Hand in Hand mit den Partnerstädten - Internationalisierung der Erwachsenenbildung

Volkshochschulen und Internationalisierung – wie passt das zusammen? Diese Frage stellte sich auch Silke Pfaller, als sie im Herbst 2017 die Leitung der Volkshochschule Ravensburg e.V. (VHS Ravensburg) übernahm. Es war der Start für das Projekt TwinLearning, mit dem sie ihren Dozentinnen und Dozenten Mobilitätserfahrungen im europäischen Ausland ermöglicht. Realisiert wird dies in enger Zusammenarbeit mit Partnerstädten aus Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Es verdeutlicht zugleich den strategischen Nutzen von Erasmus+-Mobilitäten in der Erwachsenenbildung.

Von Manfred Kasper, Juli 2020

„Bevor ich Leiterin der Volkshochschule Ravensburg e.V. geworden bin, war ich viele Jahre lang für das Akademische Auslandsamt der Zeppelin Universität in Friedrichshafen verantwortlich“, erinnert sich Pfaller, die die dort gewonnenen Erfahrungen gerne in ihren neuen Job einbringen wollte. Dass auch Volkshochschulen am Erasmus+-Programm teilnehmen können, war ihr damals noch neu, obwohl sie die verschiedenen Programmgenerationen gut kannte.

Bei der Frage, welche europäischen Partner für das Projekt interessant sein könnten, stieß sie auf das aktive Netzwerk von internationalen Partnerschaften, über das die Stadt Ravensburg verfügt. „Die Idee der Erwachsenenbildung im Tandem mit einer Institution der Partnerstädte fand schnell Unterstützung, es war die Geburtsstunde des TwinLearning“, berichtet Pfaller. Das Konzept ist einfach: Gemeinsam mit der Einrichtung im Gastland stellen sie und ihr Team eine Aktionswoche auf die Beine, in der eine Gruppe aus Ravensburg vor Ort unterrichtet und andere Angebote offeriert. Erstmals realisiert wurde das Ganze im September 2019 im walisischen Rhondda Canon Taff. Hier – wie auch in Rivoli (Italien), Montelimar (Frankreich) und Mollet del Vallès (Spanien) hat Pfaller mit Partnern Kooperationsverträge geschlossen, die die Zusammenarbeit regeln.

Große Nachfrage nach „German Week“

Am Projekt teilnehmen können vor allem die in der Regel freien Dozentinnen und Dozenten der VHS. Sie boten in Wales eine „German Week“ mit Schnupperkursen in Deutsch, Polnisch und Mandarin sowie Angeboten rund um Gesundheit, Entspannung und interkulturelle Kommunikation an. Speziell für die lokale Art Society wurde zudem ein Hundertwasser-Kunstworkshop durchgeführt. Mit den insgesamt 36 Veranstaltungen konnten fast 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von 11 bis 94 Jahren erreicht werden – eine Nachfrage, mit der zuvor niemand gerechnet hatte.

Für Pfaller bot das Projekt zudem Gelegenheit, selbst Kurse zu besuchen, in denen ihre Dozentinnen und Dozenten unterrichteten. „Jetzt kann ich Lehrmethoden und Sprachkenntnisse, aber auch die Reaktion auf unerwartete Situationen sehr viel besser einschätzen“, bilanziert sie. Dies sei eine wichtige Hilfe, um die Entwicklung und den weiteren Bedarf der Kursleiter besser einschätzen zu können.

Hannah Hüttche war eine der Dozentinnen, die in Wales mit dabei waren. Die gebürtige Polin unterrichtet seit rund 25 Jahren Deutsch als Fremdsprache. 2006 kam sie nach Deutschland, wo sie sowohl Integrationskurse als auch Prüfungsvorbereitungen für Studentinnen und Studenten betreut. Bei der Teilnahme an TwinLearning ging es ihr vor allem um die eigene Sprachkompetenz und das Kennenlernen eines anderen Schulsystems. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen fand dabei gleich auf zwei Ebenen statt: zum einen mit den walisischen Lehrerinnen und Lehrern, zum anderen aber auch innerhalb der eigenen Gruppe.

„Die Woche war auch eine Art Teambuilding und eine große Motivation für alle, die dabei waren“, betont die 50-Jährige, und ergänzt: „Ich bin jetzt seit zehn Jahren an der VHS in Ravensburg und kenne auch andere Volkshochschulen. So etwas wie TwinLearning gab es bislang nicht. Während der Zeit in Wales sind wir als Gruppe zusammengewachsen und haben immer wieder auch bei den anderen hospitiert.“ Sie habe viele neue Trainingsmethoden entdeckt und selbst sowohl Kinder als auch Erwachsene unterrichtet. Als besonders beeindruckend empfand sie das Interesse und die Offenheit, mit denen die walisischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihre Kurse kamen. Das habe ihr Mut gemacht, neue Methoden auszuprobieren, zum Beispiel in der Gruppenarbeit oder im Sprachunterricht.

Ein innovativer Ansatz

Im Ergebnis war die „German Week“ ein voller Erfolg, den Silke Pfaller gerne in den anderen Partnerstädten wiederholen möchte. Eine „settimana tedesca“ in Rivoli und eine „semaine allemande“ in Montelimar“ waren bereits geplant, als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie ausbrach. So mussten die Termine verschoben und die Laufzeit des Projektes bis Juni 2021 verlängert werden. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, denn vom TwinLearning-Ansatz ist Pfaller nach wie vor überzeugt: „Das, was wir machen, bespielt eine neue Ebene in der Erwachsenenbildung. Die Idee, gemeinsam mit Partnerstädten entsprechende Angebote zu entwickeln, bezog sich in der Vergangenheit ausschließlich auf Kultur. Mit TwinLearning sind wir nun in den Bereich des Lernens vorgedrungen und können Erasmus+-Mobilitäten strategisch zum Dialog und Wissenstransfer nutzen“, unterstreicht Pfaller.

Ihr Wunsch ist es, die Idee perspektivisch auch auf andere Zielgruppen und Themenbereiche auszudehnen. Denkbar seien beispielsweise eine Bürgerreise nach Rivoli, die inhaltlich bereits vorbereitet war und eigentlich Ostern 2020 stattfinden sollte, sowie Schneider-, Sport- oder Tanzkurse. Immer steht dabei die Kombination aus Kultur und Lernen im Fokus. Geographisch jedenfalls sei man mit den aktuellen Partnerstädten dazu bestens aufgestellt.