichen Kompetenzen (z. B. „Selbstmanagement-Kompetenz“) zu stärken, die von Fachkräften zunehmend gefordert werden. Aufgrund dieser Bedeutung solle der Lernort Ausland vom wünschenswerten Einzelfall zur systemischen Option werden. Prof. Dr. Hubert Ertl wies gleichzeitig darauf hin, dass es vor allem im Vergleich zur hochschulischen Forschung an aktuellen und tiefgreifenden Evidenzen zur Wirkung von Auslandsmobilität in der Berufsbildung fehle. Wünschenswert sei daher eine verstärkte Forschung zu diesem Themenkomplex, u. a. zu den Wirkmechanismen von der individuellen hin zur organisationalen und systematischen Ebene. Dies beinhalte ebenso die Weiterentwicklung der konzeptionellen und methodischen Grundlagen für die Messung erworbener Kompetenzen.
Mit dem ersten Praxisbeispiel von Verena Diergardt wurde eine weltweite Perspektive geöffnet. Sie erläuterte in ihrem Vortrag, wie EPI-USE mit AusbildungWeltweit bereits bestehende Formen der Auslandsaufenthalte weiterentwickelt, verstetigt und für alle Auszubildenden geöffnet hat. Vierwöchige Auslandsaufenthalte am Hauptsitz des Unternehmens in Südafrika seien damit nun fester Bestandteil der Ausbildung. Die Auszubildenden lernten während des Aufenthalts die Software des Unternehmens, die Arbeitsprozesse sowie das lokale Team kennen. Sie besichtigten zudem die vom Unternehmen unterstützte NGO „ERP“, die sich für soziale Projekte und Artenschutz einsetze.
„Was ich dort gelernt habe, passt in keinen Lehrplan!“, zitierte Frau Diergardt einen Auszubildenden. Die Aufenthalte seien zur Entwicklung überfachlicher Kompetenzen, wie etwa der Problemlösefähigkeit, sowie für die Erweiterung fachlicher und interkultureller Kompetenzen essenziell. Zudem könne hierdurch eine gezielte Qualifizierung der angehenden Fachkräfte und ein verbessertes Employer Branding erwirkt werden.
Im Zwiegespräch mit der Moderatorin beschrieb Günter Willmann die Verstetigung der Internationalisierung in der Region Osnabrück, die in diesem Umfang nur durch die EU-Programme möglich gewesen sei. Ausgehend vom Leonardo da Vinci-Mobilitätszertifikat im Jahr 2011 sei durch strategisches Vorgehen und ausgeprägtes Netzwerken der BBS Brinkstraße erreicht worden, ein Mobilitäts-Netzwerk aller beruflichen Schulen in Osnabrück zu gründen und kürzlich die Finanzierung einer regionalen Erasmus+-Beratungsstelle auf kommunaler Ebene zu sichern. Immer mehr Ausbildungsbetriebe würden Auslandsaufenthalte in ihre Ausbildung integrieren, sodass die BBS Brinkstraße bei einem Anteil von dualen Auszubildenden von 88 % an allen Schüler/-innen derzeit eine Mobilitätsquote von 12 % aufweisen könne. Günter Willmanns Wunsch sei es, dass auch kleinere Berufsbildungseinrichtungen mit der Internationalisierung beginnen und das Programm Erasmus+ nutzen - seine Empfehlung sei, dass sie sich von Beginn an mit anderen Einrichtungen zusammenschließen und Ideen, Ressourcen und Expertise bündeln.
Heike Kraack-Tichy stellte heraus, dass die Internationalisierung in der Praxis beginnt, und zeigte anhand konkreter Beispiele die Möglichkeiten auf, die Partnerschaften für Zusammenarbeit – eine Förderoption der Leitaktion 2 im Programm Erasmus+ – für die eigene Organisationsentwicklung bieten. Die emcra GmbH sei seit über 15 Jahren in europäischen Projekten aktiv und habe gemeinsam mit verschiedenen Konsortien grenzüberschreitende Lösungen im Bereich der Berufsbildung entwickelt. Durch die Projektzusammenarbeit könnten die entwickelten Projektergebnisse ebenso wie darüber hinausgehende Materialien ehemaliger Partner genutzt, Netzwerke erweitert und neue Kontakte für internationale Wirtschaftsbeziehungen aufgebaut werden. Das Unternehmen für Fort- und Weiterbildung generiere durch die transnationale Zusammenarbeit neues Wissen und steigere dadurch seine eigene Attraktivität als Arbeitgeber.
Anika Jurisch stellte ProTandem vor – ein binationales Austauschprogramm, das von den deutschen und französischen Bildungsministerien getragen wird. Es ermöglicht niederschwellige Gruppenaustausche von Auszubildenden, die einen Hin- und Rückaustausch von in der Regel drei Wochen mit einem sprachlichen und betrieblichen Teil umfassen. Die maßgebliche Wirkung des Programms liege in der deutsch-französischen Freundschaft, die seit Jahrzehnten Motor für Frieden, Verständigung und Zusammenarbeit ist. Genau hier setze ProTandem an: Seit 45 Jahren verankere das Programm Auslandsaufenthalte in der Berufsbildung an den Stellen, an denen sie noch nicht selbstverständlich seien. Dadurch würden fachliche und soziale Kompetenzen gefördert, Institutionen geöffnet und langfristige Schulpartnerschaften geschaffen. Außerdem schaffe es Vertrauen zwischen den beiden teilnehmenden Ländern und mache Europa im Alltag erlebbar.
Zur Präsentation „ProTandem – Wirkungen des deutsch-französischen Austauschs“
Das Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlands ist das einzige Landesministerium in Deutschland, das über eine Erasmus+ Akkreditierung für die Berufsbildung verfügt. Sabrina Himbert stellte dar, wie das Ministerium die Erasmus+-Aktivitäten aller staatlichen Berufsschulen unterstützt und sie gleichzeitig mit seinen Internationalisierungszielen verknüpft. Dank der zusätzlichen europäischen Mittel könne durch eine gezielte Themensetzung die Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften politisch gesteuert und die Internationalisierung der Berufsschulen vorangetrieben werden. Die Nutzung von Erfahrungen aus anderen Ländern (z. B. Finnland im Bereich KI im Unterricht) steigere die Qualität des Unterrichts. Wichtigster Kooperationspartner in Erasmus+ und anderen Programmen sei jedoch nach wie vor das Nachbarland Frankreich, welches das Saarland „im Herzen“ habe.
In Nordrhein-Westfalen unterstützen die fünf bei den Bezirksregierungen angesiedelten EU-Geschäftsstellen die Landesregierung bei der Umsetzung ihrer politischen Ziele im Bereich der internationalen Mobilität. Alle organisieren sowohl Auslandsaufenthalte als auch Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte und Schulleitungen. Seit 2017 würdigt das Land Teilnehmende von Mobilitätsprojekten sowie besonders aktive Berufsschulen im Rahmen seiner „10 %-Strategie“ durch die Vergabe von Landeszertifikaten. Anhand eines deutsch-französischen Sachkundenachweises aus dem KFZ-Bereich berichtete Alexandra Donike, wie entlang von Lernsituationen binationale Zusatzqualifikationen entwickelt werden, die von beiden Ländern formal anerkannt seien. Alexandra Donike sehe in den „Binationalen Zusatzqualifikationen in der Beruflichen Bildung (BZBB)“ ein zentrales Element, um mehr Ausbildungsbetriebe für die Mobilität zu gewinnen.
Im anschließenden Trilog der Landesvertreterinnen mit der Moderatorin merkte Alexandra Donike an, dass ihr am Modell des Saarlandes gut gefalle, wie eng der Austausch mit den Berufsschulen sei – dies aber aufgrund der Größe NRWs im selben Maße nur schwer übertragbar sei. Sabrina Himbert aus dem Saarland finde hingegen die NRW-Zusatzqualifikationen bereichernd und sehe in deren Implementierung eine tolle Option für das Saarland.
Zum Abschluss der Fachtagung bat die Moderatorin die Podiumsteilnehmenden auf die Bühne. Unter ihnen herrschte Einigkeit darüber, wie wichtig Auslandsaufenthalte in der Berufsbildung seien und genauso selbstverständlich sein sollten wie im Rahmen eines Studiums. Sie stellten ein sehr starkes Attraktivitätsargument in der Berufsbildung dar. Sofern Betriebe und Schulen Erfahrungen mit Auslandsaufenthalten und Internationalisierung gemacht hätten, würden sie daran festhalten. Größeren Unternehmen fiele die Umsetzung dieser Mobilität jedoch leichter als kleineren Unternehmen, vor allem solchen mit geringem globalen Bezug. Ralf Becker wies darauf hin, dass die Mobilität außerdem ein wesentlicher Teil der Demokratiebildung, Teilhabe und Allgemeinbildung sowie ein wichtiges Zeichen in Richtung Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung sei.
Es wurde festgehalten, dass in Deutschland in Bezug auf die Internationalisierung in der beruflichen Bildung viel erreicht wurde. In Hinblick auf das Erreichen des europäischen Benchmarks von 12 % Mobilitätsbeteiligung bis 2030 sowie dem Erreichen von mehr Chancengleichheit zwischen den einzelnen Auszubildenden sei jedoch eine strukturelle Verankerung des Themas in den Einrichtungen notwendig.
Als größter Hebel hierfür würde die personelle Ausstattung von Schulen und Kammern gesehen. Ohne diese Ressourcen hinge die Internationalisierung vom starken Engagement einzelner Lehrkräfte oder Kammervertreter/-innen ab.